„Real life, baby“: Tesla hebt ab

Elon Musk hat in Texas einen Tesla Roadster vorgestellt, der tatsächlich abhebt und sich in der Luft überschlägt. Möglich macht es Raumfahrttechnik von SpaceX. Die spektakuläre Vorführung zeigt, was technisch bereits möglich ist – und das Deutschlands Autobauer keine Rolle mehr spielen

Am Donnerstagabend hat Elon Musk auf dem SpaceX-Testgelände im texanischen McGregor den neuen Tesla Roadster vorgestellt und mit einer spektakulären Vorführung für Aufsehen gesorgt. Der weiße Elektrosportwagen fuhr eine gewaltige, gekrümmte Rampe hinauf, bewegte sich kopfüber weiter, löste sich von der Konstruktion und vollführte in der Luft eine kontrollierte Drehung, bevor er wieder auf seinen Rädern landete. Ein Auto, das buchstäblich fliegt. Was jahrzehntelang zum festen Inventar futuristischer Kinofilme gehörte, führte Tesla vor Publikum und laufenden Kameras als funktionierenden Prototyp vor.

Bei einer weiteren Demonstration setzte sich der Roadster zunächst auf seinen vier Rädern in Bewegung, hob dann plötzlich vom Boden ab und überflog gleich mehrere abgestellte Tesla-Fahrzeuge. Darunter befanden sich ein Cybertruck, ein Cybercab und sogar der elektrische Sattelschlepper Semi. Der Wagen drehte sich in der Luft und setzte anschließend kontrolliert auf dem Asphalt auf. Das Publikum jubelte. Musk hatte zuvor angekündigt, dass die Vorführung so ungewöhnlich ausfallen werde, dass man Augenzeugen brauche, um ihre Echtheit zu bestätigen. Die Bilder erinnern tatsächlich an computergenerierte Filmszenen.

Möglich macht das eine technische Zusammenarbeit zwischen Tesla und Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX. Zehn sogenannte Kaltgasdüsen, die an unterschiedlichen Stellen des Fahrzeugs angebracht sind, erzeugen den erforderlichen Schub. Anders als bei herkömmlichen Raketentriebwerken wird dabei kein Treibstoff verbrannt. Hochkomprimierte Luft strömt mit enormer Geschwindigkeit aus den Düsen und erzeugt die Kräfte, mit denen sich das Fahrzeug beschleunigen, anheben und in der Luft manövrieren lässt. Nach Angaben von Tesla-Ingenieur Lars Moravy verfügt das System über Druckluftspeicher mit insgesamt rund 600 Litern Volumen. Diese können wieder aufgeladen werden.

Zusätzlich besitzt der Roadster ein ausgeklügeltes Ansaugsystem, dessen Ventilatoren einen Unterdruck unter dem Fahrzeug erzeugen. Auf diese Weise wird der Wagen regelrecht an den Untergrund gepresst. Laut Tesla entwickeln die Ventilatoren genug Kraft, um ihn sogar kopfüber an einer entsprechenden Fläche zu halten. Für schnelle Kurvenfahrten könnte das System ebenfalls erhebliche Vorteile bieten, weil die Reifen deutlich mehr Haftung erhalten. Es handelt sich um eine Kombination von Technologien aus dem Motorsport und der Raumfahrt, die Tesla nun in einem einzigen Fahrzeug zusammenführt.

Von null auf hundert in weniger als einer Sekunde

Auch bei der Beschleunigung demonstrierte Musk Fähigkeiten, die bisherige Maßstäbe im Automobilbau weit hinter sich lassen sollen. Bei einem vorgeführten Test erreichte der Roadster nach Tesla-Angaben innerhalb von 0,81 Sekunden eine Geschwindigkeit von 60 Meilen pro Stunde, entsprechend knapp 97 Kilometern pro Stunde. Die Raketendüsen helfen dabei, die physikalischen Grenzen der Kraftübertragung über die Reifen zu umgehen. Für die stärkste Ausführung stellt Tesla sogar eine Beschleunigung auf diesen Wert in weniger als 0,59 Sekunden in Aussicht. Unabhängig überprüft sind diese extremen Leistungsangaben bislang nicht.

Der Hersteller plant drei Ausführungen. Die zweisitzige Grundversion mit dem Namen „Performance“ soll bereits in weniger als 1,6 Sekunden auf knapp 100 Kilometer pro Stunde beschleunigen und über das Ansaugsystem verfügen. Die ebenfalls zweisitzige Variante „Thrust“ erhält zusätzliche Kaltgasdüsen am Heck, die eine Beschleunigung unter 0,9 Sekunden ermöglichen sollen. Das eigentliche technische Schaustück ist die nur einsitzige Ausführung „Rocket“. Ihre zusätzlichen Düsen erlauben Bewegungen in der Luft und kontrollierte Drehungen. Diese Variante will Tesla ausschließlich ausgewählten Kunden anbieten.

Bei der Höchstgeschwindigkeit nennt das Unternehmen zunächst mehr als 370 Kilometer pro Stunde. Musk formulierte auf der Bühne allerdings bereits wesentlich ehrgeizigere Ziele. Er möchte mit dem Roadster die Hälfte der Schallgeschwindigkeit erreichen und kündigte an, mit dem Fahrzeug sämtliche bisherigen Streckenrekorde brechen zu wollen. Die angegebene elektrische Reichweite liegt bei mehr als 480 Kilometern. Wie stark die zusätzlichen technischen Systeme diese Reichweite im tatsächlichen Betrieb beeinträchtigen, ist bislang offen.

Das Design des neuen Roadsters wurde gegenüber der ursprünglichen Vorstellung vollständig überarbeitet. Die kantige, extrem flache Karosserie soll nach Angaben von Tesla Anleihen bei den amerikanischen Militärflugzeugen SR-71 Blackbird und F-35 nehmen. Am Heck befindet sich ein großer verstellbarer Flügel, dessen Stellung sich automatisch verändern lässt. Im Innenraum dominieren ein ungewöhnlich geformtes Lenkrad und große Bildschirme. Bei den Materialien setzt Tesla unter anderem auf Kohlefaser, Titan und Magnesium, um das zusätzliche Gewicht der aufwendigen Drucklufttechnik auszugleichen.

Ein spektakulärer Prototyp mit langer Vorgeschichte

Allerdings gehört zur Geschichte dieses Autos auch eine inzwischen beinahe legendäre Serie gebrochener Versprechen. Bereits im November 2017 hatte Musk eine neue Generation des Roadsters angekündigt. Die Produktion sollte 2020 beginnen. Daraus wurde nichts. Es folgten weitere Ankündigungen und Terminverschiebungen. Auch die jetzt erfolgte Präsentation war zuvor mehrfach verschoben worden. Inzwischen nennt Musk das Jahr 2028 als Beginn der Serienfertigung. Der Tesla-Chef versah diese Ankündigung bei der Vorstellung selbst mit einem scherzhaften Hinweis auf die Glaubwürdigkeit seiner bisherigen Zeitpläne.

Gleichzeitig fallen einige technische Versprechungen bescheidener aus als vor neun Jahren. Ursprünglich stellte Tesla eine Reichweite von rund 1.000 Kilometern in Aussicht, jetzt sind es nur noch gut 480 Kilometer. Aus dem damals angekündigten Viersitzer ist ein Zweisitzer geworden; die flugfähige Version soll überhaupt nur einen Sitzplatz besitzen. Einen endgültigen Verkaufspreis gab Musk weiterhin nicht bekannt. Interessenten müssen für die Reservierung der Performance-Ausführung bereits 50.000 Dollar hinterlegen, für die Thrust-Variante werden sogar 250.000 Dollar verlangt. Die Rocket-Ausführung soll nur auf Einladung erhältlich sein.

Offen ist auch, welchen praktischen Nutzen die Flugfähigkeiten außerhalb einer abgesperrten Versuchsanlage haben werden. Der vorgeführte Wagen war bei seinen Luftmanövern nicht mit einem Menschen besetzt. Musk räumte ein, dass die Konstruktion keineswegs vorrangig auf maximale Sicherheit ausgelegt sei. Hinzu kommen erhebliche rechtliche Hindernisse: Die amerikanische Luftfahrtbehörde FAA würde bei einer tatsächlichen Nutzung im Luftraum mitreden. Eine gewöhnliche Fahrerlaubnis dürfte dafür kaum ausreichen. Tesla bezeichnet seine Rocket-Version selbst als nicht für den öffentlichen Straßenverkehr zugelassen.

Ein gewaltiger Prestigegewinn

Der eigentliche Wert eines solchen Fahrzeugs lässt sich ohnehin kaum an Verkaufszahlen oder seiner Alltagstauglichkeit bemessen. Mit dem fliegenden Roadster macht Musk eine jener Zukunftsvisionen zur technischen Realität, die Generationen von Ingenieuren und Science-Fiction-Autoren beschäftigt haben. Für Tesla ist das ein gewaltiger Prestigegewinn. Ein Hersteller, der Autos buchstäblich in die Luft bringt, demonstriert technologische Fähigkeiten weit über den gewöhnlichen Automobilbau hinaus. Solche spektakulären Entwicklungen prägen das Ansehen einer Marke, wecken Begehrlichkeiten und steigern ihre Attraktivität auch bei Kunden, die sich einen Roadster niemals leisten könnten.

Musk beherrscht diese Form der Inszenierung wie kaum ein anderer Unternehmer. Der fliegende Sportwagen ist damit zugleich eine milliardenschwere Werbebotschaft auf vier Rädern, für die Tesla keinen einzigen Werbespot schalten muss.

Für den Alltag bleibt der fliegende Roadster damit vorerst eine technische Ausnahmeerscheinung. Als Demonstration ist das Fahrzeug gleichwohl bemerkenswert. Die Ingenieure haben einen schweren Sportwagen für wenige Sekunden kontrolliert in die Luft gebracht und anschließend wieder gelandet. Das verändert zunächst keine Verkehrsordnung und schafft noch kein neues Verkehrssystem. Die technische Leistung lässt sich deswegen schwerlich kleinreden.

Musk verfolgt mit dem Roadster ohnehin ein anderes Ziel als mit seinen gewöhnlichen Elektrofahrzeugen. Er hat bereits erklärt, dass der Sportwagen finanziell kaum eine wesentliche Rolle für Tesla spielen werde. Das Unternehmen richtet seine Zukunft zunehmend auf autonomes Fahren und humanoide Roboter aus. Der Roadster soll nach Musks Vorstellungen langfristig sogar das einzige Modell bleiben, das Menschen bei Tesla noch selbst steuern können. Ein kurioser Gedanke: Ausgerechnet der technologisch extremste Sportwagen soll zum Abschiedsgeschenk an eine Epoche werden, in der Menschen noch eigenhändig Auto fahren.

Für die europäischen Automobilhersteller hat die Vorführung eine besondere Symbolkraft. Über Jahrzehnte galten vor allem deutsche Unternehmen als unangefochtene Meister des technisch Machbaren im Automobilbau. Inzwischen kämpfen sie mit kostspieligen Umstellungen ihrer Produktion, erheblichem Wettbewerbsdruck und einer europäischen Regulierung, die immer tiefer in die Entwicklung und Vermarktung von Fahrzeugen eingreift. Musks fliegender Roadster wird diese Probleme nicht lösen. Er führt allerdings vor Augen, wie weit sich industrielle Vorstellungskraft ausdehnen lässt, wenn Ingenieure außergewöhnliche Ideen tatsächlich erproben können.

— Dr. Eli David (@DrEliDavid) October 16, 2026

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