Der „Prozess gegen Deutschland“ und seine Empörungswelle

Ausverkauft und live gestreamt: Milo Rau inszeniert im Hamburger Thalia Theater einen Probeprozess zum AfD-Verbot, nennt es Debattenöffnung und lädt sogar AfD-Leute ein. Prompt schreit die steuerfinanzierte Empörungsindustrie „brandgefährlich“ und will canceln. Kulturkampf mit Subvention. Links ist nie links genug.

Screenprint via Youtube/Thalia

Ausverkauft ist am Freitagabend die Theateraufführung „Prozess gegen Deutschland“ von Milo Rau. Dafür wird sie live übertragen. Eine Premiere, welche aus dem Raster springt: drei Tage, ein Prozess, fünf Vorstellungen oder besser gesagt Verhandlungen mit realen Experten. Die Geschworenen werden dann am Sonntag das Urteil verkünden. Der Regisseur Milo Rau ist bekannt für diese Form des politischen Theaters und wagt es wieder – aber diesmal geht es den linken Moralaposteln aus diesem Land zu weit. Dabei ist der steuerfinanzierte Regisseur Rau ein vorbildlicher linker Künstler und Aktivist. Was haben die nur?

Man lese nur das Programm: Ein Probe-Prozess für ein AfD Verbot mit echter Richterin, Anklägerin, Verteidiger und – zum Schockieren aller Gutmenschen – AfD-Mitglieder. Weiter heißt es auf der Website des vom Steuergeld finanzierten Theater, dass auch der „Missbrauch des Rechts durch die Welt des Techno-Faschismus, die MAGA-Propagandawalze des Silicon Valley und das mediale Ökosystem rechtsextremer Gehirnwäsche“ im Mittelpunkt stehe. „Techno-Faschismus“, „MAGA-Propagandawalze“ und „mediales Ökosystem rechtsextremer Gehirnwäsche“ was braucht eine Oma gegen Rechts mehr, um hooked zu sein für ein ganzes Wochenende im Theater? Doch es ist schwer, den Gutmenschen und Demokratiefreunden alles recht zu machen – das merkt jetzt auch Rau.

Dabei positioniert sich Rau gegenüber SWR selbst, sicher ist sicher, als Befürworter des AfD-Verbots. Doch das ist immer noch nicht genug für manche – denn dass Rau „ultrarechten und radikalisierten Konservativen“ eine Bühne geben möchte, passt besonders dem Philosophen Rainer Mühlhoff nicht. Dieser war als Sprecher eingeladen, aber erklärte über die Sozialen Medien seine Absage. Nachdem er die Liste der Teilnehmer fünf Tage vor Aufführung erhalten habe, wurde ihm klar, dass er mit diesen Teilnehmern nicht auf einer Bühne stehen möchte. Nachvollziehbar – ist es doch ein linkes Muster streng nur mit jenen zu reden, die zu 110% ihrer Meinung sind. So geht vielfältige Debattenkultur. Es lebe „unsere Demokratie“.

Aber natürlich kommt vonseiten der staatsfinanzierten Amadeu Antonio Stiftung (AAS) der empörte und lauteste Aufschrei: „Bei dem Theaterstück “Prozess gegen Deutschland” wird menschenfeindlichen & demokratiefeindlichen Stimmen wie Robert Farle, Joana Cotar oder Feroz Khan eine Bühne gegeben. Das ist keine Kunst, sondern brandgefährlich & zeigt, wie kaputt der Debattenraum ist.“ Und weiter schimpfen sie, dass diese keine „gleichwertige Positionen“ vertreten würden – also bitte einmal canceln. So sieht der Debattenraum für AAS seit über einem Jahrzehnt aus: in Stasi-Manier unliebsame Meinungen aus dem Diskurs drängen. Dafür wird eine konservativ-liberale Stimme, wie die von Ex-AfD-Abgeordneter Joana Cotar schnell mal als „demokratiefeindlich“ und „menschenfeindlich“ diffamiert – und diese Stiftung ist mit Steuergeldmillionen bis zum Rachen vollgestopft.

Es lohnt sich also allein schon aus Neugier nicht auf die linken Kunstbanausen der AAS zu hören und einen Blick in den Livestream des Eröffnungsplädoyers zu werfen. Interessiert über den linken Selbstversuch mit Konservativen in den Dialog zu treten, erwartet man einen Wandel der Kunst- und Kulturlandschaft. Die Bühne mit der Kulisse eines Gerichtssaales macht erstmal einen professionellen Eindruck. Aber dann, auf dem Bildschirm der aktuelle Newsblog des Hamburger Abendblatts: „„Nius“ von Julian Reichelt pöbelt auf X“.

Und schnell stellt sich auch heraus weshalb diese Nachricht dort zu stehen scheint. Nachdem die Vorsitzende Richterin Herta Däubler-Gmelin (SPD) den Prozess eröffnet, betritt Regisseur Milo Rau die Bühne. Vor einem diversen Publikum mit einer Paillette an rosaroten Köpfen hält er seine Begrüßungsrede. Er betont sein Ansinnen den Debattenraum zu öffnen und dabei drei Fragen auf den Grund zu gehen: Ob die AfD verboten werden kann, ob es ein Social-Media-Verbot für alle unter 16 Jahren geben sollte und welche Ausmaße die Sprache der Gewalt hat.

Viel interessanter sind seine Statements zu Anfragen von Nius, die er erhalten hat. Eine dieser Fragen lautete, ob er es als problematisch sehe, als staatlich finanzierter Künstler einen Schauprozess gegen die Opposition zu führen. Lapidar antwortet Rau, dass es sich um einen Prozess mit offenem Ausgang handle, ohne Skript und die AfD doch auch staatlich finanziert sei – sowie auch Nius von einem Großunternehmer Gotthardt finanziert wird. Ihr Steuergeld ist also gut investiert. Bis dahin ist noch kein Wandel in der linken Kulturlandschaft zu sehen.

Auch die ersten Reden holen einen nicht aus dieser Kulturlandschaft ab. Erst die „demokratiefeindliche“ und „menschenverachtende“ Joana Cotar, scheint die Demokratie und Freiheit so wirklich in Worte fassen zu können: „Freiheit scheitert an Gewissheit.“ Die Gewissheit, welche Menschen „moralisch unangreifbar“ macht und zu „religiösem Eifer“ werden kann – das perfekte Beispiel ist hierfür, wie wir gesehen haben die Amadeu Antonio Stiftung, welche offenbar die komplette Gesinnungskontrolle wolle. Aber genau dadurch entsteht Entfremdung, statt Verbindung, betont Cotar.

Eine wirkliche Verbindung oder gar Annäherung gibt es an diesem Abend wenig, nur viel Geschichte zwischen Goebbels und dem Kapp-Putsch in der Weimarer Republik. Die beiden (ansonsten AfD-Kritiker) AfD-Verteidiger Liane Bednarz und Frédéric Schwilden kauen sich hoffentlich auch erst noch warm – beide unterstrichen bereits im Vorhinein, den Rechtsstaat zu verteidigen und nicht die AfD. Wie genau soll der Spagat da jetzt gelingen?

Doch mit dem Abschluss ging es aufwärts: Kolumnist Harald Martenstein (Bild) verleitet das Publikum zu Buhrufen und Schnappatmung – da kennt die linke Blase nun mal keine juristischen Regeln. Marteinsteins Humor und Schlauheit lassen die vorangegangenen Geschichtsvorlesungen ausgelutscht und verstaubt zurück. Der groteske Vergleich von Alice Weidel und Heinrich Himmler oder aber Franz-Josef Strauß und Willy Brandt zusammen im Kabinett – und noch viele weitere Gleichnisse sind in seine Rede schön verpackt. Pointiert kommt er zum Schluss: „Sie wissen, dass sie nicht das vierte Reich verhindern, sondern lediglich ihre politische Konkurrenz ausschalten wollen.“ Anstatt gegen die AfD anzukämpfen, empfiehlt er einfach mal Probleme der Sicherheit, Schulen und Wirtschaft anzugehen.

Immerhin endete der Abend mit einer Abschlussrede, die es in sich hat. Auch wenn das Publikum dafür noch nicht bereit war, genoß Martenstein dennoch die volle Akzeptanz der Richterin. Im Großen und Ganzen wirkte die erwartete Erweiterung der linken Kunst- und Kulturlandschaft doch noch sehr eingeschlafen. Weitere Gäste, wie Nius-Reporterin und Vize-CR-Pauline Voss oder die frühere AfD-Sprecherin Frauke Petry, dürfen in den kommenden Tagen ebenfalls ihr Glück versuchen. Ob sie den Debattenraum erweitern können, ohne umgehend unter dem Vorwurf der „Demokratiefeindlichkeit“ oder „Menschenverachtung“ wieder ausgeschlossen zu werden, bleibt abzuwarten. Aber wer erwartet schon eine ausgewogene Vorstellung – mit dem bisschen Steuergeld.

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