Neujahrstatort Dresden mit der Frage der Fragen: Sin mir nisch alle a bissi Fritzl?

Der neue „Tatort“ serviert Dresden-Neustadt als Kulisse für eine wirre Psychothriller-Übung: Eine 16-Jährige mit Skalpell spaziert unbehelligt durch den Bahnhof, die Handlung verheddert sich in Rückblenden, bis die Plattenbau-Keller-Nummer als groteske Auflösung übrig bleibt. Fazit: zum Abgewöhnen.

© MDR/MadeFor/Steffen Junghans

Unter Aufbietung aller Requisiten aus der ARD-Mottenkiste kleckselt der Sonntagskrimi ein Sittenbild aus der Dresdner Vorstadt zusammen. Ein sichtlich verstörtes Mädchen (Amanda, gespielt von Emilie Neumeister) stapft durch ein geschäftiges nächtliches Dresden-Neustadt, blutverschmiert und mit einem Skalpell in der Hand, scheinbar komplett unsichtbar für ihre Mitmenschen. Autoverkehr gibt es zum Glück dort nicht, einsam liegen die Straßen, und nur ein verirrter Fahrradfahrer und die Tram trödeln dahin. Amanda kann mit ihrer Stichwaffe Bedenkenlos in den Bahnhof, denn am Eingang sind nur die Warnschilder „Videoüberwacht“ und „Rauchverbot“ sichtbar. Zum Glück greifen am Bahnsteig endlich ein paar junge Männer (!) ein und entwaffnen die Frau.

Verworrene Endlosschleifen aus Rückblenden

Was folgt ist eine anderthalbstündige, konstruierte Illusion (Drehbuch Viola Schmidt, Regie Saralisa Volm) für den Zuschauer, der sich entscheiden muss, ob er nun doppelt sieht (Amanda fantasiert von einer Schwester Jana und der Film löst dies nicht auf) oder ob hier tatsächlich eine lebensgefährliche Kindesentführung an unbekanntem Ort im Gange ist, die die Dresdner Kommissare (Leonie Winkler, gespielt von Cornelia Gröschel, Peter Michael Schnabel, gespielt von Martin Brambach) in einem Wettlauf mit der Zeit lösen müssen.

Fachkräftenotstand bei der Polizei, nicht so in der Jugendpsychiatrie?

Erstmal muss dieses seltsame Kind, unterernährt und für seine 16 Jahre „unterentwickelt“ (schreckliches Wort) ausgefragt und untersucht werden. Nicht unproblematisch bei einer Minderjährigen ohne greifbare Erziehungsberechtigte, die ausserdem standhaft behauptet, unbedingt ihrer Schwester Jana Hilfe bringen zu müssen, die von ihrem Vater zur Strafe für die eigene Flucht aus einem Kellergefängnis ausgehungert würde. Nachdem Amanda die Polizistin Winkler mit einer Sprudelflasche niederschlagen hat und auf das Dach des Kommissariats entkommen kann, wird sie in die geschlossene Jugendpsychiatrie und die Obhut von Frau Dr. Gülsüm Diallo (Abak Safaei-Rad) übergeben. Amanda ist erstaunt, wie viele Mitarbeiter es dort gibt, die „alle sehen wollen, wie es ihr gehe“ (Winkler erklärt die Menge an Personal).

Ein U-Boot in der Plattenbausiedlung?

Man kommt nicht weiter, besonders die Lokalität, an der Amanda all die Jahre von ihrem Vater unter Videoüberwachung gefangen gehalten worden sein will, lässt sich nicht näher einkreisen. Zwei Mädchen, eingesperrt in einem kalten Keller, zusammen mit ein paar Bücherregalen und künstlicher Beleuchtung, die meistens auf Rotlicht wie in einem U-Boot auf Nachfahrt geschaltet ist, oder von einer unsichtbaren Hand ganz gelöscht wird. Zwar habe sie beim Einkochen von Essen zusehen dürfen, (damit es länger hält) einmal die Woche Besuch von Mama bekommen, aber nur, wenn sie nach Meinung ihres unsichtbaren Kerkermeisters „Papa“ nicht um Hilfe gerufen habe und generell „artig“ gewesen sei. Sie habe auch lesen, malen und von Papa geschenkte Blumen trocknen und sammeln dürfen und auch mal nachts auf den Spielplatz (bei Tageslicht besehen wohl der einfallsloseste und grottigste, den man als Drehort in ganz Leipzig finden konnte). Langsam richten sich die Ermittlungen Richtung einer Hochhaussiedlung in Prohlis.

Natascha, äh Amanda, das Sorgenkind

Die Polizei befragt die Bewohner der Platte: Wilde Mischung aus „Verrückten, WGs und Sozialschmarotzern“ (aufmerksame Nachbarin Magda Dembinski, gespielt von Ursula Schucht, über ihre Nachbarn) Die Suche zieht sich hin, und Amanda kann sich beim trauten Mittagessen mit Winkler schon wieder eine Stichwaffe aneignen, womit sie prompt ihren biologischen Vater (Jakob Klasen, gespielt von Timur Isik) nach einer Gegenüberstellung verletzt.

Amanda: „Mama ist lieb und streng und spart mit dem Essen“

Dunkles Raunen aus Mutterinstinkten und Prepperfantasien

Letztlich stellt sich die grotesk anmutende Auflösung des Falls wie folgt dar:

Das Kellerverlies hat sich die Hausmeisterin Schmitt der Platte im Nebengebäude eingerichtet. Sie ist auch die biologische Mutter von Amanda, gespielt von Nina Kunzendorf. Nach der Scheidung vom o.g. Jakob Klasen nach dem Tode der gemeinsamen Tochter Jana ist Frau Schmitt schwanger fortgezogen und hat selbst eine weitere Tochter (Amanda) zur Welt gebracht, aber vor denen „da draussen“ verborgen und mit strengen Strafen, Hunger und Videoüberwachung sowie der Drohung mit einem „Vater der alles weiss und sieht“ unter Kontrolle gehalten. Amanda hat sich in ihrer Fantasie eine Zwillingsschwester namens Jana als Trösterin erträumt. Nebenher hat Frau Schmitt eine Fassade als korrekte Hausmeisterin aufrechterhalten. Als Amanda gegen das Regime der Mutter aufbegehrt und sich (wieder mit einer Stichwaffe) selbst verletzt, ist diese gezwungen, die Wunde bei ihrer Schwester Marli Schmitt (Ella Gaiser), die Tierärztin ist, nähen zu lassen. Dort kommt es zum Streit zwischen den Schwestern und als Elli droht, die Polizei anzurufen, ersticht sie ihre Schwester mit einem Skalpell. Amanda türmt vom Tatort und so endet sie mit einem Skalpell in der Hand am Bahnhof Dresden Neustadt.

Winkler findet das Kellerverliess und wird von Schmitt überwältigt, den geplanten Suizid der Mutter und den Mord an der Tochter verhindert das rechtzeitige Eintreffen von Schnabel.

Fazit: Diesmal null Hirsche von 10 möglichen Hirschen (sorry, SWR3, kleiner Neujahrs-Witz), ausser, wenn man mal live eine echte Blutabnahme sehen will, die Nase noch nicht voll hat von der demonstrativen Ausstellung ausgestopfter Vögel an der Wand und 60er-Jahre Fliesen im Bad, und natürlich wenn man über den Wert von Waffenverbotszonen an Bahnhöfen spekulieren möchte, wenn da schon 16jährige Gören mir-nichts-dir-nichts mit hineinspazieren können.

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