Maybrit Illner und die Merkel-Dämmerung

Das hätte interessant werden können! Merkel-Dämmerung! Sogar die Kanzlerinnen-treue ZEIT hatte eine Erosion in Merkels Machtapparat diagnostiziert. Leider war’s nur ein Etikettenschwindel

Angekündigt war das Thema: Verliert Merkel die Kontrolle? Nanu, denkt sich der abgestumpfte Talkshow-Seher, was erlaubt sich denn da der Staatsfunk? Die Kanzlerin wankt? Wir schaffen „das“ nicht? Werden jetzt etwa Aufputschmittel statt Beruhigungspillen verabreicht?

Üblicherweise werden die Illner-Runden raffiniert gemischt, damit der Zuschauer weiß, was er von all den Widrigkeiten im Land zu halten hat. Wenn die Gefechtslage klar ist – etwa bei den Themen Flüchtlingskrise oder AfD – sitzen auf der „guten“ Seite ein Sozi, ein Grüner, einer aus der Union und dazu ein armes Würstchen auf der „Gegenseite“, das mutig genug ist, sich fertig machen zu lassen.

Die Sendung mit dem armen Würstchen

Gestern ließ schon die Besetzung schnell erahnen, dass die Öffentlich-Rechtlichen TV-Theater-Betriebe die Merkel-Dämmerung nicht im Ernst zu inszenieren gedachten. Da saßen Franziska Griffey, SPD Bezirks-Bürgermeisterin von Neukölln, die stolz erwähnte, Frau Merkel habe sie persönlich ins Kanzleramt eingeladen.

Cem Özdemir, Sozialpädagoge und Chef der „Macht auf die Tür“-Grünen, Karl Rudolf Korte von der NRW School of Governance (was es alles gibt!), Christoph Schwennicke vom Cicero, und last, but not least, Peter Altmaier, Angies treuer Husar.

Schwennicke war in unserem kleinen Bild oben wohl die Rolle des „armen Würstchens“ zugedacht (der Vergleich ist ein bisschen gemein). Er vertrat tapfer die Putsch-These mit manch klugem Wort. Amüsant war seine kleine Anekdote über Wolfgang Schäuble, der gefragt wurde, ob er nicht zu alt für Kanzler sei. „Adenauer,“ hatte der 73jährige Schelm darauf geantwortet, „ist mit 73 zum ersten Mal Kanzler geworden.“

Irgendein ein echter Merkel-Kritiker in Sicht? Oder ein bekennender Schäuble-Freund? Ein neutraler Beobachter, vielleicht sogar aus dem Ausland, wo die Putschgefahr durchaus thematisiert wird? Bloß nicht! Wozu auch?

Nein, nein, liebes Publikum, die Kanzlerin ist wohlauf, alles in Butter. Der vermeintliche Putsch (Schäuble, de Maizière, Seehofer) ist lediglich ein „Kommunikations-Missverständnis“ (Altmaier). Herrn Korte freut die neue „Lebendigkeit“ in der Regierung, und er findet es toll, dass jetzt bei Hofe sogar diskutiert werden darf.

Opposition auf Kanzlerinnen-Schmuse-Kurs

So sehr sich Maybrit Illner auch bemühte, Wasser in den Wein zu mischen, indem sie (bezogen auf die berühmte Schäuble-Metapher von der Lawine, die durch einen unachtsamen Skifahrer verursacht wurde) süffisant fragte, ob er womöglich eine Skifahrerin gemeint haben könnte – die Kanzlerfreunde am Tisch mochten nicht mitstänkern.

Selbst Cem Özdemir, sonst gern von der Fraktion „Teile aus und herrsche!“ vermittelte den Eindruck, er wüsste gar nicht, was er in der Runde solle. Er mag doch die Merkel und ihre grüne Politik. Auch als Altmaier ihn anpfiff, er habe ein Jahr gebraucht, um die Grünen zu überzeugen, dass „Jugoslawien“ ein sicheres Herkunftsland sei, Cem Özdemirs Devise blieb: Ruhe im Schiff.

Damit war das Thema Merkel mehr oder weniger abgehakt. Reden wir über – die Flüchtlinge. Mit Martin Bayerstorfer wurde ein sehr besonnener Landrat aus Erding bei München an den Tisch geholt, dessen Amt quasi nur noch aus diesem einzigen Aufgabengebiet besteht. Inklusive Unterkünfte organisieren, Versorgung sicherstellen und so weiter. Wie der so ruhig bleiben konnte – Chapeau!

Dublin, Nachzugsrecht für Angehörige, Bargeld oder Transferleistungen. Nun will der Autor nicht mit Tagesfragen langweilen, deren Lösungen schneller verfliegen als Blätter im Herbstwind. Das Gespräch plätscherte zwischen Binsen und Blödheiten. Nur soviel ist klar: Berlin hat keine Lösungen.

Selfie mit Geldscheinen

So ganz nebenbei erfährt der Zuschauer dann aus offiziellem Munde ein paar Dinge, wo er nicht mehr weiß, ob er lachen oder heulen soll:

Der Landrat erzählt, wie er vom Fenster seiner Amtsstube aus sieht, wie Flüchtlinge mit frisch von der Kasse ausgegebenen Geldscheinen erst mal ein Selfie schießen. Jetzt weiß der letzte Ungläubige in Afrika: ja, Baby, Germoney gibt’s wirklich!

Dann wird zugegeben, dass Hunderttausende nicht einmal registriert sind. Man weiß nicht, wer da ist, wo er ist und woher er kommt. Das hindert die attraktive und sympathische SPD-Frau aus dem Berliner Bezirk (wo früher der letzte ernst zu nehmende Sozi, Heinz Buschkowsky, wirkte) nicht, hauptsächlich über Frauen, Kinder und unbegleitete Jugendliche zu reden. Ja, man glaubt ihr das Engagement und die Nerven zehrende Arbeit in ihrem Bezirk. Man sieht aber zugleich, wie unterschiedlich Wahrnehmung doch ist, weil Medien sich weigern, ein objektives Bild zu zeigen.

Zum Ende hin brachte Özdemir den Klopper schlechthin. Die Europäer müssten solidarischer sein und an den Europagrenzen müssten „Hot Spots“ her. Hot Spots!! Da zickt der Gabriel tagelang rum, weil er die Aufnahmelager unbedingt Einreisezentren nennen will. Özdemir: Hot Spots! Das klingt doch hochmodern. Lager mit WLAN.

Zugleich wurde quasi ungewollt belegt, warum die Merkel-Dämmerung bis zu den nächsten Wahlen wohl nur eine Nebelkerze bleiben wird.

Der Professor aus Duisburg behauptete irgendwann zu wissen, der deutsche Wähler wolle eigentlich überhaupt nicht, dass sich irgend etwas ändert. Wenn er sich da mal nicht täuscht!

Wohl eher treibt den Wähler die bange Frage: Sollen nach der Einäugigen die Blinden führen?

Diese hätte man wunderbar durchspielen können: Siggi Wendehals, den man-hört-so-gar-nichts von Walter Steinmeier, die forsche Hannelore Kraft. Schließlich droht Rot-Rot-Grün!

Bei der Union sieht’s genauso trübe aus: Schäuble wird wissen: man goutiert den Verrat, nicht den Verräter. Seehofer, kraftvoll gesprungen, als Kanzleramts-Teppich gelandet. Thomas de Maizière, Merkels Prügelknabe in jedem Amt. Und noch eine Platzpatrone: Flinten-Uschi.

Sicher, die Merkel-Dämmerung ist zum Fürchten, aber eine solche TV-Diskussion wäre doch eine willkommene Ablenkung vom öffentlichen Offenbarungseid der derzeitigen Regierung gewesen.

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