Zuwanderung: 8 Minuten klarer Himmel

Thomas Roth wollte Helmut Schmidt sein und berichtete über Zuwanderung, was in den Tagesthemen vorher nicht zu hören und sehen war.

Themen der Sendung: Hanseat und großer Staatsmann: Hamburg und Deutschland trauern um Helmut Schmidt, Der Kommentar, Bundesinnenministerium führt Dublin-Verfahren für Syrer wieder ein, Deutschland - das Schlaraffenland für Flüchtlinge?, FIFA-WM 2006: vom Sommer- zum Ammenmärchen?

Lag es an Helmut Schmidt, dem die Tagesthemen gestern mit satten 20 Minuten am Stück über die Hälfte der Sendung widmeten? Jedenfalls gab es überraschende Momente der Klarheit im öffentlich-rechtlichen Nachrichtenwesen.

Die Wirklichkeit in den Tagesthemen eingesickert

Zeigt sich heute+ vor ein paar Tagen noch von seiner schäbigsten Seite, als man Pegida in Dresden damit erklärte, das der Theaterplatz früher Adolf-Hitler Platz hieß, muss in der Redaktion von ARD-Ankerman Thomas Roth der Blitz eingeschlagen haben – oder war es so etwas, wie ein Helmut-Schmidt-Effekt? Die Sache ist es jedenfalls wert, aus dem Gedächtnis zitiert zu werden.

Zunächst einmal war Helmut Schmidt an der Reihe. Und er sollte auch noch im Anschluss an die Tagesthemen in einem erstaunlich empathischen Porträt gewürdigt werden. Sandra Maischberger zeigte sich hier von ihrer besten Seite. Sie hatte Schmidt oft gegenüber sitzen. Und hat ihm die richtigen Fragen gestellt. Ihr ist es zu verdanken, dass wir nun wissen, das Merkel für Schmidt deshalb ungeeignet ist, weil ihr so etwas wie eine freiheitliche Sozialisation der BRD fehlt, ebenso wie er muslimische Einwanderung aus den Erfahrungen der Gastarbeiter-Integration für ungeeignet hält. Da mag man von Fall zu Fall anderer Meinung sein, aber die Wahrheiten der über 80-jährigen waren schon immer eine potentielle Gefahr für tagespolitisch als notwendig erachtete Konzessionen und Verdrehungen. Ja, da war Schmidt immer auch ein bisschen Scholl-Latour.

Zufall? Jedenfalls wollte dieser Thomas Roth für einen Abend Helmut Schmidt sein. Leider etwas spät, aber die Einschaltquoten waren gestern dank Schmidt Schnauze auch nach 22 Uhr nicht die schlechtesten.

Zunächst berichtete der ehemalige ARD-Moskau-Korrespondent von der unerwarteter Weise fehlenden Wendung im Innenverhältnis Kanzlerin-Innenminister: Alles in Butter. Merkel scheint sogar froh, dass der Wahl-Dresdner de Maizière den Ausputzer gegeben hatte. Und weil das alles so gut geklappt hat, wissen die Tagesthemen auch zu berichten, dass Schengen nun auch für die eigentlich davon befreiten Syrer wieder das Maß aller Dinge werden soll, die deutsche Regierung also plant, das ausgesetzte europäische Recht bei der Zuwanderung wiederherzustellen.

….oder sogar ein Dammbruch?

Und als wären die Dämme gebrochen, gleich das nächste Thema nach Helmut Schmidt, die Frage nämlich, ob Deutschland im Ausland fälschlicherweise als zu großes Schlaraffenland dargestellt wurde. Da haben dann ein paar Syrer erstaunliches zu berichten: Via Smartphone zeigen sie eine Auswahl Facebook-Meldungen, die von großen Summen als Begrüßungsgeld (Alleinreisende 2.000 Euro, Familien 5.000 Euro) berichten, von schönen neuen Häusern, die man bekäme, und von Arbeitsplätzen, die reichlich zur Verfügung ständen oder geschaffen würden.

Wenn man Roths thematischen Vorstoß richtig interpretiert, wenn man ihn ernst nimmt, dann müssten jetzt schon ein paar Redakteure investigativ unterwegs sein, um die Urheber dieser folgenschweren Hoffnungsmacher zu ermitteln. Da darf man gespannt sein, welche der angebotenen Verschwörungstheorien auf einmal Realität sind. Ifo-Chef Hans-Werner Sinn jedenfalls hatte ja zuvor schon im Spiegel-Interview Organisationen wie Pro-Asyl als einen Initiator der Flüchtlingswelle benannt, weil diese nach Bekanntwerden der pauschalen Anerkennung der Syrer als Bürgerkriegsflüchtlinge diese Öffnung sofort in den Lagern verbreitet hätten: „Pro Asyl hat das sogleich in die Lager übermittelt. Das hat dazu geführt, dass sich noch viel mehr Menschen in Bewegung gesetzt haben.“

Mal schauen, was die Tagesthemen in diesem Fall in den nächsten Tagen weiter ermitteln. Vielleicht stehen wir am Ende vor einer zweiten Facebook-Revolution, nur mit ganz anderen Vorzeichen? Die Frage, wie viele Facebook-Postings es braucht, um die Hoffnung von Millionen so zu wecken, das der kritische Punkt überschritten ist und sich Hunderttausende auf den Weg machen Richtung Deutschland, stellte Roth allerdings noch nicht. Dafür müssen seine Leute erst einmal die Urheber ermittelt haben. Mal schauen, wie lange das dauert. Vielleicht reicht ja sogar eine Anfrage bei den deutschen Diensten.

Denn wenn die es zwischenzeitlich nicht herausgefunden haben, bliebe für Roth noch eine BND-Pleite als Story von morgen. Und wem untersteht dieser Dienst? Dem Innenminister? Nein, dem Bundeskanzleramt. Frische Meldungen dürften als nicht allzulange brauchen bis nach ganz oben.

Weiter geht es in den Tagesthemen so: Die Journalistin Xenia Böttcher hat für Roth Syrer in ihren deutschen Unterkünften aufgesucht und mit beispielweise einer Sherin Ismail über ihre völlig falschen Hoffnungen und die großen Enttäuschungen nach der Ankunft in der deutschen Realität für Flüchtlinge gesprochen. Darüber, dass sie nach ihrer Ankunft tagelang nichts essen konnte, weil sie so unter Schock stand. Nein, nicht nur wegen des Erlebten, das nun hinter ihr lag, noch viel mehr, wegen der mutmaßlich schlechten Aussichten, die nun in Deutschland vor ihr liegen.

Abschalten gilt nicht

Ein Omer Alazzawi berichtet anschließend noch über das erhoffte Begrüßungsgeld, das Haus und die Arbeitsstelle, alles Dinge, die nicht eingetroffen sind, und wohl auch nicht so bald eintreten werden. Und dann zeigt er schnell noch die irreführenden Meldungen auf Facebook von Ende August 2015 inklusive eines Fotos von Angela Merkel aus der Nachrichten-Sendung ZIB auf 3sat. Das Profilbild des Absenders ist ein hochgereckter Daumen in den Deutschlandfarben nebst arabischen Schriftzeichen. Und dann geht’s bei Roth weiter zu Franz Beckenbauer.

Fazit dieser erstaunlichen acht Minuten: Nein liebe Pegida Anhänger, es ist nicht alles „Lügenpresse“. Es bleibt natürlich weiterhin angeraten, die Sensoren auf feinjustiert eingestellt zu lassen. Dann entgeht einem auch nicht so eine geballte Ladung zwischen Schmidt und Schmidt. Zwischen Erika und Steinbach.

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