Aktien: Ernüchterung zum Wochenende

Die US-Investmentbank Goldman Sachs warnt vor einer Blase am Aktienmarkt. Anlagestratege Dave Kostin wies Kunden des Hauses laut US-Sender CBNC insbesondere auf bestimmte Segmente des Markts hin.

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Bei sogenannten SPACS, das sind Vehikel für schnelle Börsengänge, gebe es Blasen, wie auch bei Firmen, die operative Verluste schreiben. Hier stellt Kostin überproportional hohe Handelsvolumina fest, auch im Jahr 2000 sei das der Fall gewesen. Seine These: Es stehe zwar kein breiter Crash bevor, aber wohl eine starke Korrektur in den genannten Segmenten. Auch neue Formen von Spielcasino-Mentalität sind zu beobachten: Beim defizitären US-Computerspielehändler Gamestop trieben via Web verbundene Käufer den Kurs so lange nach oben, bis Shortseller ihre offenen Positionen durch Käufe schließen mussten. Ein kometenhafter Kursanstieg im Short Squeeze folgte (Lesen Sie dazu https://www.tichyseinblick.de/meinungen/gamestop-wie-kleinanleger-milliardenschwere-hedgefonds-bezwangen/). Und da wäre blinde Gier: Als Tesla-Chef Elon Musk kürzlich in einem Twitterpost den Gebrauch des Messengerdiensts Signal empfahl, stürzten sich Aktienkäufer blindlings auf das Papier des kleinen US-Medizintechnikers Signal Advance und verhundertfachten den Kurs in der Spitze. Crash-Zeichen? ​

Am Freitag gab es an der Wall Street zumindest einen kleinen Vorgeschmack. Nach dem kurzen Lichtblick vom Donnerstag verdüsterte sich die Stimmung wieder stark. Alle wichtigen Aktienindizes lagen am Freitag jeweils rund zwei Prozent im Minus. Als Gründe für die Talfahrt wurden unter anderem sowohl die Furcht vor Marktverwerfungen durch den Aufbau spekulativer Positionen bei einzelnen Aktien genannt als auch die Enttäuschung über die relativ niedrige Wirksamkeit des Impfstoffs von Johnson & Johnson. Der Dow Jones Industrial riss jedenfalls die Marke von 30.000 Punkten und sackte am Ende um zwei Prozent auf 29.983 Punkte ab. Der daraus resultierende Wochenverlust von 3,3 Prozent ist immerhin der höchste seit Oktober letzten Jahres. Auf Monatssicht steht ein Minus von rund zwei Prozent zu Buche. Mit dem S&P 500 ging es am Freitag um 1,9 Prozent auf 3.714 Zähler nach unten. Unter den Technologie-Indizes fiel der NASDAQ 100 um 2,1 Prozent auf 12.925 Punkte.

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Im Dow sackten die Anteilsscheine von Chevron um mehr als vier Prozent ab. Der zweitgrößte US-Ölkonzern kämpft in der Corona-Krise weiter mit Nachfrageproblemen. Die ebenfalls im Dow gelisteten Papiere von Johnson & Johnson fielen um 3,6 Prozent. Der Pharmakonzern will zwar für seinen Corona-Impfstoff Anfang Februar in den USA einen Antrag auf eine Notfallzulassung stellen. Der entsprechenden zulassungsrelevanten Studie zufolge erreichte das Vakzin der J&J-Tochter Janssen in den Tests aber nur eine Wirksamkeit von 66 Prozent, was Anleger enttäuschte. Mit Novavax hatte derweil ein anderer Impfstoff-Entwickler viel bessere vorläufige Ergebnisse zum Vorschein gebracht: Eine Wirksamkeit des proteinbasierten Mittels von rund 90 Prozent trieb hier die Papiere um 65 Prozent nach oben.

Auch der DAX setzte seine Achterbahnfahrt am Freitag fort und nach seiner Stabilisierung am Vortag eingebüßt. Der deutsche Leitindex ging 1,7 Prozent schwächer bei 13.433 Punkten ins Wochenende. Die Anleger zeigten sich erstmals wieder sehr nervös, aufgeschreckt von den schwindenden Hoffnungen, dass die Pandemie schon bald zu Ende ist und die Konjunktur wieder völlig von ihren Fesseln befreit ist, schrieben die Aktien-Experten der LBBW.

Mit starken Schwankungen fielen vor allem Varta und Evotec auf. Nach ihren Kursexplosionen bis Mitte der Woche verbuchten beide am Freitag hohe Verluste.

Mit Zahlen stand Daimler im Fokus. Die Geschäftszahlen des Stuttgarter Autobauers hätten durch die Bank die Markterwartungen übertroffen, lobte ein Börsianer. Daimler stand deshalb zum Handelsschluss an der DAX-Spitze gefolgt von Covestro und MTU. Fresenius Medical Care verloren am Freitag deutlich und rutschten ans DAX-Ende. Das Analysehaus Jefferies blieb in einer aktuellen Studie skeptisch für die Titel des Dialyseanbieters.

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Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet dieses Jahr mit einer etwas stärkeren Erholung der Weltwirtschaft. Für 2021 erwartet der IWF ein Wachstum der Weltwirtschaft von 5,5 Prozent — 0,3 Punkte mehr als im Oktober geschätzt. Für 2022 werden dann 4,2 Prozent prognostiziert. Deutschland ist vor allem in der ersten Welle vergleichsweise gut durch die Corona-Krise gekommen. Weil der Absturz 2020 weniger stark ausfiel als zunächst befürchtet, dürfte die Erholung 2021 nun schwächer ausfallen. Der IWF sagt Deutschland ein Wachstum von 3,5 Prozent voraus, 2022 dann von 3,1 Prozent. Neben China werden vor allem die USA unter dem neuen Präsidenten Joe Biden und mit riesigen Konjunkturpaketen einer der Treiber des wirtschaftlichen Comebacks sein. Doch es gibt auch noch weitere finanzielle Reserven, die die Konjunktur und die Märkte stützen könnten. Und zwar das Geld, das Bürger erzwungenermaßen in Lockdown–Zeiten gespart hätten. Adrian Roestel, Leiter Portfoliomanagement bei Huber, Reuss & Kollegen, hat die finanziellen Auswirkungen für die USA berechnet. Demnach sind allein in den Vereinigten Staaten mindestens 1,5 Billionen US-Dollar an „Überersparnis“ zusammengekommen, das sind fast sieben Prozent der US-Wirtschaftsleistung. Dieses Geld ist nach Ende der Pandemie für den Konsum frei verfügbar und muss nicht von den Notenbanken gedruckt werde. US-Zykliker und Konsumwerte könnten hiervon besonders profitieren.

Auch die Bundesbürger sparen gerade kräftig beim Konsum. Die Lust zu shoppen, leidet zu Jahresbeginn 2021 unter dem harten Lockdown, das zeigt der GfK-Konsumklimaindex. „Die Schließung von Gastronomie und weiten Teilen des Handels Mitte Dezember 2020 hat die Konsumneigung ähnlich hart getroffen wie beim ersten Lockdown im Frühjahr des vergangenen Jahres“, so Rolf Bürkl, GfK-Konsumexperte. Die Anschaffungsneigung ist demnach regelrecht eingebrochen, während sowohl die Konjunktur- als auch die Einkommens-erwartungen nur moderat gelitten haben. Laut GfK sind vier von fünf Bundesbürgern (81 Prozent) der Meinung, dass Covid-19 für Deutschland eine große beziehungsweise sehr große Bedrohung darstellt. Das ist der höchste Wert, der seit Beginn der Erhebungen (Mitte April 2020) gemessen wurde. Vieles spricht dafür, dass die Sparrate der Deutschen daher zunimmt. Diese dürfte laut DZ Bank 2020 im Jahresdurchschnitt rund 16 Prozent erreicht haben — das mit Abstand höchste Niveau seit 1990.

Dass auf dem Goldmarkt recht unterschiedliche Nachfragekräfte wirken, zeigen die neuen Zahlen des Branchenverbands World Gold Council für 2020. Während die Schmucknachfrage im Vergleich zum Vorjahr auf einen neuen Tiefpunkt gefallen ist, stiegen Investorenkäufe mit 1773,2 Tonnen auf einen neuen Höchststand. Da aber auch der Bedarf bei den Zentralbanken und der Industrie zurückgegangen ist, sank die globale Gesamtnachfrage 2020 um 14 Prozent auf 3759,6 Tonnen — das ist das erste Jahr unter 4000 Tonnen seit 2009.


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Kommentare ( 4 )

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Alexis de Tocqueville
3 Monate her

„Laut GfK sind vier von fünf Bundesbürgern (81 Prozent) der Meinung, dass Covid-19 für Deutschland eine große beziehungsweise sehr große Bedrohung darstellt.“

Der Schnupfen ist nach wie vor völlig harmlos.
Aber vier von fünf Bundesbürgern (81 Prozent) stellen eine Gefahr für Deutschland dar.
Dieses Land hat fertig.

Wolfgang M
3 Monate her

Eine Korrektur bei den Aktien ist dringend notwendig. Anleihen lohnen nicht, Aktien sind zu teuer. Ich hoffe beispielsweise auf einen DAX unter 11.000 oder besser sogar unter 10.000. Normalerweise gehen die anderen Indizes weitgehend im Gleichschritt. Die Buchverluste im Depot zählen nicht, wenn man sie nicht realisiert. Aber die Chance zum Geldanlegen wäre dann wieder gegeben.

Roland Mueller
3 Monate her

Die Leichenfledderer(Short-Seller) haben 70 Milliarden Dollar in den Sand gesetzt. Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.

Alexis de Tocqueville
3 Monate her
Antworten an  Roland Mueller

Ist ja nicht weg, haben jetzt nur andere.