Statist Nr. 4 – König Abdullah bin-al Hussein von Jordanien

Kann Film Realität werden? Sind Filme das Mittel, um unser Denken zu beeinflussen, auch zu manipulieren – im Guten wie im Bösen? Unser heutiger Sonntagsheld hatte nur einen sehr kurzen Auftritt als Wissenschaftsoffizier in der Serie „Star Trek Voyager“. Kurz, aber sehr einprägsam und mit einer höheren symbolischen Bedeutung, als manch einem klar ist. Und der, der da zu sehen ist, kämpft heute, als habe ihm Star Trek den Weg gewiesen. Manchmal ist eben die Traumfabrik Hollywood eine Visionsmaschine der morgigen Realität.

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Es sind nur einige Sekunden. Kein Text. Denn Text bekommt nur ein Schauspieler, der in der Screen Actors Guild vertreten ist. Aber immerhin, da steht er. Freundlich lächelnd, mühsam die überbordende Freude über diesen kleinen Augenblick verbergend. Harry Kim wechselte gerade noch ein paar Worte mit dem Statisten, als das Schiffsmaskottchen und „Moraloffizier“ Neelix, eine Art Sascha Lobo der interplanetaren Netzwelt, die Szenerie betritt und Statist Nr. 4 daraufhin lächelnd nickt und abtritt.

Normalerweise ist namenlosen Statisten bei Star Trek meist ein kurzes Drehbuchleben vorbehalten, vor allem, wenn sie gemeinsam mit dem Führungsteam zu Exkursionen auf den Planeten gebeamed werden. Sie sind dann immer die ersten, die bei einem Erdbeben in eine Felsspalte stürzen oder bei einem Überraschungsangriff im Phaserfeuer das Zeitliche segnen müssen.

Bei dem jungen Mann, der zu diesem Zeitpunkt 34 Jahre alt ist, handelt es sich um den heutigen König von Jordanien, Abdullah bin al-Hussein. Damals noch Prinz Abdullah. Sohn des verstorbenen König Hussein und dessen erster Frau Muna, einer Britin mit bürgerlichem Namen Antoinette Gardiner.

König Abdullah gilt als ausgewiesener Star Trek Fan, ein Trekkie. Sein Auftritt wurde während eines USA-Besuchs von einem Berater organisiert. Abdullah war überwältigt. Er war schon aufgeregt, überhaupt das Set von Star Trek besuchen zu können, aber eine Gastrolle als Statist, „DAS ist zu viel“ – damit meint er diese paar Sekunden Auftritt, ganz ohne Text. Das ist überwältigte Demut eines echten Fans.

Was das ganze so bemerkenswert macht, ist, dass hier ein Vertreter der arabischen King_abdullahWelt, aufgewachsen zwischen Orient und Okzident, zwischen dem „aufgeklärten“ Westen und einer Welt traditioneller Zwänge und Riten, sich einer Serie verbunden und zu einem Geist hingezogen fühlt, der primär wissenschaftlich geprägt ist. Bei Star Trek leben die meisten Völker der verschiedenen Welten in Frieden und Harmonie miteinander. Armut und Krankheiten wurden besiegt. Was die meisten Spezies eint, ist die Wissenschaft, die Neugier, der Forschergeist. Das Weltall zu erkunden. „Unbekannte Lebensformen, neue Zivilisationen“ eben. Auch, wenn es mal zu Auseinandersetzungen und Kampfeinsätzen kommt, die meist schwerfällig wirken, steht der wissenschaftliche Ansatz immer im Zentrum des Geschehens. Das Forschen. Das Streben nach Höherem und die Wahrung des Friedens untereinander und mit anderen.

Die Welt der Religion spielt im Star Trek Universum eine eher untergeordnete Rolle. Wann immer bei Star Trek mal fremde Wesen beim Ausüben ihrer Glaubensbekenntnisse gezeigt werden, es gilt für die Besucher stets, diese zu sehen, zu beobachten. Etwas zu lernen. Aber missionarisches oder das Aufzwingen von Glauben findet in der Welt von Star Trek keine nennenswerte Erwähnung.

Obwohl König Abdullah in Großbritannien eine militärische Ausbildung u.a. in Sandhurst absolviert hat, Kampfjets fliegen kann, fühlt er sich dennoch dem Spirit von Star Trek verbunden. Star Trek, wo die Sternenflotte in behäbigen quadratischen Shuttles gemächlich bei Impulsgeschwindigkeit durchs Weltall gleitet, den Kopf über wissenschaftlichen Anzeigen gebeugt. Alles wird untersucht, gemessen, ausgewertet.

Die blaue Uniform, die Abdullah bei Star Trek trägt, ist die eines Wissenschaftsoffiziers.

Ein Trekkie, kein Kampfstern Galactica Fan

Beim Kampfstern Galactica werden die Piloten in TopGun-Montur, in schnittigen Jets und in Hochgeschwindigkeit in den Raum katapultiert; die Menschheit befindet sich heimatlos umherfliegend, in Raumschiffen hausend, im Krieg mit den Zylonen. Es geht um Kämpfe, um Geschwindigkeit, um Schießen, wieder um Kämpfe und Explosionen. Viele Jungs und junge Männer mochten den Kampfpiloten Starbuck, der stets auch einen guten Schnitt beim weiblichen Geschlecht hatte. Aber Kampfstern Galactica war eben immer auch etwas finster, weniger zukunftsbejahend, eher pessimistisch. Die Wissenschaft steht nicht im Vordergrund, sondern der permanente Kampf ums Überleben, das Retten der eigenen Zivilisation.

Im Film „Contact“ spielt Jodie Foster die Wissenschaftlerin Dr. Ellie Arroway, die die Sterne abhört und nach außerirdischem Leben Ausschau hält. Sie entdeckt als erste die gesendeten Nachrichten vom Planeten Vega. Arroway decheffriert die komplexen Botschaften und entdeckt dadurch die Baupläne einer gewaltigen Maschine, die ein Wurmloch öffnet und damit eine Begegnung mit den Bewohnern Vegas ermöglicht. Sie sagt, dass diese Nachricht in der Sprache der Wissenschaft – der Mathematik – verfasst worden ist und dazu bestimmt war, dass Wissenschaftler sie erhalten. Wäre die Botschaft religiöser Natur gewesen, hätte sie die Menschheit vielleicht in Form eines brennenden Buschs ereilt.

Es wäre weit hergeholt König Abdullah als einen Wissenschaftler zu bezeichnen. Aber – und das ist mehr als nur eine Randnotiz – er fühlt sich dieser Welt und dem Geist sehr stark verbunden. Einer Zukunft, in der Hindernisse wie Religionen und Konflikte weitestgehend überwunden sind. In der alles Wissen gebündelt und gemeinsam gewinnbringend eingesetzt wird. Es ist ein Ideal.

In diesen Tagen ist viel darüber zu lesen, dass König Abdullah voller Entschlossenheit gegen den IS vorgeht. Kampfeinsätze und großflächige Bombardements befehligt und koordiniert. Aber auch hier zeigt sich einmal mehr die Weisheit darüber, dass Frieden oft nur bewahrt werden kann, wenn man ihn schützt und verteidigt. Als König führt Abdullah sein Volk, als ausgebildeter Militär befehligt er die Streitkräfte. Jordanien verfügt über 650 Kampfjets und ist ein Verbündeter der Vereinigten Staaten von Amerika. Natürlich gelten die massiven Vergeltungsschläge auch gleichermassen dem „zivilen Frieden“ im eigenen Land. Auf die Ermordung der jordanischen Geisel Muas al-Kasasba, Sohn eines Stammesführers aus Jordanien, der als Unterstützer von König Abdullah gilt, musste entsprechend hart reagiert werden, auch, um die eigenen Reihen geschlossen zu halten. Gegen einen gemeinsamen Feind kann man nur so bestehen.

Star Trek, diese ideale Welt, ist kein fixes Hobby vergangener Jugendtage. König Abdullah ist auch der Hauptinvestor eines Star Trek Themenparks in Akaba, der Touristenstadt am Roten Meer im Süden Jordaniens, der 2017 eröffnet werden soll. Red Sea Astrarium soll er heissen.

Dr. Ellie Arroway sagt noch etwas in Contact: „Wir bestimmen, in welcher Welt wir leben wollen.“ Man sollte sie bauen, diese Welt. König Abdullah macht das. Auf der einen Seite behutsam und Idealen und Träumen eines Mannes folgend. Auf der anderen Seite mit der Entschlossenheit eines Königs den Frieden zu bewahren, indem er ihn verteidigt. Hollywood galt seinen Feinden immer schon als Propagandamaschine des American Way of Life, als ein Stempel, der die Welt nicht nur zeigt, sondern formen soll nach kalifornischer Vorstellung. Manchmal ist es das.

Aber dabei geht es um mehr als um technische oder cineastische Meisterleistung. Es klappt nur, wenn damit ein Traum greifbar wird, den Menschen zu dem ihren machen. Den Traum von einer besseren Welt.

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