Gauck bei Miosga: Hör mal zu, Alter, jetzt reicht’s!

Wie steht es um die Demokratie in Deutschland, das Völkerrecht im Iran-Krieg, um die Welt insgesamt? Große Brocken bei Miosga. Zu groß für die Runde. Dem Altbundespräsidenten Joachim Gauck machen zwei Salon-Linke den Ruf als Fähnlein Faselschweif streitig. Eine qualvolle Stunde. Von Brunhilde Plog

Screenprint: ARD / Caren Miosga

Wenn Altbundespräsident Joachim Gauck etwas sagt, wird es gern mal abwegig. Was er als Kritik meint, gerät schnell zur Beleidigung – etwa, wenn er Impfgegner als „Bekloppte“ bezeichnete. Und seinen ostdeutschen Landsleuten spricht er regelmäßig pauschal die Demokratiefähigkeit ab.

So auch heute Abend. Die Ossis seien „im Grund genommen altdeutsch“, sagt Gauck. Sie hätten keine 68er-Bewegung gehabt und seien insgesamt anfällig für Populismus. Ihn sorge aber noch mehr, dass die AfD sogar im Westen auf 20 Prozent Zustimmung komme, wo doch „diese Landschaft“ eine viel längere „Demokratiegeschichte“ habe.

Gauck, von dem es heißt, er habe bei den Pfadfindern nicht den Fähnlein Fieselschweif, sondern den Fähnlein Faselschweif erworben, dreht bei Miosga mal wieder voll auf. Appelle hier, Motivation dort. Oder sagen wir: Motivationsversuche. Es sei doch alles nichts, „wenn wir uns selber nicht ertüchtigen“, sagt er, doch was meint er, und wer soll da folgen? Vor nicht allzu langer Zeit verlangte Gauck von den Deutschen noch, für die Ukraine zu frieren oder gefälligst mal auf etwas „Lebensglück und Lebensfreude“ zu verzichten. Dabei kostet er selbst den deutschen Staat mit Pension und Mitarbeiter-Stab weit mehr als alle seine Vorgänger. Schon 2017 waren es mehr als eine Million Euro pro Jahr. Da lässt sich locker aus der Hose pfeifen.

Reden statt regieren
Der Blitz schlägt ein im Haus des Selbstbetrugs
Miosga bittet Gauck um volle Palaver-Salven, und die bekommt sie: „Verurteilen Sie den völkerrechtswidrigen Krieg der Amerikaner und der Israelis?“ will sie mehrfach wissen. Doch Gauck winkt ab: „Nein, so eindeutig ist es nicht. Ich kann es nicht. Es geht ein Riss praktisch durch mich selber. Ich sehe die Not dieser leidenden Menschen, die über Jahrzehnte unterdrückt sind. Ich sehe den Mut dieser Menschen, ich sehe die Verletzung der Rechte der Menschen, und ich möchte, dass das sich ändert. Wenn ich aus dieser Perspektive schaue, dann finde ich es angemessen, dass man von außen ihnen hilft.“

Er könne daher nur „gebremste Kritik“ an der Bombardierung Irans durch Israel und die USA üben: „Wir leben in einer Zeit, wo das Völkerrecht den Schutz des Lebens Vieler nicht mehr garantiert.“ Der Ex-Pastor ist immer für eine Ausnahme gut, wenn’s passt. Auch die Querdenker-Demos im Jahr 2021 verurteilte er scharf, forderte „keine Toleranz für Intoleranz“.

Beim Ukraine-Krieg hingegen sieht er das Völkerrecht wieder in altem Glanze. Gauck behauptet steif und fest, Putin verweigere jedes Gespräch, denn „alle Europäer haben auf unterschiedliche Weise versucht, mit ihm zu reden“. Details zu diesen angeblichen diplomatischen Offensiven bleibt er schuldig, aber ist ja auch egal, denn „im Moment ist es sinnlos. Wir sehen keine Verhandlungsbreitschaft der Russen“.

Eines ist an diesem Abend sicher: Was die Menschen wirklich bewegt, kommt garantiert nicht zur Sprache. Eine Regierung der gebrochenen Versprechen, die Wirtschaft im freien Fall, explodierende Energiepreise, Festhalten am Klimawahn und Politiker, die dem Bürger morgens um sechs die Polizei ins Haus schicken, wenn er es wagt, zu spotten oder kritisieren – nicht nur ist das alles kein Thema bei Miosga, es wird sogar bewusst in Abrede gestellt.

Der linke Autor Lukas Rietzschel etwa kritisiert, dass seit Jahren über „kaputte Demokratie oder Riss in der Gesellschaft oder vermeintliche Polarisierung“ geredet werde. Er weiß es besser: „Nichts davon ist wirklich evident.“ Immerhin blendet die Miosga-Redaktion ein, dass der Mann auch SPD-Mitglied ist.

Alternative für Deutschland
Hat die AfD ihren Zenit erreicht?
Warum er in der Runde sitzt, wird nicht so recht klar. Damit reicht er sich die Hand mit Julia Jäkel, die mal wieder ihre Studie zur Lage der Nation bewerben will. Das versucht sie mit solchem Nachdruck, dass man erahnen mag, wie sie wohl agiert, wenn sie mal Chefin einer Runde ist. Etwa im Verlag Gruner + Jahr, wo sie als CEO erfolgreich den Umsatz halbierte. Heute empfiehlt Jäkel: mehr Digitalisierung, weniger Bürokratie. Ganz neue Ideen also. Die ersten Schritte sieht sie erledigt: „Es gibt inzwischen ein Ministerium für Digitales und Staatsmodernisierung, damit hatte keiner gerechnet. Es gibt es, es ist gut ausgestattet. So, bums.“ Und wenn sie nur mehr Zeit heut Abend hätte, dann könnte sie noch stundenlang …

Miosga winkt ab.

Jäkel und Rietzschel wirken wie zufällig dazu gewürfelt, und auch die Themen gleiten bisweilen ins Absurde ab. So wird zeitweise allen Ernstes darüber debattiert, ob kaputte Rolltreppen wohl ein Zeichen für eine beschädigte Demokratie seien.

Doch für ein paar Bonmots und Kuriositäten ist die Runde zumindest gut. So behauptet Jäkel in Richtung AfD, ein Teil der Wähler sei leider „verloren für unsere Demokratie“, aber wer „konstruktiv denke“, den könne man „noch erreichen“. Rietzschel wiederum kritisiert den Berufspolitiker als solches: „Dass jemand wie Jens Spahn mit 45 Jahren seit 23 Jahren im Bundestag sitzt, das halte ich für nicht unbedingt demokratieförderlich.“ Auch die Erweiterung des Kanzleramts zum größten Regierungssitz der Welt kritisiert er: „Dass so ein Bundeskanzleramt, was sowieso schon horrend viel zu groß ist, für eine Milliarde ausgebaut wird, damit da noch viel, viel mehr Bürokraten rein können. Was machen die da eigentlich?“

Auch Gauck hat noch einen. Er lobt den Kanzler der zweiten Wahl, auch wenn der sich dauernd widerspricht: „Wenn Donald Trump eine eigenwillige Auslegung des Völkerrechts hat, dann ist diese Art zu sprechen das, was in einer hochproblematischen und gespaltenen Welt möglich ist. Der würde doch auch lieber sagen: Hör mal zu, Alter, jetzt reicht’s!“

Womit Rietzschel und Gauck dem Miosga-Zuschauer die Worte in den Mund legen:

Was machen die da eigentlich?
Hör mal zu, Alter, jetzt reicht’s!

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