Humor mit Einschränkungen – ZDF möchte woken Zeitgeist parodieren

Das ZDF präsentiert ein neues Comedy-Format: Die Sketch-Show „Wir sind die Meiers“ will den woken Zeitgeist parodieren. Löblich. Eigentlich. Wenn es nur nicht so grottenschlecht gemacht wäre.

© ZDF/Thomas Kost/[M] FEEDMEE

Der Goldstandard für Humor sind die amerikanischen Fernsehsender. Dort, genauer auf ABC, lief bereits vor 14 Jahren „Modern Family“. Eine Serie um den ehemaligen Hauptdarsteller des Al Bundys, Ed O’Neill. Eine Familienserie, in der das klassische Familienbild aufgehoben ist: Ein schwules Pärchen adoptiert eine Tochter aus Vietnam; der in die Jahre gekommene Jay heiratet die alleinerziehende Mutter Gloria aus Kolumbien und im Hause Dunphy hat Claire die Hosen an.

„Modern Family“ macht sich wie jede Sitcom über seine Figuren lustig – ohne aber grundsätzlich ihre Lebensmodelle in Frage zu stellen. So ist der homosexuelle Mitch drum bemüht, jedes Schwulen-Klischee zu vermeiden, läuft aber immer wieder in welche rein. Gloria will als Amerikanerin anerkannt werden, kokettiert aber ebenso mit ihrer Vergangenheit im gewalttätigen Kolumbien – etwa wenn sie nebenbei eine Ratte tötet. Die Drehbücher sind fein gestrickt, die Handlung ist bestens motiviert – und so darf gelacht werden, wenn der homosexuelle Partyplaner Pepper seinen Adoptivsohn zu einem Snob verzieht.

14 Jahre nach Modern Family wagt sich nun das ZDF daran, woke Lebenseinstellungen zu überzeichnen und zu parodieren. Die Sketch-Show „Wir sind die Meiers“ läuft auf dem Sendeplatz der Heute Show, wenn die in die Sommerferien geht. Eigentlich klingt das vielversprechend. Statt der verkrampft unlustigen grünen Ideologie, die sonst der Freitagabend im ZDF bietet, könnten grüne Lebensweisen verballhornt werden. Wenn es nur nicht so grottenschlecht gemacht wäre.

Das fängt schon mit dem Konzept „Sketch-Show“ an. Statt eines durchlaufenden, Sinn stiftenden Drehbuchs reiht das Format Sketche aneinander. „Familie (war) für uns die perfekte Struktur, alles zu erzählen, aber auch alles miteinander zu verbinden“, sagt Showrunner Chris Geletneky im Interview. Nur: Das tut es eben nicht. Nichts hält zusammen. Es bleibt nichts als eine lose Folge von Sketchen, die nur dadurch verbunden ist, dass die gezeigten Figuren den gleichen Nachnamen tragen.

Das ist weniger anspruchsvoll als eine Sitcom, kann aber unterhaltsam sein, wenn die Sketche gut inszeniert sind. Beatrice Richter, Diether Krebs und Iris Berben haben mit „Sketchup“ gezeigt, wie das bestens funktioniert. Nur von deren Qualität bleiben die Meiers weit entfernt. Das gilt sowohl für das Timing, das Spiel, wie auch für die Pointen. Die Sketche dauern jeweils knapp über zwei Minuten – und bestehen meist nur aus einer Pointe, die dem Zuschauer dann meist mit dem Holzhammer immer wieder eingeprügelt wird.

So stehen Eltern in ihrem SUV vor einer Schule und beklagen sich während des Wartens darüber, dass andere nicht genug für den Klimaschutz tun. Wer den Widerspruch lustig findet, sollte jetzt lachen. Jetzt ist die Pointe wenigstens noch frisch. Dann geht es weiter und eine Mutter klagt, andere würden im Urlaub nicht an den Klimaschutz denken, sie hingegen habe für ihren Flug nach Mauritius zum Ausgleich Zertifikate gekauft. Na, verstanden? Für den Klimaschutz sein, aber nach Mauritius fliegen? Kommen Sie, lachen Sie, das ZDF hat sich Mühe gegeben. So geht das weiter und die folgenden zwei Minuten Comedy vergehen so langsam wie das Warten auf das Ergebnis eines Schwangerschaftstests.

Immerhin greift „Wir sind die Meiers“ auch heilige Kühe an. So betreibt Katjana Meier eine Agentur für Minderheiten. Kunde ist ein Baumarkt, der für seine Eröffnung Mitarbeiter mieten will, die im Rollstuhl sitzen oder schwarz sind. Das heißt jetzt „People of Color“. Ein Gag, den die Show noch ein halbes Dutzend Mal wiederholt. Als Tribut für das langsame Tempo, das der durchschnittliche ZDF-Zuschauer gewöhnt ist. Da es billiger ist, setzt sich die Agenturchefin selbst in den Rollstuhl. Immerhin wiederholen die Meiers nicht auch diesen miesen Gag mit Einschränkungen mehrfach. Aber weil der Chef des Baumarkts bereit ist, etwas mehr zu zahlen, ist der Schwarze – das heißt jetzt People of Color, hahaha – bereit, sich obendrein als homosexuell auszugeben und die „Rollstuhlfahrerin“ als transsexuell.

Die Verwandlung der Frau in eine Transsexuelle ist in der Welt der Meiers natürlich Anlass für eine Hammerpointe: Zur Transsexuellen wird die Frau, indem sie sich einen Schnurrbart aufklebt. Sie verstehen? Frau, Schnurrbart, wird zum Transmann? Hammer, oder? Haaaammeeer! Von der Figur des Frank Meier sagt Showrunner Chris Geletneky, der sei jemand, „der sich selbst für tierisch witzig hält, aber ausschließlich abgestandene Whatsapp-Gruppen-Gags raushaut. Ich glaube, diesen Onkel mit Bauchansatz am Grill, der auch 2023 noch stolz den gepflegten Herrenwitz aus den 1980ern kultiviert, hat ebenfalls jeder mindestens einmal in der Familie.“ In Geletnekys Familie muss er selbst dieser Onkel gewesen sein.

Wobei die meisten Pointen der Meiers weit hinter die 80er Jahre zurückfallen. So tauscht der eine Astronaut den Gemüsebeutel des Kollegen gegen einen Kotbeutel aus. Der revanchiert sich mit einer Torte im Gesicht. Muhaha. Ein Paar inszeniert ein Vampirstück, das mit dem gespielten Einschlagen eines Holzpflocks enden soll. Doch Sie ahnen nicht, was dann passiert: Die Frau schlägt dem gespielten Vampir den Pflock tatsächlich in die Brust. Nein? Doch! Ohhh. Das ZDF hat es tatsächlich geschafft, für „Wir sind die Meiers“ Witze auszukramen, die noch älter als seine Durchschnittszuschauer sind.

Halbwegs gelungene Pointen sind selten. Die Oma sagt, sie wolle in Würde sterben, und die Tochter antwortet: „Dafür ist es jetzt schon auch zehn Jahre zu spät.“ Bei Modern Family wäre der Gag rausgeschmissen worden, ebenso wie der Gagautor – aber fürs ZDF und den Sendeplatz der Heute Show reicht’s allemal. Unter den Einäugigen und so … Der Song „Solar Solala“ ist dann sogar tatsächlich lustig.

Geletneky sagt, Vorbilder für „Wir sind die Meiers“ gäbe es keine. Fair von ihm, niemanden mit reinzuziehen. Am ehesten erinnere es ihn noch an Pastewka. Was allerdings eher daran liegen könnte, dass einige Darsteller aus dessen Ensemble nun im ZDF rummeiern. Etwa Matthias Matschke, Claudia Rieschel oder Bettina Lamprecht, deren Talent bei „Wir sind die Meiers“ nicht annähernd ausreichend abgerufen wird.

Die Show will den Minderheitenkult parodieren. Für dieses ehrgeizige Ziel ist es aber zu wenig, wenn eine Agenturchefin sich in einen Rollstuhl setzt, weil das auf der Eröffnung eines Baumarktes halt gefragt ist. Den woken Zeitgeist besser parodiert hat nicht nur Modern Family. Das ist selbst Al Bundys „Eine schreckliche Familie“ besser gelungen – und das schon in den 90ern.

In Modern Family ist O’Neills Figur des Jay der Exmann von DeDe, die wiederum von Shelly Long gespielt wird. Die war seinerzeit die Diane im Cheers. Damit vereint Modern Family in seiner Vorgeschichte Cheers und Al Bundys „Married… with Children“. Zwei klassische Sitcoms, die heute von Woken niedergebrüllt würden – ob ihrer herrlichen politischen Inkorrektheit. Und die in 30 Sekunden mehr Gags bieten als „Wir sind die Meiers“ in einer ganzen Episode.

Die Sketchcomedy „Wir sind die Meiers“ läuft erstmals am Freitag, 23. Juni, 22:30 Uhr im Hauptprogramm des ZDF. Ab 16 Uhr des gleichen Tages ist sie in der Mediathek zu sehen.

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Kommentare ( 2 )

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Or
1 Jahr her

Hallo TE,

danke für den Tip.
Noch eine Sendung im Staatsfunk, die ich mir wie den Rest nicht ansehen werde.

Jens Frisch
1 Jahr her

Lachen an der falschen Stelle?
Das könnte als Verrat am richtigen Standpunkt angesehen werden, Genosse Humorbeauftragter!
Zum Glück müssen weder Loriot noch Dieter Krebs das noch miterleben.