Eine zu ihrer Zeit revolutionäre Idee wird am Jahresende endgültig zu Grabe getragen. MTV stellt die Ausstrahlung von Musikvideos ein. Melancholischer Nachruf eines gealterten Fans.
picture-alliance / dpa/dpaweb | Arne Dedert
„Video Killed the Radio Star.“ So hieß der allererste Musik-Clip, der am 1. August 1981 auf einem völlig neuen Fernsehsender mit einem völlig neuen Konzept ausgestrahlt wurde: MTV, für „Music Television“.
Das war kein Zufall, natürlich. Der Name war Programm.
Ein Sender, der nur Musikvideos zeigt – das hatte es bis dahin nicht gegeben. James Hyman hat spürbar immer noch erhöhten Puls, wenn er von den Anfängen erzählt. In den 1990er-Jahren produzierte der Brite Tanzshows für MTV Europe. Da steckte das Internet noch in den Kinderschuhen, auch deshalb sei die Idee so erfolgreich gewesen: „Es war so aufregend, weil das im Grunde alles war, was die Leute hatten.“
Zusammen mit Moderatorin Simone Angel aus den Niederlanden erfand Hyman unter anderem das extrem erfolgreiche Format „MTV Party Zone“. Das war die erste Sendung weltweit, die die Clubkultur ins Fernsehen brachte und damals noch neue Musikrichtungen wie Techno, House und Trance spielte.
Kampf gegen das Internet
Doch je größer und populärer das Internet wurde, desto kleiner wurden die Einschaltquoten von MTV. Der Sender verlor die Lust am Experimentieren und verabschiedete sich immer mehr von originellen, innovativen Musikinhalten, die zuvor vielen unbekannten Künstlern zum Durchbruch verholfen hatten.
Nicht wenige Momente bei MTV haben Fernsehgeschichte geschrieben. Die Weltpremiere von Michael Jacksons epischem Musikvideo „Thriller“ und Madonnas Auftritt mit „Like a Virgin“ 1984 bei den ersten MTV Video Music Awards prägten die kulturelle Debatte ihrer Zeit. Der Kuss von Britney Spears und Madonna bei den MTV Music Awards beherrschte selbst 2003 noch die internationalen Schlagzeilen.
Der Einfluss des Senders auf Mode, Film, Musik und die Popkultur insgesamt kann gar nicht überschätzt werden. Hyman liegt ganz richtig, wenn er sagt: „MTV war so mächtig, dass es die Jugendkultur definierte.“
Kaderschmiede für deutsche TV-Stars
In Deutschland ging MTV 1997 an den Start. Heute weiß das fast keiner mehr, aber viele aktuelle Fernseh-Größen haben dort einmal als Moderatoren von Musiksendungen angefangen: Stefan Raab, Heike Makatsch, Joko Winterscheidt und Klass Heuer-Umlauf, Steven Gätjen – selbst das heutige „Tatort“-Ermittlerduo Nora Tschirner und Christian Ulmen begann seine Karriere bei MTV.
Anfang dieses Jahres hat der Mutterkonzern Paramount mit dem Film-Produktionsriesen Skydance fusioniert. Seitdem steht im Unternehmen die Kostensenkung an erster Stelle. Im vergangenen Oktober wurden 1.000 Jobs gestrichen, viele Kabelfernsehangebote stehen auf der Kippe.
Und MTV ist runtergefallen.
Die Kanäle selbst sollen offenbar zwar weitgehend erhalten bleiben. Aber sie zeigen keine Musikvideos mehr. Stattdessen setzt das Management jetzt auf Unterhaltungsprogramme – genauer: auf Reality-Shows. Sofern man das Unterhaltung nennen möchte.
Bei James Hyman schwingt viel Wehmut mit, wenn er sagt: „Das ‚M‘ in MTV stand für Musik. Die ist nun weg.“ Der Sender habe sowohl berühmte als auch unbekannte Künstler in die Wohnzimmer von Musikfans auf der ganzen Welt gebracht und die Popmusik damit grundlegend verändert, ergänzt Popkultur-Forscherin Fairclough:
„Das Ende für MTV markiert definitiv das Ende einer Ära in der Art und Weise, wie wir Musik erleben, sowohl visuell als auch kulturell.“
Die digitalen Plattformen wie YouTube und TikTok ändern unseren Umgang mit Musik und mit Bildern radikal. Was MTV einst zu einem kulturell geradezu revolutionären Sender machte, gibt es nicht mehr. Ziemlich genau ein Vierteljahrhundert nach seiner Geburt wird die Idee nun von Streamingdiensten und vor allem von den sozialen Medien beerdigt.
Instagram Killed the Video Star.

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Liebe Redaktion, da müssen Sie aber nochmal ran.
„In Deutschland ging MTV 1997 an den Start. Heute weiß das fast keiner mehr, aber viele aktuelle Fernseh-Größen haben dort einmal als Moderatoren von Musiksendungen angefangen: Stefan Raab, Heike Makatsch, Joko Winterscheidt und Klass Heuer-Umlauf, Steven Gätjen – selbst das heutige „Tatort“-Ermittlerduo Nora Tschirner und Christian Ulmen begann seine Karriere bei MTV.
Stefan Raab und Heike Makatsch haben bei VIVA ihre Karriere gestartet. Nicht bei MTV.
Stefan Raab, Heike Makatsch & Co. haben seit ca. 1993 bei Viva gearbeitet. Um dann 4 Jahre später ihre Karriere bei MTV zu starten?
Die Phase in der MTV artistisch wirklich Tragweite hatte war sehr kurz. Der Sender hätte schon 2000 einpacken können.
Der Eine ist froh das es zu ende ist, der Andere nicht . Wie immer. Die Zeit geht weiter und schert sich nicht um das was sie zurücklässt.
Der Einfluss des Senders auf Mode, Film, Musik und die Popkultur insgesamt kann gar nicht überschätzt werden. Hyman liegt ganz richtig, wenn er sagt: „MTV war so mächtig, dass es die Jugendkultur definierte.“ Die hatten nicht nur dort Einfluss, die waren gewissermaßen auch ein Vorläufer der „Zivilgesellschaft“ und bestimmten in großem Maße, wer erfolgreich wird und wer nicht. Das System, welches innerhalb kurzer Zeit korrumpierte, durchschauten zum Glück einige Leute und deshalb hieß es 2002 „Keine Amnestie für MTV!“. Leider wurden parallel dutzende Shitshows produziert, die das weiter auf die Spitze trieben (DSDS und Co.) und es ist deshalb heute… Mehr
MTV ist für mich schon vor Dekaden gestorben. Das fing schon damit an, dass sie gar nicht mehr alle Genres spielten. Dafür kam dann später VIVA und insbesondere VIVA2 dazu. Zeitgleich versuchte man mit Beavis und Butthead bzw. mit anderen Sendungen an diesen Erfolg anzuknüpfen, was nie gelang. Es lief dann mehr Trash-TV als Musikvideos. Eine Zeit lang war es dann gar nicht mehr empfangbar. Die letzte große Show die mich auf MTV begeistern konnte liegt 25 Jahre zurück. Das war MTV Jackass, ein Format, an das sich selbst Youtube heute nicht mal mehr rangwagen würde es bei einem Kanal… Mehr
Prägende Jugenderinnerungen ….. Ray Cokes, 120 Minutes mit Paul King abends um 21:00 Uhr und unzähligen ikonischen, stilprägenden Musikvideos wie z.B. Disarm von Smashing Pumpkins, Cannonball von The Breeders, usw. …. Dann die Erinnerung mit Kumpels und Luftgitarre wild auf dem Sofa rumgehüpft, geflasht von Smells Like Teen Spirit von Nirvana. Deren MTV Unplugged kurz vor vorm Ende – legendär. Marijne van der Vlugt – die mit dem holländischen Akzent… und dann….. Kristiane Baker – wer stand nicht auf Sie? Später zum Islam konvertiert – meine Güte… Es sind prägende Erinnerungen an eine der besten Zeiten. Die 1990er. Persönlich wie… Mehr
Absolut. Und sehen Sie, Paul King von den „Kings“ – wie die nur auf den Namen der Band gekommen sind 🤔 – hatte ich schon beinahe vergessen.
Ah ja. MTV ( Musik Tele Vision) wird keine Musikvideos mehr bringen.
Nur (interlektuell Zweifelhafte) Shows, in denen mehr Werbung geschaltet werden kann.
Hat sich jemand schon mal diese „Shows für Dumme“ angesehen ?
Was da für „Zombies“ herumhampeln ?
Was die dort machen müssen ?
Welche Dialoge die führen ?
Das sind Gründe MTV aus der Senderliste komplett zu löschen. Bast !
Mit MTV verbinde ich frühe Jugend, das was natürlich mega damals, weil das komplett neu war. Vorher war der Musikladen Pflichtprogramm. Dann kam Formel Eins. Man denkt mit Wehmut an „die gute alte Zeit“ zurück. Heute braucht natürlich niemand mehr einen Musiksender, aber schön war die Zeit.