Neuauflage der italienischen Krise?

Die Finanzmärkte haben sich nach den heftigen Ausschlägen infolge der Rücktrittsankündigung von Italiens Ministerpräsidenten Mario Draghi beruhigt.

Nachdem der Spread zwischen deutschen und italienischen Zehn-Jahre-Anleihen am Donnerstag um mehr als 20 Basispunkte auf deutlich mehr als 2,2 Prozentpunkte gestiegen war, blieb er am Freitag fast unverändert. Und auch die Börse erholte sich von ihrem Einbruch.

Gleichwohl dürfte es sich nur um eine Verschnaufpause handeln, die spätestens am Mittwoch enden wird, wenn sich Draghi in beiden Kammern des Parlaments erklärt. Dass sich Draghi nämlich doch noch zum Weitermachen überreden lässt, gilt als äußerst unwahrscheinlich. Und damit wird es gefährlich, denn ohne Draghi stehen sowohl die initiierten Reformen wie zum Beispiel im Wettbewerbsrecht als auch die geplanten Steuersenkungen auf der Kippe. Ohne Regierung dürfte es aber auch keine weiteren Auszahlungen aus dem europäischen Aufbaufonds geben – 21 Milliarden Euro sind unmittelbar gefährdet. Das alles beschädigt das Vertrauen der Investoren. Ein weiterer Anstieg des Spread würde Italien wegen der höheren Schuldzinsen in grosse Schwierigkeiten bringen.

Ökonomen der EU-Kommission prognostizierten in der vergangenen Woche bereits ohne die italienische Misere für den gesamten Wirtschaftsraum weniger Wachstum und eine höhere Inflation als bisher erwartet. Auch in Deutschland knirscht es, und die Leute stürmen derzeit die Baumärkte, um sich einen Heizstrahler zu sichern. Das zumindest behaupten Zeitungen wie das „Hamburger Abendblatt“. Viele Leute wollen so offenbar sicherstellen, dass sie es im Winter warm haben, auch wenn das Gas knapp beziehungsweise noch viel teurer wird. Die Konsumenten sind gleichzeitig heute fast so pessimistisch wie im April 2020, kurz nach dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie, was bedeutet, dass sie weniger ausgeben und mehr sparen sparen, wie Ökonomen der EU-Kommission in ihrer am Donnerstag veröffentlichten Sommerprognose schreiben. Entsprechend schwach fällt die Wochenbilanh der Börsen aus, auch wenn es am Freitag einen optimistischen Schlusspunkt gab.

Verantwortlich dafür waren in erster Linie robuste Konjunkturdaten aus den USA. So steigerte der Einzelhandel seine Umsätze im Juni stärker als erwartet. Ferner verbesserte sich die Stimmung in den Industrieunternehmen. Zudem schwächte sich der Preisauftrieb von in die USA importierten Gütern im Juni erneut ab. Darüber hinaus nahm die Furcht vor einem zu straffen Vorgehen der Notenbank zur Bekämpfung der hohen Inflation etwas ab.

Der Dow Jones Industrial zog jedenfalls nach fünf Verlusttagen in Folge um 2,2 Prozent auf 31.288 Punkte an. Auf Wochensicht gab der Leitindex damit um 0,2 Prozent nach. Der marktbreite S&P 500 stieg um 1,9 Prozent auf 3.863 Zähler. Für den NASDAQ 100 ging es um 1,8 Prozent auf 11.984 Punkte nach oben.
Damit ging eine Börsenwoche zu Ende, die von wechselnden Erwartungen an eine Straffung der Geldpolitik durch die US-Notenbank Fed und den Sorgen um das weltweite Wirtschaftswachstum geprägt war.

Aus Unternehmenssicht stand die frisch gestartete Quartalsberichtssaison im Mittelpunkt. Am Freitag hatte unter anderem die Citigroup ihre Zahlen veröffentlicht. Die Kennziffern übertrafen die Erwartungen der Analysten und die Aktien schnellten um mehr als 13 Prozent nach oben. Eine deutlich erhöhte Risikovorsorge für faule Kredite ließ dagegen den Gewinn des Geldhauses Wells Fargo einbrechen. Dennoch zog der Kurs im Kielwasser der Citigroup um rund sechs Prozent an.

Die Aktien von Walt Disney gewannen 3,7 Prozent hinzu. Der zu dem Unterhaltungskonzern gehörende Streaming-Dienst ESPN will – begründet mit der Verteuerung der Sportrechte – seine Abo-Preise um 43 Prozent anheben. Offenbar sind die Anleger überzeugt, dass Disney dies durchsetzen kann.

Die Aktien von Pinterest sprangen um gut 16 Prozent an. Wie das „Wall Street Journal“ kolportierte, erwarb der aktivistische Finanzinvestor Elliott eine Beteiligung von mehr als neun Prozent und ist damit größter Anteilseigner des angeschlagenen Social-Media-Unternehmens. Nun sind alle gespannt, was Elliot mit dem Unternehmen vorhat.

Mit kräftigen Kursgewinnen hatte zuvor schon der Dax die schwache Börsenwoche beendet. Marktbeobachter sprachen von Käufen durch Schnäppchenjäger. Der deutsche Leitindex ging mit einem Aufschlag von 2,8 Prozent auf 12.865 Punkte ins Wochenende – womit der Wochenverlust auf etwas mehr als ein Prozent eingegrenzt wurde. Der MDAX der mittelgroßen Unternehmen legte um 2,2 Prozent auf 25.558 Punkte zu.

Lufthansa preschten im Vorfeld der auch in Deutschland anrollenden Berichtssaison überraschend mit vorläufigen Quartalsergebnissen vor: Der Fluggesellschaft gelang im zweiten Vierteljahr die Rückkehr in die schwarzen Zahlen. Für die Aktie bedeutete dies ein Plus von fast sieben Prozent. Im Einklang mit der europaweit starken Kurserholung im Autosektor gehörten im Dax die Aktien von Volkswagen und der Konzernholding Porsche SE mit Anstiegen von gut fünfeinhalb beziehungsweise knapp fünf Prozent zu den besten Indexwerten – noch ergänzt vom Autozulieferer Continental, der ähnlich stark abschnitt. Die Premium-Autobauer Mercedes-Benz und BMW folgten mit nur etwas Abstand mit jeweils rund vier Prozent Plus. Im Umfeld des Volkswagen-Konzerns warten die Anleger nunmehr gespannt auf den Kapitalmarkttag, der am kommenden Montag ansteht.

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Kommentare ( 2 )

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2 Comments
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Hannibal Murkle
30 Tage her

„ Viele Leute wollen so offenbar sicherstellen, dass sie es im Winter warm haben, auch wenn das Gas knapp beziehungsweise noch viel teurer wird“

Glauben die, dass wir im Winter immer Strom haben? Drei AKWs weniger, Millionen Elektro-Heizstrahler mehr…

W aus der Diaspora
30 Tage her
Antworten an  Hannibal Murkle

Allerspätestens im Januar wird es rumsen.