Déja-vu beim Sonntagskrimi: Fahrradfahrer, Flüchtige, Finanzjongleure

Farm der Tiere beim Münchner Polit-zeiruf: Alle Tiere sind gleich, aber einige sind gleicher!

Screenprint: ARD / Polizeiruf 110

Aus dem Statement von Regisseur und Drehbuchautor Christian Bach dem Bayerischen Rundfunk gegenüber lässt sich vor allem ein großes Sendungsbewusstsein herauslesen, denn in seine Schreibarbeit flösse „… das aktuelle Weltgeschehen mit ein, wo wieder das ‚Recht der Stärkeren‘ gilt, wo Politik, Moral und Gerechtigkeit als ‚Deal‘ betrachtet werden und nur noch der Preis stimmen muss“.

In München steht ein Hofbräuhaus, doch die Realität sieht anders aus

Dort, so hat der frisch verheiratete junge Realschullehrer wohl geglaubt, als er über den Zebrastreifen in der Tempo-dreißig Zone rollte, sei die Welt morgens um halb zwei Uhr noch in Ordnung. Zu seinem Unglück und dem seiner zu Hause wartenden, hochschwangeren Ehefrau (Emilia Lorenz, gespielt von Sophie Rogall) kommt aber, begleitet von einem Schwall lauter RAP-Musik, ein weißer Porsche 911 mit 120 Km/h angebraust und fährt ihn vom Rad. Da hilft auch kein Helm mehr. Zwar hält der teure Oldtimer noch kurz, scheinbar um die Lage abzuchecken, aber dann braust er davon und wird später verlassen aufgefunden. Hätte der Fahrer sich die Zeit genommen, wenigstens noch den Notruf zu wählen, wäre Herr Lorenz noch zu retten gewesen, so die medizinische Auskunft.

Schicke reinweiße Mode – aber auch reine Westen ?

Die Besitzer des Unfallwagens, das reiche Diplomatenehepaar Helene und Martin Assauer (gespielt von Victoria Mayer und Ralph Opferkuch), werden von Kommissarin Cris Blohm (Johanna Wokalek) und ihrem Kollegen Dennis Eden (Stephan Zinner, im Münchner Krimi zuständig für Mundart und Bierbestellungen) vernommen. Die Assauers residieren im reichen Bogenhausen hinter hohem Sichtschutz in einer modernen Villa und kleiden sich, was auffällt, im makellos weißen Farbton ihres Sportwagens, der ihnen angeblich gerade erst gestohlen worden sei. Töchterchen Mona (Liliane Amuat) habe den alten Porsche eher selten gefahren, der war ihr „zu prollig“. Sie will auch in den diplomatischen Dienst, aber zuerst an die Uni Stanford, USA, um dort „internationale Beziehungen“ zu studieren. Im Übrigen scheint Frau Assauer das Wichtigste zu sein, wann sie ihren Wagen zurückbekommen und wer die Reparatur bezahlen müsse.

Wenig später wird der vermeintliche Unfallfahrer aufgrund eindeutiger Spuren verhaftet – es ist der arbeitslose, hoch verschuldete, vorbestrafte Kfz-Mechaniker Victor Reisinger (Shenja Lacher), der den Autodiebstahl und die Unfallflucht sofort gesteht. Entscheidend dabei ist sein Anwalt August Schellenberg (Tobias Moretti) der ihm die zu erwartenden vier Jahre Gefängnis schmackhaft macht.

Er war jung und brauchte das Geld

Den Kontrast zu den Schnöseln aus dem wohlhabenden Viertel bildet der Asylbewerber Léon Kamara (Yoli Fuller) aus Burkina Faso, der wegen unterlassener Hilfeleistung und fahrlässiger Tötung im Gefängnis sitzt. Nachdem ihn das Gewissen einfach zu sehr geplagt habe, gestand er, von der 19-jährigen Sonja Berling nachts am Ostbahnhof wegen Crystal Meth angesprochen worden zu sein und sie zu sich nach Hause mitgenommen zu haben. Dort sei sie dann unter dem Einfluss eines Cocktails aus Wodka, Crystal und Freebase kollabiert und obwohl er noch versucht habe, sie zu reanimieren, gestorben. Aus Angst vor einer Abschiebung habe er dann die Leiche beseitigt. Ein paar Vorstrafen wegen Körperverletzung hatte er auch, aber das, so heißt es im Film, seien Fälle von Selbstverteidigung gewesen. In seiner Zelle hat der gebildete Brillenträger (spricht Englisch, Französisch und Deutsch), der Kunde der Gefängnisbibliothek ist, nicht etwa die üblichen Knastfotos an der Wand hängen, sondern ausschließlich Familienbilder, und daneben ein Kreuz.

Um seine in Burkina Faso gebliebene Familie kümmert er sich vorbildlich, schickt ihnen regelmäßig Geld, von dem sie die Medikamente für die Leukämiebehandlung seiner Nichte kaufen können. Er hat ihnen nicht gesagt, dass er einsitzt, sondern spielt rührend am Bildschirm den reichen Autohändler, der in der gefährlichen Bundesrepublik sogar eigene Bodyguards brauche.

Léon wartet geduldig darauf, die vier Jahre, zu denen er verurteilt wurde, abzusitzen und dann „natürlich ausgewiesen“ zu werden, wie Staatsanwältin Runa Sibelius (Marion Mitterhammer) Kommissar Eden auf Nachfrage bestätigt. In Burkina Faso, dem (übersetzt von Kommissarin Blohm) „Land des aufrechten Mannes“ werde der verlorene Sohn „in seinem Heimatdorf bereits wie ein Heiliger verehrt, habe dort für eine neue Trinkwasserleitung gesorgt und werde demnächst eine moderne Krankenstation bauen lassen (ermittelt von Assistent Kasper Kopernik, gespielt von Elias Krischke) .

Das ist alles nur gekauft … das war ich doch ganz alleine!

Als die Leiche von Sonja Berling intakt aus der Isar gefischt wird, wackelt Léons Geschichte gewaltig, denn er hatte gestanden, ihren Leichnam zerstückelt zu haben. Dass die junge Frau den Untersuchungen von Rechtsmediziner Franz Romberg (Pablo Sprungala) zufolge vor ihrem Tod vergewaltigt wurde, bringt den jungen Afrikaner im Knast in große Schwierigkeiten. Hier herrscht ein archaischer teutonischer Ehrbegriff, demzufolge dieser „Affe“, nachdem er „unsere Frauen“ umgebracht hat, nicht „so billig davonkommen“ darf (zwei muskulöse Häftlinge, gespielt von Enzo Mandara und Petr Dvorak). Auf den Versuch der Kommissarin, Léon Kamara mit der Drohung zum Reden zu bringen, ihn vor seiner Familie in Burkina Faso als Verbrecher bloßzustellen, reagiert der mit einem tätlichen Angriff auf die Polizistin und, indem er später ein trotziges ACAB (all cops are bastards) neben sein Kreuz in der Zelle einritzt. Wenig später wird er in der Gemeinschaftsdusche niedergestochen.

Wer einem das Gefängnis erspart, fährt selbst hinein

Nach und nach wird klar, dass nicht nur am Geständnis Léons, sondern auch an dem von Victor Reisinger etwas nicht stimmen kann. Doch bevor zum Beispiel geklärt werden kann, warum der Fahrer des Unfallporsches auf Überwachungsvideos so gar nicht aussieht wie er, wird der einstweilen auf freien Fuß gesetzte Kfz-Mechaniker, kaum dass er seinen Kindern „alles worauf sie Bock haben“ versprochen hat, von der rachsüchtigen Witwe Lorenz überfahren.

Kommissarin Blohm passt Mona Assauer vor dem elterlichen Anwesen ab, um ihr ins Gewissen zu reden, sagt ihr auf den Kopf zu, dass sie sie für schuldig halte, Lorenz angefahren zu haben, warnt sie, dass sie ihr eigenes Karma versaue: „Ob sie denn wirklich wolle, dass so etwas Schule mache, wolle sie den wirklich in einer Welt leben, in der die Reichen davonkommen, weil die Armen für sie den Kopf hinhalten … sie könne der Strafe entgehen, aber nicht der Schuld …?“, worauf die Göre eiskalt entgegnet: „In so einer Welt leben wir doch schon längst.“

Der schillernde Herr Schellenberg

Blohm und Eden kombinieren sich zu der Erkenntnis, dass Anwalt Schellenberg sowohl zu Reisinger als auch Léon schon früher Kontakt hatte und sie offenbar beide für ihr falsches Geständnis auf kryptischen Wegen Geld erhalten haben. Schellenberg ist eine zwielichtige Figur und laut Journalist Jan Kolker (Thomas Reisinger) für Leute aus der Schickeria mit einem Problem, aber genügend Geld der Geheimtipp und habe „gute Kontakte in die bayerische Politik“. Bekannt sei er dafür, umsonst „Arme und Schwache, Migranten und Flüchtlinge“ zu verteidigen. (was nicht stimmen kann, denn als Blohm den Polizeicomputer nach Schellenbergs Mandanten durchforstet, sticht unter den hunderten einheimischen Namen der des Afrikaners Kamara hervor).

Warum jemanden aufhalten, der sich mit Übernahme von ein paar Jahren Knast Geld verdienen will?

Nun nähert sich der Krimi seinem so moralischen wie dramatischen Höhepunkt, in dem die edle Polizistin den schurkischen Anwalt in schummriger Atmosphäre zur Rede stellt. Sie wüssten ja doch nun beide, so Schellenberg aalglatt, dass „vor dem Gesetz nicht alle gleich seien … ärmere Schichten werden meist härter bestraft als die Oberschicht“. Schellenberg hat auch kein Problem damit, wenn sein Mandant Reisinger unschuldig ist und der wahre Täter davonkommt. Das, was hier passiere, wenn sich jemand so einen Deal leisten könne, sei ein „perverser Ablasshandel“ entgegnet Cris Blohm, die korrekte Staatsdienerin, die dem Advocatus Corruptus am Ende des Gesprächs noch die angebotene Übernahme der Rechnung ausschlägt.

Was soll jetzt der Schmarren mit dem „wahren Täter“? (Kollege Rimpfel, gespielt von Ferdinand Dörfler). Auch im Fall der toten Sonja Berling müssen Blohm und Eden nun damit rechnen, dass der wahre Mörder noch auf freiem Fuß ist. Sie nehmen die Ex-Freunde der Ermordeten, Marvin Dillmann (Maximilian Klas) und Clemens Brunner (Niklas Mitteregger), ins Visier. Brunner ist ein kleiner Kokain-Dealer und konnte sich wohl eine Beratung durch Schellenberg kaum leisten. Anders als der gewalttätige Dillmann, der ebenso schlüpfrig wie der Anwalt auftritt und als Rückversicherer für OnlineCasinos und Glücksspiele weltweit tätig ist, damit 4 bis 5 Millionen im Jahr verdient und hauptsächlich im immer sonnigen Emirat Dubai lebt.

Jäh dämmert den Polizisten, während beide Verdächtige im Taxi Richtung Flughafen entkommen (Dubai und USA), dass sie beide nur dann werden überführen können, wenn die Fehler begehen werden.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 0 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

0 Comments
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen