Die Themen hat der Drehbuch-Autor schön verpackt (oder auch nicht): Bürgerwehr, toxische Männlichkeit, nicht genug Jugendsozialarbeit, Frauenhäuser neben Missbrauch von Feuerwerkskörpern, Jugendkriminalität und Automatensprenger ...
screenshot mediathek ARD - SWR
Wem beim Gedanken an die linksrheinische Metropole vor kurzem noch Schlagzeilen von Brennpunktschulen, Verfall und Vermüllung im Kopf spukten, der wird sich vom Sonntagskrimi aus der Feder von Martin Eigler (Buch und Regie) angenehm berührt fühlen. Nachts ist fast niemand auf den Straßen, die Gehwege im Zentrum sauber hochgeklappt, es regiert eine ruhige, pfälzische Gemütlichkeit. Bars, Einkaufspassagen und Spielotheken sind abends von friedlich am Bierchen nippenden Normalos bevölkert.
Hier wird noch Pfälzer Dialekt gesprochen, wie Kriminaltechniker Berger (Felician Hohnloser) und ein unbekannter Streifenpolizist (ohne Darstellerangabe; „Alla, gut Nacht Frau Kollegin“) beweisen. Trotzdem sie auch an dieser provinziellen Sprachstörung leidet, traut sich Polizeianwärterin Mara Herrmann (Davina Chanel Fox) auf undercover-Einsatz in die Spielothek von Fiona Markovic (Juliette Larat).
Trubel im Paradies?
Fiona gehört, wenn sie nicht brav auf Spielautomaten aufpasst, zu den einzigen Störern dieses Pfälzischen Idylls, einer „asozialen Jugendgruppe“ namens Schlachthofgang, in der Hank (Carl Phillip Benzschawel), Moritz (ohne Darsteller) Boris (Ruben Schäfauer) Dennis (Marc Zappe) und Chris Lohberg (Filip Schnack) und Vanessa (Sibylle Weiser) nachts Autoscheiben einschmeissen und Wackeldackel klauen, illegale Böller abfeuern und Mülltonnen umtreten. Brände stiften sie dabei nur zur Ablenkung der Ordnungskräfte, damit sie, während das Feuer lodert, woanders einbrechen und Registrierkassen klauen können.
Zum Glück waren es nicht die Ausländer!
Die Ludwigshafener Stille wird von einer Explosion zerrissen; Ein Geldautomat wurde gesprengt, zurück blieb ein Teil der Beute und ein toter Täter: Dennis Lohberg. Der leitende Polizeidirektor Kurt Breising (Bernd Hölscher) ist irritiert: „eine ausländische Truppe passe nicht ins Schema, wenn die Geldautomaten sprengen, dann im ländlichen Raum… ausserdem würden die nicht mit so nem kleinkriminellen Lokalmatador wie Dennis Lohberg zusammenarbeiten..“
„Wenn ihr das nicht schafft, übernehmen wir das“ (Meisner zu Odenthal)
Eine Gruppe besorgter Schlägertypen meint in LU gegen solche wie die „Schlachthofgang“ vorgehen und „mit unseren Spaziergängen dafür sorgen zu müssen, dass die Gegend hier wieder sicherer wird“. Hauptkommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) triggert diese Bezeichnung beim Verhör von Ulf Meisner (Christian Schneeweiß), dem Anführer der selbsternannten Bürgerwehr, sichtlich: „..so nennen die Rechtsradikalen das auch, wenn sie die Nachbarschaft terrorisieren…“
Was Jugendkriminalität mit einem geschlossenen Jugendclub zu tun hat
Dennis Lohberg und sein Bruder Chris, die schon mit 12 bzw. 14 kriminell waren, gehören zu Ulf Meisners Hassfiguren in „seinem“ Viertel, die „seine Leute ziemlich krass bearbeitet haben.“ Polizeiassistent Nico Langenkamp (Johannes Scheidweiler) war in einem früheren Leben Leiter des örtlichen Jugendclubs, den auch die Mitglieder der späteren Schlachthofgang nutzten. Man kennt sich. Leider wurde der Club geschlossen – ein Wink mit dem Zaunpfahl des Drehbuchs, warum sich wohl die gelangweilten Jugendlichen zu Kriminellerem verabreden mussten? Auch Nico meint nun, trotz der „krass vielen Überstunden“ sich undercover seinen alten Bekannten nähern zu müssen, was ihm nicht gut bekommen wird.
Jaja, die toxische Männlichkeit…
Wen wundert es bei all den Gewalterfahrungen, dass Dennis Lohberg seit einiger Zeit in einer „Manosphere“ unterwegs gewesen ist, in der Sprüche wie „your body my choice“ fallen und „Alphamänner-Scheiss“ propagiert wird, auch sei er „bei denen in so einen Kampfsportclub“ gegangen. Er habe auch mal gerne zugeschlagen, seine Freundin hatte ne Platzwunde und die Polizei hat sie ins Krankenhaus gefahren.“ (Aus den Ermittlungen)
In Ludwigshafen ist die „Warteliste für die Frauenhäuser so lang, dass ich erst nächstes Jahr dran bin“ (Meisners Ehefrau zu Odenthal)
Schnell wird klar, was für ein brutaler Ätzmolch dieser Ulf Meisner ist, der seinen süssen kleinen Sohn ungerührt auf dem Boden sitzen lässt, während er sich eine Flasche Bier gönnt. Als seine Frau Isa (Hannah Ehrlichmann) ihm wegen seines liederlichen Lebenswandels Vorwürfe macht, schlägt er sie kurzerhand mit einem Faustschlag zu Boden. Er überwacht seine eigene Wohnung per Spionageapp und hört Isas Telefon ab. So erfährt er, dass Odenthal ihr Hilfe versprochen hatte, und dass sie ihre Sachen schon packt, um ins Frauenhaus zu ziehen. Jedoch verpasst die Kommissarin deren Anruf, mit fatalen Folgen.
Schlägertruppanführer nicht ganz ohne Sympathien bei den Ordnungshütern
Meisner ist bei seinem Arbeitgeber, der Müllverbrennungsanlage wegen Verdachts auf Veruntreuung (von Sprengstoff!) rausgeflogen und hatte dort schon seine Vorgesetzte verbal attackiert und körperlich angegangen. Er rastet nun aus und bringt seine Frau um, marschiert danach ins Polizeipräsidium, wo man offenbar alleine mit der Behauptung, „Oberhauptkommissarin Odenthal habe einen einbestellt“, ohne Waffenkontrolle eingelassen wird. Vielleicht lag es an der Vertrauenerweckenden Ausstrahlung des Bürgerwehranführers, über den die Streifenpolizei auffallend positiv urteilt: „kennt sich im Viertel aus wie kein Zweiter…gefällt sich in seiner Rolle als einzige Ordnungsmacht…sorgt schon ein Bisserl für Ruhe und Ordnung…“ Meisner entfahren Odenthal gegenüber seine extrem radikalen Einstellungen: „..ausser Frauen und Behinderten wird doch bei der Polizei keiner mehr eingestellt, alles kaputt gespart… die Jugend hier braucht ne klare Ansage und klare Regeln…“
Knalliger Schluss mit SEK und Doppelgeiselnahme
Die zweite Hälfte des Films wird mit ordentlich Dramatik und Rauch (da sehen die Lichtstrahlen der SEK-Gewehre so cool aus) gefüttert, in der zuerst Meisner nacheinander Kommissarin Johanna Stern (Lisa Bitter) und Mara Herrmann als Geisel nehmen kann, gefolgt vom Einbruch fast der gesamten Schlachthofgang in das Polizeihauptquartier mit dem mittlerweile aufgeflogenen Nico. Zu allem Überfluss irrlichtert der in der vergangenen Tatort-Folge („Sashimi Spezial“) ins Zwielicht geratene Polizeidirektor Breising auf Meisners Fersen alleine durch die von Rauch durchströmte Dienststelle (die Gang zündet Akten an). So wirr ist die Story, dass selbst das von Stern herbei telefonierte SEK angesteckt wird und nicht mehr weiss, welchen Geiselnehmer sie denn nun eigentlich bekämpfen sollen. Letztlich stellt sich heraus, dass Fiona ihrem Ex Dennis den Rückzug aus der Nähe des explodierenden Automaten mit ihrem Fahrradschloss blockierte. Meisner wird von Odenthal verhaftet, er schießt vorher aber noch Breising an, die Schlachthofgangster fahren auch ein.

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