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Situational ethics: Was schert mich mein Geschwätz von gestern?

China denkt und handelt pragmatisch auf allen Ebenen

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Kaum etwas wird einem Ausland klarer als die Erkenntnis, das Arbeitsweisen kulturell geprägt sind. Vor allem auch, wie das Ausland Deutschland wirklich sieht. Fast jeder Chinese, mit dem ich mich unterhalten habe, beschreibt Deutsche als fleissig, pünktlich, zuverlässig, pflichtbewusst, aber auch als immens unflexibel – was uns Deutschen hier in China gleichermassen Unverständnis und Bewunderung entgegenbringt. Niemand versteht wirklich, warum etwas perfekt sein muss oder warum wir uns unbedingt an einen Plan halten.




Nun ist das natürlich erst mal ein Vorurteil, wenn auch ein schmeichelhaftes. In Deutschland gibt es genauso viele unpünktliche, faule, verantwortungslose Armleuchter, wie überall sonst auf der Welt. Aber es ist auch sicher richtig, dass die deutschen Produkte, gerade wegen dieser Liebe zur Perfektion, weltweit einen immens guten Ruf geniessen. Von einer anderen Seite aus betrachtet, sind diese seit Preussen nahezu unveränderten deutschen Eigenschaften ein Anker, der die deutsche Wirtschaft, gerade im Vergleich zu China noch sehr tief herunterziehen kann.

China ist ein riesiges Land und es gibt unzählige, teils riesige Unterschiede zwischen Regionen, Gesellschaftsschichten und Generationen. In Einem ist das Land aber unendlich geschlossen: ganz China ist durchdrungen von einem schier unglaublichen Pragmatismus.

Wir Deutschen tun uns mit allem, was besonders flexibel oder pragmatisch ist, ein wenig schwer. Um es mal vorsichtig auszudrücken. Deutschland ist in erster Linie mal Ingenieursland. Die Vorstellung, mal schnell eben etwas anzupassen oder pragmatisch zu verbessern, stösst in den meisten Unternehmen in etwa auf so viel Gegenliebe wie der Vorschlag zu jedem Mittag ein paar kleinere Tiere in der Kantine zu opfern.

China denkt und handelt pragmatisch auf allen Ebenen

Der politische Pragmatismus ist sicher der augenscheinlichste: dass das grösste kommunistisch regierte Land der Welt den Turbokapitalismus westlicher Länder noch langsam aussehen lässt, verwundert hier niemanden. Wichtigste Prämisse: was China nützt ist eine Option, selbst wenn sie scheinbar gegen politische Gesinnung verstösst. Die Tatsache, dass Xi Jinpings Antrittsbesuch in Korea dem eigentlich verfeindetem Süden und nicht dem kommunistischen Bruderstaat im Norden galt, ist ein schönes Beispiel. Nur weil man auf dem Papier verfeindet ist, heisst das ja noch lange nicht, dass man nicht gemeinsam profitieren kann. Man stelle sich das mal in Deutschland vor – was könnten wir alles erreichen, wenn linke Parteien keinerlei Fundis sondern nur noch Realos hätten.

Unter Chinas wirtschaftlichem Pragmatismus leiden westliche Firmen sicher am meisten: ohne chinesischen Partner läuft oft gar nichts, und dieser Partner hat meist eine ganz eigene Ansicht von Partnerschaft: das bestmögliche Ergebnis für die chinesische Seite herauszuholen, koste es was es wolle. Selbst ein Vertrag ist im Grunde erst einmal nur eine Zusammenfassung von Vereinbarungen, die zum Zeitpunkt der Unterschrift gültig waren – das kann zwei Jahre später schon ganz anders aussehen. Nur die eigenen Interessen zählen und werden durchgesetzt – und die Kompromissbereitschaft der anderen Seite immer wieder ausgelotet. Ich durfte Zeuge einer dieser Situationen am Rande der Shanghaier Autoshow sein: die westliche Seite eines Joint Ventures wollte eigentlich nur ihre globalen Markenrichtlinien bei der Präsentation ihrer Fahrzeuge gewährleisten. Die Antwort des chinesischen Partners: das können wir gerne so machen, dann geben wir euch aber nicht ein einziges Auto, dass ihr zeigen könnt. Im Grunde ein Affront, der aber immense verhandlungstaktische Vorteile für die chinesische Seite hatte. Man nennt das hier “situational ethics” – auch die Moral unterliegt dem Moment. Nun finde ich persönlich es weder erstrebens-, noch kopierenswert, Anstand und Absprachen in jedem Gespräch nach dem eigenen Vorteil neu zu justieren; lernen könnten wir in Deutschland dennoch sehr viel – und sei es nur die Tatsache, dass wir mit Prinzipientreue oft sehr einsam sind und diese einfach nicht von jedem Partner erwarten können. Diese Erkenntnis allein hätte den Verhandlungen mit Griechenland schon viel geholfen.

Deutschlands Wirtschaft verdankt seine Stärke zu einem grossen Teil der Qualität seiner Produkte, die der Detail und Standardliebe seiner Firmen geschuldet sind. Das heisst noch lange nicht, dass man nicht hin und wieder mal die Scheuklappen absetzen sollte. Das mindeste, was man dabei erkennt, ist, wo man eigentlich steht im Vergleich.

Ich denke, Adenauer hätte das sehr gut verstanden.




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