In Deutschland ist Erfolg peinlich

Jedes Jahr verlassen Hunderttausende Deutsche ihr Land – oft die Besten. In „Goodbye Deutschland“ fragt der FDP-Politiker Alexander Steffen, warum. Herausgekommen ist eine Generalabrechnung mit der Politik der letzten Jahrzehnte.

Immer mehr Deutsche verlassen das Land oder ziehen einen solchen Schritt in Erwägung. Allein im Jahr 2025 haben knapp 289.000 deutsche Staatsangehörige die Bundesrepublik verlassen – so viele wie nie zuvor –, darunter viele gut ausgebildete Personen mit hohen Sprachkompetenzen und großer Leistungsbereitschaft. Für Alexander Steffen sind das genau die Menschen, die dringend benötigt würden, um das Land voranzubringen, während infolge einer fehlgesteuerten Migrationspolitik im Gegenzug viele einwanderten, die nicht über diese Qualifikationen verfügten. Er ist der Meinung, dass die Migrationsdebatte in Deutschland zu einseitig geführt wird. Der öffentliche Diskurs richte sich zu sehr auf diejenigen, die kommen, und zu wenig auf diejenigen, die das Land verlassen.

Mit seinem kürzlich erschienenen Buch „Goodbye Deutschland“ will er dieser Schieflage entgegensteuern. Der Untertitel benennt sein Anliegen: „Warum die Falschen kommen und die Richtigen gehen – und weshalb immer mehr Deutsche auswandern“. Dabei richtet Steffen das Hauptaugenmerk darauf, was die Menschen für dieses Land leisten wollen und leisten können. Faktoren wie Herkunft, Hautfarbe oder Pass spielen nach eigener Aussage keine Rolle. Steffen, der selbst Sohn eines aus dem Iran eingewanderten Vaters ist, interessiert sich für die Gründe, die Leistungsträger dazu bewegen, ihr Glück woanders zu suchen. Basierend auf seiner Analyse stellt er auch Maßnahmen vor, die ergriffen werden müssten, damit die Bundesrepublik Deutschland wieder attraktiver für sie wird und am Ende die „Starken“ bleiben. Dies ist die primäre Zielrichtung. Allerdings lässt sich das Buch unter mehreren Blickwinkeln lesen.

Warum gehen die Menschen?

Wie Steffen selbst schreibt, hat er davon abgesehen, eine Studie in Auftrag zu geben. Bei seiner Analyse stützt er sich stattdessen auf Erfahrungsberichte und Überlegungen vorwiegend jüngerer Menschen, die sich für eine Auswanderung entschieden haben oder diesen Schritt zumindest in Erwägung ziehen. Dieser Ansatz verleiht seinem Buch einen authentischen, originellen Charakter, auch wenn Einzelstimmen naturgemäß kein repräsentatives Bild liefern.

Steffen berichtet beispielsweise von Alexander, der über ein Sportstipendium in die USA kam und sich dort ein eigenes Leben aufbaute. Ausschlaggebend war für ihn nach eigenen Worten, dass Leistung und Vorankommen in den USA nicht so argwöhnisch beäugt werden wie in Deutschland. Alexander sagt dazu: „In den USA habe ich zum ersten Mal erlebt, dass Erfolg nicht peinlich ist.“ Ähnlich äußern sich auch die übrigen Gesprächspartner. Es sind nicht unbedingt die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wie etwa niedrigere Steuern, die im Vordergrund stehen.

Deutlich wird auch, dass die Auswanderer die negativen Seiten ihrer neuen Heimat durchaus sehen. Trotzdem dominiert oft der Wunsch nach einem wirtschaftlichen Aufstieg – auch wenn er mit Risiken verbunden ist – und danach, in einer offenen, freiheitlichen Atmosphäre etwas aufzubauen.

Tichys Lieblingsbuch der Woche
„Wir verlieren dieses Land“ - oder der Medienkrieg
Ausgehend von diesen ausgewählten Einzelschicksalen beschreibt Steffen, was aus seiner Sicht in den letzten Jahrzehnten in der Bundesrepublik schiefgelaufen ist. Damit eröffnet sich ein zweiter Blickwinkel auf das Buch: Neben der Auswanderungsthematik lässt es sich angesichts von Umfang und Schärfe der Analyse auch als Generalabrechnung mit der Politik der letzten Jahrzehnte lesen.

Der Titel des Buches hätte also auch einfach „Sanierungsfall Bundesrepublik Deutschland“ heißen können. Denn kaum ein Aspekt des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Niedergangs wird ausgeblendet. Die Kapitelüberschriften des zweiten Teils legen beredtes Zeugnis ab: „Leistung lohnt sich immer weniger“, „Der Staat liefert nicht mehr“, „Erfolg ist kein Verbrechen“, „Man muss aufpassen, was man sagt“, „Wenn das eigene Land fremd wird“, „Die innere Kündigung“.

Dabei geht es natürlich um Aspekte wie die ausufernde Steuerlast und die explodierende Staatsquote, die bröckelnde bzw. desolate (digitale) Infrastruktur des Landes, das Gefühl, im eigenen Land fremd zu werden, und explodierende Kriminalitätsraten. All dies führe nach Steffen zur inneren Abkehr von diesem Land: „Die Leute verstehen nicht mehr, warum sie es weiter mittragen sollen. Sie erleben einen Staat, der teuer ist und trotzdem langsam, der bei der Migration große Zahlen produziert und sie zugleich kleinredet, der von Freiheit spricht und beim Widerspruch zusammenzuckt.“ (S. 117 f.)

Hoffnung für die FDP?

Steffen belässt es nicht bei der Benennung der Probleme. Er unterbreitet auch Lösungsansätze, wenngleich ihnen gelegentlich die letzte Klarheit fehlt. So fordert er unter anderem eine deutlichere Kommunikation („Schluss mit der Floskelrepublik“), einen spürbaren Abbau der Bürokratie, die die Unternehmen belastet, eine realistische Haltung und Reform der Migrationspolitik sowie das Ende der staatlichen Finanzierung von NGOs.

Damit ist die dritte Lesart erreicht: Das Buch lässt sich auch als Manifest der Erneuerung für eine FDP lesen, die selbst zum Sanierungsfall geworden ist. Steffen ist FDP-Abgeordneter im Landtag von Nordrhein-Westfalen, stellvertretender Vorsitzender der FDP in diesem Bundesland und für viele ein Hoffnungsträger. Man könnte nun die Achseln zucken und sagen, dass es dafür bereits zu spät ist. Schließlich ist die Partei nur noch in vier Landtagen vertreten, und ihr ist nicht einmal in ihrem Stammland Baden-Württemberg der Wiedereinzug in den Landtag gelungen. Die Entwicklung der FDP ähnelt in vielerlei Hinsicht der der CDU. Beide sind in den Augen der Wähler zu sehr nach links gerutscht und haben damit den Großteil ihrer Kernwählerschaft vergrault.

Während sich bei der CDU die Frage stellt, ob zwischen den Grünen und einer AfD, die gewissermaßen ihre frühere Position besetzt hat, überhaupt noch Raum für sie bleibt, gäbe es in einer neu geordneten Parteienlandschaft durchaus Bedarf an einer Partei, die klassische (wirtschafts-)liberale Werte vertritt. Folgt die FDP den Thesen Alexander Steffens, könnte sie diese Partei sein. Sein Programm, das sich stark an den Lehren der Österreichischen Schule orientiert, böte jedenfalls eine gute Grundlage dafür. Die Frage ist allerdings, ob ein solcher Kurs, der die FDP wieder relevant machen könnte, mit Leuten wie Vogel, Buschmann, Kuhle und Strack-Zimmermann umsetzbar ist. Es wäre wohl ein erheblicher Aderlass erforderlich, bevor es wieder aufwärtsgeht.

Hiermit kommen wir zur letzten Perspektive, unter der das Buch betrachtet werden kann. Es ist die persönliche Perspektive des Autors selbst. Wegen seiner mutigen, ausgesprochen liberalen Haltung wird Alexander Steffen stark angefeindet. Im Zuge seiner openPetition, die er zusammen mit dem ehemaligen FDP-Bundestagsabgeordneten Jens Teutrine zur Abschaffung des Zwangsbeitrags für den ÖRR gestartet hatte, diffamierten ihn manche als rechts und rückten ihn in die Nähe der AfD – nicht um sich mit seinen Argumenten auseinanderzusetzen, sondern um ihn hinter die Brandmauer zu verbannen. Dies folgt einem größeren Muster: Ultralinke zählen Liberale und Libertäre zum extrem rechten Spektrum, das entsprechend bekämpft werden muss – so wie Linke jeden bekämpfen, der die Brandmauer zur AfD in Zweifel zieht. Man denke nur an die Proteste gegen liberale Organisationen wie die Hayek-Gesellschaft und das Ludwig-von-Mises-Institut.

Goodbye Brandmauer?

Hier liegt der springende Punkt: Mit den links von der CDU angesiedelten Parteien wird die FDP niemals irgendeine von Steffens Forderungen durchsetzen können – insbesondere nicht in Fragen der Migrationspolitik, der Redefreiheit und der Deindustrialisierung. Nüchtern ist daher zu konstatieren, dass die einzig verbliebene Überlebensstrategie für die FDP – die Stärkung einer wirklich liberalen Grundhaltung – zwangsläufig mit dem Abbruch der Brandmauer verbunden sein muss. Nur so kann sie die Wähler davon überzeugen, dass eine Stimme für die FDP keine vergeudete Stimme ist. Genau dies will das linke Spektrum verhindern, denn nur durch die Aufrechterhaltung der Brandmauer kann es den politischen Diskurs weiterhin dominieren.

Der Leser erfährt nicht, wie Steffen zu dieser Frage steht. Die AfD behandelt er nur am Rande, er bemüht sich jedoch um eine faire Perspektive. Im Zusammenhang mit den Grenzkontrollen, die die AfD lange gefordert hatte und die dann – wenn auch in abgewandelter Form – umgesetzt wurden, schreibt er: „Die demokratische Mitte hat manche legitime Frage so lange moralisch abgewehrt, bis sie von denen besetzt wurde, denen man sie dann vorwarf.“ (S. 43) Das liest sich ganz anders als die üblichen abwertenden Parolen von Politikern innerhalb der Brandmauer.

Tichys Lieblingsbuch der Woche
Reise durch Fremdland
Ferner vermeidet er es, bestimmte, von links stark angefeindete Literatur zu zitieren – etwa das gut recherchierte Buch von Frank Urbaniok über die Schattenseiten der Migration, was bei der Diskussion der Gewaltkriminalität durchaus nahegelegen hätte. Man darf vermuten, dass dies nicht zufällig geschieht, wenn man weiß, welche Macht die links-grüne Meinungselite durch die Brandmauer und die Besetzung des vorpolitischen Raums erlangt hat und welchen Druck sie auf Politiker wie Steffen ausüben kann.

Mit dem jüngsten Erstarken der AfD und der Übernahme mancher ihrer Positionen durch die aktuelle Regierung in der Migrationspolitik stehen wir jedoch an einem Wendepunkt in der Entwicklung dieses Landes – und vielleicht auch in der Rolle, die mutige Politiker wie Alexander Steffen künftig einnehmen werden. Insofern kommt das Buch zu einem idealen Zeitpunkt. Es ist sehr lesenswert – auch wenn man nicht darauf wetten mag, dass es seiner FDP wieder Leben einhauchen wird.

Alexander Steffen. Goodbye Deutschland. Warum die Falschen kommen und die Richtigen gehen – und weshalb immer mehr Deutsche auswandern. Deutscher Wirtschaftsbuch Verlag, 208 Seiten, 20,00 €


Mit Ihrem Einkauf im TE-Shop unterstützen Sie den unabhängigen Journalismus von Tichys Einblick! Dafür unseren herzlichen Dank!!>>>

 

Unterstützung
oder €

Kommentare ( 0 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

0 Comments
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen