Gibt es ein Paradies für Faktenchecker, war diese Sendung ihre Hölle. Jede Mange abstruse Aussagen und Fehlinformationen, und niemand wird sie korrigieren dürfen. Denn es haben ja die Guten gesagt, die Vertreter der unendlichen Meinungsfreiheit und die Hüter von „UnsereDemokratie“ (TM). Von Brunhilde Plog
Screenprint: ZDF / Markus Lanz
Bereits bei Punkt eins – unser tägliches Trump-Bashing gib uns heute – legt die Sendung eine abstruse Messlatte. Im trauten Zwiegespräch mit seinem Freund, US-Korrespondent Elmar Theveßen – lästert Lanz, dass der amerikanische Vizepräsident JD Vance in Mailand ja mächtig ausgepfiffen worden sei. Bei der Eröffnung der Olympischen Spiele habe es lautstarke Proteste gegeben. Theveßen ergänzt noch, dass der amerikanische TV-Sender NBC sogar den Ton heruntergeregelt habe, um es zu kaschieren. „Schauen wir uns das mal an“, sagt Lanz voller Vorfreude und lässt die Szene einspielen. Aber was sieht der Zuschauer? Einen JD Vance, fähnchenschwenkend, die US-Sportler beim Einlaufen – und wenn man sich sehr bemüht und die Ohren spitzt, kann man durchaus auch ein paar Pfiffe hören.
Hmm, das war jetzt nicht so überzeugend. Lanz muss zugeben, dass es dann doch „etwas unterging“, fügt aber schnell an, er kenne Leute, die im Stadion gewesen seien und „es war ganz sicher gut zu hören“. Theveßen stimmt mit ein: Selbst das Trump-Lager sei teilweise gegen Trump: „Es gibt viele, viele, die sich schämen.“
Diese stümperhafte Inszenierung steht sinnbildlich für den Verlauf der ganzen Sendung. Es geht um das neue Grundsatzprogramm der SPD, Russlands „Dmitrijew-Paket“ in Sachen Ukraine und die Lage Europas. Und zu all dem erfährt der Zuschauer im Wesentlichen nichts Wesentliches.
Aber auch durchaus ein paar Fake-News, und das ist ja immerhin etwas.
So behauptet etwa der Militärexperte Christian Mölling, dass Deutschland bereits die Befehlsgewalt über Atombomben habe. Es geht um die in Büchel (Rheinland-Pfalz) gelagerten B61-Atombomben. Sie gehören den Vereinigten Staaten, stehen unter ständiger physischer Bewachung durch US-Personal und können nur mit US-amerikanischen Freigabecodes scharfgeschaltet werden. Der US-Präsident hat die alleinige Autorität, diese Waffen freizugeben. Mölling aber sagt: „Der Bundeskanzler hat einen von zwei Schlüsseln. Den anderen hat der amerikanische Präsident.“ Und dann: „Ich glaub’, der Unterschied ist: Könnten wir es uns vorstellen, es ohne die Amerikaner zu machen?“
Und Mölling geht noch weiter: „Es gibt ‘nen Phantomschmerz, weil wir glauben, die Amerikaner nehmen uns möglicherweise die Atombomben weg, und wir erleben auf einmal, öffentlich vorgeführt, die Fragilität dieses Landes. Und wir haben keine Antwort darauf. Wenn die Bomben heute weg sind, haben Sie morgen keine neuen. Das heißt, Sie haben erstmal eine lange Durststrecke.“
Basierend auf dieser abstrusen Situationsbeschreibung hat Mölling aber auch ein paar kluge Tipps: Man solle jetzt nicht versuchen, ein eigenes Atomprogramm zu starten. Dann werde man nämlich „zum Sklaven der Bombe“, weil man unterhalb von Nuklearwaffen keine anderen Systeme habe, mit denen man Putin Angst machen könne. Aber was soll’s: „Im Augenblick glaubt keiner, dass wir irgendjemandem Angst machen könnten.“
Bei anderen wird Mölling durchaus schlaumeierig. Etwa, als Lanz sagt: „Es ist ja ein geografischer Fakt: Russland wird immer unser großer Nachbar im Osten bleiben, da können wir uns auf den Kopf stellen, und irgendwann müssen wir mit denen wieder ins Gespräch kommen.“ Da antwortet Mölling spitzfindig: „Russland ist erstmal kein Nachbar. Wir haben keine Grenze mit Russland.“ Nur, um dann selbst wieder Aussagen zu verbreiten, die zumindest seltsam formuliert sind: Russland, so sagt er, „sieht sich im Konflikt mit uns. Es ist im Konflikt mit uns. Es trägt einen Konflikt hier in Europa auf deutschem Boden aus.“ Was genau er damit meint, bleibt unklar. Aber eine Lösung hat er trotzdem: „Wir haben einen deutschen Botschafter in Moskau. Das sind die diplomatischen Kanäle, die wir erstmal haben, und auf die würde ich mich erstmal verlassen.“
Auch Lanz kann kurios: In einer kühnen Volte verknüpft er die Aussage des Vizekanzlers Lars Klingbeil, es dürfe „keine Denkverbote“ geben, mit der Atombombenfrage. Keine Denkverbote, das gelte den doch wohl für alles, orakelt Lanz. Diese Pirouette ist sogar seinen Gästen zu wild. SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf und Podcasterin Dagmar Rosenfeld winken beide ab.
Klüssendorf soll heute die Strategie seiner Partei verteidigen – angesichts leerer Kassen „eine Aufgabe von fast biblischer Dimension“, versteigt sich Lanz. Und Rosenfeld soll Klüssendorf dabei Paroli bieten – klappt nur so mittelgut.
Klüssendorf verteidigt den Sozialismus in seinem Lauf nach besten Kräften – und man mag von den SPD-Ideen halten, was man will – er tut es immerhin auf eine offene Art. Trotz ständiger Lanz-Attacken und Unterbrechungen, die in ihrer Gehässigkeit fast sein gewohntes Anti-AfD-Igitt-und-Bäh-Niveau erreichen, bleibt der Parteistratege ruhig und sachbezogen. Er schaut seinen Gesprächspartnern in die Augen, nickt sogar mal, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er an einem echten Gedankenaustausch interessiert ist. Mit seiner Art will er gar nicht recht in die einstudierte und durchgecastete Talkshow-Szenerie passen, wie man sie von Lanz & Co. kennt.
Inhaltlich tut sich Klüssendorf schwer. Immer neue Abgaben zu verteidigen, wie sie jetzt in der SPD diskutiert werden, ist sachlich eben kaum zu verargumentieren. Sozialabgaben auf Mieteinnahmen und Kapitaleinkünfte etwa sind für ihn keine Mehreinnahmen, sondern nur eine gerechtere Verteilung bestehender Einahmen. Der kleine Mann werde gar nicht stärker belastet. Für Rosenfeld ist es dennoch eine Erhöhung der Einnahmeseite: „Das ist keine Reform“, sondern „eine Art Gesundheits-Soli“. Und überhaupt, die SPD: Bärbel Bas verteidige den Status Quo, Klingbeil stelle ihn zugleich in Frage. „Ich wage zu bezweifeln, dass die SPD in der Lage ist, so einen Widerspruch aufzulösen“, sagt Rosenfeld. Die SPD sei eine „Du darfst“-Partei. Sie erinnere an die entsprechende Margarine-Werbung aus dem vorigen Jahrtausend: „Ich will so bleiben wie ich bin.“
Wenn aber Klüssendorf vorschlägt, das Sozialsystem zu verschlanken, etwa für verschiedene Leistungen nur noch einen einzigen Ansprechpartner einzusetzen statt bisher drei, dann hat er mit Lanz seinen Endgegner. Bürokratieabbau? Nicht mit dem Südtiroler: „Wenn Sie das alles zusammenlegen, dann wird’s dadurch ja nicht billiger“, sagt Lanz. Dazu müsse man mathematisch nicht einmal besonders begabt sein, und das sei er selbst auch gar nicht.
Stimmt, das ist er ganz offenbar nicht.
Ungewollt lässt Lanz aber auch einen Satz von geradezu philosophischer Dimension ab an diesem Abend. Er echauffiert sich über Soziale Netzwerke und speziell über die Postings des US-Präsidenten. Doch man könnte es auch als Diagnose der aktuellen Medienszene verstehen – mit all ihren Ausblühungen, Abarten und Auslassungen, ihren ständigen Wiederholungen und Verdrehungen.
Lanz sagt: „Es gibt im Zeitalter von Social Media mächtige Werkzeuge, um soviel Informationen in die Welt zu blasen, dass man eigentlich gar nicht dazu kommt, irgendwann mal über die wichtigen Dinge ernsthaft nachzudenken und zu reflektieren.“
Genau das hat Lanz mit dieser verkorksten Sendung aufs Vortrefflichste bewiesen.




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