Kartellrecht versus Facebook und Google

An den Devisenmärkten hat es nach Beobachtung von Assenagon-Chefvolkswirt Martin Hüfner in den vergangenen Wochen ungewöhnlich große Verschiebungen gegeben.

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Da sollte man sich eigentlich drüber freuen. Die Zahl der Privatiers ist in Deutschland stark gestiegen. Waren es um die Jahrtausendwende noch 372.000 Menschen, die vom Statistischen Bundesamt entsprechend klassifiziert wurden, sind es derzeit fast 70 Prozent mehr. Als Privatier gilt in den Augen der Statistiker, wer seinen Lebensunterhalt überwiegend aus eigenem Vermögen bestreitet. Diese Bürger müssen nicht oder nicht mehr arbeiten. Sie leben von Einkünften etwa aus Ersparnissen, Zinsen, Mieteinkünften oder Verpachtung. Laut Statistik waren ­unter den Privatiers 2018 auch rund 6.000 Personen unter 18 Jahren. Aus welchen Gründen jemand zum Privatier wird oder geworden ist, ist nicht erfasst. Die Auswertung heizte sofort die Debatte über die jüngst von der SPD geforderte Wiedereinführung einer Vermögensteuer an. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sah sich ebenfalls bestätigt. „Die Zahl zeigt, wie ungerecht es in Deutschland zugeht und wie renditeträchtig Vermögen nach wie vor ist, wie viel Spielraum es also für die Einführung einer Vermögensteuer gibt“, meint DGB-­Vorstandsmitglied Stefan Körzell.

An den Devisenmärkten hat es nach Beobachtung von Assenagon-Chefvolkswirt Martin Hüfner in den vergangenen Wochen ungewöhnlich große Verschiebungen gegeben. Ob US-Dollar, chinesischer Yuan, britisches Pfund, türkische Lira, südafrikanischer Rand oder argentinischer Peso – Industrie- wie Schwellenländer seien betroffen. „Wechselkursveränderungen verschieben die Wettbewerbsverhältnisse viel stärker als jede Art von Zöllen“, so Hüfner. Im August hätten sich viele Ungleichgewichte aufgebaut. „Für die Finanzmärkte ist das ein gefährliches Umfeld. Der September droht ein schwieriger Monat zu werden“, meint Hüfner.

Kapitalanlagen, die ESG-Aspekte ­berücksichtigen – also Umwelt- und Szialstandards sowie Grundsätze guter Unternehmensführung einbeziehen-, sind bei Investoren ­gefragt und rücken bei vielen Fondsanbietern verstärkt in den Mittelpunkt. Eine Umfrage von NN Investment Partners unter professionellen Investoren in Europa zeigt nun, dass das Renditepotenzial der drei ESG-­Aspekte Environment, Social, Governance höchst unterschiedlich eingeschätzt wird. Demnach glauben 66 Prozent der Befragten, dass die Berücksichtigung von Umweltfaktoren großes Potenzial birgt, um die Rendite zu steigern. Lediglich 40 Prozent erkennen Rendite­potenzial in Governance-Faktoren und sogar nur 15 Prozent in sozialen Faktoren. „Es ist nicht überraschend, dass Anleger im Zuge der aktuellen Debatten dazu neigen, sich mehr auf das ,E‘ bei ESG zu konzentrieren“, meint Adrie Heinsbroek, Leiter Re­sponsible Investment bei NN IP. Ökologische Auswirkungen seien auch einfacher zu messen als etwa die Folgen der Berücksichtigung sozialer Faktoren. Bei NN IP zeigt man sich dennoch überzeugt, dass auch „S“ und „G“ Renditepotenzial bieten und zum Aufbau eines diversifizierten Port­folios beitragen. Für die Position, dass es sich bei der Orientierung an ESG-Standards lediglich um eine Marketing-Mode handelt, gibt es indes auch gute Argumente.

Die US-Wirtschaft signalisiert Wirkungstreffer. Der ISM-Einkaufsmanagerindex für die Industrie ist im August unerwartet unter die Wachstumsschwelle von 50 Punkten gefallen. Der wichtige Frühindikator deutet damit auf ein Schrumpfen der US-Industrieproduktion hin. Dabei dürfte der Zollstreit mit China ein wesentlicher Faktor sein. Eine soeben veröffentlichte Studie hat den weltweiten Schaden der Unsicherheiten, die Trumps Handelsgefechte auslösen, auf 850 Milliarden Dollar beziffert. Das US-Wachstum soll demnach bis Anfang 2020 um einen Prozentpunkt schwächer ausfallen. Das Papier entstand im Auftrag der US-Zentral­bank, es dürfte auch eine Revanche der Fed für die pene­trante Einmischung des US-Präsidenten in die Zins­politik sein. Die Wall Street indes hofft jetzt wieder auf eine Lösung: Im Oktober sollen in Wa­shington neue Handelsgespräche zwischen den USA und China stattfinden. Die dadurch ausgelöste Rally trieb auch den DAX, der sich wieder deutlich oberhalb der 12.000er-Marke bewegt. Nach einem stabilen Freitag verabschiedete sich der Index mit 0,5 Prozent im Plus bei 12.192 Punkten ins Wochenende. Zuletzt gaben am Nachmittag die Spekulationen auf einen anhaltenden Job-Boom in den USA dem DAX Auftrieb. Die Zahlen fielen jedoch niedriger aus als erwartet. Es entstanden 130.000 neue Jobs, wie die Regierung in Washington am Freitag mitteilte. Von Reuters befragte Ökonomen hatten ein größeres Plus von 158.000 vorhergesagt. Zugleich wurde die Zahl neuer Stellen für Juli leicht auf 159.000 von 164.000 nach unten revidiert.

Die Gesprächsbereitschaft im Zollstreit zwischen den USA und China hebe die Stimmung der Anleger ebenfalls, sagte Analyst Timo Emden. Schon Anfang Oktober wollen die beiden Parteien ihre Verhandlungen auf hochrangiger Ebene fortsetzen. Diese Entspannung wirkte sich auf den Goldpreis aus. Während das Edelmetall aufgrund der jüngsten Unsicherheiten immer weiter zugelegt hat, verbilligte sich die „Antikrisen-Währung“ am Freitag.

Auf Unternehmensseite machte weiterhin Thyssenkrupp von sich reden. Der Konzern führte den DAX an – obwohl er seinen Platz im deutschen Leitindex schon bald für MTU freiräumen muss. Dass Kone die Aufzugsparte von Thyssen übernehmen will, war bereits bekannt, beflügelte aber weiterhin die Kurse der beiden Unternehmen. Zum Handelsschluss stand Thyssenkrupp wie schon am Donnerstag an der Spitze, gefolgt von Adidas.

Spekulationen über möglichen neuen Ärger in den USA haben dagegen den Aktienkurs der Deutschen Bank am Freitag belastet. Das Papier des größten deutschen Geldhauses gehörte am Vormittag zu den größten Verlierern im Deutschen Aktienindex. Händler verwiesen auf einen Medienbericht, demzufolge dem Geldhaus in den USA neuer Ärger drohe wegen des Verdachts möglicher neuer Geldwäscheverstöße mit Blick auf das Russland-Geschäft. Der US-Kongress untersuche, ob interne Kontrollsystems der Bank versagt hätten.

Die Deutsche-Post-Tochter Streetscooter will mit einem Elektro-Kleinlaster in den chinesischen Markt einsteigen. Zusammen mit dem chinesischen Automobilhersteller Chery Holding plant die Post einen angepassten elektrischen Lieferwagen speziell für China und möglicherweise weitere Länder, wie sie am Freitag in Bonn mitteilte. Die Absichtserklärung zur Gründung eines entsprechenden Gemeinschaftsunternehmens sei am Freitag im Zuge der China-Reise von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Peking unterzeichnet worden.

Die Volkswagen-Tochter Audi hat auch im August bei den Autoverkäufen weiter Federn lassen müssen. Die Ingolstädter lieferten weltweit 150.100 Wagen aus und damit 2,5 Prozent weniger als vor einem Jahr, wie das Unternehmen am Freitag mitteilte. Das leichte Plus in China und den USA konnte den Rückgang in Europa nicht wettmachen. Audi-Vertriebschefin Hildegard Wortmann verwies zur Begründung wie schon im Juli auf Sondereinflüsse vor einem Jahr, als die Einführung des neuen Abgas- und Verbrauchstestverfahrens WLTP für Schwankungen gesorgt hatte. Audi hatte damals viele Modelle mit altem Prüfstandard mit Rabatten verkauft, weil sie ab September nicht mehr hätten zugelassen werden dürfen. Der Autobauer Daimler holt beim Autoverkauf in einem bisher schwierigen Jahr mit großen Schritten auf. Im August verkauften die Schwaben von ihrer Stammmarke Mercedes-Benz 177.819 Autos und damit 14 Prozent mehr als im schwachen Vorjahresmonat, wie der Konzern am Freitag in Stuttgart mitteilte. Vor allem in Deutschland und wie bereits bekannt in den USA konnte Mercedes zulegen, auch in China ging es weiter bergauf.

Die jüngste Rally an der Wall Street ist am Freitag nach mauen Arbeitsmarktdaten mit etwas weniger Tempo weiter gegangen. Auch wenn die US-Wirtschaft im August weniger Arbeitsplätze geschaffen hat als erwartet, konnte der Dow Jones Industrial sein Wochenplus auf 1,5 Prozent steigern. Er beendete den letzten Handelstag der Woche 0,3 Prozent höher bei 26.797 Punkten.

Außerhalb der Landwirtschaft waren in den USA im August 130.000 Stellen entstanden, während Experten im Schnitt mit 160.000 gerechnet hatten. Allerdings stiegen die Löhne etwas mehr als gedacht, was für die Notenbank Fed von besonderer Bedeutung ist. Insofern hieß es, der Bericht liefere sowohl Befürwortern als auch Gegnern einer gelockerten Geldpolitik neue Argumente. Etwas später äußerte sich Fed-Präsident Jerome Powell weiterhin zuversichtlich für die wirtschaftliche Entwicklung.

Der marktbreite S&P 500 legte am Freitag knapp um 0,2 Prozent auf 2.979 Punkte zu, während es der technologielastige NASDAQ 100 mit 7.853 Zählern am Ende nicht in die Gewinnzone schaffte. Er gab leicht um 0,1 Prozent nach.

In einem weiteren Anstieg nach dem Ausbruch aus einer wochenlangen Zick-Zack-Phase sehen Charttechnik-Experten an den US-Börsen ein „Signal der Stärke“ mit der theoretischen Chance auf neue Rekorde, beim Dow fehlen dazu nur etwas mehr als zwei Prozent.

Unter den Einzelwerten standen die Aktien von Facebook mit einem Abschlag von 1,8 Prozent im Mittelpunkt. Mehrere US-Bundesstaaten haben wegen kartellrechtlicher Bedenken eine Untersuchung gegen den Online-Riesen eingeleitet. Es solle geprüft werden, ob das Unternehmen den Wettbewerb behindert und Nutzer gefährdet hat, teilte New Yorks Generalstaatsanwältin Letitia James am Freitag mit. Facebook ist jedoch nicht das einzige Unternehmen, das derzeit wegen seiner Marktmacht in die Kritik gerät. Nach Informationen des „Wall Street Journal“ sollen in der kommenden Woche auch kartellrechtliche Ermittlungen gegen Google eingeleitet werden. Die Papiere des Mutterkonzerns Alphabet gaben letztlich ein halbes Prozent nach.

Ansonsten blieb es auf Unternehmensseite relativ ruhig. Gesprächsstoff lieferten einige Nebenwerte, darunter die Papiere von DocuSign mit einem Kurssprung um 21,7 Prozent. Der Spezialist für elektronische Signaturen übertraf mit seinen Umsätzen für das zweite Quartal die Markterwartungen deutlich.

Die US-Bank Goldman Sachs gab derweil ihre Verkaufsempfehlung für die Papiere von Navistar auf, was die Papiere des Nutzfahrzeugherstellers, an dem VW beteiligt ist, nach zuletzt zwei Rallytagen nochmals um vier Prozent antrieb. Die Aktien des Maisflocken-Herstellers Kellogg empfiehlt Goldman nun sogar zum Kauf, für sie ging es um etwas mehr als zwei Prozent nach oben.


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