Hardinghaus widmet sich Frauen am Ende des II. Weltkrieges

Mit seinem jüngsten Buch hat der Historiker Christian Hardinghaus erneut einen wertvollen Beitrag zur deutschen Zeitgeschichte geleistet.

So wünscht man sich Erinnerungskultur: ohne Verschweigen, mit authentischen Zeugen, mutig und ohne Rücksicht auf politisch korrekte Geschichtsklitterung. Hardinghaus ist dies erneut gelungen. Der Titel seines neuen Werkes lautet: „Die verratene Generation. Gespräche mit den letzten Zeitzeuginnen des Zweiten Weltkriegs.“

Das Buch wird so manchen stromlinienförmigen Historiker und Tabu-Wächter erbosen. Denn bereits im Klappentext wird deutlich, worum es Hardinghaus geht: um 12 bis 16 Millionen (genau weiß man es nicht) vertriebene Deutsche, davon zwei Millionen ermordete, mindestens zwei Millionen vergewaltigte Frauen und Mädchen, und 600.000 Todesopfer alliierter Flächenbombardements. Der Großteil der zivilen Opfer war weiblich.

Vertreibungsverbrechen und Bombenkrieg gegen Deutschland gelten immer noch als vermeintliche Tabus, an die sich die wenigsten Historiker in differenzierter Weise herantrauen. Aus Scheu davor, die größte Vertreibung der Menschheitsgeschichte oder die alliierten Flächenbombardements als Kriegsverbrechen diskutieren zu müssen, werden diese Themen oft fälschlicherweise als ewig-gestrig, ja gar als revisionistisch abgetan.

"Die verdammte Generation"
Historiker nähert sich den letzten Soldaten des Zweiten Weltkriegs
Millionen deutscher Frauen hatten nicht nur indirekt als Betroffene mit dem Krieg, sondern direkt mit dem Kriegsdienst zu tun. Sie leisteten zum Beispiel Schwerstarbeit in Rüstungsfabriken, 1,5 Millionen standen als Wehrmachtshelferin, Kriegshilfsdienstmaid oder Lazarettschwester mitten im Kriegsgeschehen. Frauen zitterten in Luftschutzkellern um ihr Leben, wurden ausgebombt und verletzt, trauerten um ihre gefallenen Ehemänner, Brüder, Väter, Söhne. Soweit diese Frauen überlebten und heute noch leben, leiden fast alle noch an unverarbeiteten Kriegstraumata. Aber die Gesellschaft interessiert sich kaum für ihre Erlebnisse.

Mehr – oder besser gesagt – weniger noch: Man verunglimpft etwa „Trümmerfrauen“ als Erfindung, ja gar als „Hitlers späte Helfer“. Medial und „akademisch“ wird von einem „Mythos“ und von einer „Legende“ um Trümmerfrauen schwadroniert. Die bayerischen Grünen etwa verhüllten Ende 2013 einen Gedenkstein, der in München für die Trümmerfrauen und an die Aufbaugeneration errichtet worden war. Auf dem schlichten Felsbrocken ist zu lesen:

„Den Trümmerfrauen und der Aufbaugeneration
Dank und Anerkennung
München nach 1945 – Im Wissen um die Verantwortung.“

Auf einer Abdeckplane, die unter anderem die heutige Vorsitzende der bayerischen Grünen, Katharina Schulze, über den Gedenkstein stülpte, stand: „Den Richtigen ein Denkmal. Nicht den Alt-Nazis“. Erbärmlich!

Dass der Autor Hardinghaus sich um solche Auswüchse verbohrten Denkens nicht kümmert, spricht für ihn. Er mag damit anecken, setzt aber die historischen Fakten dagegen, die andere umgehen, und liefert wahrheitsgetreue Bilder des Kriegsalltages. Ein starkes Argument ist seine Methode der „oral history“, im besten Sinn des Wortes: glaubhaft, differenziert, durchaus empathisch, aber immer sachlich und reflektiert. Er arbeitet damit einen blinden Fleck deutscher Erinnerungs(un)kultur auf.

Dreizehn Zeitzeuginnen einer „verratenen Generation“ kommen zu Wort. Hardinghaus hat sie ausfindig gemacht, unter anderem mit Hilfe von TE; er hat sie besucht, Stunden über Stunden, oft mehrere Tage lang mit ihnen gesprochen, ihre Erinnerungen aufgezeichnet, rund 50 Bilder aus Privatbesitz und aus Archiven eingefügt und alles anhand von verlässlichen Dokumenten abgeglichen. Elf der dreizehn Zeitzeuginnen leben zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Buches noch, zwei sind zwischen ihrer Begegnung mit Hardinghaus und dem Erscheinungsdatum verstorben.

Zum Kriegsende waren diese Frauen 17 bis 25 Jahre jung, sie gehören also den Geburtsjahrgängen 1920 bis 1928 an. Die älteste von ihnen ist zum Zeitpunkt der Gesprächsaufzeichnung 100 Jahre alt. Alle waren in hohem Maße auskunftsbereit, auch wenn sie über ihre äußerst traumatischen Erlebnisse, etwa eine Vergewaltigung, sprachen. Sie reflektierten selbstkritisch ihre anfängliche Faszination durch die bunte NS-Fassade, berichteten vom Leiden und Sterben um sie herum, von entstellten Leichen, vom Verlust nächster Angehöriger, von Bombennächten, vom Missbrauch durch alliierte Soldaten.

Neues Buch
Historiker widmet sich den Soldaten der Wehrmacht
Das große Verdienst Hardinghaus‘ ist über die Darstellung der Einzelschicksale hinaus die zeitgeschichtliche Einbettung und die durchaus markante Bewertung. Dies geschieht in zweifacher Perspektive der Zuordnung der Einzelschicksale: zum einen zu Vertreibungsverbrechen, zum zweiten zu den Bombennächten. Hardinghaus  bezieht Position gegen  die Stigmatisierung dieser Frauen als „Mittäterinnen“, gegen den auch von vermeintlich renommierten Historikern immer wieder bemühten Sinn des „moral bombing“, wie er in linksradikalen Kreisen heute noch auftaucht als Aufforderung: „Bomber Harris do it again!“ Hardinghaus verwahrt sich gegen die „Nazi“-Pauschaletiketten und „Nazi“-Anspielungen, wenn etwa von „Klima-Leugnern“ oder „Corona-Leugnern“ gesprochen und solchermaßen der Begriff „Holocaust-Leugner“ assoziiert werden soll.

Im Zentrum des Buches freilich stehen die Lebensläufe der dreizehn damals jungen, heute hochbetagten Frauen. Von Gisela (*1925) etwa, die die ersten Kämpfe des Krieges in Danzig erlebte, ihren geliebten Bruder verlor, während des Reichsarbeitsdienstes als Lazarettschwester schwerstverwundete Soldaten pflegte und dann mit dem Fahrrad vor der einrückenden Sowjetarmee flüchten musste. Ursula (*1929) geriet im Kugelhagel der Kesselschlacht von Halbe zwischen die Fronten und konnte trickreich mehrfach Vergewaltigungen entgehen. Dem Volkssturmmädchen Jutta (*1929) gelang das nicht. Die Allensteinerin Inge (*1932) erlebte den Treck über das eisige Haff, Wehrmachtshelferin Lore (*1923) den Feuersturm auf Hamburg und „Trümmerfrau“ Marianne (*1931) Tiefflieger über Dresden. Immer werden die Frauen auch in ihrer heutigen Lebenssituation gezeigt so wie die hundertjährige Margarete (*1923), die heute noch in Hannover neben jenem Bunker wohnt, in den sie im Krieg als Schwangere flüchtete. Kurz nachdem ihr Kind in den Kriegswirren geboren wurde, stürzte dessen Vater als Pilot der Luftwaffe mit dem Flieger ab, ohne seinen heute 75-jährigen Sohn je gesehen zu haben.

Hardinghaus setzt mit „Die verratene Generation“ über Frauen und Mädchen am Ende des Zweiten Weltkrieges seine wichtige Aufklärungsarbeit mit Hilfe der letzten Zeitzeugen dieser dunkelsten und schwierigsten Jahre jüngerer deutscher Geschichte fort. Wenige Monate zuvor war ihm ein erstes aufsehenerregendes Buch gelungen – damals über die letzten noch lebenden Wehrmachtssoldaten: „Die verdammte Generation – Gespräche mit den letzten Soldaten des Zweiten Weltkrieges“

Wir wünschen auch diesem Buch eine große Leserschaft. Und zwar nicht nur unter betagten Leuten, sondern besonders auch unter jenen jugendlichen Lesern, die sich für die Geschichte ihrer Großmütter (und – väter) interessieren ohne deren historische Verantwortung zu relativieren und die ahnen, was es diese Generation gekostet haben muss, ihre erschütternden Schicksale anzunehmen, zu meistern und zu einer freien, friedlichen Zukunft beizutragen, von der sie heute profitieren.

Christian Hardinghaus, Die verratene Generation. Der zweite Weltkrieg aus der Sicht der letzten Zeitzeuginnen. Europa Verlag, 336 Seiten, mit zahlreichen Fotos, 20,00 €.


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Kommentare ( 44 )

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humerd
24 Tage her

Mein Opa mütterlicherseits verübte an einem Fronturlaub Selbstmord. Meine Oma und ihre 2 Töchter bekamen dies schmerzlich zu spüren. In ihrer Verzweiflung heiratete sie noch einmal und gebar meinen Onkel. Liebe- und respektvollen Umgang lernte sie nie kennen. Diese Oma war eine verbitterte alte Frau, die wir Kinder nie gerne besuchten. Meine Oma väterlicherseits verlor ihren Mann an der Front und saüß mit 3 Kindern da. Sie verweigerte ihre Töchter dem Bund deutscher Mädchen und meinen Vater der HJ. Auch sie hatte Repressalien zu erdulden. Diese Oma erzählte ihren Enkeln viel und ehrlich. Davon, wie sie 2x ausgebombt wurde, wie… Mehr

fatherted
24 Tage her

Das erinnert mich an eine ARD Produktion vom WDeRlich in der die Behauptung aufgestellt wurde, dass die Deutschen Großstädte ja gar nicht so schlimm zerstört waren. Das läge nur an den Fotos und Blickwinkeln in den Filmen die man so sieht. Der Überwiegende Teil der Deutschen Städte seien intakt gewesen….und damit auch der Mythos von der Trümmerfrau obsolet. Dazu kommt noch das Meinungsbild der Herrschaften mit Mihigru das die Italiener, Griechen, Spanier ab Mitte der 50er Deutschland aufgebaut hätten (da die Deutschen Männer ja alle tot gewesen seien…“Zitat einer Arbeitskollegin). Besonders die Türkischen Gastarbeiter pardon Arbeitsmigranten haben hier unglaubliches „geleistet“.… Mehr

Boris G
24 Tage her

Löblich, dass der Autor das furchtbare Leiden der Frauen im II. Weltkrieg und den Monaten danach in unser Gedächtnis ruft. Vielleicht sollte man noch anmerken, dass dem Führer Adolf Hitler unter Frauen ein besonderes Maß an Verehrung entgegen schlug mit oft quasi religiösen Zügen.

Kurt E.
24 Tage her

Zitat von Voltaire: „Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat.“

Peter Gramm
25 Tage her

Ein kluger Psychologe hat mal erklärt…Täter sind zugleich auch Opfer. Die Deutschen wurden bisher nur als Tätervolk behandelt. Die Behandlung als Opfervolk fehlt noch.

AlNamrood
25 Tage her

Es gibt zu viele internationale Interessen die den Mythos vom Tätervolk am Leben halten möchten. Natürlich ist dann eine rational-wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema nicht gewünscht.

Peter Gramm
25 Tage her

jeder, der Ende des II WK oder kurz danach geboren wurde weiss dass vieles so nicht richtig dargestellt wurde wie es die bis heute gesteuerten Medien dem Leser und Zuhörer verkaufen mußten. Die Wahrheit bricht sich bahn. es ist immer nur eine Frage der Zeit. Jahrzehntelang hat man dieser Generation eingehämmert wie böse sie war und dass dies ja nie vergessen werden darf. Ob dies alles so stimmte und ob dieser ganze Vortrag so ganz genau der Wahrheit entsprach wurde ja nie hinterfragt. Von denen die dies taten wurde sofort die Vogelfreiheit erklärt. Man gehörte ja zu den Guten und… Mehr

imapact
26 Tage her

Es ist sehr verdienstvoll, daß Herr Hardinghaus hier, kurz vor „Toresschluß“ oral history betrieben und die Lebenserinnerungen der damaligen Zeitzeugen aufgeschrieben hat. Ich überblicke zwar nicht die einschlägige Diktatur, denke jedoch, daß im Rahmen der „Vergangenheitsbewältigung“ die Leiden des eigenen Volkes, die einfach in diese Zeit hineingeboren wurden, viel zu wenig aufgearbeitet wurden. Die Menschen damals waren auch weit davon entfernt, so etwas wie fachmännische Unterstützung zu bekommen; möglicherweise half ja gerade die Notwendigkeit, sich ums nackte Überleben zu kümmern dabei, nicht im Strudel der schlimmen Erinnerungen zu versinken. Jedenfalls ganz anders als viele der heutigen „Flüchtlinge“, die schick angezogen… Mehr

Peter Mueller
26 Tage her

Ja logisch war der größte Teil der zivilen Opfer weiblich. Die Männer wurden schließlich als Soldaten an der Front abgeschlachtet – zu über 90 Prozent übriugens an der Ostfront (Overmans). Ich bin weit davon entfernt, das Elend der weiblichen Bevölkerung kleinzureden. Dafür kenne ich meine Familiengeschichte (z.T. auch Flüchtlinge aus Ostpreußen) und die deutsche Geschichte zu gut. Aber Fakt ist, daß der männliche Teil der Bevölkerung nochmal signifikant schlechter dran war. Das ist allein schon aus den nüchternen Zahlen ersichtlich. Nach offiziellen Angaben 5,18 Mio. tote Soldaten und 1,17 Mio. tote Zivilisten – letztere in der Mehrzahl weiblich. Da sind… Mehr

Last edited 26 Tage her by Peter Mueller
Unterfranken-Pommer aus Bayern
26 Tage her

Ein letzter Kommentar hier auf TE von mir zu diesem Thema: in seinem großartigen und zu großen Teilen autobiographischen Ostpreußen-Roman „Jokehnen“ schreibt Arno Surminski im Vorwort Folgendes: „Noch immer wächst das Bedürfnis, den Menschen, die unbeachtet im Straßengraben starben, aus dem Zug geworfen oder in Massengräbern verscharrt wurden und die bis zuletzt nicht wußten, womit sie das verdient hatten, Stimme und Gedächtnis zu geben.“ Was sagen die (W)orte Danzig, Allenstein denn heute (jungen) Deutschen noch etwas? Selbst wenn man Vorfahren aus Pommern, Schlesien oder Ostpreußen hatte: wer weiß denn noch um die Flucht über das zugefrorne Haff, daß Trecks auf… Mehr

Peter Gramm
25 Tage her

man will es nicht wissen. In seinem Buch 1939, Der Krieg der viele Väter hatte wurde dies von Herrn Schultze-Rhonhof ausführlich thematisiert. Solche Experten finden im ö.r. Funk halt nie statt. Der zwangsfinanzierte und gesteuerte Funk darf dies halt nicht. Die Bevölkerung muß in Dummheit gehalten werden und muß dies noch selbst finanzieren.

Hoffnungslos
25 Tage her

Lieber Untenfranken- Pommer aus Bayern, bitte nicht aufgeben! Bleiben Sie gesund und machen Sie weiter. Das kann uns niemand verbieten! Alles Gute auch Ihnen!