Der DIHK sieht die deutsche Wirtschaft in einer anhaltenden Phase der Deindustrialisierung. Gemeinsam mit dem BDI wiederholt die Kammer die Forderung nach tiefgreifenden Reformen für mehr Wachstum und Investitionen.
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Die deutsche Wirtschaftskrise setzt sich auch im neuen Jahr ohne Unterbrechung fort. Eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) unter 23.000 Mitgliedsunternehmen hat ergeben, dass nur jedes sechste Unternehmen für 2026 mit einem Aufschwung rechnet.
25 Prozent der Betriebe planen weiteren Stellenabbau, und lediglich ein Drittel beabsichtigt, Wachstumsinvestitionen vorzunehmen. Für die Vorsitzende Helena Melnikov ist die Lage dramatisch. Steuere die Politik nicht konsequent gegen, drohe ein weiterer massiver Verlust an Wertschöpfung und Arbeitsplätzen, so Melnikov. Im Zentrum des wirtschaftlichen Niedergangs sieht auch der DIHK weiterhin die deutsche Industrie. Nach Berechnungen der Kammer hat sie seit 2019 rund 400.000 Arbeitsplätze abgebaut.
Dies wiegt besonders schwer, da es sich bei diesen Stellen in der Regel um gut bezahlte und hochqualifizierte Arbeitsplätze handelt. Ihre Wertschöpfung entfaltet einen Widerhall in der gesamten deutschen Wirtschaftsstruktur – bei industrienahen Dienstleistungen, im angeschlossenen Handel der betroffenen Regionen und letztlich auch in den öffentlichen Haushalten.
So stehen die Stadtkämmerer in den Krisenzentren zunehmend vor unlösbaren Herausforderungen angesichts wachsender Haushaltsdefizite. In Städten wie Stuttgart, Erlangen, Wolfsburg und anderswo schrumpft das Gewerbesteueraufkommen inzwischen sichtbar.
Verdrängte Realität
Die bisherigen Reformen kämen bei den Betrieben nicht an, warnt Melnikov und verweist in ihrer Lageanalyse auf die hohen Arbeits- und Energiekosten. Auch der Bundesverband der Industrie (BDI) fordert in einem Reuters-Gespräch ein Jahr der Reformen.
Das ist alles richtig. Und doch stellt sich die Frage, weshalb die führenden Funktionäre der deutschen Wirtschaft nach wie vor nicht die Traute besitzen, die Politik offen zu kritisieren und das sichtbar gescheiterte Projekt der Begrünung der deutschen Gesellschaft zu Grabe zu tragen.
Wir stehen vor einem monumentalen Versagen der Wirtschaftselite – sofern man sie überhaupt noch als solche bezeichnen darf. Die von Melnikov attestierte Deindustrialisierung wird von weiten Teilen des Presse-Mainstreams ebenso wie von der Politik schlichtweg negiert. Dabei sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache.
Noch ist unklar, wie hoch der Kapitalabfluss im vergangenen Jahr exakt ausgefallen ist. 2024 lag er bei den Nettodirektinvestitionen jedenfalls bei 64,5 Milliarden Euro, 2023 bei über 100 Milliarden Euro. Auch die Vorjahre waren durch anhaltenden Kapitalabzug gekennzeichnet.
Wer kann, sucht das Weite – vor grüner Regulierungspolitik, hoher Fiskalbelastung und der wirtschaftlichen Katastrophe, die die deutsche Energiewende über die Unternehmen gebracht hat.
Auch die Forderung nach einem weitgehenden Bürokratieabbau darf in der Auflistung der Standortschwächen selbstverständlich nicht fehlen. Ein politischer Evergreen und eine angesichts der massiv erhöhten Schlagzahl staatlicher Interventionen wohlfeile Forderung. Der Staat wird zehntausende neue Stellen im öffentlichen Dienst schaffen müssen, bei seinen Förderbanken wie der KfW und den Landesbanken, um die Springflut des Billigkredits in die Wirtschaftsläufe einzuweben.
Über die massive Staatsintervention schweigt die Wirtschaft lieber. Man nimmt mit, was man kriegen kann. Von Kritik an Marktverzerrungen und an der systematischen Verdrängung der Privatwirtschaft vom Kapitalmarkt durch den staatlichen Akteur ist keine Rede.
Für das laufende Jahr rechnet der DIHK mit einer ausgewiesenen Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts von 0,7 Prozent. Diese Zahl inkludiert allerdings eine Netto-Neuverschuldung des Staates einschließlich Sondervermögen von rund 5,5 Prozent bei einer Staatsquote von über 50 Prozent. Die Privatwirtschaft dürfte damit aller Voraussicht nach um mehr oder weniger vier Prozent schrumpfen.
Die Spielräume der Politik werden enger. Die Flucht an den Kapitalmarkt scheint der letzte verbleibende Ausweg zu sein, um Zeit zu kaufen und die Illusion sozialer wie ökonomischer Stabilität durch immer neue Subventionsprogramme aufrechtzuerhalten.
Standortpatriotismus im Spiegel der Realität
Und bevor nun erste patriotische Krokodilstränen vergossen werden: Jeder Betriebsleiter, jeder Firmenchef, jeder kapitalstarke Fonds, Einzelinvestoren und Family Offices wird sein Urteil über die zerstörerischen politischen Rahmenbedingungen in der Bundesrepublik und der EU wohl sorgsam abgewogen haben – und sich nicht ohne Grund vom Standort abwenden.
Auf Standortpatriotismus zu beharren, ist angesichts jahrzehntelanger gezielter Erosionsarbeit an patriotischen Grundstimmungen, deutschen Traditionen und Kultur durch den politischen Apparat mitsamt seinem angeschlossenen Medienimperium bestenfalls infantil – grob gesagt: zynisch.
Bundeskanzler Friedrich Merz und sein Finanzminister Lars Klingbeil waren in der Vergangenheit jedenfalls nicht darum verlegen, mehr oder minder offen, die Patriotismuskarte auszuspielen, wenn es um den beschleunigten Fortzug deutscher Unternehmen ging.
In seiner Hilflosigkeit forderte Lars Klingbeil zuletzt im Oktober coram publico auf dem Gewerkschaftskongress der IGBC in Hannover die Wirtschaft zu einem Standortbekenntnis und zum Erhalt der Arbeitsplätze auf.
Ein billiger Medien-Stunt, da Klingbeil sehr wohl bewusst ist, dass sich energieintensive Produktion am Standort Deutschland schlichtweg nicht mehr verteidigen lässt, dass die Politik der grünen Transformation zielsicher und willentlich Industrieproduktion mit dem Ellbogen ins Ausland oder zunehmend in die Insolvenz treibt.
Das Narrativ von mangelnder Standorttreue ist längst etabliert. Es zeigt, dass die Politik ihre Sündenböcke bereits benannt hat – Unternehmer und Investoren, denen man den wirtschaftlichen Absturz des Landes öffentlichkeitswirksam anlasten will. Sie gelten fortan als Profiteure ohne Verantwortung, die Beschäftigte, Gesellschaft und Gemeinwesen zugunsten vermeintlicher Gewinnmaximierung zurücklassen.
Die Tiefe der anhaltenden Rezession und die inzwischen unübersehbare Deindustrialisierung des Landes machen es von Woche zu Woche wahrscheinlicher, dass ein Point of No Return – eine Art ökonomischer Kipppunkt – bereits überschritten ist.
Die deutsche Gesellschaft steht damit im Grunde genommen nur noch vor zwei Optionen: Entweder sie fällt auf die rhetorischen Finten der Zentralplaner um Friedrich Merz und Lars Klingbeil herein, akzeptiert weitere Verstaatlichung und den Aufbau zentral geplanter Kunstökonomien wie einer Kriegswirtschaft oder der bleiernen Öko-Industrie. Oder sie öffnet eines Tages ihren Horizont, kehrt zu den Prinzipien der freien Marktwirtschaft zurück und nimmt den sozialen Schmerz in Kauf, der eine echte Transformation zum Besseren zu Beginn notwendigerweise begleiten muss.

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Das Titelbild ist gelungen. Der Schatten des Adlers auf dem Land bedeutet: Er wird hier nicht mehr landen. Er zieht weiter. Schauen Sie sich doch die Vorstände der Unternehmen an. Haben da irgendwelche Personen ernsthaft widersprochen? Die Politik und Hofpresse auch verbal angegriffen? Haben sie sich geweigert, diesen ganzen grünrotschwarzen Unsinn mitzumachen? Haben Sie Initiativen gestartet? Haben sie die Opposition unterstützt? Ich habe wenig bis nichts gehört. Einige Klügere allerdings haben sofort gehandelt und den Abschied aus dem Wirtschaftsstandort Deutschland vorbereitet, vielen voran z.B. die Firma Viessmann. Den letzten beißen nunmal die Hunde, dass ist allseits bekannt. Und sozialistische bis… Mehr
> Ein billiger Medien-Stunt, da Klingbeil sehr wohl bewusst ist, dass sich energieintensive Produktion am Standort Deutschland schlichtweg nicht mehr verteidigen lässt, dass die Politik der grünen Transformation zielsicher und willentlich Industrieproduktion mit dem Ellbogen ins Ausland oder zunehmend in die Insolvenz treibt.
Bisher passiert aber selten, dass jemand ihm das offen und öffentlich sagt? Die Manager lechzen lieber nach Klimadingsbums-Subventionen.