Aus der heilen Zwischenwelt – vor Ausbruch der Pandemie

Eine solide Vorstellung, wie immer, wenn der "Tatort" aus dem Münsterland auf dem Programm steht; trotz oder wegen eines ungewöhnlichen Ausflugs in die Nahtod-Erfahrung.

Screenprint: ARD/"Limbus"

In Zeiten der Pandemie sucht das Publikum nach Konstanten, und seien diese auch so banal wie eine Krimisendung. Doch diese Episode des früheren Straßenfegers der Nation erfreut sich auch zu normalen Zeiten größter Beliebtheit (der Tatort Münster stand mehrfach auf Platz 1 der beliebtesten Folgen), denn hier laufen zwei der stabilsten Ermittler im riesigen Kreis der Fernsehkriminalisten auf: Axel Prahl als Hauptkommissar Frank Thiel und Jan Josef Liefers in der Rolle des Prof. Karl-Friedrich Boerne. Die gerne herumalbern, aber nie den nötigen Ernst vermissen lassen, die viel schauspielerische Beinfreiheit nutzen, aber selten zappelig wirken. So kennt und liebt der Zuschauer das Team aus Münster, und die aktuelle Episode hat sehr viel mit dieser Vorliebe zu tun.

Trotz eines etwas weit hergeholten (Südamerika) Bösewichts: fesselnde Unterhaltung

Nicht zum ersten Mal gerät der skurrile, scheinbar ewig auf Partnersuche befindliche Pathologie-Professor in tödliche Gefahr (siehe auch „Feierstunde“ aus dem Jahr 2016) – diesmal wird er auf dem Weg in den Urlaub zur Zielscheibe eines mörderischen Betrügers (Hans Löw als Dr. Jens Jacoby), der sich dreist an seiner Stelle als neuer Leiter der Gerichtsmedizin einschleusen möchte und zu diesem Zweck zunächst den eigentlich avisierten Urlaubsvertreter aus dem fernen Brasilien mittels einer Portion Curare aus dem Weg räumt. Anschliessend injiziert er Boerne in einer Rempelei eine Dosis Insulin, nach der Dieser, unter Einfluss der einsetzenden Unterzuckerung einen -fast- tödlichen Autounfall baut. Schön gedreht: die Szene, in der der Verunglückte sich aus dem Wagen quält und erst langsam merkt, daß er wohl ein unsichtbarer Geist ist. (jedoch, Ähnlichkeiten zu dem 1990er Streifen „Ghost“ mit Demi Moore und Patrick Swayze lassen sich nicht leugnen).

Tod und Teufel: grosses Bühnentheater beim Tatort

Das Jenseits, in dessen Vorhof Boerne an der Hand seines (einzigen?) Freundes Thiel geleitet wird, hält noch eine Überraschung parat: Der Kommissar fungiert für ihn im „Limbus“ auch als Betreuer und es lässt sich mit ihm genauso schön zotig streiten, wie mit dem Original ein paar Stockwerke darüber. Der Professor muss sich allerlei Vorhaltungen anhören, und obwohl er versucht zu punkten, denn er „… spende doch regelmässig für wohltätige Zwecke“, habe sich „… einen Hybrid bestellt, leide an Flugscham, esse nur Biofleisch…“ wird er doch belehrt „… eher gehe ein Kamel durchs Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Himmelreich käme…“. Im Wechsel zwischen der düsteren Atmosphäre eines überfluteten Fabrik-Kellers (voll mit, Zitat von Boerne: „Leberwurstbroten, Karnevalsmusik und jeder Menge Papier“) als Wartesaal der Untoten, dem Krankenhaus und Thiels Büro wird das Umherirren des Verletzten (anschauliches Detail: ein Behörden-Paternoster als höllischer Fahrstuhl) zwischen Leben und Tod, und seine kleinen Fluchten daraus in Szene gesetzt. Der eigentlich sehr von sich überzeugte Professor erfährt nebenbei als zur Untätigkeit verdammter (alle seine Aktionen bleiben ohne Auswirkungen in der Welt der Lebenden), aber doch ständig hyperaktiver Geist einiges darüber, wie ihn seine Mitmenschen wirklich sehen: „geizig, zu sehr von sich eingenommen, rechthaberisch…“. Und er wäre nicht er selbst, wenn er sich den Regeln dieser Unterwelt, die wie eine Behörde mit Formularen, Wartenummernautomaten und kilometerlangen Korridoren gespickt ist, einfach ergeben würde. Wie nicht anders zu erwarten, entwischt er seinem Bewacher ein ums andere Mal, um Einfluss auf die schleppenden Ermittlungen zu nehmen. Und er schlägt den Teufel sogar wie der Brandner Kaspar beim Glücksspiel. Trotzdem bleibt er mehr tot als lebendig, liegt verkabelt und verrohrt in „labilem“ Zustand auf der Intensivstation. Und für den Mörder läuft es scheint‘s prächtig.

Liebe in Zeiten der Pandemie

Für die Zuschauer ist dieser Angriff auf die beliebte Figur des wortgewaltigen Gerichtsmediziners (die Sendung läuft seit 2002 quasi unverändert ) natürlich eine emotionale Angelegenheit. Jan Josef Liefers ist diese Rolle auf den Leib geschneidert, aber könnten sich die Autoren nun doch dazu entschlossen haben, die Figur genauso unbarmherzig wie die von Axel Prahls langjähriger Partnerin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) aus dem Spiel zu nehmen?

Unnötige Befürchtung. Der Kuckucks-Boerne (der eigentlich Kleinschmidt heisst und verschiedene Aliasnamen gebraucht) schafft es noch, Thiels Verdacht auf einen unschuldigen Arzt-Kollegen zu lenken, aber sein empfindlicher Magen verrät ihn, den angeblich erfahrenen Pathologen, anlässlich seiner ersten Autopsie mit „Alberich“ Silke Haller (Christine Urspruch), die ihrem Verdacht sofort nachgeht. Zwar gelingt es ihm, die treu über „ihren“ Chef wachende Assistentin im letzten Moment mit einer seiner bewährten Insulinspritzen schlafen zu schicken und Boerne Gift zu verabreichen, aber das Ende seiner Glückssträhne deutet sich an: Frau Haller wacht (Boernes Geist scheint dabei erste Hilfe geleistet zu haben) aus der Unterzuckerung auf und kann Thiel benachrichtigen, der schliesslich den entscheidenden Hinweis auf das verwendete Gift geben kann und den Täter festnimmt. Boerne wird buchstäblich von der Schwelle zum Himmelstore weg gerettet. Sehr zum Ärger seines teuflischen Begleiters, der seinem Ärger über die Wankelmütigkeit der Geschäftsführung (Gott) Luft macht: „die wisse auch nicht, was sie wolle“.

Ist das noch Kunst oder muss das weg?

Die Gnade des frühen Drehs verschonte die Regie (Max Zähle) vor einem Spiessrutenlauf zwischen Achtsamkeit und grossen Emotionen. Es durfte noch komplett ohne Abstand gefeiert, geküsst und behandelt werden. Da wird in Grossaufnahme Händchen gehalten, auf Schultern geklopft und mit der blossen Bierflasche angestossen, alles heute völlig verpönte, unhygienische Verhaltensweisen, die eigentlich längst auf der Isolierstation mit dem Aufdruck „für sehr viel später aufbewahren“ verschwunden sein müssten. Vielleicht heute Szenen, die einen Film in Zukunft noch mehr zum Hingucker machen können. Man kann gespannt sein, ob der nächste Münsteraner Tatort „Lang lebe der König“, der am 13.12.2020 im Ersten ausgestrahlt werden soll, schon Spuren der durch die Pandemie komplizierten Dreharbeiten (hier bei „Allesmünster“ geschildert).

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Kommentare ( 14 )

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gratichy
23 Tage her

Also, die Münsteraner Tatorte waren bisher meine Favoriten, auch die Wiederholungen.Neben den Oesterreichern mit Krassnitzer und Neuhauser. Ob ich aber nach dem Schwachsinn am Sonntag nochmal Tatort aus Münster gucken werde weiß ich noch nicht. Nicht wegen der Darsteller. Vielmehr wegen der offensichtlich immer hirnloser agierenden Produzenten dieser Serie (und anderer Machwerke).
Das passt so richtig in den so treffenden Beitrag auf TE, welche der ohnehin schon hoch gepamperten Kulturschaffenden wir denn mit unseren hart erarbeiteten Steuergeldern, vulgo abgepressten GEZ-Beiträgen, wegen der sog. Coronakriese retten/unterstützen sollen
https://www.tichyseinblick.de/gastbeitrag/welche-kunst-muessen-wir-vor-corona-retten/

USE
23 Tage her

Der beste Tatort ever. Ernst, Tragik, Humor, Spannung und Wortspiel. Nummernautomat am Höllentor, gezogen die Nr. 1. Und der Fussboden erst…
Ganz grosses Kino! Für immerhin 17,50 Euro im Monat.

speedfox
23 Tage her

Ein Tatort ohne Belehrungsmoral, man gibt sich mittlerweile schon mit wenig zufrieden.

DieRaute
23 Tage her

Wer‘s braucht ?!

USE
23 Tage her
Antworten an  DieRaute

Ich!

RMPetersen
23 Tage her

Dieser Münster-Tatort war wieder eine Freude: Abendunterhaltung mit Tiefgang, passend zum November mit seinen Totengedenktagen.
Wir sind dankbar für jedes Produkt unserer Zwangsgebühren, mit dem wir nicht grob belehrt und moralisch in den Schuldturm gesperrt werden. Erfreulich ist, dass der WDR diesem Tatort offensichtlich noch keine Propaganda-Beiträge abverlangt. Im Gegenteil, das Drehbuch glänzte mit feinen Sottisen gegen grüne Umerziehung.
Liefers, Prahl und Ursprung wünsche ich noch viele Jahre in Münster bis zur Pensionierung.

Carlotta
24 Tage her

ich schalte seit Monaten keinen Fernseher an, Tatorte – mit Ausnahme des Tatorts aus Münser – ohnehin nicht mehr. Gestern hatte ich mich allerdings auf die Sendung gefreut. Doch muss ich gestehen, dass ich trotz der Tatsache, dass ich die Schauspielerriege LIEFERS, PRAHL, GROßMANN sowie URSPRUCH mag, fand ich das Thema stark überzeichnet und in 90 Minuten zäh hineingepresst. Dass ein Mensch zwischen Leben und Tod offensichtlich noch mehrfach die Seiten wechselt, mag ja sein – das hätte man noch glauben können, sofern dieser ‚Zwischenzustand‘ höchtesns 15 Sendeminuten in Anspruch genommen hätte. Dass die Dialoge ausgehen und die Genialität dieses… Mehr

Iso
24 Tage her

Der Tatort ist uns viel zu oft zur Propaganda verkommen, so dass wir sowas nicht mehr in Erwägung ziehen zu gucken. Liest sich sowieso ziemlich weit hergeholt. Rempelei, nichts von der Injektion gemerkt, Autounfall trotzdem überlebt….?? Ach nee, eigentlich müsste man uns die GEZ seit Schröder/Fischer und Merkel komplett zurückzahlen.

John Farson
24 Tage her

Wirklich erstaunlich finde ich nur das es offenbar viele Menschen gibt die sich so etwas wie den Tatort noch ansehen.
Ich lese sogar immer wieder derartige Kolumnen und jedes Mal wundere ich mich. Mir fehlt inzwischen jeder Bezug zu deutschen Produktionen, im Allgemeinen. Und vom Staatsfernsehen im Besonderen.
Deutsches Mimenspiel erinnert eher an hölzernes Theater, die Inszenierungen an vergangene Jahrzehnte, genau wie die Drehbücher. All dem kann ich nichts abgewinnen.
Noch schlimmer ist der Gedanke das dies die Essenz von 8 Mrd. ist.

FionaMUC
24 Tage her

Also Münster-Tatort in allen Ehren, aber dies hier war kompletter Blödsinn. Alles an den haaren herbeigezogen, lahm und langweilig in Szene gesetzt. Kein Vergleich mit taffen US-Filmen, wo alles erstens schneller geht, zweitens dieser deprimiert-zynische Misantropiker-Unterton völlig fehlt, der leider auch hier alles unangenehm übertönte. Penetranter deutscher Nörgelton wird auch in er Vorhölle nicht netter. Nach 20 Minuten waren wir weg.

Sabine M
24 Tage her

Ich muss leider verbessern, Alberich heisst eigentlich „ChrisTine“ Urspruch.

Ansonsten fand ich den Muenster Tatort genial. Die anderen Tatorte mit ihren moralisierenden Zeigefingern und den demensprechenden Drehbuechern, was nun alles diskriminierend und rassistisch zu verbannen ist, koennen die sich in die Haare schmieren.

Ich gucke nur noch Thiel und Boerne und hoffe da kommen noch mehr.