Hermann Hesse: Winterbrief aus dem Süden 1920

Der Erste Weltkrieg, den die Briten den Großen Krieg nennen, war kaum vorbei, die gewaltigen Umwälzungen begannen erst, da schrieb Hesse diesen Brief. Er regt zum Nachdenken an.

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Ja, im Sommer war es hier anders. Da saßen die Landsleute, welche die eleganten Hotels von Lugano füllen, beklommen in den kleinen Schattenkreisen der Platanen am See und dachten bekümmert an Ostende, während. unsereiner mit einem Stück Brot im Rucksack den herrlichen Sommer genoß. Und wie liefen damals die glühenden Tage weg, wie waren sie flüchtig und vergänglich!

Immerhin, auch jetzt noch gibt es Sonne hier, und auch jetzt noch sind wir bei ihr zu Gast. Ich schreibe diese Zeilen an einem der letzten Dezembertage, vormittags elf Uhr, im dürren Laub an einer windgeschützten Waldecke an die Sonne gestreckt. Das dauert so bis drei Uhr, auch vier Uhr, aber dann wird es kalt, die Berge hüllen sich in Lila, der Himmel wird so dünn und hell wie nur im Winter hier, und man friert elend, man muß Holz in den Kamin stecken und ist für den Rest des Tages an den Quadratmeter vor der Kaminöffnung gebannt. Man geht früh zu Bett und steht spät auf. Aber diese Mittagsstunden an sonnigen Tagen, die hat man doch, die gehören uns, da heizt die Sonne für uns, da liegen wir im Gras und Laub und hören dem winterlichen Rascheln zu, sehen an den nahen Bergen weiße Schneerinnen niederlaufen, und manchmal findet sich im Heidekraut und welken Kastanienlaub auch noch ein wenig Leben, eine kleine verschlafene Schlange, ein Igel. Auch liegen da und dort noch letzte Kastanien unter den Bäumen, die steckt man zu sich und legt sie am Abend ins Kaminfeuer.

Jenen Schiebern, die im ‚Sommer so bekümmert an Ostende dachten, scheint es recht gut zu gehen. Das Blatt hat sich gewendet, jetzt sind sie obenauf. Ich hatte neulich Gelegenheit, mir das ein wenig anzusehen. Ich war in eines der großen Hotels zum Mittagessen geladen.

Also ich kam in das große Hotel. Es war herrlich. Ich zog meinen besten Anzug an, meine Wirtin hatte mir schon tags zuvor das kleine Loch im Knie mit etwas blauer Wolle zugestochen. Ich sah gut aus und wurde tatsächlich vom Portier ohne Schwierigkeiten eingelassen. Durch gläserne lautlose Flügeltüren floß man sanft in eine riesige Halle wie in ein luxuriöses Aquarium, da standen tiefe, ernste Sessel aus Leder und aus Samt, und der ganze riesige Raum war geheizt, wohlig warm geheizt, man trat in eine Atmosphäre wie einst im Galle Face auf Ceylon. In den Sesseln da und dort saßen gutgekleidete Schieber mit ihren Gattinnen. Was taten sie? Sie hielten die europäische Kultur aufrecht. In der Tat,  hier war sie noch vorhanden, diese zerstörte, vielbeweinte Kultur mit Klubsesseln, Importzigarren, unterwürfigen Kellnern, überheizten Räumen, Palmen, gebügelten Hosenfalten, Nackenscheiteln, sogar Monokeln. Alles war noch da, und vom Wiedersehen ergriffen wischte ich mir die Augen. Freundlich lächelnd betrachteten mich die Schieber, sie haben das schon gelernt, unsereinem gerecht zu werden. In der Miene, mit der sie mich betrachteten, war Lächeln und leiser Spott sehr diskret mit Artigkeit, Schonung, sogar Anerkennung gemischt. Ich besann mich, wo ich diesen seltsamen Blick schon einmal gesehen habe? Richtig, ich fand es wieder. Diesen Blick, mit dem der Kriegsgewinner das Kriegsopfer betrachtet;‘ hatte ich während des Krieges in Deutschland oft gesehen. Es war der Blick, mit dem damals die Kommerzienrätin auf der Straße den verwundeten Soldaten betrachtete. Halb sagte er «Armer Teufel!», halb sagte er «Held!», Halb war er überlegen, halb war er scheu.

Mit der Heiterkeit und dem guten Gewissen des Besiegten betrachtete ich mir die Reihen der Schieber. Sie sahen prächtig aus, besonders die Damen. Man dachte an prähistorische Zeiten, an Zeiten vor 1914, wo wir alle diesen elegant-saturierten Zustand für den selbstverständlichen und einzig wünschenswerten hielten.

Mein Gastgeber war noch nicht erschienen. So näherte ich mich einem der Schieber, um ein wenig zu plaudern. «Grüß Gott, Schieber», sagte ich. «Wie geht’s?»

«Oh, recht gut, nur ein wenig langweilig zuzeiten.

Manchmal könnte ich Sie beneiden mit Ihrem blauen Flicken auf dem Knie. Sie sehen aus wie ein Mann, der nichts von Langeweile weiß.»

«Ganz richtig. Ich habe unheimlich viel zu tun, da vergeht die Zeit schnell. Jeder hat eben seine Rolle.»

«Wie meinen Sie das?»

«Nun, ich bin Arbeiter, und Sie sind Schieber. Ich produziere, und Sie telephonieren. Letzteres bringt mehr Geld ein. Dafür ist das Produzieren weit lustiger. Gedichte zu machen oder Bilder zu malen ist ein Genuß; wissen Sie, eigentlich ist es gemein, dafür auch noch Geld zu verlangen. Ihr Beruf ist, angebotene Waren mit hundert Prozent Aufschlag weiter anzubieten. Das ist gewiß weniger beglückend.»

«Ach Sie! Sie haben immer so etwas Mokantes, wenn Sie mit mir reden. Geben Sie nur zu, Männeken, im Grunde beneiden Sie uns sehr, Sie mit Ihren geflickten Hosen!»

«Gewiß», sagte ich, «ich bin oft neidisch. Wenn ich gerade Hunger habe und sehe euch hinterm Schaufenster Pasteten fressen, dann beneide ich euch. Ich halte viel von Pasteten. Aber sehen Sie, kein Genuß ist so flüchtig, ist so lächerlich vergänglich wie der des Essens. Und so ist es im Grunde auch mit den schönen Kleidern, den Ringen und Broschen, den ganzen Hosen! Es macht ja Spaß, einen schönen neuen Anzug anzuziehen. Aber ich zweifle, ob dieser Anzug Sie den ganzen Tag beschäftigt, erfreut und beglückt. Ich glaube, ihr denkt oft ganze Tage lang an eure Bügelfalten und Brillantknöpfe gerade sowenig wie ich an mein geflicktes Knie. Nicht? Also was habt ihr schon davon? Die Heizung allerdings, um die sind Sie zu beneiden. Aber wenn die Sonne scheint, auch jetzt im Winter, weiß ich eine Stelle bei Montagnola, zwischen zwei Felsen, da ist es dann so windstill und so warm wie hier in Ihrem Hotel und viel bessere Gesellschaft, und kostet nichts. Oft findet man sogar noch eine Kastanie unterm Laub, die man essen kann.»

«Na, mag sein. Aber wollen Sie davon leben?»

«Ich lebe davon, daß ich produziere, daß ich Werte in die Welt setze, seien es noch so kleine. Ich mache zum Beispiel Aquarelle, ich wüßte niemand, der hübschere macht. Man kann von mir für eine Kleinigkeit Gedichtmanuskripte kaufen, die ich selber mit farbigen Zeichnungen schmücke. Ein Schieber kann nichts Klügeres tun, als solche Sachen kaufen. Wenn ich übers Jahr tot bin, sind sie das Dreifache wert.»

Ich hatte es im Scherz gesagt. Aber den Schieber ergriff die Angst, daß ich Geld von ihm haben wolle. Er wurde zerstreut, hustete viel und entdeckte plötzlich am fernsten Ende des Saals einen Bekannten, den er begrüßen mußte.

Liebe Freunde in Berlin, erspart es mir, das Mittagessen zu schildern, das ich nun mit meinem Gastgeber genoß! Weiß und gläsern leuchtete der Speisesaal, und wie hübsch wurde serviert; wie gut aß man, und was für Weine! Ich schweige davon. Es war ergreifend, die Schieber essen zu sehen. Sie legten Wert auf Haltung, sie beherrschten sich schön. Sie aßen die delikatesten Bissen mit Gesichtern voll ernster Pflichterfüllung, ja lässiger Verächtlichkeit, sie schenkten sich Gläser aus alten Burgunderflaschen voll mit gelassenen und etwas leidenden Mienen, als nähmen sie Medizin. Ich wünschte ihnen dies und jenes, während ich zusah. Eine Semmel und einen Apfel steckte ich mir ein, für den Abend.

Ihr fragt, warum ich denn nicht nach Berlin komme?

Ja, es ist eigentlich komisch. Aber es gefällt mir tatsächlich hier besser. Und ich bin so eigensinnig. Nein, ich will nicht nach Berlin und nicht nach München, die Berge sind mir dort am Abend zu wenig rosig, und es würde mir dies und jenes fehlen.

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Kommentare ( 35 )

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Lugano – das praktisch um die Ecke liegt von da, wo ich wohne – ist leider nicht mehr so schön wie früher. Der schweizer Beton-Fetischismus hat sein Werk getan, wie fast überall. Aber einige Kilometer weiter, auf kleinen Strassen ins Italienische, ist es noch traumhaft. -Ich habe Hesse schon als Schüler wegen seines „Glasperlenspiels“ bewundert. Eine abgehobene, nur um sich selbst kreisende, unproduktive Elite ergeht sich in leeren Ritualen. Das war schon mein Gefühl in den 60iger und 70iger Jahren des letzten Jahrhunderts, und es war nur die Fortsetzung dessen, was zu Hesses Zeiten schon im Ansatz zu beobachten war.… Mehr

Hesse und Mann, Nobelpreistraeger und literarische Leitkultur, so wie ich sie mir vorstelle. Gerade in diesen Zeiten wieder sehr lesenswert der Briefwechsel Hesse – Mann, verlegt bei Suhrkamp. Insbesondere Hesse hat mir schon oft – schmunzelnd – gezeigt, wie schoen das einfache Leben sein kann. So ziemlich alles, was die beiden Groessen uns in der Klugheit und Schoenheit der Worte hinterlassen haben, werden mich lebenslang begleiden.

Zwei Nobelpreisträger, auf die mir „Leitkultur“ vermitteln. Wir haben viele Größen, die sich in unser Herz geschrieben haben und Orientierungshilfe geben können. Ich empfehle den Briefwechsel Hesse – Mann, 141 Briefe, verlegt bei Suhrkamp 1999.
Danke für diese literarische Atempause in diesen wirren Zeiten.

Wie wär`s, wenn Ihr Hesse-Liebhaber hier Euch auch mal mit dem beschäftigt, was Hesse-Kritiker zu sagen haben?

Erinnert sei hier an das Buch “ Kitsch, Konvenntion und Kunst“ von Karheinz Deschner, der sonst nur als Kirchenkritiker bekannt ist.
Er analysiert seinen Schreibstil und hält ihn für einen Kitschier . Auch zitiert er Stellen von Hesse-Texten, in denen Hesse über sein Geschriebenes selber so urteilt: Im Grund war der ganze Tand gestohlen.

Die Briefe Sammlungen von Hermann Hesse sind immer ein Quell der Erbauung. Leider war das erste Buch, das ich von ihm las in sehr jungen Jahren -Der Steppenwolf-. Ich Verstand gar nichts. Jahre später dann drückte mir eine Freundin, sie promovierte gerade in Frankfurt Bockenheim in Biologie und war ein paar Jahre älter als ich und um einiges gescheiter als ich, den Siddhartha von Hesse in die Hand. Sie meint, das wird dir gefallen. Ich las das Buch in einem Rutsch. Ich dachte, das ist wie eine Biografie über mein bisheriges Leben. Ich war gerade von einer längeren Asienreise zurück.… Mehr
Ein Schieber sorgt doch dafür, daß besonders knappe Ware (zwangsläufig dann teurer) an den Verbraucher kommt. Im Grunde ist er ein Händler, der den Warenaustausch überhaupt erst ermöglicht und sich immer überlegen muß, ob und wo er etwas zu verschenken hat. In Deutschland gibt es den Schieber derzeit nicht. Das Land verschenkt lieber im Milliardenumfang eigene Güter an hunderttausende Okkupanten und tauscht dafür das hohe moralischen Selbstgefühl ein; sozusagen ein Hesse in Millionenausfertigung. – Hesse hat gewiß bessere Texte geschrieben als den ressentimentgeladenen und hochmütigen hier abgedruckten, der außer Moralisieren und ökonomischer Ahnungslosigkeit eigentlich nur einen neu erzählten Fabel-Fuchs zu… Mehr
Ja, der böse Händler und der gute Arbeiter! Das liest sich doch immer gern! Aber es ist genau dieses kleinbürgerliche und auch künstlerische Ressentiment, das die Nazis und die Kommunisten hervorgebracht hat. Dass Hermann Hesse im Jahre 1919 so empfunden hat, wundert nicht, aber das jetzt wieder hervorkramen? Nach dem beispiellosen Aufstieg Deutschlands durch das Wirtschaftswunder der deutschen Marktwirtschaft, nach der ebenfalls beispiellosen enormen Zurückdrängung von Hunger, Armut, Krankheit, Analphabetismus usw., die die weltweite Marktwirtschaft bewirkt hat, sollten wir wissen, was wir alle den hier als „Schiebern“ verunglimpften Unternehmern zu verdanken haben. – Es ist wirklich traurig, diesen Rückfall in… Mehr

Überholte Ressentiments, ts-ts. Heute haben wir schließlich keine Sentiments oder nur Vorwärtssentiments, nicht wahr? Ach was sage ich. … Aufwärtssentiments!Warten Sie nur noch eine kleine Weile, dann werden Sie Ressentiments haben, wenn vielleicht Ihre gut funktionierende, post…..ische Welt zusammenbricht, wie jene von vor 1914 den damaligen Menschen zusammenbrach.

Die „Schieber“ bei Hesse sind keine Unternehmer, sondern Schieber.

Schieber im Sinne von Hesse sind z. B. gestresste Faulenzer. „Leere Langweiler“. Nichts im Hirrrrn. Produktiv nur auf Kosten anderer. Nullen schieben Nullen. Hesse lebt, arbeitet und versucht anzuregen, dass ein gesunder Muessiggang
oft wesentlich produktiver ist als „Broetchen verdienen“.

Auch Schieber betreiben ein Unternehmen 🙂

Und das diente damals der Volkswirtschaft sicherlich mehr, als das Herum-Liegen in der Mittagssonne.

Schieber – sind das nicht die Fabrikanten von Rechen- und Schneeschiebern?
Die sind doch sehr nützlich für unser Land, in dem wir gut und gerne leben.
Leider hat die Digitalisierung mittlerweile die Rechenschieber überflüssig gemacht, was man von Schneeschiebern wiederum nicht behaupten kann.
Vielleicht schafft das die heraufbeschworene Klimaerwärmung in Zukunft.

hierzu auch paßt auch „Das Gastmahl des Trimalchio“ von Titus Petronius Arbiter

Ein schöner und treffender Blick in eine marode und dekadente Welt. Hätte auch ein Bericht vom Bundespresseball sein können.
http://www.tagesspiegel.de/mediacenter/fotostrecken/berlin/bundespresseball-2017-die-hauptstadt-tanzt/20629958.html
Wie sich die Bilder gleichen, wie sie sich selbst feiern und glauben, die Welt drehe sich nur um sie.