Bei Hart aber Fair: Niemand hat Schuld am Impfversagen, schon gar nicht die EU oder die Bundesregierung

Ganz schlimm findet man das Impfversagen bei Plasberg, ganz schlimm. Nur Europa deshalb zu kritisieren oder gar Merkel? - Nein. Und die Lösung für Staatsversagen ist: mehr Staat!

Screenshot ARD: Hart aber Fair

Es gibt ein Impfversagen, das wird wohl keiner mehr so recht leugnen können. Die Impfquote ist und bleibt auf absehbare Zeit so schlecht, dass Merkel schon Lockerungen an sie knüpft.

Hart aber Fair thematisiert das auf eine ganz besondere Art und Weise mit der Eingangsfrage, ob Deutschland beim Impfen versagen würde. Um diese einfache „Ja“-Frage wird dann eine Stunde lang vorsichtig wie auf Eierschalen herumgetanzt, während die Runde sich an einem schwierigen Spagat zwischen Realität und Unschuld versucht.

Bereits zum Beginn der Sendung findet man sich relativ schnell in einem bemerkenswerten Doppeldenk wieder. Nachdem die „Welt“-Journalistin Anette Dowideit die Chronik des EU-Versagens aufrollt, wendet sich Frank Plasberg an den ehemaligen SPD-Chef Franz Müntefering: „Ist dann an dieser Stelle Europa nicht das richtige Instrument, um eine solche Krise zu bewältigen?“ Doch bevor der Vizekanzler a.D. antworten kann, springt Dr. Lisa Federle dazwischen. Sie ist Pandemiebeauftragte der Stadt Tübingen und anscheinend auch „überzeugte Europäerin“. „Nein“, sagt sie – „aber es ist natürlich ein Problem für die Menschen, die bisher für Europa eingetreten sind, dass die sagen: Hier hat Europa versagt“. Das Versagen der EU, welches sie im gleichen Satz erst noch faktisch negiert hat, ist jetzt nicht das Problem der Risikogruppen, die auf Impfstoff warten, oder das Problem der Menschen, die unter verlängerten Lockdowns wirtschaftlich und persönlich leiden. Nein, ihre Sorge gilt den guten Pro-Europäern, die jetzt mit Schwierigkeiten ihre Stellung verteidigen müssen – den wahren Opfern der Pandemie.

Heft 02-2021
Tichys Einblick 02-2021: 2021 - Endlich wieder leben
Man weiß jetzt schon: Egal, was Müntefering gleich sagen wird, es wird in diesem Kontrast unfassbar klug aussehen. Doch auch er wehrt direkte EU-Kritik ab und bittet doch darum, jetzt nach vorne zu blicken. „Vielleicht“, sagt Plasberg, müsse man aber auch mal reinen Tisch machen, um das Vertrauen der Menschen wieder zurückzugewinnen. Dann wendet er sich mit einem Einspieler an Karl-Josef Laumann, CDU-Gesundheitsminister in NRW, der ebenfalls Gast in der Runde ist. Ein christdemokratischer Landrat mokiert sich darin über die „blauäugigen“ Verhandler in Brüssel: „Das hätte jeder Landwirt“ in seinem Kreis besser verhandelt. „Ich sag dazu folgendes“, tönt Laumann daraufhin: „Wenn ich mir die Preise in der Landwirtschaft angucke, wie die Bauern zurzeit leiden und von ihr wirklich nicht mehr leben können, weiß ich nicht, ob die Verhandlungen in der Landwirtschaft besser laufen.“ Das nennt Plasberg dann „witzig“. Wirtschaftliches Leiden einer ganzen Branche ist im ÖRR höchstens noch als Politiker-Gag zu gebrauchen, um valide Kritik stumpf abzuschmettern. Der Elfenbeinturm, in dem das Studio gelegen ist, steht in jedem Fall auf grundsolidem Fundament.

Im „ernsten“ Teil seiner Antwort will Laumann dann in die Offensive gehen, denn natürlich: Er und die Regierung sind völlig unschuldig. Doch dieser Gegenangriff zerbricht an Lisa Federle, die dank ihrer Erfahrungen auf Kommunalebene den NRW-Gesundheitsminister direkt mal auf seinen Platz zurückverweist. Die Planung von Bund und Ländern sei desaströs, erklärt die Ärztin, und wird dabei auch vom Genossen Franz unterstützt. „Münte“ fragt sich, wie der Staat das Impfen so in den Sand habe setzen können: „Das ist mir schleierhaft“. Federle wirft ein, das liege daran, dass die selbstgefällige Regierung „den Sommer verschlafen“ habe. Auch Dr. Eckhard von Hirschhausen, Fernseh-Arzt, General-Experte und nebenher noch Klimapapst bei den „Scientists for Future“, kritisiert die überbordende deutsche Bürokratie. Er war vorher noch in einer ARD-Sendung zu Corona zu sehen und ist wahrscheinlich aus Kostengründen direkt an Plasberg weitergereicht worden.

Schwerkranke bringen wir mit dem Krankenwagen ins Impfzentrum! 

Karl-Josef Laumann hat es wirklich nicht leicht in dieser Sendung, denn die Kritik, die man an der EU nicht zu äußern wagt, wird eben bei ihm als nächstbesten Kritikpunkt abgeladen. „Welt“-Journalistin Dowideit bemüht ein Beispiel aus NRW. In Köln gab es dank schlechter Planung mehr Impfstoff, als in Altenheimen geimpft werden konnte. Doch die vorzeitige Öffnung eines Impfzentrums für die breite Bevölkerung habe sein Ministerium abgelehnt. „Das konnte ich auch nicht erlauben“, wirft Laumann ein: „Weil wir dann außerhalb der RKI-Studie gegangen wären“. Was er meint: Vorgeschrieben ist, dass zuerst Bewohner von Altenheimen geimpft werden, niemand sonst. Dowideit, die zwischenzeitlich den eigentlichen Job des Moderators übernimmt und richtig kritische Fragen an den CDUler stellt, lässt nicht locker: Ein weiterer Fall, bei dem bereits aufgetaute Impfdosen außerplanmäßig geimpft wurden. Ob es nicht „ein Vorschlag“ wäre, überschüssigen Impfstoff ebenso außerplanmäßig zu impfen? Nein, sagt Laumann: „Ich glaube, dass es wichtig ist, dass wir uns in der Priorisierung des RKIs bewegen.“ Alles andere würde uns „ins Kraut gehen“. Wo eine außerplanmäßige Impfung mit bereits aufgetautem Impfstoff als „Grauen“ gilt, sind die bevorzugten Lösungen eben auch erwartbar schlecht.

Dann will von Hirschhausen nochmal eigenmächtig das Zepter ergreifen, spricht von der „Mär“, dass Pflegekräfte Impfungen gegenüber kritischer wären. Was wahr und was falsch ist, darf man als ÖRR-Mitarbeiter eben nach wie vor im Zweifel selbst bestimmen. Davon angestachelt, präsentiert Hirschhausen wenige Minuten später seine Lösung für das Gesamtproblem des mangelnden Impfstoffes: Sozialismus. „Haben wir eine Notfallsituation, in der ein Impfstoff auch ein öffentliches Gut ist?“, stellt Hirschhausen seine Frage suggestiv. Dass die Konzerne, die in Rekordzeit einen Impfstoff entwickelt haben, die Gewinne jetzt „privatisieren“, ist für den „Scientist for Future“ ein Unding. Die Lösung des Problems in einer Sendung, die sich mit Staatsversagen beschäftigt, lautet: Mehr Staat!

Nach dem Lockdown sitzen bleiben
Berlin - auf dem Weg ins Paradies der neuen Urgemeinschaft
 Die üblichen Zuschauereinsendungen werden an diesem Abend nochmal kurz vor Schluss Spannung reinbringen. Eine Frau erzählt per Videobotschaft von ihrem schwerkranken Vater, der zuhause gepflegt wird. Wie soll er an eine Impfung kommen? Gesundheitsminister Laumann erklärt kurzerhand, man werde ihn einfach mit einem Krankenwagen ins Impfzentrum fahren. Auch mit diesem brillanten Satz unterstreicht der CDUler seine bemerkenswerte Realitätsferne, die symbolisch für die deutsche Politik als ganzes zu stehen scheint.

Müntefering sagt: „Wie man das so in den Sand setzen kann, ist mir völlig schleierhaft“. Klar: Das Impfversagen ist so offensichtlich, dass man es nicht mehr leugnen kann. Nur: Zu einem Versagen gehören nun mal Versager. Und wie man diese Tatsache in der Sendung umschifft, das ist das eigentlich bemerkenswerte.
Die Verantwortung wird wie eine heiße Kartoffel herumgereicht. Wer hat denn nun diese ganzen schlimmen Fehler gemacht? Das kann – und will – man anscheinend nicht identifizieren. Klar ist nur: Die EU ist es schon mal überhaupt nicht, die Bundesregierung aber auch nicht, die Länder auch nicht. Allerhöchstens haben die Konzerne schuld, die man am besten noch verstaatlichen sollte. Diese Ergebnisse sind bei einer solchen Runde auch kein Wunder, die Frank Plasberg am Ende auch noch als „munter“ bezeichnet. Als munter! Das grenzt schon an Verhöhnung der zahlreichen Verletzten zuhause, die nach spätestens einer halben Stunde ihren Kopf gegen den Bildschirm schlugen, nachdem sie zum sechsten Mal hörten, dass jetzt nicht die Zeit für Schuldzuweisungen wäre.

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Kommentare ( 46 )

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WandererX
8 Monate her

Eine Variante zum Mittelalter: der Teufel ist dran schuld sagte man vor 600 Jahren, weil man die Zusammenhänge in der Realität – etwa bei der Pest – zu schlecht verstand. Und heute liegt das Versagen wieder bei verborgenen Kräften, aber jetzt nur deshalb, weil man es in der Elite NICHT aufklären WILL !. Die Polit-und Medien- Elite schützt sich gegenseitig vor der unkomfortablen Wahrheit und lügt gemeinsam zwecks des Erhaltes der sozialen Harmonie zwischen unten und oben im Staate.

Deutscher
8 Monate her

Dann kommt also bald der strukturelle Impfrassismus? Oder wie muß man das dann nennen, wenn Ungeimpfte nicht ins Kino dürfen? Immunismus? Man könnte natürlich auch getrennte Kinos machen, sowas gab´s ja auch schon.

AlexR
8 Monate her

Natürlich nicht. Es ist der Wähler, der das falsch gemacht hat. Oder die AfD und die Rechten. Irgendwer wird sich schon finden lassen. Wenn nicht, Slomka oder Kleber fragen. Buhrow geht auch, dann ist es der GEZ-Zahler, der die Erhöhung nicht verstanden hat. Böhmermann usw. müssen ja fürstlich für die 💩 entlohnt werden.

giesemann
8 Monate her

Wenn es keine Pandemie gibt, dann auch kein Impfversagen. Oder irrelevant. Gibt es eine Pandemie? Laut WHO nicht. Was nu‘?

Thorsten
8 Monate her

Ein wenig bekannter aber umso eklantarer Fehler der linken Real-Politik ist, ist ein Scheitern mit einem „Mehr davon“ zu beantworten.
Das hat schon Mao und Stalin gemacht als sich trotz Massenverhaftungen immer noch nicht das „sozialistische Paradies“ quasi von selbst einstellte. Es mussten also noch mehr verhaftet werden.

Gisela Fimiani
8 Monate her

Success has many fathers (mothers), failure is an orphan. Das ist das Motto eines jeden feigen Opportunisten. Ihm fehlen Verantwortungsbewusstsein und die Fähigkeit zur Selbstkritik zwangsläufig.

Dr. Rehmstack
8 Monate her

Frau Dowideit wies ganz zu Beginn daraufhin, daß Spahn einen Plan zur Impfstoffbeschaffung bereits mit F, NL und S fertig hatte, der ihm aber von Merkel aus der Hand geschlagen wurde. Das dieses keinerlei Beachtung fand, sondern unter den Tisch fiel, zeigt wie konstruiert diese Sendungen sind, aber auch daß die Medien vollständig Bescheid wissen, aber keiner es schreibt. Was hat diese Frau in der Hand? Das Krankenwagenargument von Laumann wurde von Frau Lederle in der Luft zerrissen, weil die RTW dann danach eine Stunde desinfiziert werden müssen und solange für ihre eigentlichen Zwecke nicht zur Verfügung stünden und fragte,… Mehr

Carlotta
8 Monate her
Antworten an  Dr. Rehmstack

und hinzu kommt, dass der Transport eines schwerkranken Menschen und darüber hinaus noch in eine evtl. zugige ‚Impfhalle‘ für ihn ein großes Risiko wäre.

November Man
8 Monate her

Müntefering sagt: „Wie man das so in den Sand setzen kann, ist mir völlig schleierhaft“.
Mir nicht, das ist bei der schwarzlinkstotgrünen Politik schon lange Normalität.
Wir brauchen nicht mal den schwarzen Teufel an die Wand malen, er sitzt schon seit geschätzt 16 Jahren unter uns.
Und neue Rote und Grünen Teufelchen sind gerade im Anmarsch.

Boudicca
8 Monate her

Münteferings SPD regiert seit 2013 unter Merkel Deutschland. Für das Wohl und die Gesundheit der Bürger ist nicht genug Geld vorhanden. Es gibt nicht genug Schutz- und Hygienemaßnahmen für Altenheime. Es gibt nicht genug Schutz- und Hygienemaßnahmen in Schulen. Es gibt nicht genug moderne Computertechnik in Schulen. Es gibt nicht genug moderne Computertechnik in Gesundheitsbehörden. Es gibt nicht genug Schnelltests und Labore. Es gibt nicht genug Impfstoff. usw. Es gibt eine weltweit neue Steuer auf CO² ES gibt 1,1 Milliarden für den Kampf gegen Rechts Der SPD-Finanzminister und Vize-Kanzler macht hauptsächlich Schulden für Europa. Aber trotz aller Kenntnis: ES WIRD… Mehr

Protestwaehler
8 Monate her

„Nein, ihre Sorge gilt den guten Pro-Europäern, die jetzt mit Schwierigkeiten ihre Stellung verteidigen müssen – den wahren Opfern der Pandemie.“
Allein der Satz beschreibt den gesamten Inhalt der Sendung am besten.