Es gibt ja Bücher, die verändern. Das ist so eines: Von der Schönheit der deutschen Sprache. Wir sprechen wieder deutsch.
Unsere Sprache gerät unter Druck. Weil deutsch ja bekanntlich nazi ist. Weil englische Brocken dich so weltläufig machen, auch wenn du geistig noch nie Gießen verlassen hast, die Stadt an der Spitze der Dümmelskala der rotgrünen Kleingeister.
Und dann diese Schlamperei. Halbverstandene Anglizismen bleiben unscharf und überspielen damit die Denkfaulheit, die man für den treffgenauen Begriff überwinden muss. Und dann ist da die offenkundige Verrohung durch Kanak-Deutsch, womit gleich mehrere Fettnäpfchen zum Hineintreten einladen: Wir sind neuerdings umstellt von Un-Wörtern, die jeden, der sie verwendet in das Sibirien der gesellschaftlichen Isolation verbannen. Dabei ist Kanak-Deutsch der Beweis dafür, wie treffgenau die deutsche Sprache durch ihre Kombinationsfähigkeit ist – und wie lautmalerisch sie das guturale Halbdeutsch unserer Goldstücke ins Sprachbild setzt.
Das ist neu. „Wortkunstwerke“ nennt der Autor das. Und verführt dazu, sich auf die Suche zu begeben. „Bei einer bewußten Wahl der Wörter geht es um das treffende Wort, mit dem wir einen Gedanken, ein Gefühl, einen Sachverhalt, eine Vorstellung in einem Begriff bündeln und genau benennen, sodass der andere uns versteht.“ Und so begibt man sich auf die Suche, ob es Empfindsamkeit trifft oder Einfühlsamkeit, Zartgefühl oder Feingefühl. Ja, was denn nun?
Sprache kann und muss auch grob sein, Hauptsache, sie erfasst den Gegenstand und erhellt damit wie ein Blitzlicht eine ganze Landschaft. Und ist man erst eingetreten, rätselt man sich durch diesen wundersamen Sprachgarten, in dem nebeneinander Abendhauch, Abendschimmer und Abendglanz blühen. Wird man jetzt gemustert, angestarrt, angeglotzt – oder doch „angeäugelt“, ein Wort aus dem Grimm’schen Wörterbuch, das es verdient, wieder in Umlauf gebracht zu werden.
Man kann auch Liebesgedichte schreiben in dieser Sprache, und welch wundersame.
Denn sie lädt zu feinsten Nuancen ein; sie ist klangvoll, klar und anschaulich, kann aber auch anmutig und elegant sein, ja sogar voller Witz.
Dieses Buch ist eine Schatztruhe an Sprachschönheiten, aufgespürt in Wörtern, Sätzen, Versen, Liedern, Reden, im Sprachwitz und in unseren Mundarten. Ein ästhetisches Lesevergnügen für alle Sprachliebhaber.
»Um die deutsche Sprache zu lieben, muß man ihre Schönheit entdecken – Roland Kaehlbrandt öffnet uns dafür Augen und Ohren,« sagt Martin Mosebach. Der muss es wissen.
Nun ist Kaehlbrandts Buch keine ganz leichte Sache. Er entschlüsselt die Sprache, reitet auf der Grammatik in die Semantik und die Sensorik des Verstehens. Auf Wortbildung und Sprachbau, den vielfach möglichen Sitz des Verbs stellt er ab. Aber das wonnigliche dabei ist: Immer wieder führt er wundersame literarische Stellen an; so wie die Alten sungen, aber auch herbe Texte des Rap.
Sprache ist nicht edel und gut, sie kann schimpfen, geifern, poltern, beleidigen, beschämen und fluchen. Es gibt die Sprache des abgespreizten kleinen Fingers beim Halten der Tee-Tasse und Luthers derbe Worte, die durch die Jahrhunderte hallen, wortgewaltig und gewaltig grob. „Ein jedes Wort hat seine Auftrittszeit“, nennt es Durs Grünbein. Es ist kein Paradiesgärtlein, auch der Stinkwurz wuchert da. „Sträucher fliedern ihren Duft in die Luft“, zitiert er die Lyrikerin Safiye Can. Denn immer führt Kaehlbrandt auch die schönsten, die aussagekräftigsten und beweisführenden Literaturstellen an, und verführt damit zum Lesen, zum Genießen und Nachblättern.
Und zum Ärgern und Verärgern. Zum Ärgern über die eigene Sprachfaulheit, die Begriffsschlamperei und Schreibhudelei. Auch bei anderen. „Diese Information wurde aus einem Vermerk geleakt“ – dieses Wort führt in der TE-Redaktion zu Wutausbrüchen.
Aber auch zur Versöhnung mit dem, was um uns passiert. Die wunderschönen Zeilen von Wolf Biermann, waren sie je passender?
„Du, laß dich nicht verhärten
In dieser harten Zeit
Die allzu hart sind, brechen
Die allzu spitz sind, stechen
Und brechen ab sogleich“
Roland Kaehlbrandt, Von der Schönheit der deutschen Sprache. Eine Wiederentdeckung. Piper Verlag, Taschenbuch, 320 Seiten, 14,00 €
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