Ein Stuttgarter „Tatort“, der lieber Elendsfantasien über "Reiche" pflegt, als nur einen Hauch der Realität abzubilden. Reiche als Monster, Arme als moralische Instanz, Identitäten als Baukasten. Viel Haltung, wenig Logik. Ein Krimi, der noch nicht einmal einen klitzekleinen Moment aus dem Neckar der Klischees auftauchen kann.
screenshot/ ARD Tatort
Eigentlich hätten Drehbuchautor Wolfgang Stauch und Regisseurin Friederike Jehn sowohl bei den Themen als auch den Orten rund um die Baden-Württembergische Hauptstadt genügend Auswahl (Bericht des Portals BW24) für ihren Krimi gehabt.
Stattdessen gehen sie auf den mondänen Killesberg und konstruieren ihre Geschichte um die Eheprobleme der wohlhabenden Elite (Medienzar Stephan Hübner, gespielt von Hans Löw und sein Internet-Sternchen Bonnie, genannt „Pony“, gespielt von Kim Riedle). Natürlich nicht ohne einige Seitenhiebe in Richtung der „Reichen Är…e“ (Zitat).
„Sind sie klar, nüchtern, keine Drogen?“ (Grußformel in Stuttgarter Polizeiwache)
Ein reichlich seltsames Konstrukt, bei der die ARD auch immer wieder meint, Schabernack mit den Identitäten der Darsteller treiben zu müssen. Zeynep Bozbay darf die „Hauptkommissarin Müller“ spielen und dafür die Sonderkommission leiten. Und obwohl der langjährige Betreiber des Kiosks „am Vogelsang“(Mustafa Can), wo sich ein Teil des Dramas abspielt, gerne, wie er im Interview betont, mitgespielt hätte, wird er durch Sujit Kuruvilla (spielt den eloquenten Kioskbesitzer „Akhil“) ersetzt. Dieses Rollen-Scrabble hat lange Tradition bei der ARD, bei der schon der Partnerin von Kommissarin Lindholm ihr Afrikanischer Name entrissen und durch ein banales „Schmitz“ ersetzt wurde oder Schauspieler Cem Ali Gültekin seit 11 Jahren in „Nord bei Nordwest“ dazu gezwungen wird, ein schreckliches deutsch-türkisches Kauderwelsch aufzusetzen.
So geht Angstraum!
Heraus kommt in Stuttgart eine Eingangsszene, in der eine pitschnasse Brunette im kurzen Glitzerfummel (Pony, auf der Suche nach Zigaretten) um zwei Uhr morgens auf eine Stuttgarter Männergruppe trifft und in höflich geschliffenen Worten für ihr unverschämtes Auftreten („ja kennen Sie mich denn nicht?“) zurechtgewiesen wird. Nächtliche Stammgäste am Vogelsang wie „Raul“ (Martin Peñaloza Cecconi), der stellvertretend für seine „Jungs“ beteuert, sich nichts aus 340-PS-Statussymbolen zu machen, sondern stattdessen das gepflegte Rennrad vorzuziehen.
Eine steile Story
Wenig später behauptet die von 2-3 Aperol etwas benebelte Fahrerin (die außerdem kokst und medikamentensüchtig ist), den Wagen samt Zündschlüssel und schlafenden Kindern nur kurz zum Kippen holen verlassen zu haben – bei ihrer Rückkehr sei das Auto weg gewesen. Man muss es den Stuttgartern lassen: Schnell sind sie, wenn auch nicht beim Tiefbau. Kaum ist Ponys Volvo aus unerfindlichen Gründen im Neckar gelandet, baumelt er auch schon am Kran der Wasser- und Schifffahrtsdirektion und die Kripo (Thorsten Lannert, gespielt von Richy Müller, Sebastian Bootz, gespielt von Felix Klare und Rechtsmediziner Dr. Daniel Vogt, gespielt von Jürgen Hartmann) kann sich des Falls annehmen.
Die kleine Penelope Hübner (Ragna Pitoll) hatte zwar den Unfall überlebt, ertrank aber angeschnallt im Kindersitz auf der Rückbank. Söhnchen Hugo Aurelian Hübner (Yvon Moltzen) den seine Mutter angeblich schlafend auf dem Beifahrersitz zurückgelassen hatte, ist verschwunden – hat ihn der Fluss verschlungen?
Der Unsympath mit „mehr Kanälen als Venedig“
Stephan Hübner hat sich seine Frau (die frühere Kassiererin über sich: „ich hatte Sch…Haare, Sch…Klamotten…Sch…Haut“) von der Bühne des Miss-Stuttgart-Wettbewerbs geholt und sie mit seiner Medienmacht innerhalb kürzester Zeit zu einer eigenen lukrativen Marke gemacht. Sie vergleicht das mit einer Kreatur, die er wie Frankenstein erschaffen habe. Dann habe er viel Geld verdient, aber „gemerkt, dass der Staat ja davon die Hälfte behalte und damit Leute wie Ponys Schwester Pat (Anne Haug) und ihren Freund Eckhard „Echse“ Bayer (David Zimmerschied) pampert“ und deshalb den Steuerberater gewechselt. Pat hätte gerne so einen Mann wie Stephan gehabt, stattdessen muss sie sich mit dem nach Asphalt stinkenden Straßenbauarbeiter Echse herumärgern, der nichts auf die Kette kriegt.
Mir könnet alles….außer Rechtschreibung
Kurz nachdem das Verschwinden Hugos nicht zuletzt über die Accounts und Blätter seines Vaters publik wird, trudeln „vier verschiedene Erpresserbriefe“ bei der Polizei ein, mit Rechtschreibfehlern durchsetzt. Jeder dritte Hinweisgeber erkundigt sich, wie hoch denn die Belohnung sei, wenn man zur Rettung Hugos beitragen würde.
Die Kommissare erkennen langsam, dass nicht nur Ponys Karriere als Glamour-Girl sondern auch ihre Ehe am Ende ist. So, wie ihr Mann sie erschuf, hat er sie fallen gelassen und auch ihre Versuche sabotiert, mit dem kleinen Hugo und selbstentworfener Kindermode als „family-influencerin“ etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Der Mann mit den 300-Euro-Hemden und dem haifischgesichtigen Maserati ließ sie eifersüchtig von einem Privatdetektiv überwachen und traf Vorbereitungen zur Scheidung und Übernahme des Sorgerechts für Penelope und Hugo.
Nach all den falschen Erpresserbriefen geht endlich einer ein, der beweist, das Hugo noch lebt. Hier hätten die Ermittler ihre Aufmerksamkeit eigentlich vom Ehepaar Hübner weg- und anderen Verdächtigen zuwenden können, gleichwohl quälen sich die Beiden weiter durch unergiebige Therapiegespräche mit Pony und Stephan.
Hübner gegen Hübner gegen Hübner
Hätte es nicht am Abend des Unfalls so stark geregnet (Regie und Technik hatten den Kiosk am Vogelsang dazu regelrecht geflutet), wären Lannert und Bootz gleich darauf gekommen: Wie Pony schon in der Vernehmung andeutete, hat sie aus Ehefrust und in einem Zustand geistiger Umnachtung das Auto selbst in den Fluss gelenkt. Zwar hat sie das kalte Wasser soweit ernüchtert, dass sie noch Hugo und sich selbst befreien konnte, aber Penelope versank mit dem Wrack. Es zeigte sich, dass dieser kleine Junge mit allen Wassern gewaschen war; nicht nur erkannte er messerscharf, dass seine Mutter da gerade seine Schwester umgebracht hatte, er schaffte es auch alleine schwimmend ans Ufer und dann bis zur Wohnung seiner Tante Pat. Die brachte ihn unter der Nase der Polizei bei sich im Gästezimmer unter, wo sie ihn mit Chips, Cola und Egoshootern ruhig stellte. Ihr Freund machte dann seinem reptiloiden Spitznamen alle Ehre und entwickelte einen schlauen Plan, wie man endlich an die „Asche der Är…e“ herankommen werde. Nachdem Stephan sich aber an den stark teerigen Körpergeruch des Entführers bei der Geldübergabe erinnert, kann Echse mit 1,5 Millionen im Rucksack am Stuttgarter Bahnhof (außer Sichtweite der unseligen Baustelle Stuttgart 21) festgenommen werden.
Depressiv und Suizidal – etwas entgeht der Polizei immer
Pony beschließt, ihrer kleinen Tochter in ein nasses Grab zu folgen, in dem sie von einer Neckarbrücke springt. Sie hat viel an ihr gut zu machen, denn „Kinder, die von ihrer Mutter geschickt werden, kommen nicht in den Himmel“. Glücklicherweise hat Hugo ein paar geerdete und mit klassischen Ablenkungstechniken („Mensch ärgere dich nicht“) vertraute Großeltern, die nun einspringen und retten, was zu retten ist.

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