Péter Nádas – Im Maschinenraum des Menschlichen

Er gehört zu den großen Figuren des Kosmopolitismus in der europäischen Literatur. Immer wieder schließt das erzählerische Werk von Péter Nádas Rückblicke auf das Europa seiner Herkunft, auf Krieg und Vernichtung ein. Nicht minder imposant schildert er die Diktatur nach dem Zweiten Weltkrieg. Von Uwe Tellkamp

Der Roman „Parallelgeschichten“ (2012) von Péter Nádas, eines der größten Werke der Literatur, besteht aus drei Büchern mit insgesamt 1724 Seiten, die das 20. Jahrhundert anhand einer ungarischen und einer deutschen Familie erkunden – ohne überschaubare Gesamtgeschichte, ein offener Erzählstrom, der mit einem Ende beginnt und, in sich kreisend, vor- und zurückmäandernd, immer wieder anfängt, Hauptadern mit abzweigenden Nebenflüßen bildet, die sich – scheinbar – im Nichts verlieren, bis man sie, manchmal nach Hunderten Seiten, wieder aufschimmern sieht. Das Ganze ist unergründlich, die Einzelheiten leuchten wie Lebenslichter in einem immerwährenden Dunkel. Die Figuren sind bis ins Kleinste ausgearbeitet und so plastisch, daß man glaubt, ihren Atem zu spüren, daß sie in der Imagination real werden.

Protagonisten im ersten Buch sind der Spion Ágost Lippay-Lehr und die elternlos aufgewachsene Kindergärtnerin Gyöngyvér Mózes, die eine von Haß durchtränkte Liebesbeziehung führen, und der Student Carl Döhring, der kurz nach dem Mauerfall im Berliner Tiergarten eine Leiche findet.

An einem stürmisch-naßkalten Tag steigt der Hausmeister die Treppen eines ehemals herrschaftlichen Hauses am Budapester Theresienring hinauf, macht sich Gedanken über die Bewohner, registriert die Schäden an der Bausubstanz, an Dach und Fensterscheiben, die im Sozialismus nicht zu bekommen sind. In der Wohnung der Lippay-Lehrs schrillt unablässig das Telefon. Kristóf Demén, ein Alter Ego des Autors, steht am Fenster, nebenan denkt Gyöngyvér, nach einer Nacht mit Ágost, über Kristóf nach, das Stubenmädchen versucht den Ofen anzuheizen, im Bad wird Ágosts Mutter Erna immer wütender, weil niemand ans Telefon geht, bis sich das Stubenmädchen erbarmt und erfährt, daß der Hausherr, Professor Lehr, der einst mit den ungarischen Faschisten sympathisierte, später den Kommunisten nahestand, im Kutvölgyi-Krankenhaus im Sterben liegt. Dorthin wird Erna Lehr von Gyöngyvér begleitet; das Auto, mit Bellardi am Steuer, der im zweiten Teil des Buchs näher beleuchtet wird, fährt durch den ganzen Roman, wird zu einer Kapsel für die Erinnerungs- und Beziehungsgeflechte zwischen den drei Fahrgästen.

Geschichte trifft auf die Erfahrungen des Körpers, sein mit Schmerz und Lust verbundenes Nahgebiet. Der Körper setzt den Verheißungen die irdische Grenze, Ausgang und Mündung, von ihm stammt die Asche, die als Geschichte zurückbleibt. Der ungarische Nationalfeiertag gerät im Jahr 1961 aus den Fugen, Nádas geht in die Zeit des Aufstands 1956 zurück, ins Dritte Reich, nach vorn in die Zeit des Mauerfalls.

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Unvergeßlich das Kapitel „Es reißt alles auf“ mit den Hungerszenen im sowjetisch besetzten Budapest. In der Bäckerei Glázner werden Brote im Akkord gebacken, Kristóf Demén folgt einer Frau mit verbranntem Gesicht, das sie mit Tüchern schützt, beobachtet die Menschen, die fast besinnungslos vor Hunger, aufeinander wie Geier eifersüchtig, in der Warteschlange stehen, rechnet sich aus, wann er dem Takt der Brotausreichungen zufolge an der Reihe sein wird, wenn nicht vorher einer aus der Bäckerei tritt und ruft, das Mehl sei alle, man könne nach Hause gehen.

Parallelhandlungen blenden ins Dritte Reich, an den Mittagstisch des nach Otmar von Verschuer gezeichneten Wissenschaftlers von der Schuer, der an seinem Institut rassehygienische Forschung betreibt. Die Dichte und Präsenz, die schiere Suggestionskraft dieser Szene kann es ohne weiteres mit den berühmtesten Beispielen der Weltliteratur aufnehmen, etwa dem Musikabend bei den Verdurins in Prousts „Recherche“. Bewundernswert, wie Nádas die Tiefenauslotung der Figuren betreibt, Beziehungen über Blickachsen herstellt, Erotik an der Grenze zum Grauen schwelt.

Das Körperliche birgt die Glut, die alles durchfrißt. Zwischen Ágost und Gyöngyvér kommt es, wie es in einigen Kritiken heißt, zum „längsten Geschlechtsverkehr der Literaturgeschichte“, hier, zum ersten Mal in den „Parallelgeschichten“, ermüdet die Hand des Meisters, wühlt in Wiederholungen, wird mechanisch, obwohl die Szene immer wieder von einer anderen durchbrochen wird, in der drei Frauen einander im Geräusch sich nähernder und voneinander entfernender Donauschlepper belauern.

Unvergleichliche Suggestivität

Die Suggestivität dieser Schilderung ist ohne Vergleich in der gegenwärtigen mir bekannten Literatur. Und selbst in den gefährdetsten Passagen  – Sex, Konzentrationslager – stürzt die Kunst dieses Schriftstellers nicht vom Grat über den Abgründen Kolportage und Klischee. Nádas’ Sprache ist in den „Parallelgeschichten“ ganz einfach, kein einziger Satz bereitet, auf der Leseebene, Mühe, und doch ist diese Einfachheit die eines Ziegels in einem komplexen Bau: „Er hatte keinen Humor, ohne den man aber Sadismus nicht verstehen kann.“

Es geht um die grundsätzlichen Fragen: Wer sind wir, was tun wir hier, was ist der Sinn? Der Fächer, den das ganze Leben schlägt, vereint Hohes und Niedriges, Alltag und Ausnahmezustand, die Fülle der Eindrücke in ihrer Gleichzeitigkeit, sein Zentrum ist der unendliche Augenblick.

Im zweiten Buch stehen Madzar, Architekt, und Frau Szemzö, Therapeutin und Gyöngyvérs Zimmerwirtin, im Mittelpunkt, dazu als Ich-Erzähler der sexuell unsichere Kristóf, der in der Nacht auf der Margareteninsel, einem stadtbekannten Schwulentreffpunkt, den Riesen und seinen Gehilfen kennenlernt. Fülle der Eindrücke, des Erzählens: die Schiffsreise Madzars nach Mohács, den Ort seiner Kindheit, Gerüche, Farben, Ufer- und Stromlinien der Donau, die Madzar als Passagier des Dampfers „Carolina“, dessen Kapitän sein Schulfreund Bellardi ist, wahrnimmt; das Kapitel „Imprägnierte Schwellen“, in dem Madzar den Holzhändler Gottlieb besucht, den er aus der Kindheit kennt.

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Gottlieb hat Eisenbahnschwellen im Vorrat, und wie nun die beiden die Schwellen mustern (Madzar will mit dem Holz Frau Szemzös Praxis einrichten), Madzar die violettschwarzen Balken bewundert, auf Wasserschäden untersucht, keine finden kann, obwohl „dieses Material ab Veröce bestimmt im Wasser gereist“ ist, wie er sich Gedanken über das Imprägniermittel macht, das er nicht kennt, das auch der Holzhändler nicht kennt; es sind besondere Schwellen, die Maße weisen auf eine Nebenstrecke, auch sind sie so geschnitten, dass sie schwerere Lasten als üblich ertragen. Gottlieb hat seinen Hut vergessen, schleicht sich, von Scham gepeinigt, nach Hause, wo ihn seine verrückt gewordene Frau erwartet, die ihm einmal in der Woche Leber brät, aber nicht durchbrät, die Leber ist noch blutig, was für ihn, den gläubigen Juden, einem Sakrileg gleichkommt.

Er liest, während die Frau keift und wütet, in einem Gebetbuch, macht sich Gedanken über seine Kinder, liest über einen Düsseldorfer Rabbi und ein Pogrom. „Er verstand den Allmächtigen nicht, warum bestellte er wildfremde Menschen einander an die Seite.“

Eine Lichtregie, die alles ins Jenseitige taucht, die genauen, scheinbar nebensächlich und wie hingetupft plazierten Bilder: der aufgeregte, die Katze spürende Gartenrotschwanz, die mit blütenweißen Hemden bekleideten serbischen Zigeuner, die unruhige Pferde von einer Fähre ans Ufer der abendlichen Donau führen.

Zu Beginn des dritten Buchs ist Madzar in Mohács, auf den „sonnengepeitschten Straßen der Kindheit“, schreinert für Frau Szemzö, die er begehrt, Möbel aus den bei Gottlieb erworbenen Schwellen. Sie kommt auf einen Besuch. Wie Nádas das Spiel aus Anziehung, Abstoßung, Schweigen, verpaßten Augenblicken, Mißverstehen inszeniert, eingestreut Seitenblicke zu Ágost und anderen Figuren des Romans, ist stärkstes Erzählen, von verzweifelter Komik durchschwirrt; darin wie eine Scherbe die Erinnerung an Gottliebs Sohn, der auf einem Baum saß und las  – um ihn zu ärgern, bewarfen ihn Bellardi und Madzar mit Steinen, bis eine Horde Jungen auftauchte. Beiläufig wird der Tod des Gottlieb-Sohns erwähnt, die Schuld, die Versündigung an diesem Leben.

Die Begegnung zwischen Madzar und Frau Szemzö geht gründlich schief, sie reist mit Mann und Söhnen an, das von Madzars Mutter vorbereitete Essen bleibt unberührt. Madzar will alles kurz und klein schlagen. Der Fluß und seine Ruhe, die eine vor den großen Veränderungen ist, man hat Angst um Madzar und Frau Szemzö, ob sie es noch rechtzeitig schaffen werden nach draußen, wo sie leben können, ob sie dem Wahnsinn entkommen können, der Europa erfassen wird. Nádas braucht nur einen Schlenker: „Jahrzehnte später“ erinnert sich Madzar an diesen Sommer.

Realität ist eine flache Landschaft, erst die Imagination durchdringt die Oberfläche. Im Maschinenraum des Menschlichen, an den Prozessen arbeitet der Erzähler, ein zweites Mal entsteht das Leben, kehrt zurück als Gegenwart der Vergangenheit. Ein kleiner Sieg gegen die alles verschlingende Zeit. Solange Bücher wie die „Parallelgeschichten“ geschrieben werden, ist die Literatur lebendig.

Péter Nádas wurde 1942 in eine jüdisch-kommunistische Familie geboren. Seit 1958 Vollwaise, studierte er zunächst Chemie und arbeitete lange Jahre als Fotograf. Ab 1965 veröffentlichte er erste Erzählungen, die ihm 1969 ein siebenjähriges Publikationsverbot einbrachten. Seit 1985 freier Schriftsteller.

Péter Nádas, Parallelgeschichten. Roman. Rowohlt, Taschenbuchausgabe, 1728 Seiten, 19,99 €.


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Kommentare ( 1 )

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Peter Pascht
1 Monat her

Tolle Rezension !!!
Allerdings ist die Frage, ob es heute noch Menschen gibt, die diese Thematik verstehen können, egal wie spannend und mitreißend sie geschrieben ist, aus einer Welt die es heute nicht mehr gibt.
Es sind die Parallen der Zeitgeschichte die sich darin wiederspieglen, in den Parallelen der Erzählung. Wer sich von Zeitgeschichte hingerissen fühlt, bestimmt ein tolles Buch.
In seiner zeitgeschichtlichen Komplexität, setzt das Buch doch eine gewisse Belesenheit und Bildung voraus, um es vollends verstehen zu können.
Aber die meisten Leser in Deutschland werden schon den Namen „Gyöngyvér“ (Djöndjiweer) gar nicht richtig lesen können und aussprechen.