Sprachlos bei Maischberger

Welten liegen zwischen Berufstalkern und Wirklichkeit.

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Ob Sandra Maischberger das wollte, weiß ich nicht. Spielt auch keine Rolle, denn sie hat es getan. Sie zeigte wie Johann Nepomuk Nestroy in seiner „Localposse“ den Unterschied zwischen Ebener Erde und Erstem Stock. Vor dem unfassbaren Geschick der Mutter, die ihr Kind an den Islamistischen Terror verlor, verstummten die sonst stets Mitteilungsfreudigen.

Eine Mutter klagt an

Frau Maischberger selbst tat sich auch nicht leicht im Zwiegespräch mit Filiz Celik, deren Sohn Gökhan mit 25 Jahren sein Leben in Syrien verlor. Aber sie fand Zugang zur schwer Gezeichneten. Die talkerprobten anderen machte der Blick hinter die Sprechkulisse der wohlfeilen öffentlichen Bekenntnisse sprachlos. Kathrin Göring-Eckardts und Jens Spahns Gesichter wirkten wie Masken. Jakob Augstein weiß immer nicht, was er mit seinen Gliedmaßen tun soll, bis er sich das Wort selbst nimmt. Tat er aber nicht. Damit sagte er mehr als mit Worten. Güner Balci ist diszipliniert und kennt solche Wirklichkeit. Filiz Celik kämpft mit ihren Worten und beherrscht ihre Gefühle. Was für eine Frau.

Schließlich muss Maischberger in die Runde zurückführen – den Hinweis aus der Regie erkennen nur sehr Aufmerksame. Sie fragt Peter Neumann, ob der schicksalhafte Weg von Gökhan Celik typisch sei. Der bejaht und erläutert das mit der kühlen Routine des Terrorismus-Pathologen. Güner Balci bestätigt, was die Mutter vermutet, dass der Sohn vom Geborgensein in der Gruppe angezogen wurde. Sie erzählt davon als tragendem Motiv in der Szene: In der Gruppe sind sie plötzlich jemand, was sie nie zuvor waren. Neumann untermauert, die jungen Leute suchten nach Gemeinschaft, Ordnung und Struktur. Bundeswehr?, fragt Augstein im spottenden Reflex des Antiautoritären. Jetzt findet Göring-Eckardt zurück aus dem starren Schweigen, ja, es gäbe auch zu wenig Zugewanderte in Militär, Polizei und so weiter. Vertrautes Gelände: Quoten.

Die Wortgewaltigen wieder unter sich

Nun dreht die Bühne. Hatten alle Talkgäste nicht mit Filiz Celik gesprochen, spricht sie nun mit niemandem. Eigentlich waren es drei Runden, die zwei Politiker und Augstein, die zwei Experten und Frau Maischberger mit Frau Celik. Zugang zur Welt der Wirklichkeit, zum Leben hat nur die Autorin aus dem Muslimviertel von Neukölln. Der Terrorismus-Experte seziert die Szene. Die anderen möchten dieser Wirklichkeit nicht nahekommen – das sagten sie nicht, aber ihre Körpersprache. Das Standbild oben trügt.

Es war Mitternacht, ich ging traurig ins Bett und konnte lange nicht einschlafen.

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