In den hitzigen Debatten, wie dem aktuellen Klimawandel zu begegnen sei, kommt der Blick auf historische Klimaveränderungen und deren Auswirkungen auf die Menschheitsgeschichte zu kurz. In einem neuen Buch erzählt der Physiker Werner Huber wie unsere Vorfahren diesen Herausforderungen begegnet sind.
Roms riesige Expansion durch Urwälder und über Berge, Meere und Kontinente hinweg – mit den damaligen Mitteln und in relativ kurzer Zeit – gehört zu den Großphänomenen der Weltgeschichte. Möglich war sie nur durch das Römische Klimaoptimum. Die tedils noch höheren Temperaturen als heute ermöglichten das ganzjährige Passieren der Alpenpässe. Der Hochalpenbergbau, etwa in den Hohen Tauern, lieferte Eisen und Gold für Aufrüstung und Finanzierung. Moderate Niederschläge ließen frühere Sumpfgebiete trocknen und erlaubten den Bau strategischer Fernstraßennetze. Beispielhaft die Via Appia: Vom Herzen Roms führte sie hinunter in den Süden nach Brindisi, wo dann Truppen und Nachschub für die östlichen Mittelmeerregionen eingeschifft wurden. Dank Gunstklima war Roms Mare nostrum bis auf wenige Wintermonate weitgehend sturmfrei und gefahrlos befahrbar.
Nur deshalb gelang es auch, die schon zur Augustus-Zeit auf eine Million angewachsene Bevölkerung Roms zu ernähren. Tag für Tag verschlang die Kapitale tausend Tonnen Getreide, flossen 430 Hektoliter Öl in die Küchen – und Schönheitssalons –, sowie 500 000 Liter Wein in die Kehlen. Dass Korn und Öl an die Plebs kostenlos verteilt wurde, war sicher kein Anreiz zum Einhalten. Sehr viel kam übers Meer. Im globalisierten Wettbewerb konkurrierten die Kornkammern Siziliens, Nordafrikas und der kaiserlichen Ländereien Ägyptens. Beim Olivenöl war mal Andalusien angesagt, mal Nordafrika. Griechische Inseln wechselten sich beim Wein ab mit Südfrankreich und Spanien. Und das hochbegehrte Garum, laut dem Chronisten Plinius eine „nach Verwesung stinkende“ Fischsoße, kam von der Atlantikküste, heute Portugal. Das meiste wurde in Roms Haupthafen Ostia angelandet, den Augustus stark ausbauen ließ mit großem Hafenbecken und zahlreichen enormen Speichern für die Amphoren – die Standardbehältnisse für Getreide bis zu Wein und Garum. Übrigens: Roms Monte Testaccio, der Scherbenberg, besteht aus nichts anderem als aus den Scherben von geschätzt 53 Millionen zerschlagener Amphoren.
Weiteres Indiz für die römische Warmzeit: Laut dem römischen Gelehrten Plinius konnten Wein und Oliven weiter nördlich in Italien angebaut werden als in früherer Zeit. Und ein kaiserliches Edikt verbot den Weinanbau nördlich der Alpen: Beleg, dass es möglich gewesen wäre. (…)
Die Imperatoren hatten die Christen, die die Staatsgötteranbetung ablehnten, immer schärfer und grausamer verfolgen lassen. Ohne Erfolg, ihre Zahl wuchs weiter. Dank der Anziehungskraft der christlichen Heilsbotschaft und weil viele Römer angesichts der Unglücksschläge nicht mehr an die Staatsgötter glaubten. Kaiser Konstantin – eine weitere epochale Gestalt, residierend zeitweise in Trier: sehr imposant die monumentale Konstantin-Basilika! – gestand schließlich 313 n. Chr. im Mailänder Toleranzedikt den Christen die Religionsfreiheit zu. Er begann die Christen sogar zu fördern in der Hoffnung auf eine neue staatstragende Kraft und Klammer für die divergierenden Reichsvölker. Vielleicht auch aus eigenem Glauben und Hoffen auf Gottesbeistand. Beeinflusst wurde er dabei wohl durch seine früh getaufte Mutter Helena, die Heilige Helena, die lange bei ihm lebte, schon in Trier. (…)
Konstantin gilt jedenfalls als erfolgreicher, großer Herrscher, der das Imperium noch einmal festigen konnte. Auch eine neue, strategisch günstiger gelegene Reichshauptstadt begründete er und ließ sie prachtvoll ausbauen: Konstantinopel. Sie sollte nach der Reichsteilung 395 n. Chr. zur Hauptstadt von Ostrom werden.
Die Teilung kam nicht zuletzt, weil immer härtere Schläge über das Reich hereinbrachen. Eine globale Klimaverschlechterung brachte weitab in Zentralasien, von Tibet bis ans Kaspische Meer, Trockenheit und noch eisigere Winter als sonst. Und ließ den dortigen Reiternomaden kaum noch das nackte Leben. Schon bisher brachte der Winter Monate des Hungers für Mensch und Tier, die kleinen Pferdchen magerten ab, die Stuten gaben keine Milch mehr. Das ab 370 n. Chr. nochmal feindlichere Klima veranlasste die Steppenbewohner sich ein milderes Land zu suchen. Besonders zog sie der ferne Weltteil weit jenseits der Steppen an, der sowohl fabelhaft warm als auch reich sein sollte. So schwangen sie sich auf ihre Pferde, gerüstet mit Pfeil und Bogen und Kurzschwert, und setzten sich gen Westen in Bewegung. Richtung Schwarzes Meer und Gotenreich. Nicht lange, und dort erschallte der Schreckensruf: „Die Hunnen kommen!“
Der römische Chronist und hohe Offizier Marcellinus schildert den Einfall der Hunnen ins Gotenland, der die Völkerwanderungszeit anstieß: „Nachdem diese unbändigen Invasoren plündernd und mordend die Grenzen überwunden, die Verteidiger geschlagen und Städte und Dörfer verwüstet hatten, beschlossen die Bewohner, von Hunger geschwächt, sich eine neue Zuflucht zu suchen. Wegen der Fruchtbarkeit seiner Weiden und dem Schutz, den die breite Donau bot, fiel ihre Wahl auf Thrakien [heute Bulgarien], unweit Konstantinopel.“ Und bald darauf: „Eine Masse Barbaren, durch Gewalt aus ihren Wohnsitzen verdrängt, trieb unstet mit Weib und Kind in einzelnen Gruppen am Donau-Ufer umher.“ Auf Ochsenkarren irrten die Goten am Strom entlang, wollten auf die Südseite übersetzen.
Was ein paar Jahre Frieden bringt. Bis die Hunnen nun direkt ins Reich einfallen, ausgerechnet die Goten wieder angreifen und sie zu neuer Flucht zwingen: Nun fallen sie unter ihrem Führer Alarich in Italien ein. In diesem eisigen Winter 406 n. Chr. aber steht das Kaiserheer im Abwehrkampf gegen eine beispiellose Invasion am Oberrhein: Wohl über 100 000 Germanen aus zahlreichen Stämmen überqueren samt Kind und Kegel den zugefrorenen Rhein, überrennen die römischen Verteidigungslinien und dringen in Gallien nach Süden vor. Ihre Antriebe ähnlich denen der Hunnen: Verheißungen von Reichtum und besserem, milderen Land. Das Ergebnis aus Sicht der Betroffenen: „Ganz Gallien war erfüllt vom Rauch eines einzigen Scheiterhaufens.“ Das Kaiserheer weiß kaum wo anfangen.
Die Goten in Italien jedenfalls haben freie Bahn. Wütend, dass man ihnen gutes Siedlungsland verweigert, ziehen sie gegen Rom, stürmen 410 n. Chr. zu Zehntausenden die mächtigen Mauern der Hauptstadt der Welt. Drei Tage wird geplündert und geraubt, besonders aus den Prachtvillen der Patrizier. Verschont werden jene, die sich in Kirchen flüchten – Alarich ist bereits Christ. Beim Abzug werden Römer verschleppt, darunter die Halbschwester des Kaisers, Galla Placidia. Sie wird später durch Heirat die Königin des späteren Gotenreichs in Südgallien und dann Spanien, wo die Goten endlich Heimat finden werden.
Der mit Tragödien gefüllte bittere Becher, den Europas Bevölkerung leeren muss, quillt über, als um 450 n. Chr. nun auch noch 50 000 Hunnen-Krieger, darunter die gefürchteten Bogenschützen, sengend und mordend quer durch Germanien und Gallien ziehen, wo sie erst durch die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern, unter Mithilfe der Goten, aufgehalten werden. Dann aber nach Italien einfallen. Nicht genug damit: Nachdem das wankende Reich sie mühsam abgedrängt hat, fallen germanische Vandalen, ebenfalls vertrieben von den Hunnen – bis nach Nordafrika sogar – per Schiffsinvasion ein. Erneut wird Rom gestürmt und beraubt: Mit Schätzen und Gefangenen beladen kehren die Vandalen nach Karthago zurück. Mit dem Verlust Nordafrikas ist Rom nun von lebenswichtigen Getreidelieferungen abgeschnitten: Auch ökonomisch taumelt das Westreich nun seinem Ende entgegen. Das verwüstete Rom wird entthront, der Regierungssitz nach Ravenna verlegt.
Die Kaiser sind nur noch die purpurgekleideten Hüllen einstiger Macht. Diese liegt inzwischen bei den – nun meist germanischen – Heermeistern. 476 n. Chr. erheben die von Germanensöldnern dominierten Truppen ihren Heermeister Odoaker zum rex italiae – in der germanischen Stammestradition der Königsherrschaft. Kaiser ist da gerade Romulus Augustulus, das fremdgelenkte, noch kindliche Kaiserlein – als groteske Figur die passende Vorlage für eine Realsatire, siehe Dürrenmatts Romulus der Große. Odoaker setzt das Kaiserlein ab und begründet das germanische Königtum auf der Apenninenhalbinsel. Ein gutes Jahrzehnt kann er das Westreich stabilisieren. Doch dann tritt ein neuer Gotenstamm auf den Plan: Mit 100 000 Menschen zieht der Führer Theoderich gegen Odoakers Residenz Ravenna, erobert sie nach dreijähriger Belagerung, tötet Odoaker und erhebt sich zum neuen König über Italiker und Goten.
Menschliche Unergründlichkeit: Der Mörder führt über lange drei Jahrzehnte ein kluges Regiment und verewigt sich nebenher im grandiosen Mosaikenparadies Ravennas, heute ein Star der Welterbekulturstätten.
Nach Theoderichs Tod 526 n. Chr. aber sinkt das Westreich ins Dunkel der Geschichte. Anders als das Ostreich, das mit seiner prächtig-kunstreichen Hauptstadt Konstantinopel, später umbenannt in Byzanz, die römische Zivilisation noch fast tausend Jahre weitertragen wird. Manifestiert im monumentalen Ewigkeitsbau der Hagia Sophia, dem Leuchtstern der Ost-Christenheit. Der dann im Jahr 1453 mit der Erstürmung von Byzanz durch die Türken für eine andere Religion zu leuchten beginnt.
Werner Huber, Klima-Wahrheit. Ewiger Wandel, Geschichtsmacht, Klimastreit, Klima- und Energiezukunft. GHV, Klappenbroschur, 300 Seiten, 17 Abbildungen, 22,80 €.




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das ist ja eben der vollständige Irrsinn – wir leben immer noch in einer Kaltzeit (eisbedeckte Pole) und in den wenigen Klimaoptimi gab es für alle Menschen des Planeten Wohlstand, Gesundheit und (fast) Frieden…..aber „unsere“ Führenden wollen uns mit aller Macht zurück in die Eiszeit wirtschaften….(Staub in die Atmosphäre, Sonnensegel usw.) – man muß nicht an Satan glauben, aber eine Idee strebt nach Vollendung…