Der Tatort schaut ins Saarland: Banden, Blutrache und das ewige Böse

Wie die ARD aus einem Kaff an der deutsch-französischen Grenze die Partnerstadt von Tolkiens Mordor macht.

SWR / Manuela Meyer

Mit dem x-ten bösen Dorf versucht sich die Sendeanstalt an einem weiteren Zerrbild der Landbevölkerung, die sich auf einer mittelalterlich anmutenden Bühne gegenseitig an die Gurgel gehen darf.

Eine Welt der Orcs und Scheusale, wie sie in der Vorstellung der Drehbuchautorinnen (Kim Zimmermann und Daniela Baumgärtl) im ländlichen Saarland einfach existieren muss: „Während sich die Gewaltspirale im Dorf unaufhaltsam dreht und die Ermittler immer tiefer in ein Netz aus Schuld, Rache und unterdrückten Wahrheiten geraten, stellt sich eine letzte Frage: Ist das Böse wirklich in einem Einzelnen zu finden – oder hat es längst Besitz von ganz Hohenweiler ergriffen?“ – aus der ARD-Zusammenfassung.

Die Monster seien „ein Spiegel der Gesellschaft“ raunt die Website des Saarländischen Rundfunks.

Filmzitat: „Der Hass hält die Leute hier am Laufen, besser als jedes Kohlekraftwerk. Und deshalb wird er in stolzer Tradition von Generation zu Generation weitergegeben.“

Die Gemeinde Saarwellingen freut sich auf facebook wie ein Schnitzel über ihren „Hollywood“-Moment. Beim Betrachten des Sonntagskrimis muss man allerdings bezweifeln, ob diese Art der Darstellung den Fremdenverkehr in der Gegend, in der die ARD das fiktive Nest aus der Hölle ansiedelt, fördern wird.

Choräle beim Vorspann lassen nichts Gutes ahnen

Zwar wird gleich zu Beginn beim Auffinden des obligatorischen Mordopfers (Emil Feidt, gespielt von Marius Hassmann) im Wald betont, wie „herrlich doch die Luft“ hier sei (Rechtsmedizinerin Dr. Henny Wenzel, gespielt von Anna Böttcher), aber schon die Frotzeleien der Saarbrücker Ermittler untereinander zeigen, wohin die Dienstreise diesmal gehen wird: Ins Herz der Finsternis. Gelegenheit, dort all die gute Saarland-Luft zu genießen, hatte Emil Feidt wohl sowieso nicht mehr lange, denn ausweislich des Obduktionsberichts war er im Moment seines Ablebens „rotzevoll … hatte astronomische Cholesterinwerte, sein Herz hat es kaum noch gemacht und er nahm Aufputsch- und Schlaftabletten gleichzeitig“.

Hohenweiler – zwar nicht Mordor, aber in unmittelbarer Nachbarschaft

Das sei „ein Ort, an dem man darauf achten sollte, dass du immer ne Wand im Rücken hast“ (Esther Baumann, gespielt von Brigitte Urhausen zu Leo Hölzer, gespielt von Vladimir Burlakov, und Adam Schürk, gespielt von Daniel Sträßer). Frau Baumann muss es wissen, denn sie ist im Heimatort des Mordopfers aufgewachsen, und präzisiert nochmal die Warnung an ihre Kollegen: „Wenn die abweisend sind, beziehe es nicht auf dich, die sind hier immer so.“

Selbstjustiz, Rachewahn und Alkoholismus

Die anschließende Fahrt durch das „strukturschwache“ Hohenweiler (Kommentar Schürk) ist dann auch so was von Geisterbahn. Greise im Basecap, die im Schatten alter Denkmäler grimmig vor sich hin starren, Bierflaschen schwenkende Passanten und Kinder, die mit Knüppeln auf alte Fahrräder einprügeln, säumen den Weg.

Überall sind am hellichten Tage die Rollläden heruntergelassen, der Weg führt an baufälligen Gemäuern und vernagelten Ruinen vorbei.

Die Witwe von Emil Feidt (Claudia, gespielt von Valery Tscheplanowa) bricht in ihrer schmucklosen 70er-Jahre-Küche bei der Todesnachricht der Polizisten in irres Gelächter aus, Sohn Peter (Albert Lichtenstern) droht „den völlig ahnungslosen Versagern von der Polizei“ schon mal, wenn sie den Täter diesmal nicht schnappen würden, würde man das „selbst regeln“.

Dunkle Bergwerke, Schnappmesser und haarige Hobbits

Und weiter geht die kleine saarländische Horrorshow, in der die Zuschauer Dank der Ortskenntnis von Kommissarin Baumann atemlos von einer Schrecklichkeit zur nächsten geführt werden. Von der düsteren Dorfschänke, in der sich die bis aufs Blut verfeindeten und bis an die Zähne bewaffneten Familienclans der „Louis“ und „Feidts“ am hellichten Tage beim Bier von zwei Seiten der Gaststube aus belauern und beschimpfen, bis zum Elternhaus der Kommissarin, in dem ihr unrasierter Bruder Sven (Robert Nickisch) noch im Ehebett der Eltern schläft (das sei doch noch gut!) und Lieder aus den Psalmen der Bibel vor sich hin trällert.

Sein Hühnerhaus schützt der Eigenbrötler nach alter Sitte mit einem in die Bäume gehängten Fuchsfell. Wie alle anderen Dörfler hat er seinen Arbeitsplatz mit der Schließung der Bergwerke in der Gegend verloren, nun glaubt er an böse Mächte und eine Verschwörung des feindlichen Feidt-Clans gegen die ehemalige Bergbaugesellschaft, die ihm jedoch immer noch Entschädigung für Erdbebenschäden am Elternhaus überweist und die alten Gruben fluten möchte, um das Grubenwasser nicht weiter teuer abpumpen zu müssen.

Gegen diese Flutung hat sich (trotz all der Feindschaft) eine Bürgerinitiative gegründet. Zum Trost für alle, die dem Kohlebergbau nachtrauern mögen, blendet die Regie (Luzie Loose) ab und zu ein paar Windräder ein.

Klar, dass Sven auf die Rückkehr seiner vor Jahren aus dem Dorf geflüchteten Schwester allergisch reagiert, die zwar immer noch singe „wie ein kleiner Engel“ (Psalm 33, auswendig), in der aber „der Teufel wohne“. Sven flieht, als man ein Messer in seiner Küche findet und wird festgenommen. Dank der überall im Dorf installierten Überwachungskameras (die Clans misstrauen einander) konnte man ihn bei einem Angriff auf das Mordopfer beobachten, außerdem hat er für die Tatnacht kein Alibi.

Zwischen all den Irrungen und Wirrungen: Homophobes Geraune und Teenager-Liebe

Die ganze Inszenierung des Horrordorfes dient, so scheint es, einzig als Hintergrund für gleich zwei gleichgeschlechtliche, lange vergangene Liebesgeschichten. Da liebten sich vier Teenagerinnen, nämlich die bereits bekannte Kommissarin Esther Baumann, geborene Louis (jung: Mariella Aumann), und die Ehefrau des Kneipenwirts Clemens Scherf (Fabian Stumm), Katja (Franziska Wulf, jung: Cloé Albertine Heinrich) sowie die Tochter von Mordopfer Emil Feidt, Becky (Svea Derenthal) und Claire Louis (Carolin Wege, (jung) Annika Enard).

Becky wurde scheinbar Opfer eines Unfalls, was der Feidtschen Sippe Anlass gab, die Schuld dafür irgendwie bei den Louis zu suchen. Dem Drehbuch gab es Anlass, auf die vermeintlich latente homophobe Einstellung auf dem Lande hinzuweisen, komplett mit der Beschimpfung „dumme Lesben“, welche die beleidigten 13-Jährigen mit einem Molotowcocktail-Anschlag auf den Bauernhof des Beleidigers (Andreas Spaniol) quittierten, bevor Beckys Tod die Zukunftspläne (komplett mit Probevideo von der eigenen Hochzeit in der Dorfkirche) jäh beendete.

Auch die Verbindung zwischen Katja und Esther hielt nicht, mutmaßlich wegen der dörflichen Enge. Esther suchte ihr Heil in der Großstadt, Katja bei Mann und Kind, Garten und Vogelzucht.

Natürlich muss die Saga zweier Dorfclans mit der aus den Schlagzeilen wohlbekannten „Auseinandersetzung zweier Männergruppen“ enden, in der „mindestens ein Messer“ zum Einsatz kommt. Als Claire Louis plötzlich beim Dorffest auftaucht und gesteht, Becky damals aus Eifersucht eine Böschung hinab geschubst zu haben, bricht der Durst nach Blutrache aus den Saarländern hervor und sie geben den gewalttätigen Mob, der die Dorfkneipe zu stürmen versucht. Dabei wird Kneipier Scherf tödlich mit dem Messer verletzt, gesteht aber noch, Emil Feidt in Notwehr erstochen zu haben. Esther und Katja verabreden sich.

Inmitten dieser völlig konfusen und nicht nur an Rückblenden überfrachteten Geschichte beeindruckt besonders die wieder einmal radikal ausgefallene Abgrenzung von „gut“ zu „böse“ (Tolkien lässt schön grüßen). Der Wahn, die Gesellschaft sonntagsabends irgendwie „besser“ machen zu müssen, scheint sich nun fest etabliert zu haben.

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Kommentare ( 1 )

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Raul Gutmann
2 Stunden her

Der Tatort schaut ins Saarland: Banden, Blutrache und das ewige Böse

Tatsächlich schaut der ÖRR in die Provinz und entdeckt das ewige Böse des Deutschen.
Die Propaganda der DDR war gegen die bundesrepublikanische Gegenwart ein Kasperltheater.
Doch Menschenklein bedenket, individuell wie kollektivistisch gilt: »Man muß für all seine Taten in dieser Welt bezahlen. So oder so. Nichts ist umsonst. Außer Gottes Gnade.« True Grit (USA 2010)
Wer daran zweifle, frage Erich Honecker