Vierundvierzig Tage: Deutschland in der Hand der Terroristen

Als Sohn des damaligen Chefs des Verfassungsschutzes hat Stephan R. Meier die RAF-Zeit hautnah miterlebt. Nun hat er sein exklusives Insiderwissen zu einem hochspannenden Polit-Thriller verarbeitet

5. September 1977: Der Terror in Deutschland nimmt immer brutalere Ausmaße an. Auf offener Straße wird der Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer entführt, vier seiner Begleiter brutal ermordet. Roland Manthey, Chef des Verfassungsschutzes und mächtigster Staatsmann im Krisenfall, weiß auch ohne das Bekennerschreiben, wer dafür verantwortlich ist. Die RAF fordert die Freilassung ihrer inhaftierten Mitglieder im Austausch gegen die Geisel.

Eilig beruft Manthey einen Krisenstab ein, der die größte Bedrohung in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland abwenden muss. Schon kurz nach der Entführung Schleyers, bringen mit der RAF sympathisierende Palästinensische Terroristen die Lufthansa-Maschine „Landshut“ in ihre Gewalt.

Doch der Staat darf sich nicht erpressbar machen – so die feste Überzeugung des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt. In einer der spektakulärsten Befreiungsaktionen wird die Entführung der „Landshut“ durch den Einsatz der GSG-9 in Mogadischu beendet. Hanns Martin Schleyer wird von seinen Entführern ermordet. Die RAF-Häftlinge Baader, Ensslin und Raspe begehen in Stammheim – unter bis heute nicht völlig geklärten Umständen – Selbstmord.

Jene „44 Tage“ haben – wie ein Rezensent bemerkte – für die Bundesrepublik Deutschland und die Zeitzeugen eine ähnliche Wirkung und Stellenwert, wie „9/11“ für die US-Amerikaner.

Es ist ein Blick zurück in die „bleierne Zeit“ der Terroristenjagd. Sie wurde damals als die größte Herausforderung empfunden, der die Bundesrepublik in ihrer noch jungen Geschichte ausgesetzt war. Größte Herausforderung? Die haben wir mit der Corona-Epidemie ja schon wieder. Und es zeigen sich erstaunliche Parallelen – aber auch erstaunliche Gegensätze.

Der Kampf gegen die Terroristen, die Deutschland in den Grundfesten erschütterte mit Bomben und Morden und Entführungen war die Stunde der Staatsgewalt. Die hatte gerade entdeckt, dass der Computer erfunden worden war. „Schleierfahndung“ lautete das Schlagwort; Datenabgleich, Auswertung vager Hinweise, eine Art künstlicher Intelligenz die beispielsweise ermittelte, dass unter den Terroristen überdurchschnittliche viele Stipendiaten der „Studienstiftung des deutschen Volkes“ waren und daraufhin alle Stipendiaten herausfischte und durchleuchtete. Die 100 D-Mark Büchergeld, die man als Stipendiat erhielt, waren sauer verdient angesichts der immer neuen Polizeikontrollen. Die moderne Staatsgewalt versprach, die Terroristen zu finden – nur noch ein klein wenig Geduld …

Bettina Röhl „Die RAF hat Euch lieb“
Nachhaltige Erschütterung einer in Beton gegossenen RAF-Rezeption
Fakt ist: Das aufgerüstete Bundeskriminalamt unter seinem Präsidenten Horst Herold versagte. Es suchte und suchte und qualmte und dampfte und rechnete und rechnete mit jeder Menge Bits und Bytes und übersah den entscheidenden Hinweis auf die Wohnung, in der Schleyer gefangen gehalten wurde. Diesen Ort hatte ein einfacher Polizist durch Nachdenken und Nachschauen ermittelt und telefonisch weitergegeben. Aber die entscheidende Nachricht versandete im Durcheinander der Staatscomputerei.

Das erinnert an das Versagen in der Corona-Phase. Wahre Wunderdinge wurde von der Digital-Staatsministerin Dorothee Bär versprochen; gehalten wurde nichts, nur Geld verschwendet und wertvolle Zeit verdaddelt. So wie auch die hochgelobte Impfstoffbeschaffung auf EU-Ebene sich zu einem der letztlich teuersten Staatsversagen entwickelt hat. Sie reden viel und können wenig. Das ist die Parallele. Es ist nichts besser geworden. In einer geraden Linie wurden seither Bürgerrechte eingeschränkt, Freiheitsrecht beschnitten, Kontrollen ausgeweitet, die Rolle der Exekutive aufgebläht und das Parlament kastriert.

Bemerkenswert aber ist: Damals gab es wenigstens ein Bewusstsein für den Wert der Demokratie, den Rang des Grundgesetztes, die Bedeutung der Grundrechte und der bürgerlichen Freiheiten. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt hat mit dem Oppositionsführer Helmut Kohl darum gerungen, wohl aber auch mit sich selbst: Was war unumgänglich notwendig, wo waren Grenzen? Es wurden Debatten geführt, deren schmerzhafter Verlauf der vorliegenden Thriller nachzeichnet und das Ethos der damaligen Politik nachvollziehbar macht.

Man ist noch mehr entsetzt, wenn man die Kaltschnäuzigkeit rekapituliert, mit der in der Corona-Phase unsere Grund- und bürgerlichen Freiheitsrechte platt gemacht wurden. Wer dagegen protestiert wird sozial delegitimiert, angegriffen, verhöhnt, abgestempelt. Das Bewusstsein für den Wert der Demokratie und des Grundgesetzes auch in Zeiten tatsächlicher oder scheinbarer Herausforderungen ist bei den Regierenden verloren gegangen. Damals war Helmut Schmidt Kanzler, entschieden und skrupulös zugleich.

Die damalige Zeit wurde bleiern genannt. Sie war lebendig, offen, diskursiv, von Achtung und Verantwortung getragen. Heute IST die Zeit bleiern. Das Buch ist ein hochspannender Thriller. Seine wahren Qualitäten zeigt er im Rückblick auf eine schwierige Zeit und ihre Akteure und durch eine überwölbende Gedankenführung, die das heutige Handeln ungewollt bewertet und die Handelnden für zu leicht befindet.

Stephan R. Meier, 44 Tage. Und Deutschland wird nie mehr sein, wie es war. Thriller. Penguin, 464 Seiten, 16,00 €.


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Kommentare ( 21 )

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21 Comments
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christin
4 Monate her

„Das Bewusstsein für den Wert der Demokratie und des Grundgesetzes auch in Zeiten tatsächlicher oder scheinbarer Herausforderungen ist bei den Regierenden verloren gegangen.“

Nicht nur bei den Regierenden, auch bei einem Großteil der Bevölkerung und auch derzeit ist der Slogan „Bleierne Zeit“ angebracht.

Deutscher
4 Monate her

Bemerkenswert finde ich, zu welch konsequentem Handeln die Politiker imstande sind, wenn es ihren Kreisen selbst an den Kragen geht.

Die Opfer vom Breitscheidplatz und andere, naja, kommt halt mal vor, aber wir sind natürlich fassunsglos und mit unseren Gedanken bei den Hinterbliebenen.

Last edited 4 Monate her by Deutscher
Manfred_Hbg
4 Monate her

Zitat: „Der Kampf gegen die Terroristen, die Deutschland in den Grundfesten erschütterte mit Bomben und Morden und Entführungen war die Stunde der Staatsgewalt.“ > Damals in den 1970ern wurden dank der linken Terroristen neue Gesetze erfunden oder verschärft die dann anschließend vor allem bei den Bürgern des Landes Anwendung gefunden haben. UND heute nach den 2015ern, wurden dann dank der linksgrünen Schadenskanzlerin und Altparteien auch wieder Gesetze und Überwachungsmaßnahmen neu geschaffen und verschärft welche dann anschließend auch wieder vor allem bei den Bürgern angewand werden und er auch diese wieder übersich ergehen und erdulden muß. Der „kleine“ Unterschied zu den… Mehr

Talleyrand
4 Monate her

Warum müssen wir denn in die Vergangenheit schauen, wenn wir etwas über Terrorismus lernen wollen? Den haben wir heute in viel wirksamerer aber ungleich subtileren Art breitenwirksam am Halse. Staatsterroristische Coronanötigung bis Erpressung, oder auch Beihilfe zum Totschlag würde ich das nennen, was da aus der Berliner Pandorabüchse entspringt, denn die Zahl derer, die nicht umgebracht werden müssen, sondern das selbst tun, weil sie dem Druck nicht gewachsen sind, steigt seither über die Maßen an und keinen störts. Die Zahlen belegen das. Kein Vergleich zu den wenigen Opfern des direkten Linksterrors der RAF Zeit. Dazu gibts auch ein wenig Zuckerbrot… Mehr

Volksschauspieler
4 Monate her

Die Saat der RAF und ihrer linken Sympathisanten ist aufgegangen.
Viele Funktionäre der politischen Parteien, rekrutiert aus den seit Jahrzehnten ideologisierten Universitäten, befassen sich selbst in der Regierungspolitik mit linken und grünen Allmachtsfantasien, wir ihre Vorbilder.
Die Bürger sind nur noch Versuchsobjekte ihrer krankhaft neurotischen Grundeinstellungen.

Aletheia
4 Monate her

Wie sang einst Bob Dylan: „the times they are changing“ und so würde man sich bestimmt nicht wundern, wenn demnächst die CDU Baden-Württembergs einer Umbenennung der Hans-Martin Schleyer-Halle in Stuttgart in Andreas-Baader- oder Ulrike-Meinhof-Halle zustimmen würden……..

HavemannmitMerkelBesuch
4 Monate her

Genau die Parallelen sind es, die zu viele im Land annehmen lassen, „Staatsversagen“ wie aktuell wäre „normal“, gab es angeblich „schon immer“ und wäre deshalb auch zu „entschuldigen“. Dann gehen sie her und legen ein Wahlverhalten an den tag, das so schrecklich gedankenverloren, gutmenschelnd und fahrlässig „so vieles verzeiht“. Die Gegensätze zu damals – erkennbare Grundmuster des „Demokratiesystemüberwindungswillens“ mit all seinen zugrundeliegenden, resultierenden und sich bedingenden maximalen indivieduellen Freiheiten – damals der Terror – heute das Regierende – belegen die Entwicklung deutlich. Der Ungeist, der die RAF als Spitze geostrategischen kalten Krieges aus dem Osten in den Westen gefördert, unterstützt,… Mehr

Lucius de Geer
4 Monate her

Hervorragend wie alles, was Herr Tichy in letzter Zeit zu Papier bringt. Mir scheint die Zuspitzung der Lage hat auch ihn dazu gebracht, maximal pointiert zu formulieren. Was die ominöse „Studienstiftung des deutschen Volkes“ angeht, bin ich im nachhinein froh, mich beim Aufnahmetest nach dem Abitur durch Renitenz so unbeliebt gemacht zu haben, dass es mit dem Stipendium nichts wurde. VWL ließ sich aber auch so wunderbar studieren in der Zeit, bevor das Kreditpunktesystem eingeführt wurde, aus heutiger Sicht ein Privileg. An die Zeit des roten Terrors, dessen Sympathisanten man auch in der Lehrerschaft ahnte, kann ich mich gut erinnern.… Mehr

Manfred_Hbg
4 Monate her
Antworten an  Lucius de Geer

Zitat: „An die Zeit des roten Terrors (……..) kann ich mich gut erinnern. (….)ves war eine harte, grausame Zeit, aber es musste so sein“ > Jo, als schon etwas älteres Kind kann ich mich auch noch an diese Zeit und an den großen Schlagzeilen der damaligen (tatsächlichen)Presse erinnern. Wobei mir hier besonders eine Nacht in Erinnerung geblieben ist, als ich mit meinen jüngeren Geschwister im Auto hinten auf der Rückbank saß und in Flughafennähe meine das Auto fahrende Mutter durch eine eingerichtete Polizeikontrolle zum stoppen aufgefordert wurde UND dann halbwegs ausgerastet ist. Der Grund für ihre Aufregung war damals, dass… Mehr

Wolfbert
4 Monate her

Die ganzen 700 Parlamentarier können weg (meistens sind ohnehin nur ein paar Dutzend anwesend). Eigentlich bräuchte man nur den fünf, sechs Generalsekretären die Anzahl Stimmkärtchen in die Hand drücken. Spart man sich einen Haufen Geld und obendrein die Auszählerei.

Und komm mir keiner mit den ganzen Ausschüssen, wo angeblich die ganze Arbeit gemacht wird – was da an Arbeitsergebnissen herauskommt, sind für den Bürger überwiegend Ärgernisse. Der ganze Politikbetrieb ist zum Selbstbedienungsladen für Parteigänger pervertiert.

Manfred_Hbg
4 Monate her
Antworten an  Wolfbert

Zitat: „Die ganzen 700 Parlamentarier können weg (meistens sind ohnehin nur ein paar Dutzend anwesend).“

> Jo, und die dann doch mal -zumindest physisch-anwesenden Parlamentarierer gehen dann jedoch lieber der Unsitte nach sich intensiv’s mit ihren Handys zu beschäftigen anstatt mit den polit. Themen. Was dann soweit geht, dass selbst wenn sie dann auch mal selber(indirekt) angesprochen werden, selbst auch dann noch mit ihren Handys „rumspielen“.
#handyverbotimparlament

Ingolf Paercher
4 Monate her

Ja, ein winselnder Kastratenhaufen, wenn YT&Co nicht das meiste davon weggelöscht hätten … aber es gibt noch alte MAZ- Archive.