Trumps Griff nach Grönland und die Frage, ob vielleicht die ganze NATO mit in die Gletscherspalte rutscht. Caren Miosga, frisch aus der Winterruhe gerissen, geht der Sache gewohnt holprig auf den Grund. Große Weltpolitik und seichtes Berliner Studiogetue – der vertraute Mix startet unverändert ins Jahr 2026. Von Brunhilde Plog
Screenprint: ARD / Caren Miosga
Wer wäre besser geeignet, uns das aktuelle Weltgeschehen zu erklären als ein ehemaliger Berufspolitiker? Vorhang auf für Martin Schulz, der mal Präsident des Europäischen Parlaments war, der mal als Kanzlerkandidat die SPD zu neuen Tiefstständen führte. Seine Attitüde heute: Elder Statesman. Der ehemalige Buchhändler. Der ehemalige Bürgermeister. Der Wissende. „Trumps Griff nach Grönland – das Ende der NATO?“ – für einen Schulz ist kein Problem zu groß.
Schulz setzt an: Trumps Verhalten sei „eine Absage an die internationale Politik überhaupt.“ Der US-Präsident wolle offenbar, „dass Europa aus Vasallenstaaten besteht“. Das dürfe man nicht zulassen. „Ich kann, ich befehle, Ihr folgt. Heute Venezuela, morgen die ganze Welt. Das ist nicht hinnehmbar“, so Schulz. Europa müsse sich „auch kulturell von den USA abgrenzen“.
Beim Deuten der aktuellen Ereignisse hat Schulz zwar so seine Probleme, aber das ficht ihn nicht an. Die gerade von Trump angedrohten neuen Zölle gegen acht europäische Länder etwa sieht er in einem völlig anderen Licht. Nicht die von Europa nach Grönland entsandten Soldaten seien der Grund, sondern der Abschluss des Mercosur-Abkommens. „Das ist ja schon ein zeitlicher Zusammenhang, den man sehen muss“, sagt Schulz.
Problem: Trump selbst hat längst Anderes verlautbart. Der US-Präsident kündigte die neuen Zölle – zehn Prozent ab 1. Februar, steigend auf 25 Prozent ab Juni, falls keine Grönland-Einigung erfolgt – auf Truth Social an und nannte explizit den Grund: Die Maßnahme diene als Druckmittel, bis „ein Deal für den kompletten und totalen Kauf von Grönland“ durch die USA zustande kommt. Die acht betroffenen Länder (Dänemark, Norwegen, Schweden, Frankreich, Deutschland, die Niederlande, Finnland und Großbritannien) würden sich seiner Ansicht nach gegen die US-Pläne stellen – insbesondere durch die kürzliche Entsendung von Soldaten nach Grönland. Trump bezeichnete dies als „gefährliches Spiel“.
Doch der US-Präsident hat offenbar nicht mit Martin Schulz gerechnet. Denn der weiß Bescheid. Man habe schließlich eine Zollunion, da könne ein Trump gar nichts machen: „Der kann nicht so ohne Weiteres hingehen und sagen: Ja, aber die zahlen jetzt andere Zölle.“ Mehr noch: Die betroffenen deutschen Unternehmen könnten ja auch einfach „morgen ihren Firmensitz nach Luxemburg verlegen, dann trifft dieser Zoll nicht zu“.
Oh je, wenn Trump nur das alles wüsste, was Martin Schulz so weiß.
Und wie reagieren? Mit Gegenzöllen, für Schulz ganz klar. Eine „Handels-Bazooka“ sei gefordert: „Das ist der richtige Weg“, denn „Die Sprache, die Herr Trump versteht, ist die eigene“.
Wolfgang Ischinger stimmt zu. Der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz und langjährige Atlantik-Brücken-Bauherr sieht „das Grundvertrauen“ der Europäer in die USA erschüttert. Der Schutzschirm, die jahrzehntealte Schutzglocke sei dahin. Man müsse erkennen, „dass das schweren Schaden genommen hat“. Die Lösung: Contra geben, mit Gegenzöllen und starkem Auftreten. „Folterwerkzeuge ja“, sagt Ischinger, aber man müsse „bitte versuchen, den Dialog fortzutreiben“, jetzt „nicht weniger reden, sondern noch mehr“ und auf diese Weise „einen Ausweg suchen“. Das Beste wäre gewesen, wenn Macron, Starmer, Merz gleich nach Washington geflogen wären, um mit Trump zu verhandeln. Jetzt müsse man hart sein: Das bereits beschlossene Zollabkommen wieder aufkündigen und Trump zeigen: „Diesen tollen Deal kriegt er so nicht wieder“, so Ischinger. Er erinnert allerdings auch daran, dass es in der Geschichte immer wieder Verkäufe von Ländern und Gebietsabtretungen gegeben habe. Etwa Alaska, das die USA 1867 von Russland kauften.
Ischinger empfiehlt, den Gedanken an ein Kerneuropa wieder aufzunehmen, wie Wolfgang Schäuble ihn einst formulierte. Also ein Bündnis einzelner Länder innerhalb der Europäischen Union, die den Kern der Union konterkariert. „Da muss man mal Butter bei die Fische geben und konkret werden“, sagt Ischinger. „Seit Jahren jammern wir. Mir fehlt der konkrete Vorschlag. Wenn nicht jetzt, wann denn dann?“
Schulz pflichtet ihm bei: „Das Einstimmigkeitsprinzip wird es dann in Europa nicht mehr geben dürfen.“ Man solle den US-Appell „Macht Euch von uns unabhängig“ ernst nehmen und umsetzen. „Es wird nicht mehr so werden wie vorher“, philosophiert Schulz. Und hängt einen Wunsch hintan: „Möge der amerikanische Wähler verhindern, dass nach Trump noch so einer kommt. Also dieser Vance, oder wie der heißt.“
Journalistin Rieke Havertz von der ehemals angesehenen Zeitung „Die Zeit“ konstatiert, dass Europa sich „immer irgendwie über die Zeit“ rettet. Auch jetzt. Sobald es in Sachen Grönland einen Deal gebe, werde man das Ziel der eigenen Emanzipation vermutlich wieder aus den Augen verlieren. Unterdessen sei ein NATO-General MarK Rutte auf einer „Schleimspur“ zu Trump unterwegs. Er nenne ihn „Daddy“. Ja, das sei wirklich „gaga“, findet auch Schulz. Ganz SPD-Genosse, schlägt er sogleich einen kühnen Bogen zur Erbschaftssteuer. Bei der Stärkung Europas und der Verteidigungsfähigkeit seien vor allem die Ultrareichen gefordert. Es seien schließlich „ungeheure Geldmengen“ im Umlauf. An die müsse man ran.
Kurz kommt noch das Thema Remigration in den USA dran. Bei den tödlichen Schüssen auf die US-Amerikanerin Reée Good zeigt Miosga nur genau eines von vielen Videos, die zu dem schrecklichen Vorfall existieren: jenes nämlich, das die Frau als Opfer ohne eigenes Zutun erscheinen lässt. Dass die linksradikale Homosexuelle permanent und vorsätzlich die ICE-Beamten behindert hatte, dass die Bodycam eines Beamten zeigt, wie sie Gas gibt und auf ihn zufährt, lässt Miosga unter den Tisch fallen.
Die Deutung des Vorfalls fällt entsprechend aus. Havertz kritisiert, Trump-Anhänger würden ein neues Feindbild attackieren: „weiße, gebildete, liberale Frauen.“ Schulz findet den Vorfall „schändlich“ und fragt: „Wo ist die Glaubwürdigkeit einer Regierung, wo auf Demonstranten geschossen wird?“ Die Vereinigten Staaten seien „auf dem Weg, ein autoritärer Staat zu werden, und dagegen sollte man was tun“.
Dass Journalisten wegen falscher Meinungen inhaftiert oder als vogelfrei erklärt werden, dass Bankkonten gesperrt werden und Politiker Tausende Anzeigen wegen angeblicher Beleidigung gegen einfache Bürger stellen, kann Schulz nicht gutheißen. Dies hat er allerdings nicht erwähnt.
Denn das geschieht schließlich in Europa.

Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein