Vor EU-Wettbewerbsgipfel: Macron fordert Eurobonds

Unmittelbar vor dem nächsten EU-Gipfel am Donnerstag fordert Frankreichs Präsident Emmanuel Macron die Einführung von Eurobonds. Die gemeinschaftliche Schuldenfinanzierung wäre der letzte Schuss im Lauf der Brüsseler Zentralplaner.

picture alliance / MAXPPP | Julien Mattia / Le Pictorium

Wenn sich am Donnerstag die 27 EU-Regierungschefs mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zum nächsten EU-Gipfel versammeln, geht es aus fiskalpolitischer Sicht ums Ganze. Im belgischen Schloss Alden Biesen steht ein entscheidender Punkt auf der Tagesordnung: der Draghi-Plan.

Die Frage, die über allem schwebt, ist ebenso schlicht wie brisant: Wie lässt sich die offenkundige Produktivitäts- und Wachstumsschwäche der Eurowirtschaft überwinden? Seit Jahren bleibt die wirtschaftliche Dynamik hinter anderen großen Volkswirtschaften zurück, strukturelle Hemmnisse bremsen Investitionen und Innovation. Überschuldung und Bürokratismus lasten wie Blei auf den Ökonomien der EU.

Für den ehemaligen EZB-Präsidenten und früheren italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi liegt die Antwort auf der Hand. Er fordert ein gigantisches, schuldenfinanziertes Konjunkturprogramm, das Europas Wirtschaft neuen Schub verleihen soll. Umfang und Finanzierung des Vorhabens markieren einen tiefgreifenden Einschnitt in der europäischen Finanzpolitik.

Es schlägt die Stunde der Zentralplaner und Euro-Bürokraten. In Alden Biesen entscheidet sich, welchen Kurs die Europäische Union einschlägt – und wie sie auf ihre wirtschaftliche Schwäche reagiert.

Bereits vor zwei Jahren legte Draghi seine Strategie zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der Europäischen Union vor. Auf den Punkt gebracht sieht sie vor, dass die Euro-Staaten jährlich 800 Milliarden Euro an gemeinsamen Schulden aufnehmen und diese Mittel gezielt in erneuerbare Energien, in die Digitalisierung sowie in eine koordinierte europäische Industriepolitik investieren. Auf diese Weise soll die massive Wettbewerbslücke gegenüber den USA und China geschlossen werden. Einfach gedacht, simplifiziert – intellektuelle Prozesse in der EU beschreiben gewöhnlich einen bescheidenen Anspruch.

Der Draghi-Plan bedeutet einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel. Er impliziert die Vollendung der Kapitalmarktunion und die Schaffung eines EU-weiten Schuldenpools – also genau jenes Instrumentarium, das unter dem früheren Bundeskanzler Helmut Kohl als absolutes Ausschlusskriterium für die Aufgabe der D-Mark und die Einführung des Euro galt.

Die ablehnende Haltung Kohls war nicht unbegründet. Für all jene, denen das Fiskalverhalten von Staaten wie Frankreich, Griechenland, Italien oder Spanien gegenwärtig ist, käme ein solcher Schritt einem Sündenfall gleich. Denn es liegt auf der Hand, dass sich jeder nationale Haushaltspolitiker ohne Zögern auf die fiskalische Solidität Deutschlands verlassen würde. Diese jedoch ist, wie wir wissen, seit der faktischen Kreuzigung der Schuldenbremse durch Bundeskanzler Friedrich Merz im vergangenen Jahr perdu.

Die nun offen diskutierte fiskalische Hybris im Draghi-Sound wird von vorsichtig eingestreuter Bürokratielastenprosa begleitet. Man will ja progressiv und bürgernah erscheinen. Allerdings ist es offensichtlich, dass sich das bürokratische Gefüge der Europäischen Union und seiner nationalen Filialen nicht beischneiden lässt – dieses Konstrukt ist die Machtbasis der Politik, ihre Bürokratie dient als verlängerter Arm und sichtbare Präsenz in den Provinzen.

Die Zahl der erlassenen Regulierungen und der Interventionen in die Marktprozesse definiert innerhalb dieser Struktur geradezu die politische Macht. Dabei bewegt sich die Union im Modus der Zentralplanung der grünen Transformation auf ein ökonomisches Desaster zu, ohne dass dies den bürokratischen Apparat in irgendeiner Form affizierte.

Zu den lautstarken Proponenten dieser Politik zählt der französische Präsident Emmanuel Macron. Am Dienstag sprach er sich anlässlich einer Pressekonferenz ausdrücklich für die Einführung permanenter gemeinsamer Verschuldungskapazitäten auf EU-Ebene aus.

Macron, Präsident ohne Volk, dessen Umfragewerte beständig um 15 Prozent pendeln, überbot dabei sogar den Draghi-Hochmut: Er forderte ein Finanzierungsvolumen durch die Emission gemeinsamer Euro-Anleihen in Höhe von 1,2 Billionen Euro jährlich. Selbstverständlich sollen die Mittel in grüne und digitale Technologien sowie in den wachsenden europäischen Verteidigungskomplex fließen, um den erhofften wirtschaftlichen Befreiungsschlag zu ermöglichen. Grün scheint noch immer die Farbe der Hoffnung zu sein, während der europäische Alltag in tiefem Grau versinkt.

Dass Macron auf eine andere Finanzierungsebene ausweicht, ist mit Blick auf die prekäre Haushaltslage seines Landes nachvollziehbar. Mit einer Staatsverschuldung von über 115 Prozent und einem Defizit von deutlich über fünf Prozent in diesem Jahr ist es praktisch unmöglich, das parlamentarische Patt zu überwinden und die von ihm gestützte Minderheitsregierung von Präsident Sébastien Lecornu durchzusetzen.

Frankreich bleibt der unregierbare, reformunfähige Mühlstein, der den Europäern nun um den Hals gelegt werden soll.

Doch wäre es unfair, das Augenmerk allein auf Frankreich zu richten, ohne gleichzeitig auf die gigantischen Haushaltslöcher in anderen Staaten hinzuweisen. Das mediterrane Problem lässt sich im gegebenen politischen Design nicht lösen. Auch Staaten wie Finnland und vor allem Belgien taumeln mit enormer Verschuldung in eine ernsthafte Finanzierungskrise ihrer überdehnten Sozialstaaten.

EU-Europa ist längst nicht nur der Club der Schuldmacher. Im politischen Führungszirkel Brüssels herrscht Einigkeit darüber, drängende Reformen – wie das Ende der ideologischen Politik der offenen Grenzen oder die Begrenzung überdehnter Sozialstaaten – mit neuen Schulden, aber auch mit immer höheren Abgabenlasten für die Mittelschicht auf die lange Bank schieben zu wollen.

Die Debatte um die Einführung einer Vermögenssteuer in Deutschland oder die Anhebung der Erbschaftsabgaben auf vererbtes Firmenvermögen liefert deutliche Hinweise auf das technokratische Denken der politischen Klasse und den festen Willen, Finanzierungsprobleme auf die schrumpfende Mittelschicht abzuwälzen.

Mit dem Ausscheiden der USA aus der Phalanx der Globalisten und Zentralplaner wächst der Druck auf die EU, sich entweder der neuen politischen Strategie Washingtons zu beugen – Deregulierung zu akzeptieren, ein neues Grenzregime zu errichten und sich vom zivilisationsfeindlichen Projekt der grünen Transformation zu lösen – oder den eigenen Kurs, gleichsam in einer negativen fiskalischen Spiralbewegung, weiterzuführen.

Die Alternative wird wohl auf dem EU-Gipfel präsentiert: ein „weiter so“ mit beschleunigtem Sturz auf der nach unten geneigten schiefen Ebene, in der Hoffnung, sich doch noch irgendwie über die Zeit retten zu können.

Die Vertreter des europäischen Bürokratismus beraten nun über Fragen der Wettbewerbsfähigkeit – und übersehen dabei, dass ihre eigene Existenzlogik und das geschaffene politische Design selbst die Wurzel der wirtschaftlichen Schwäche bilden. Macron, von der Leyen und Merz erscheinen hier weniger als Akteure, denn als Symptome eines postmodernen Kulturproblems: Die Abkehr von bürgerlich verankerten Werten, die Auflösung kulturellen Kapitals und die Missachtung meritokratischer Prinzipien beschleunigen den Niedergang westlicher Ökonomien.

Wettbewerbsfähigkeit setzt mehr voraus als staatliche Investitionen und finanzielle Anreize. Sie gedeiht nur auf einem Boden, der durch wertebasiertes Denken, stabile Familienstrukturen und intergenerative Verantwortung geprägt ist.

Bildung, Fleiß und Innovation lassen sich nur dann nachhaltig entfalten, wenn individuelle Leistung Anerkennung findet. Ebenso entscheidend sind soziale Bindungen, die Wissen und Fähigkeiten von einer Generation zur nächsten weitertragen.

Ohne diese kulturelle und moralische Substanz verfällt jedes Gemeinwesen in eine Form des Parasitismus, die sich in Europa besonders deutlich in den wachsenden Wohlfahrtsstrukturen widerspiegelt.

Dass nun unermessliche Schulden zur Stabilisierung des fatalen europäischen Sozialisierungsexperiments kommenden Generationen aufgebürdet werden, ist der ethische Sündenfall dieser Politik und wird den Verfall der EU massiv beschleunigen.

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Kommentare ( 38 )

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Manfred_Hbg
1 Monat her

Zitat: „dass die Euro-Staaten jährlich 800 Milliarden Euro an gemeinsamen Schulden aufnehmen“

> Aha – …und was bitte geschieht, wenn dann z.Bsp. im besten Deutschland aller Zeiten die Kassen geplündert sind und Deutschland keine Gelder für EU-Brüssel und für die vom deutschen Steuergeld „gut & gerne“ leben wollenden EU-Länder hat -mhh??!
Wird dann -Potzblitz- in Berlin ein weiteres Sondervermögen geschaffen? (Iro/Zynism off)
– – – –
Ich kann mich nur wiederholen: Dieser Saftladen von EU-Brüssel mit seinen Leyen’schen Pseudodemokraten ist gleich nach Berlin der zweite fette Sargnagel für Deutschland und gehört abgeschaft.

Kaltverformer
1 Monat her

Kommen die Euro-Bondes dann ist die Plünderung Deutschlands und Österreich abgeschlossen.
Dann sind wir endgültig erledigt.

Ben Clirsek
1 Monat her

Frankreich bleibt der unregierbare, reformunfähige Mühlstein, der den Europäern nun um den Hals gelegt werden soll.“ Ich sehe da nicht wirklich einen Unterschied zu Deutschland, mit dem Unterschied, dass unser Land gefährdeter ist in den Totalitarismus abzugleiten.

jwe
1 Monat her
Antworten an  Ben Clirsek

Aber nur zu Lasten des eigenen Volkes. Zur Unterstützung anderer ist Geld ohne Ende da.

Laurenz
1 Monat her

„fordert Frankreichs Präsident Emmanuel Macron die Einführung von Eurobonds.“ … Das war zu erwarten. Nachdem Frankreich finanzpolitisch nicht mehr wirklich handlungsfähig ist & Deutschland, Dank dem Lügenkanzler, folgt, muß Frankreich sich beeilen, wenn es noch auf bessere Deutsche Bonität zurückgreifen will, bevor die Deutschen diese selbst aufgefressen haben. Herr Kolbe hat allerdings nichts darüber geschrieben, wer hier nach den Plänen Lenin Draghis, wie haften soll? Eine gesamtschuldnerische Haftung würde nicht wirklich was bringen. Es stellt sich sowieso die Frage, wer diese Eurobond-Scheiße kaufen soll? Mir fiele nur die EZB ein. Und mit Verlaub, 800 Milliarden klingen viel, sind aber auf… Mehr

Fatmah
1 Monat her

Dieses Bild stellt genau den Gegensatz zu einem Selensky oder Trump dar, die beide gnadenlos die Interessen ihres Landes durchdrücken während die Traumtänzer der EU sich gnadenlos über den Tisch ziehen und ausnehmen lassen. Das fängt mit den Millionen Asylschwindlern an und endet bei der Ukraine die sich ihren kompletten Staatshaushalt von uns bezahlen lässt während deren eigene Bürger keinerlei Steuern zahlen und bei uns sogar besser gestellt sind als einheimische Rentner.

Peter Buchmeier
1 Monat her

Der Kippunkt in der EU und in vielen seiner Mitgliedsländer ist ohnehin schon überschritten. Dann wären diese zusätzlichen Eurobonds nur Brandbeschleuniger in den wirtschaftlichen/finanziellen Untergang. Ideologische und politische Ziele können gerne prominent verfolgt werden, am Ende scheitern sie alle an der ökonomischen Realität. Es ist erstaunlich, dass unsere politische Elite so gar nichts aus der Geschichte gelernt hat. Dummheit laut Einstein: „Immer wieder das Gleiche tun und auf einen anderen Ausgang hoffen“. Spätestens wenn das Geld zu Ende ist, hat sich das widersinnige Konstrukt der heutigen EU, samt seinen dämlichen Vertretern in Brüssel, erledigt. Danach wird es hoffentlich in einem… Mehr

Punti
1 Monat her

Wie hoch sind Neuverschuldung und Schuldenquote der hochgelobten Vereinigten Staaten noch gleich?

hoho
1 Monat her

Ich denke EU Parlament hat heute (11.Feb 2026) auch die 90Mld für Ukraine bestimmt. Die Zinsen bezahlen wir und dann bezahlen wir wohl auch den Kredit. Weder hier noch bei Welt Online ei Wort dazu. Dafür in Welt Online eine Menge pro-ukrainische und pro-Krieg Propaganda. Da schämt man sich nicht mal. Sogar ein Photo vom Roderich K. schön lächelnd gab es. Die Journalie wollen es oder werden dafür bezahlt es zu wollen. Die Roderichs usw wollen es weil sie dafür bezahlt werden. Den Krieg wird es geben. Sie sagen ja auch uns ganz offen, wenn es so weit ist: 2030… Mehr

Teiresias
1 Monat her

Das ist das Interesse der Finanzindustrie:
Geld soll dahin fliessen, wo die Schulden sind, damit die Banken Abschreibungen vermeiden.
Blackrock-Merz wird sich Rothschild-Macron nicht widersetzen.
Sie ziehen am selben Strang.
Die Bürger „ihrer“ Staaten sind ihnen egal.

Lars Baecker
1 Monat her

Kohl hat sich für die Wiedervereinigung von Mitterand den Euro abpressen lassen. Frankreich hat dadurch in den letzten 25 Jahren wahrscheinlich Billionen billiges Geld bekommen und auf Reformen gepfiffen. Jetzt ist für Frankreich die Sause vorüber, nun fordern sie Eurobonds. Die faulen Deutschen sollen jetzt bis 70 Jahre arbeiten, damit die fleißigen Franzosen weiterhin mit 60 in Rente gehen können. Und wie ich die trübe Tasse Merz (den Kanzler ohne Land) kenne, wird er dem nachkommen, sofern seine Auftraggeber (Blackrock) davon irgendwelche Vorteile haben. Das Geld muss ja irgendwohin fließen.