Der Song des Jahres 2015 war: „I’m in love with a fairytale“

Deutschland ist ein märchenhaftes Land, dem alles gelingt. Jedenfalls, wenn man der Regierung glaubt. Ist es Selbsttäuschung oder Wirklichkeitsverleugnung?

Alexander Rybak aus Norwegen konnte beim Einsingen seines Beitrags zum Eurovision Song Contest in 2009 zwei Dinge nicht ahnen: Dass er mit diesem schmissigen Lied als Gewinner aus dem Wettbewerb hervorgehen und die Austragung nach Oslo holen würde – und dass der Refrain des gleichen Songs nicht einmal sechs Jahre später den Geisteszustand der europäischen Eliten so zutreffend im Kern beschreiben würde:

„I’m in love with a fairytale
Even though it hurts
Cause I don’t care if I lose my mind,
I’m already cursed“

I’m in love with a fairytale

„Es war einmal ein Land, das seine Probleme gelöst hatte. Sonne und Wind lieferten unerschöpflich Strom, weshalb das Land die Atomkraftwerke abschaltete. Nicht nur Energie, auch Geld war im Überfluss vorhanden, so dass man auf dem Höhepunkt der Euro-Krise die Renten erhöhen konnte. Weil das Land nur Freunde und keine Feinde hatte, hob es die Wehrpflicht auf und lehnte den Einsatz militärischer Mittel ab. Das Land lebte im Einklang mit sich selbst. Seine Königin regierte unangefochten, und die grossen politischen Streitfragen hatten sich wie von Zauberhand in Luft aufgelöst.

Doch dann kamen die Flüchtlinge, und das Märchen war zu Ende….“

Angela Merkel und die Flüchtlinge – Ein deutsches Märchen von Eric Gujer, NZZ

Die deutsche Oberschicht und Medien leben ihr persönliches Märchen. Alles wird gut. Wir schaffen das. Ich wiederhole: Wir schaffen das. Es kommen nur Fachkräfte. Die Deutschland braucht. Weil die Menschen hier immer älter werden. Und mit 63 noch früher in Rente gehen und damit dem Arbeitsmarkt noch früher stiften gehen können. Es fehlten alleine in NRW schon vor Ausbruch der Flüchtlingskrise 3.500 Lehrer. Schon vorher haben wir erfolgreich die Schaffung von No-Go-Areas unterbunden und die Bildung von Clan-Strukturen, deren Mitglieder ganze Stadtteile malträtieren, Krankenhäuser demolieren, bei Aufeinandertreffen mit anderen Familien ein Großaufgebot der Polizei erfordern. Wir prokastrinieren einfach alles weg.

Even though it hurts

Zumindest haben wir das alles immerwährend vor. Mein Kollege Fritz Goergen hatte es in diesem einen Satz zusammengefasst: „Wir tun so, als täten wir.“ Und Vorhaben ist doch schon 3/4 der Miete. Oder? Sie sehen das anders? Dann sind Sie ein alter, weisser Mann. Ein Hetzer. Sie sind da draußen, in der Dunkelheit und in der Kälte. Wir hier, wir, die stets das Gute wollen und dabei viel Böses schaffen, womit sich dann aber tunlichst unsere Nachfolger rumzuschlagen haben, die dann einfach mit immer neuen, immer ineffektiveren, teureren Programmen über unseren alten Wust drüber zementieren werden, wir sind hier in der Wärme, am Feuer, am Licht. Wo wir es uns leisten können, von dem von Ihnen erwirtschafteten Geld die Märchenwelt aufrecht zu erhalten. Und die es uns gestattet von Themenwelt in Themenwelt transportieren zu werden in einer Limousine, die – oh – auch von Ihnen bezahlt wird.

Dran glauben an das Märchen und sich mit anderen Teilnehmern aus dem überschaubaren Berliner Politik- und Medienzirkus in einer immer währenden fröhlichen Polonaise (der letzte ruft: Schließt den Kreis!) gegenseitig an die Schulter fassen. Wo dann alle von sich selbst berauscht reihum zum Klang einer imaginären Fidel tanzen. Man gerät so schnell in Verzückung über die mediterranen Klänge, die von fern her ans Ohr dringen und über den Radio Bukovina Rhythmus, bei dem jeder mit muss und der sofort in die Beine fährt. So lange, bis die Musik aufhört zu spielen und man sich einen freien Platz suchen muss. In der Realität fällt pro Runde ein Sitzplatz weg. Im Märchenland „Far, far away“ kommt einer hinzu.

Cause I don’t care if I lose my mind

„Deutschland zeigt ein freundliches Gesicht – aber die Regierung versteckt sich hinter der ebenso geduldigen wie hilfsbereiten Bevölkerung, um ihr Versagen zu kaschieren. Kritiker werden ausgegrenzt, Begriffe umgedeutet – aber die Problemursachen nicht angegangen. Wohin lässt sie Deutschland treiben – Merkel schweigt dazu.“

Asylkrise: Angela Merkels “Mission unconsidered”, Roland Tichy, Tichys Einblick

Das freundliche Gesicht will nicht so recht passen zu dem Gesicht, das man aber aufsetzen müßte, um Menschen an den Grenzen abzuweisen. Drum lässt man sie auch einfach weiter einreisen, ohne Kontrollen, denn soweit ist bereits die Umdeutung der Begriffe: Wer nachfragt und kontrolliert, ist sowas von Rassist und Nazi. Im Zauberwald vom Berliner Regierungsviertel reagiert man mit allergischen Ausschlägen auf Wörter wie Transitzonen. Im rhetorischen Lanzenreiten gewinnt derjenige, dem am schnellsten der Bezug zu nationalsozialistischen Themen gelingt und den Diskussionspartner äh dunklen Ritter vom Pferd stößt. Ja, gut. Dann also weiterhin Willkommen, Herr Gates. Und auch Ihnen Willkommen, Herr Gates 2, 3 und 4,…. Die CSU wagt dann doch noch mal den Vorstoß Menschen bei der Einreise ohne Papiere an den Grenzen abzuweisen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Eigentlich. Aber im Märchen ist eben oben gerne schon mal unten und fehlende Ausweispapiere stellen keinerlei Hindernisse mehr dar.

Und weil Frau Merkel hierzulande das freundliche Märchentanten-Gesicht nicht ablegen möchte, fährt sie dann einfach zu denen, die das freundliche Gesicht von Frauen in der Öffentlichkeit gerne verbieten möchten.

„Der Regierungssprecher und einer der Stellvertreter von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan (Bülent Arınç) kritisierte auch einen angeblichen Hang von Frauen zu „stundenlangen“ Gesprächen am Handy. Dabei würden Kochrezepte ausgetauscht und Klatschgeschichten erzählt. Frauen sollten sich solche Gespräche für persönliche Treffen aufsparen.“

Man trägt viel Geld, von dem man sich ein nettes Leben macht, zu Diktatoren, die kritische Journalisten unter fadenscheinigen Gründen ins Gefängnis verfrachten. Die vor laufenden Kameras TV-Stationen unter staatliche Kontrolle bringen. Die Nachrichtendienste wie Twitter für die Bevölkerung abstellen und die genau der Bevölkerungsgruppe in den Rücken fallen und bekämpfen, die den verfolgten Christen und Jesiden zuverlässig Schutz geboten haben.

Da mal besser nicht unfreundlich gucken.

I’m already cursed

Ja, Deutschland ist viel gelungen. Die Arbeitslosigkeit sinkt, die Exporte steigen, islamistische Attentate schänden Frankreich, in dem auch die anderen Themen schädigend wirken. Das ist möglich durch die Kunst, Probleme zu delegieren: Für Grenzsicherung sind andere zuständig. Bislang hat die Tiefe der Taschen ausgereicht, um Griechen und anderen Reformnotwendigkeiten abzukaufen. Die Disziplin der Deutschen reicht aus, um sich selbst zuzumuten, was anderen unzumutbar erscheint. Die Leistungskraft seiner Wirtschaft erscheint unbegrenzt und ist noch gedoped durch einen zu niedrigen Wechselkurs und durch Niedrigzinsen – die die eigene Bevölkerung belasten zur Bezahlung der haushaltspolitischen Sünden des Südens. Zwar ist Altersarmut absehbar, aber im Märchen ist das nur die Strafe für frühere Verbrechen und also gerecht. Seltsamerweise sind die ängstlich, die bislang von der Wohlstandsmaschine profitierten UND sie am Laufen hielten: Einwanderer und ihre Kinder der Gastarbeitergeneration. Es ist nicht, wie eines der vielen Tabuisierungsargumente behauptet, die Angst der zu spät gekommen vor denen, die hinter ihnen in den Süßigkeitsladen drängeln. Es ist eher das noch vorhandene Gespür dafür, dass es nicht Selbstverständlich ist.

Aber im Fairytale gibt es eben kein morgen. Und so geht die Story erstmal weiter. Wie weit trägt uns das Märchen in 2016?

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