Anne Will: Abhängig von Erdoğan – Zu hoher Preis für weniger Flüchtlinge?

Die türkische Innenpolitik ist eine viel zu wichtige Sache, als dass wir sie den Türken überlassen können. Deswegen arbeitete Anne Will Menschenrechte, Flüchtlinge und Meinungsfreiheit in der Türkei ab. Aber was machte Martin Schulz in der Runde?

Seit Alters her hat die EU für uns viel Gutes. So hält sie doch manches Polit-Irrlicht in gebührendem Abstand und – bis auf ein paar Pflichtauftritte – aus gebührenpflichtigem TV fern. Wir haben es ja schon mit den Lokalpolitikern schwer genug.

Eine neue Hoheit wird aufgebaut

Am Sonntag aber gab sich seine proletarische Hoheit Martin Schulz die Ehre und machte Anne Will seine Aufwartung. Nun, wird der Laie einwenden, zum Thema „Erdogan – zu hoher Preis für weniger Flüchtlinge?“ kann doch auch der EU-Parlamentspräsident ein paar Sätze beisteuern. Der Profi weiß: Schulz kann zu jedem Thema etwas beisteuern, nötig ist es nicht.

Warum also saß Schulz da? Das hat ganz viel mit Sigmar Gabriel zu tun, der gerade in Ägypten untergetaucht ist. Die SPD irrt durch den Umfragekeller, hunderte Funktionärspöstchen stehen auf dem Spiel, wenn sich die Lage bis zur nächsten Bundestagswahl nicht bessert. Den Genossen ist klar: Ein Retter muss her!

Wer aber soll das Rudel führen gegen Mama Merkel, wo sich die Berliner Sozis eher aufführen wie die Corgies bei der Queen – mal übermütig, mal lästig, mal hebt einer gar das Bein, aber im Großen und Ganzen ist das doch alles lieb anzuschauen.

Nein, Hilfe muss von außen kommen, ein Wadenbeißer mit sozialdemokratischem Profil ist gefordert, von dem auch das Wahlvolk weiß, Chef kann der. Schon im letzten Jahr rief ein Hinterbänkler seinen Namen aus, und kundige Medien entfalten einen Masterplan: Gauck muss in Rente, Steinmeier wird Bundespräsident, Schulz Außenminister und Kanzlerkandidat.

Ab hier wirds wichtig

Heissa! Dann gehts aber los! Die Erregung ist fühlbar, erste Luftblasen steigen an die verdächtig ruhige Oberfläche der SPD. Und weil in einer Telekratie nur der „in“ ist, der im Abend-Programm drin ist, kam also Martin Schulz.

Ob er seine dreißig Bediensteten im Publikum bei Anne Will untergebracht hatte, wissen wir nicht. Zumindest ist er nicht so schlicht wie Heiko Maas, der sich vor einigen Wochen nicht entblödete, seinen Pressesprecher als lautstarken Jubelperser zu platzieren. Aber Beifall bekam nur einer bei Anne Will – Martin Schulz. (Gut, zweimal auch Cem Özdemir, aber wir wollen uns nicht die Pointe versauen.)

Manche Leser schreiben uns, dass sie die Talksendungen nicht mehr schauen, weil wir sie ja bei Tichy zusammenfassen. Aber die üblichen Nebelkerzen zum Thema „Flüchtlinge“ und „Böhmermann“ werden wir vernachlässigen. Entnehmen Sie diese bitte dem einschlägigen Meinungs-Discount.

Auch dass die Türkei jetzt keine lupenreine Demokratie ist, muss man dem deutschen TV-Publikum nicht mehr näherbringen, wie Cem Özdemir und Selmin Çalışkan, Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland das aber trotzdem nochmal taten.

Erwähnenswert allerdings der Konter von Mustafa Yeneroğlu, Abgeordneter der Erdogan-Partei AKP mit doppelter Staatsbürgerschaft. Man möge nicht immer so tun, als habe man in Deutschland die Menschenrechte für sich gepachtet, bei „täglichen Übergriffen auf Asylbewerberheime und Angriffe auf Moscheen“. Bumm! Der rhetorische Tiefschlag saß. Ach, wie klein sind doch die Geister.

Von denen, die schon länger hier leben, war Peter Altmaier geladen, und wie immer gab er den treuen Sancho Panza seiner Donna Angela. Und eben der Riesenstaatsmann Schulz, dessen mahnende Worte gegen den Erdogan-Mann gekonnt gesetzt waren. „Wen haben Sie denn noch als Freund?“ packte er den Türken bei Gefühl und Ehre: „Israel weg, Russland weg, über die Nachbarn Syrien, Irak wollen wir gar nicht reden. Sie haben nur noch uns, die EU.“

Zu guter Letzt wandte sich der zukünftige Kanzlerkandidat (?) der SPD mit treuem Augenaufschlag an die wichtige Wählergruppe der in Deutschland lebenden Türken: „Ich habe immer für die Vollmitgliedschaft der Türkei in der EU gekämpft, und jetzt auch für die VISA-Freiheit.“ Botschaft angekommen.

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