Kampf um VW: Weder Diess noch Osterloh hat gewonnen

Der VW-Aufsichtsratsvorsitzende Hans-Dieter Pötsch hat es geschafft: Der Machtkampf im VW-Konzern zwischen Vorstandschef Herbert Diess und dem Betriebsratsvorsitzenden Bernd Osterloh ist vorerst beigelegt – entschieden ist er nicht. Gewinner sind andere.

imago images / Henning Scheffen
Herbert Diess, VW-Vorstandsvorsitzender

Anstatt des vielfach erwarteten großen Knalles und vorzeitiger Entlassung von Diess kam es zu einem Kompromiss mit dem alle Beteiligten leben können: der Vorstandsvorsitzende, der Betriebsrat und die Großaktionäre der Familie Porsche und Piëch.

Die wesentlichen Bestandteile des Kompromisses sind:

  • Vorstandschefs Herbert Diess bleibt, seine Forderung an das Kontrollgremium nach vorzeitiger Verlängerung seines Anstellungsvertrages, der im April 2023 regulär auslaufen würde und über dessen Verlängerung frühestens 2022 beraten worden wäre, lief ins Leere und kam gar nicht erst auf die Tagesordnung.
  • Stattdessen gab es Fleißpunkte für die Personalakte und das große Ego des 62-jährigen. Österreicher Der Aufsichtsrat bestätigt seinem obersten Angestellten in einer Art Ehrenerklärung, dessen “Zielstrebigkeit und Hartnäckigkeit“, mit der Diess den technologischen Wandel, aber auch „die wirtschaftlichen Ergebnisse des Unternehmens“ vorantreibe. „Herbert Diess prägt Volkswagen seit 2015 maßgeblich. Ohne seinen Einsatz wäre die Transformation des Unternehmens nicht so konsequent und erfolgreich verlaufen“ 
  • Die Besetzung der vakanten Vorstandspositionen durch ihm genehme Kandidaten, die zuvor vom Betriebsrat blockiert worden waren, konnte Diess voll durchsetzen. Mehr noch: Die Familienstämme Porsche und Piëch, die gemeinsam mehr als die Hälfte der stimmberechtigten Stammaktien von Volkswagen halten, erklärten, es sei für sie „von entscheidender Bedeutung, dass Herbert Diess mit seinem neuen Vorstandsteam diese wichtige Phase des Volkswagen Konzerns weiter prägen wird“.  
  • Zudem erhielt Diess die gewünschte „volle Unterstützung des Aufsichtsrats, wenn es um die Neuausrichtung auf Elektromobilität. Digitalisierung, aber auch um die Steigerung von Effizienz und Profitabilität in allen Marken und Konzernteilen geht“. Bei der Umsetzung der Strategie für die nächsten Jahre habe er die volle Rückendeckung, „genauso wie bei der Umsetzung von Maßnahmen, die die Wirtschaftlichkeit erhöhen“.

Wie bei guten Kompromissen üblich, ging auch Betriebsratschef Osterloh nicht ohne vorzeigbaren Erfolge von der Bühne.

  • Die Ablehnung der vorzeitigen Vertragsverlängerung wird ihm zugerechnet. 
  • Osterloh schob allzu ehrgeizigen Konzernumbau-und Personalabbauplänen des forschen Diess einen Riegel vor. Zwar betonte er nach der Sitzung, zwischen Aufsichtsrat, Belegschaftsvertretern und Vorstand herrsche „absolute Einigkeit über die konsequente Ausrichtung des Konzerns auf unsere strategischen Ziele der Transformation“. Allerdings stellte er besonders auf die „Gleichrangigkeit von Wirtschaftlichkeit und Beschäftigungssicherung“ in diesem Prozess ab. Konsequent heißt es dann in der Erklärung des Aufsichtsrats, der notwendige Personalabbau sollte „über die bewährten Personalinstrumente, insbesondere auch den demographischen Wandel“ gestaltet werden.
  • Auch der Herzenswunsch von Osterloh, auch in Wolfsburg, nicht nur in Emden und Zwickau, aus Gründen der Riskostreuung und Beschäftigungssicherung Elektroautos zu bauen – vornehmlich Plug-In-Hybride – wurde erfüllt. Der Aufsichtsrat entschied, mittelfristig „die richtungsweisende Fabrik für die hochautomatisierte Fertigung von Elektrofahrzeugen“ zu schaffen.

In den Medien interessierte natürlich am meisten die Frage: Wer ist Gewinner, wer Verlierer. So hieß es da beispielsweise: „VW Aufsichtsrat stützt Vorstandschef Herbert Diess    Der Machtkampf bei Volkswagen ist vorerst abgewendet“ (FAZ). Oder „VW-Chef Diess verzichtet auf vorzeitige Vertragsverlängerung“ (Handelsblatt). oder. „Herbert Diess bleibt: VW wendet die Führungskrise ab – vorerst“ (WiWo).

Die Frage zielt am Kern vorbei. In Wirklichkeit sind weder Diess noch Osterloh die Gewinner, sondern die Eigentümerfamilien und die Aktionäre. Denn mit diesem salomonischen Kompromiss sind die Voraussetzungen für Betriebsfrieden geschaffen. Dieser ist für ein arbeitsteiliges Unternehmen wie ein Automobilunternehmen unabdingbar, will man erfolgreich wirtschaften, hohe Gewinne erzielen und wettbewerbsfähig wachsen. 

Das Beispiel BMW ist seit den Zeiten des legendären Duos Eberhard von Kuenheim und Kurt Golda Anfang der 1970er Jahre die beste Blaupause dafür! Jetzt sind die Alpha-Männchen gefordert!

Anzeige
Unterstützung
oder

Kommentare ( 3 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

3 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Herbert
10 Monate her

Sehr geehrter Herr Becker,
verloren hat das Unternehmen. Wenn nach meiner Schätzung 90% der Belegschaft den Mann an der Spitze ablehnen, dann kann das Leistungspotential des Unternehmens, gerade in dieser für VW besonders schwierigen Zeit, niemals ausgeschöpft werden.
Als ehemaliges Mitglied des BMW- Vorstands kennen Sie sicher auch den “Spitznamen“ von Herrn Diess. Der charakterisiert die Person sicher zutreffend, denn tausende BMW-Mitarbeiter haben sich wohl kaum geirrt.
Alles in allem eine bedauerlich schwache Leistung der Aufsichtsräte unseres größten Konzerns.

Querdenker_Techn
10 Monate her

Haben möglicherweise auch die Pläne der EU für die Abgasnorm EU7 bei PKW und das damit einhergehende Quasi-Verbot von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor (auch Hybride!!!!) mit diesem Kompromiss des BR Osterloh zu tun?
Noch wird kein BEV in WOB gebaut, es gibt auch noch keine Planung dafür. Soll eine E-Auto Produktion bis 2025 (EU7 Start) anlaufen, dann wird es höchste Zeit. Ansonsten könnten in der „richtungsweisenden Fabrik für die hochautomatisierte Fertigung von Elektrofahrzeugen“ bald die Lichter ausgehen, zumindest vorübergehend.
Das könnte einer der Gründe sein, warum sich der mächtige BR auf diesen Deal eingelassen hat.

Cabanero
10 Monate her

Verehrter Dr. Becker, ich lese das Ergebnis etwas anders: Aufsichtsrat und Großaktionäre gehen eine Wette auf einen Wahlsieg eines Kanzlers Merz mit Habeck als Super-Energie-Verkehrs-und Umweltminister ein. Das bedeutet: 1) Weder wird sich an der wahnwitzigen Euro 7 Norm etwas ändern noch daran, dass Automobilität sich in wenigen Jahren schon von einem Massenphänomen wieder in eine Fähigkeit nur der wohlhabenden Schichten verändern wird. Die Folge: Die Verkaufszahlen werden sich mindstens halbieren. In Europa werden nur drei, maximal vier Hersteller übrigbleiben, dabei will VW, neben Tesla-Mercedes (MB kauft Tesla nächstes Jahr, oder umgekehrt) Renault (einen Konzern werden die Franzosen verstaatlicht am… Mehr