Als Bürgerschreck galt Joseph Beuys zu seinen Lebzeiten. Tatsächlich war er ein überzeugter Staatsgegner und ein radikaler Demokrat – und ein durchaus frommer Christ. Der heutige grün-linke Zeitgeist würde ihn anwidern.
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Wulst, pflegte er zu sagen, ist das Gegenteil von Kunst. Kunst kommt von Können. Wulst kommt von Wollen. Wer kann, macht Kunst. Wer nur will, macht – nun ja, eben nur Wulst.
Handwerk war für Joseph Beuys unverzichtbar. Er selbst war handwerkliche Spitzenklasse, das wird bis heute oft übersehen. Viele Betrachter moderner Werke schütteln verständnislos den Kopf, häufig ist dazu der Satz zu hören: „Das kann ja jeder.“ Nur allzu oft stimmt das auch, leider. Nur allzu oft fehlt nicht nur künstlerisches Talent, sondern schon die reine handwerkliche Fertigkeit.
Beuys hatte beides: Talent und Können.
Begabter Künstler, begeisterter Soldat
Sein Vater war Düngemittelhändler, seine Mutter Hausfrau. Die Eltern verpassten dem Einzelkind eine humanistische Bildung, schickten ihn erst auf eine katholische Volksschule, danach aufs Gymnasium und sorgten dafür, dass er Klavier- sowie Cellospielen lernte. Überliefert sind ein frühes zeichnerisches Talent und ein ausgeprägtes Kunstinteresse des Jungen.
Gerade, als er sich entschlossen hatte, Bildhauer zu werden, kamen die Nazis und der Krieg. Freiwillig, wie so viele seiner Generation, verpflichtete sich Beuys für zwölf Jahre bei der Luftwaffe. Im Jahr 1944 stürzte er über der Krim ab und überlebte nur knapp. Er erlitt zahlreiche Knochenbrüche. Unter anderem brach das Nasenbein, das er sich nie richten ließ.
Später erzählte Beuys immer wieder, wie er von Krim-Tataren gefunden und acht Tage lang aufopfernd mit Hausmitteln gepflegt worden sei – vor allem mit Filz zum Warmhalten und mit tierischem Fett zur Behandlung seiner Wunden. Mit dieser Geschichte wollte Beuys seine spätere künstlerische Vorliebe für die Materialien Fett und Filz erklären.
Doch es war nur eine Legende (wenn auch, zugegeben, eine hübsche). In Wahrheit fand ihn ein deutsches Suchkommando bei den Trümmern der Ju 87 und brachte ihn in ein mobiles Militärlazarett. Dann geriet er in britische Gefangenschaft. Nach Kriegsende, körperlich schwer angeschlagen, begann er ein Kunststudium in Düsseldorf.
Freier Geist, strenger Lehrer
Als Meisterschüler machte er sich schnell einen Namen. Unter dem Eindruck seiner eigenen Kriegserlebnisse nahm Beuys 1959 den öffentlichen Auftrag für das monumentale Eichenkreuz sowie für das Tor am „Büdericher Mahnmal für die Toten der Weltkriege“ im Alten Kirchturm in Meerbusch-Büderich an.
Zeitlebens war Beuys ein gläubiger Christ. Seine Frau Eva-Maria Wurmbach heiratete er 1959 in der Doppelkirche Schwarzrheindorf. Parallel begann er, mit den – künstlerisch damals komplett exotischen – Materialien Fett und Filz zu experimentieren.
Die Staatliche Kunstakademie Düsseldorf berief ihn 1961 auf den Lehrstuhl für monumentale Bildhauerei. Von Anfang an rebellierte Beuys gegen die gängigen künstlerischen Grenzen seines Lehrbereichs: Er propagierte einen „erweiterten Kunstbegriff“ für alle Menschen. Das führte zu wachsenden Konflikten mit der staatlichen Wissenschaftsverwaltung.
Quasi täglich war Beuys an der Akademie präsent, auch an den Wochenenden und in den Semesterferien. Das war für eine Lehrkraft für damalige Verhältnisse revolutionär – genau wie seine Auffassung, dass es jedermann erlaubt sein müsse, Kunst zu studieren. Zulassungsverfahren, etwa den Numerus Clausus oder Bewerbungsmappen, lehnte er kategorisch ab.
Als Anfang der 1970er-Jahre von 232 Bewerbern für ein Lehramtsstudium 142 im normalen Zulassungsverfahren abgelehnt wurden, nahm Beuys alle Abgewiesenen in seine Klasse auf. Im folgenden Semester betreute er dadurch 400 Studenten. Der damalige Wissenschaftsminister Johannes Rau von der SPD widerrief die Zulassung. Daraufhin besetzte Beuys mit einer Gruppe Studenten das Ministerbüro. Letztlich durfte die Kunstakademie diese Bewerber mit der Empfehlung des Wissenschaftsministeriums aufnehmen.
Zwar war Beuys dafür, dass jedermann ein Kunststudium beginnen darf. Das hieß für ihn aber nicht, dass jeder auch erfolgreich einen Abschluss macht. Beuys galt als überaus strenger Lehrer und war ein überzeugter Verfechter des Leistungsprinzips.
Doch es gab immer häufiger Scharmützel zwischen dem Freigeist und dem Staat. Als Beuys 1972 erneut zusammen mit abgewiesenen Studienbewerbern das Ministerbüro besetzte, wurde er trotz heftiger öffentlicher Proteste fristlos entlassen. Auch von einem der bedeutendsten Künstler der deutschen Nachkriegsgeschichte wollte sich die Bürokratie nicht auf der Nase herumtanzen lassen.
Genie der Inszenierung, Gegner des Staates
Längst war Joseph Beuys international angesehen und auch kommerziell erfolgreich. Das lag nicht zuletzt daran, dass er als einer der wenigen Künstler seiner Zeit die Mechanismen des anbrechenden Medienzeitalters verstand.
Damals war die Gegenwartskunst nur etwas für ein sehr begrenztes Fachpublikum in den Galerien. In den Zeitungen und erst im Fernsehen fand sie nicht statt. Kataloge zeigten keine Fotos der Künstler. Beuys‘ kontroverse Kunstaktionen dagegen schufen kräftige Bilder und machten plötzlich auch den Künstler selbst für ein breiteres Publikum interessant – sei es auch nur als Projektionsfläche für Ärger, Empörung und Ablehnung.
Das förderte Beuys sehr bewusst, indem er seine Kleidung zum Markenzeichen machte: Jeans, ein weißes Hemd, eine Anglerweste und ein Filzhut. Wie gut das funktionierte, zeigt sich daran, dass er nach 1980 öffentlich im Prinzip überall nur der „Mann mit dem Filzhut“ genannt wurde.
Den Staat mochte er nie. Er war ein radikaler Demokrat, er trat konsequent für Volksabstimmungen und für eine selbstbestimmte Gestaltung aller Lebensverhältnis des Einzelnen ein. Den „rechten“ Privatkapitalismus sah er zwar ebenso skeptisch wie den „linken“ Staatskapitalismus, aber er hatte nichts gegen Luxus und besaß einen Bentley.
Kern seines Weltbildes war die Arbeit des freien Menschen an sich selbst. Der Mensch könne sich ändern, und zwar mit den Mitteln der Kunst. Als wichtigsten Werkstoff sah er die eigene Person. Der Mensch habe die Aufgabe, diesen Stoff eigenverantwortlich wie eine Plastik als Kunstwerk zu formen. Konzepte von Zwangsbeglückung lehnte er ab: „Ich kann mit dem Klassenbegriff nicht arbeiten. (…) Es geht um den Menschenbegriff.“ Kunst war für ihn Befreiungspolitik. Weltverbesserung ohne Selbstverbesserung war ihm suspekt.
Das brachte ihm den Zorn des linken Establishments ein. Rudi Dutschke ätzte: „Joseph war glänzend in der Kunst und unwissend in der Ökonomie.“ Günter Grass notierte abschätzig, dass es unter Beuys’ Einfluss „christlich bis anthroposophisch zuging.“
Radikal unangepasst bis in den Tod
Die „herrschende Meinung“, was auch immer das gerade sein mochte, war für Beuys der Hauptfeind des freien Menschen. Er regte an, wenigstens einmal monatlich Künstlern das Fernsehen als Diskussionsforum zur Verfügung zu stellen: So könne die breite Öffentlichkeit die Ideen der wahren Opposition kennenlernen – denn die habe „keine andere Informationsebene als die Straße“.
Deshalb bat er „um eine entsprechende Befreiung der Medien.“ Das würde ihn heute absehbar zu einem Feind von „Unsere Demokratie“ machen.
Ein Staatsfeind war er sowieso. In Kassel ließ er 7.000 Eichen pflanzen unter dem Motto: „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“. Das Ende der aufwändigen Pflanzaktion erlebte er nicht mehr. Am 23. Januar 1986 starb er im Alter von 64 Jahren in seinem Atelier in Düsseldorf an Herzversagen.
„Sueno“ ist italienisch und bedeutet Traum, wahlweise auch Schlaf. „Sueno“ hieß ein kleines Motorboot, das am 14. April 1986 in die Helgoländer Bucht fuhr. An Bord hatte es drei Bronzegefäße mit der Asche von Joseph Beuys.
Seine Überreste wurden der Nordsee übergeben. Er hätte das sicher gemocht.

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Beim Joseph Boys fällt mir nur sein Butterschlitten ein wo die Putzfrau fragte…“muß das auch weg“….
Der heutige grün-linke-rechte Zeitgeist….so ist richtig! Wobei der konservativ und liebrale anteil am stärksten ist da CDU CSU FDP Grüne politisch rechts der mitte einzuordnen sind. Am besten sieht man das daran das die vermögenden mehr und reicher geworden sind. Unter einer starken linken politik hätte das ja gar nicht passieren können.
„Nach Kriegsende, körperlich schwer angeschlagen, begann er ein Kunststudium in Düsseldorf.“
Hat er sich ja auch verdient, so als 12-Ender und dann noch in Russland.
„Beuys galt als überaus strenger Lehrer und war ein überzeugter Verfechter des Leistungsprinzips.“
Und wie maß er die Leistungen? Am Fett- oder Filzverbrauch?
Nichts Schlechtes über Tote, aber ein Künstler war er nicht, originell vielleicht, aber ob das genügt?