Der Ton macht (auch) die Börsenmusik

Auf der globalen Bühne findet ein Kulissenwechsel statt, im lange das Börsengeschehen beherrschenden Zollkonflikt stehen die Zeichen auf Entspannung.

JOHANNES EISELE/AFP via Getty Images

Vieles sortiert sich um in diesen Tagen, Investoren finden offensichtlich neue Favoriten. Das einst hochgelobte Einhorn Uber etwa hat eine harte Woche hinter sich. Die Verluste steigen beim Fahrdienstanbieter aus den USA fast so schnell wie der Umsatz. Seit Mittwoch dürfen Altaktionäre aus dem Börsengang vom Mai verkaufen, und sie tun es in Massen. Aus dem umworbenen Trendsetter der Sharing Economy ist eine Enttäuschung und große Verlustposition für Zeichner geworden. Die lang geschmähten Titel aus der Industrie liegen dagegen wieder im Trend. Im DAX laufen Aktien wie Siemens oder die Automobilkonzerne zu Hochform auf. An der Wall Street werden bereits abgeschriebene Urgesteine wie General Electric zu Renditebringern. Der Grund liegt auf der Hand: Auf der globalen Bühne findet ein Kulissenwechsel statt, im lange das Börsengeschehen beherrschenden Zollkonflikt stehen die Zeichen auf Entspannung. An der Wall Street hat sich der altehrwürdige Dow-Jones Industrials in der vergangenen Woche auf ein neues Allzeithoch geschwungen. Und der exportbetonte DAX hat die 13.000-Punkte-Marke locker überwunden. ​

Die Begeisterung über mögliche Fortschritte im Handelszwist zwischen den USA und China ließ dann allerdings vor dem Wochenende wieder etwas nach. US-Präsident Donald Trump selbst erwies sich als Spaßbremse: Es gebe keine Einigung, im Rahmen des geplanten Teilabkommens mit China bereits bestehende Strafzölle aufzuheben, sagte Trump. Damit dämpfte er die Euphorie, gleichwohl schloss der Dow mit 0,02 Prozent im Plus bei 27.681 Punkten. China sei stärker an einem Abkommen interessiert als die USA, fügte Trump hinzu. Am Donnerstag hatten Äußerungen der chinesischen Seite den Eindruck erweckt, beide Seiten hätten sich bereits darauf verständigt, bestehende Strafzölle bei Fortschritten in den Verhandlungen schrittweise zurückzunehmen. Immerhin verbuchte der Dow in dieser Woche einen Gewinn von 1,2 Prozent.

Die beiden anderen großen Börsenbarometer schlugen sich zum Wochenausklang besser als der Dow: Der marktbreite S&P 500 legte um 0,3 Prozent auf 3.093 Punkte zu. Der technologielastige NASDAQ 100 stieg um 0,4 Prozent auf 8.256 Zähler. Auch diese beiden Leitindizes waren am Vortag auf Rekordhoch gestiegen.

Mit Blick auf Einzelwerte ragten die Papiere von Walt Disney heraus, sie lagen mit einem Aufschlag von 3,8 Prozent klar an der Spitze des Dow. Die Resultate lägen über den Erwartungen, sagte Analystin Alexia Quadrani von JPMorgan. In seinem Kerngeschäft wachse der Medien- und Unterhaltungskonzern stark.

Unter die Räder gerieten dagegen die Aktien des kriselnden Bekleidungshändlers Gap. Nach dem überraschenden Rücktritt von Vorstandschefs Art Peck büßten sie 7,6 Prozent ein. Übergangsweise soll nun der Verwaltungsratsvorsitzende Robert Fisher Pecks Aufgaben übernehmen.

An der Spitze des Nasdaq 100 fanden sich die Papiere des Biotechnologie-Unternehmen Regeneron. Sie legten um 4,7 Prozent zu und profitierten davon, dass ein potenzielles Konkurrenzprodukt des Herstellers AnaptysBio gegen eine chronische Hautkrankheit in einer klinischen Studie gescheitert ist. Regeneron hat mit Dupixent ein Mittel gegen die Erkrankung auf dem Markt.

Beim Blick auf den Quartalsbericht des Kosmetikkonzerns Revlon wurden die Anleger blass. Der Umsatz war mit knapp 600 Millionen US-Dollar um sieben Prozent hinter der Markterwartung zurückgeblieben. Der Aktienkurs brach daraufhin um fast 15 Prozent ein. Der US-Einzelhandel habe zuletzt Lagerbestände abgebaut und sich mit Bestellungen bei Revlon zurückgehalten, sagte Analystin Carla Casella von Goldman Sachs.

Der DAX legte nach den starken Zuwächsen der Vortage am Freitag eine Verschaufpause ein. Der Leitindex schloss 0,5 Prozent im Minus bei 13.229 Punkten. In den vergangenen Tagen und Wochen hatte der Index deutlich zugelegt und am Donnerstag den höchsten Stand seit Anfang vergangenen Jahres erreicht. Per Saldo machte der Dax ein Wochenplus von rund zwei Prozent – die fünfte Gewinnwoche in Folge. Seit dem Zwischentief von Anfang Oktober steht eine Erholung von mehr als elf Prozent zu Buche und im bisherigen Jahresverlauf ein sattes Plus von 25 Prozent. Andreas Lipkow von der Comdirect Bank betonte die relative Stärke des Leitindex gegenüber den US-Börsen, da institutionelle Anleger offenbar jeden kleineren Kursverlust für Käufe nutzten.

Auf Unternehmensseite stand die Allianz mit den Quartalszahlen im Fokus der Anleger. Der Versicherungskonzern sieht sich auf Kurs, einen Rekordgewinn im Gesamtjahr zu erzielen. Gleichwohl verlor die Aktie rund zwei Prozent.

Daimler-Chef Ola Källenius setzt mit seinem Sparprogramm bei den Führungskräften des Autobauers an. Laut Betriebsrat sollen weltweit 1.100 Stellen wegfallen. Daimler wollte das nicht kommentieren. Källenius will erst kommende Woche einen Einblick in seine Strategie für die nächsten Jahre geben.

Die Deutsche Pfandbriefbank rechnet nach einem starken dritten Quartal auch für das Gesamtjahr mit mehr Gewinn. Für 2019 peilt das Management jetzt ein Vorsteuerergebnis von 205 bis 215 Millionen Euro an, wie das Geldhaus am Donnerstagabend in München mitteilte. Zuletzt war Vorstandschef Andreas Arndt von etwa 190 Millionen Euro ausgegangen. Mit der neuen Prognose ist es nun denkbar, dass die Bank ihren Vorsteuergewinn von 215 Millionen aus dem Vorjahr wieder erreicht. Arndt hatte das Gewinnziel bereits im Juni angehoben.

Der Ton macht die Kurse. Das gilt insbesondere für die Europäische Zentralbank. In einem Forschungsprojekt hat die Goethe-Universität Frankfurt untersucht, ob sich die Art, wie die EZB ihre Geldpolitik kommuniziert, auch in Vermögenspreisen widerspiegelt. Ergebnis: Wenn der „Ton“ der EZB sich ändert, hat dies einen signifikanten Effekt auf die Notierungen. Formuliert die EZB positiver, dann steigen die Kurse von Aktienindizes, gleichzeitig fallen die Preise von Derivaten, die zur Risikoabsicherung dienen. „Eine positivere Wortwahl scheint die Risikobereitschaft der Marktteilnehmer zu erhöhen und somit zu steigenden Aktienkursen zu führen“, so Professor Maik Schmeling. Schlussfolgerung: Die Kommunikation einer Zentralbank stellt ein eigenständiges Instrument der Geldpolitik dar.

Es war ein historischer Triumph für die Springboks. Zum dritten Mal holte sich die südafrikanische Rugby-Nationalmannschaft vergangenes Wochenende den begehrten Weltmeistertitel. Wirtschaftlich läuft es am Kap dagegen sehr enttäuschend. Das Bruttoinlandsprodukt wird in diesem Jahr nur um 1,2 Prozent zulegen, die Arbeitslosenrate ist hoch, die Korruption grassiert. Gleichzeitig droht der größten Volkswirtschaft Afrikas nun endgültig die Herabstufung ihrer Kreditwürdigkeit auf Ramschniveau. Denn die Ratingagentur Moody’s senkte vor Kurzem den Ausblick für Südafrika auf „negativ“. Damit könnte das Land das Gütesiegel „Investment Grade“ bald verlieren. Die Ratingagenturen Fitch und S & P beurteilen die Anleihen des Landes ohnehin bereits mit „Junk“. Die Moody’s-Experten warnen vor steigenden Staatsschulden angesichts eingetrübter Konjunkturperspektiven. Senkt nun auch noch Moody’s den Daumen, dürften Anleger südafrikanische Staatsanleihen verkaufen. Südafrikas Währung, der Rand, würde wohl an Wert verlieren und damit die Inflation steigen.

Die Hypovereinsbank-Mutter Unicredit hat sich komplett aus der Mediobanca zurückgezogen. Unicredit kassierte dafür 785 Millionen Euro. Mit dem Ausstieg aus der angesehenen Mailänder Investmentbank will Unicredit Insidern zufolge liquide Mittel für ihre Schachpartie auf dem europäischen Parkett auftreiben. CEO Jean Pierre Mustier macht kein Hehl daraus, dass er die Mailänder Großbank in eine „erfolgreiche paneuropäische Bank“ umwandeln will. Dies bedeutet, sich mit einer anderen europäischen Bank zusammenzuschließen. Gerüchte über einen möglichen Zusammenschluss mit Société Générale oder Commerzbank gibt es schon länger. Laut Branchenexperten sind für Unicredit Fusionen auf europäischer Ebene eine Notwendigkeit geworden, will sie weiter wachsen. Bei der am 3. Dezember in London geplanten Vorstellung des neuen Entwicklungsplans bis 2023 will Mustier Pläne für die Gründung einer Auslandsholding präsentieren, in der alle Auslandstöchter, inklusiv der Hypovereinsbank, untergebracht werden sollen. Dies gilt als erster Schritt in Richtung eines ambitionierten Expansionsplans in Europa.


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Meines Erachtens sind das politische Börsen. Spätestens nach den Präsidentschaftswahlen in den USA haben wir einen völlig freien Donald Trump oder einen börsenkritischen Demokraten als Präsident. Der erste facht den Handelsstreit wieder an, der andere erhöht die Sozialausgaben. Beides wird problematisch. Daher wohl ein netter Trade bis Mai, sonst nichts.