Die Kirche der Zweideutigkeit

Anpassung an den Zeitgeist statt Treue zur Lehre: Sylvia und Alfred Sobel dokumentieren die kirchenpolitischen Fehltritte der vergangenen 15 Jahre in Deutschland.

Liegt ein neues Schwarzbuch des Katholizismus vor uns? Der Titel „Die Kirche schafft sich ab“, verziert mit einem Gotteshaus samt LGBT-Fahne auf dem Cover, lässt zuerst daran denken. Aber nein, vulgäratheistische oder populistische Angriffe sind dem Autorenpaar Sylvia und Alfred Sobel fremd. Ihre Kritik kommt aus dem katholischen Lager und richtet sich gegen die verzeitgeistigte Una Sancta in Deutschland, die ihre Heimat ist. Schützenhilfe bekommen sie von Gerhard Ludwig Kardinal Müller aus Rom, immerhin früherer Präfekt der Glaubenskongregation. Dieser hat bekanntlich den Schutz der katholischen Lehre gegen Häresien als Auftrag. Erst letzte Woche hat Müller gewaltig gegen die Kirche in Deutschland ausgeteilt, weil diese sich nicht aus der Parteipolitik herausgehalten habe.

Insofern hat das Buch ein römisch geprüftes Qualitätssiegel. Auf Angriffe von der hell-katholischen Seite, die in Deutschland die Meinungsoberhoheit hat, müssen sich aber die Autoren vielleicht gerade deswegen einstellen: Wer die konservative Position verteidigt – oder schlicht die katholische Position –, der hat es in der Kirche heute teilweise schwerer als außerhalb davon. Eine Abrechnung ist das Buch nicht. Es ist vielmehr eine Bestandsaufnahme und minutiöse Dokumentation der Entwicklung der letzten fünfzehn Jahre in Deutschland und der Irrungen und Wirrungen einer Kirche, die der Don-Camillo-Schöpfer Giovannino Guareschi bereits in den 1960er-Jahren als „Kirche der Zweideutigkeit“ klassifizierte – im Gegensatz zur aufrichtigen, klaren Kirche.

Die Autoren machen es sich deshalb nicht einfach. Immer wieder verweisen sie auf Äußerungen von Bischöfen, Priestern, Theologen und Funktionären, die sich zugunsten öffentlichen Beifalls und aus „politischen“ Gründen im Poschardtschen Sinne „gebückt“ haben. Als Theologen verweisen sie nicht nur auf Bibelstellen, sondern zitieren Gewährsmänner für ihre Gegendarstellungen, die in der konservativen katholischen Szene als Popstars gelten: Neben Müller gehören dazu Kardinal Robert Sarah, Bischof Fulton Sheen (der in diesen Tagen seliggesprochen wird), Athanasius Schneider und natürlich Benedikt XVI.

Don Camillos rebellischer Vater
Der Minenarbeiter in der Schreibstube
Nicht zufällig fängt das Buch mit einer offenen Wunde an, die weiterhin offen klafft und auch für Kirchenfremde offensichtlich wurde: nämlich das Verhalten der katholischen Kirche in Deutschland in Corona-Zeiten, die lieber in das Unisono der Ausgrenzung einstimmte. In dem Kapitel zeigen die Autoren bereits exemplarisch, wie auch die nachfolgenden siebzehn Kapitel aufgebaut sind: Aussagen von katholischen Vertretern, Bezüge zum Evangelium, Hinweise auf Gegenstimmen. Auch für Vertreter der katholischen Publizistik sind diese Sammlungen nicht uninteressant: Zwar kann man sich häufig auch an das „Geraune“ der Vergangenheit erinnern, aber das Buch bietet immer wieder konkrete Beispiele und Erinnerungen an Szenen, die man vergessen – oder verdrängt hat.

Abtreibung, Klima, Gender, Umgang mit der AfD und der Synodale Weg sind deswegen nur einige der – wichtigen – Stationen in der Tour d’Allemagne der katholischen Fehltritte. Wie erwähnt ist dies nicht nur etwas für die verbliebenen Schafe der Kirche in Deutschland. Die Autoren wissen auch die Paradoxien des politischen Engagements der Kirchen aufzuzeigen:

„Ein erschreckendes Beispiel für die Kritiklosigkeit der katholischen Kirche den amtierenden Politikern gegenüber ist die kirchliche Ablehnung einer demokratischen Partei, die durchaus christliche Werte vertritt. Sie engagiert sich beispielsweise vehement gegen Abtreibung und thematisiert die wachsende Bedrohung durch Messerkriminalität, die massiven Übergriffe auf Frauen, die schleichende Islamisierung und den steigenden Vandalismus in Kirchen und unterstützt die traditionelle Familie. Die Dämonisierung der AfD sowie die Ignoranz der obengenannten beängstigenden Realität sind alles andere als christlich.“

Auch der Umgang mit dem Missbrauch bzw. dem „Missbrauch des Missbrauchs“ in der Kirche – namentlich der Missbrauch als Legitimation für „Reformen“, die nicht mit der katholischen Lehre zu vereinbaren sind, aber den Applaus des Establishments mit sich bringen – ist Thema des Büchleins von 140 Seiten. Die Autoren zeigen die frappierende Paradoxie auf, dass es insgesamt 20 Gutachten gibt, deren Ausarbeitung Millionen Euro gekostet hat – die Konsequenzen aber größtenteils in jenem „Synodalen Weg“ mündeten, der weniger dem Missbrauch vorbeugt als vielmehr politische Interessen bedient. Auch deswegen hat es keine personellen Konsequenzen geben müssen, weil die Gutachten den Blick weg von Personen auf Strukturen lenkten. Zitat:

Tichys Lieblingsbuch der Woche
Hirten ohne Schafe oder der Kirche laufen die Gläubigen davon
„Die Rede vom ‚Systemischen‘ am Missbrauch entlastet die wahren Täter und lenkt stattdessen den Blick auf die Institution. Das Zauberwort für die Aufarbeitung lautet inzwischen ‚systemische Ursachen‘. Durch den Hinweis auf systemische Ursachen ist im Grunde keiner individuell schuldig: kein Täter, kein Priester und kein Bischof, sondern die Kirche, die Struktur, das System, die Sexualmoral, die Homophobie, das Priesterbild usw.“

Dass die Hirten selbst davon sprachen, dass der Missbrauch zur „DNA“ der Kirche gehöre, oder die Kirche als „Täterorganisation“ bezeichneten, musste auch auf viele Gläubige irritierend wirken. Wer möchte da noch eine Messe besuchen? Während alte Priester oder gar Verstorbene belangt wurden, konnten aktive Prälaten in der Hierarchie weiterhin auf Schutz zählen. Explizit verweist das Buch auf Wolfgang F. Rothe, der Mitglied im Betroffenenbeirat für sexuellen Missbrauch der Deutschen Bischofskonferenz ist. Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer hat betont, dass Rothe selbst eine homosexuelle Beziehung zu einem ihm zur Fürsorge anvertrauten Seminaristen unterhielt. Erzbischof Reinhard Kardinal Marx, der sicher nicht als konservativer Hardliner bekannt ist, blieb als Vorgesetzter still, als dieser den Bayerischen Verfassungsorden erhielt – eine Gratulation blieb aus. Nominiert wurde Rothe vom grünen Queerpolitiker Florian Siekmann. Rothe bestreitet die Vorwürfe.

Nicht nur die Ergebnisse des Synodalen Wegs, sondern auch den Prozess rufen die Autoren in Erinnerung. Eine Augenzeugin, die selbst Mitglied war, erzählt: Wer bei den Diskussionen um den Synodalen Weg konträrer Auffassung war, wurde ausgelacht, unter Druck gesetzt, als Psychopath verunglimpft, sogar des Rechtsextremismus verdächtigt und bezichtigt, Gewalttaten gegen Minderheiten zu unterstützen, indirekt sogar, an Suiziden schuld zu sein. Die Ausgrenzungsstrategie derjenigen, die nicht auf Kurs sind, betrifft also bereits seit Langem nicht nur jene außerhalb, sondern auch innerhalb der Kirche. Sündenbockstrategie statt Versöhnung und Vergebung?

Dem Autorenpaar ist eine Chronologie samt Anleitung zur Kurskorrektur gelungen. Problematisch bleibt: Diejenigen, an die dieses Buch gerichtet ist, ob nun Laien oder Prälaten, werden es mit Sicherheit nicht beherzigen. Auch das katholische Milieu kennt seine „nicht hilfreichen“ Bücher. Für alle anderen ist es in Zukunft eine Erinnerungsstütze dafür, warum die Kirche in Deutschland nicht nur Mitglieder verliert, sondern auch ihre gesellschaftliche Relevanz verloren hat. Kardinal Müller schreibt: „Eine Erneuerung der Kirche kann es nicht geben durch eine Anpassung an eine Welt ohne Gott, sondern nur durch den ‚Gehorsam des Glaubens‘ (Röm 16,26). […] In Wirklichkeit ist allein der dreifaltige Gott der Gründer und der Grund der Kirche. Und nur sein göttliches Wort und sein Heiliger Geist erneuern das Angesicht der Erde.“ Funktionäre und auch einige Kirchenleute werden dabei bleiben, dass sie lieber Schaden an der Seele nehmen, als an der Welt zu verlieren.

Sylvia und Alfred Sobel. Die Kirche schafft sich ab. Die Katholische Kirche auf Abwegen. Gerhard Hess Verlag, Paperback, 140 Seiten, 18,00 €

Mit einem Beitrag von Kardinal Gerhard Müller


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