Wie türkische Gastarbeiter die Schlacht im Teutoburger Wald gewannen

Laut Hendrik Wüst verdankt Deutschland den Zuwanderern vom Bosporus nicht nur das Wirtschaftswunder, sondern mehr oder weniger auch sonst alles. Im Internet machen sich Meme-Bastler hoch kreativ über den Märchenerzähler lustig. TE zeigt die schönsten Exemplare.

picture alliance/dpa | Rolf Vennenbernd

Seine großen Erfindungen verdankt Deutschland heute nicht mehr Wissenschaft und Forschungen – sie entstehen vielmehr in der Politik. Die wichtigste Entdeckung der vergangenen Jahre lautet: Türkische Gastarbeiter brachten das deutsche Wirtschaftswunder zustand. Und eigentlich auch fast sonst alles, was Deutschland heute ausmacht. Die Fakten sagen natürlich etwas anderes: Als mit dem Anwerbeabkommen ab 1961 die ersten Gastarbeiter aus der Türkei eintrafen, neigte sich die Wirtschaftswunderzeit schon wieder dem Ende zu, also die Ära des überraschend schnellen ökonomischen Wiederaufstiegs. Der kam fast ohne ausländische Arbeitskräfte aus. Spätestens seit Außenminister Johann Wadepuhl diese Tatsache in einem Interview mit „Hürriyet“ souverän zur Seite schob und die alternative Wirklichkeit verkündete, türkische Gastarbeiter hätten einen unverzichtbaren Beitrag zum Wirtschaftswunder geleistet, genießt diese kontrafaktische Geschichtsschreibung offiziellen Regierungssegen.

Der Anti-Ostdeutsche:
Hendrik Wüst holt sich Wahlkampfhilfe in der Türkei
Tatsachen hin, Tatsachen her: Die Parteien konkurrieren hart um die Stimmen der guten Million wahlberechtigter deutscher Bürger mit türkischen Wurzeln. In Berlin wählten 51 Prozent der Muslime Linkspartei. Um bei der Aufteilung dieses Stimmenpotentials nicht völlig hintenan zu stehen, übertraf nun NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst die bisherigen Gastarbeiter-Erzählungen. Zum 65. Jahrestag des Anwerbeabkommens reiste er nach Ankara, um dort zu verkünden: „Eine Million Menschen mit türkischen Wurzeln leben bei uns. Vor 65 Jahren gab es das Anwerbeabkommen. Es ist untrennbar verbunden mit dem Wiederaufbau Deutschlands.“

Dabei beließ er es nicht: Er hob außerdem die besonderen Verdienste der in Westberlin lebenden Türken beim Mauerfall am 9. November 1989 hervor, an die sich bis jetzt niemand erinnern konnte: „Sie haben den Leuten Tee und Essen angeboten. Sie haben ihre Wohnzimmer geöffnet, damit sich Menschen aus Ostdeutschland darin aufwärmen konnten.“ Damit erklären Wadephul, Wüst und andere CDU-Politiker im Wettbewerb mit den Linken die Eingewanderten nach und nach zu den eigentlichen Helden und Machern im Land, autochthone Deutsche dagegen zu einer zweitrangigen Gruppe – und insbesondere Ostdeutsche zu einer Fußnote. Qualitätsmedien ziehen selbstverständlich mit, hier etwa Sat1:

Womit Politiker wie Medienschaffende allerdings nicht gerechnet haben dürften: Die Verwurstung von Türken und Mauerfall war möglicherweise der berühmte Tropfen zu viel. Jedenfalls schwappte eine Flut von Memes durch das Internet, die sich ausdrücklich nicht über türkische Gastarbeiter und deren Nachkommen lustig machen – sondern über die plumpe Schmeichelei deutscher Märchenerzähler.

Die Meme-Produzenten beweisen dabei vor allem eine Qualität, die Politikern mehr und mehr abgeht: eine bemerkenswerte Geschichtskenntnis. Und zwar weit über Deutschland hinaus. Willkommen also zur großen Meme-Schau. Die beginnt, wie konnte es anders sein, mit der Gründung des Deutschen Reichs 1871:

Ohne allerdings die Vorgeschichte außer Acht zu lassen:

— CyberSprotte (@CyberSprotte) September 30, 2026

Und die Vor-Vorgeschichte:

Genauso wenig wie die Antike.

Und das Weltall:

Natürlich auf dem Mond:

Aber zurück nach Deutschland. Erst einmal zum Neustart nach 1945:

Und dann zur Industriegeschichte:

Und dann der Beitrag zur deutschen Sprache und Märchenerzählung natürlich:

Die welthistorische Bedeutung türkischer Gastarbeiter findet selbstverständlich auch ihre breite Würdigung:

 

 

 

 

Überhaupt: Ohne türkische Gastarbeiter wäre Mitteleuropa längst muslimisch:

Um es mit Christan Wulff zu sagen: Nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt verdankt ihre Geschichte mehr oder weniger den türkischen Gastarbeitern, so dass man konsequenterweise sagen muss: Die Erde gehört zur Türkei. Am Ende stellt sich womöglich sogar noch heraus: Auch all die Internet-Memes über die politischen Alternativhistoriker Deutschlands stammen in Wirklichkeit von – naja, Sie ahnen es schon.

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