Und der Prophet hat doch Recht: Späte Anerkennung für Thilo Sarrazin

Er ist einer der ersten Ausgestoßenen der gesellschaftlichen Spaltung, wie sie Angela Merkel durchgesetzt hat, um ihre Politik möglichst ungehindert von Kritik zu exekutieren: Thilo Sarrazin. Im Herbst 2023 zeigt sich, wie Recht er mit seiner Warnung hatte.

Ausgerechnet Friedrich Merz! Er weckt mit einem Überraschungsknaller die verschlafene ZDF-Sendung „Berlin direkt“ auf und sagt, dass er bedauere, dass die SPD nicht auf Thilo Sarrazin gehört, sondern ihn vielmehr aus der Partei ausgeschlossen habe. Und auch die CDU hätte ihn besser lesen sollen. Thilo Sarrazin? Das Schreckgespenst aller Gutmenschen? Immerhin hat er in seinem Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ schon 2010 davor gewarnt, „wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ – mit einer Kombination von Geburtenrückgang, wachsender Unterschicht und Zuwanderung aus überwiegend muslimischen Ländern.

„Nicht hilfreich“, kanzelte damals Angela Merkel seine Veröffentlichung ab. Thilo Sarrazin verlor seinen Job als Vorstand der Deutschen Bundesbank. Er musste unter Polizeischutz gestellt werden, galt als Aussätziger. Mit größtem Eifer betrieb die SPD den Ausschluss des Mannes aus der Partei, der er auch als Finanzsenator in Berlin gedient und die Pleite-Hauptstadt saniert hatte.

Seither ist Sarrazin der beständige Warner, legt alle zwei Jahre pünktlich wie ein Uhrwerk eine neue Bedrohungsanalyse vor; vor drei Jahren, ähnlich hellseherisch, „Der Staat an seinen Grenzen“. Es ist eine Vorwegnahme der Straßenschlachten in Berlin-Neukölln, in der ein islamischer Mob die Polizei in die Enge treibt und Häuser und Schaufenster mit dem David-Stern beschmiert: Die neuen Einwanderer kümmern sich nicht um das Entsetzen der Urbevölkerung eines Landes, in dessen beiden Teilen das „Nie wieder“ von Judenpogromen, Reichskristallnacht und Shoa zum Gesellschaftsverständnis gehört.

Mit Thilo Sarrazin wurde ein immer breiterer Kreis von Journalisten und Publizisten ins Abseits gedrängt, die vor den Folgen des 31. August 2015 gewarnt hatten und nicht müde wurden, auf die Folgen hinzuweisen.

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Der 31. August 2015 ist der Tag, an dem Kanzlerin Merkel angesichts anschwellender Flüchtlingszahlen den Spruch prägte: „Wir schaffen das!“ Es folgte am 4. und 5. September 2015 die totale Öffnung der Grenzen – eine fatale und einsame Merkel-Entscheidung, die unter den renommiertesten deutschen Verfassungsrechtlern heute noch als „Herrschaft des Unrechts“ gilt, nämlich als Verstoß gegen deutsches und europäisches Recht. Trotzig und patzig schob Merkel bei einer Pressekonferenz am 15. September 2015 hinterher: „Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn wir jetzt anfangen, uns noch dafür entschuldigen zu müssen, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“ Und noch heute hält sie an ihrer naiv-humanitaristischen Ideologie fest.

Merkels dünne Begründung für die sperrangelweit geöffneten deutschen Grenzen, so in einem Interview vom 7. Oktober 2015, lautete: 3.000 Kilometer deutscher Grenzen könne man nicht schützen. Dabei waren in den Tagen nach dem 5. September 2015 sämtliche Einheiten der Bundespolizei bereits in Alarmbereitschaft versetzt und 21 Hundertschaften mit Bussen aus ganz Deutschland an die deutsch-österreichische Grenze gebracht worden, um am 13. September 2015 die deutsche Grenze wieder zu schließen.

Die Bundespolizei durfte schließlich nicht eingreifen. Die Grenzen blieben offen. Der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière hatte übrigens auf Grenzschließung gesetzt. Fünf Jahre später, im August 2020, verteidigt er Merkels Entscheidung. Aber was im Kopf dieses Menschen vorgeht, den Merkel 2018 vor die Tür gesetzt hat, steht auf einem anderen Blatt.

Sarrazins sechstes Buch nach seinem hysterisch skandalisierten „Deutschland schafft sich ab“ aus dem Jahr 2010 nimmt sich die Einwanderungspolitik seither vor.
Wie in all seinen Vorgängerbüchern glänzt Sarrazin mit sorgfältigster Recherche und klarer Sprache – gerade was die Folgen der einsamen Merkel-Entscheidungen vom Spätsommer 2015 betrifft, die bis in die Gegenwart wirken und die Lage täglich verschlimmern.

Um nur einige Folgen zu nennen, die Sarrazin darstellt: In der Summe halten sich derzeit rund 2,2 Millionen „Schutzsuchende“ in Deutschland auf. Oder nehmen wir die von Sarrazin bilanzierten Asylanträge von 2007 bis 2016: „Von den 1,07 Millionen Entscheidungen über Asylanträge in dieser Zeit wurde lediglich in 9166 Fällen das Recht auf Asyl (gem. Art. 16a GG) zugesprochen. Das waren weniger als 1 Prozent aller Fälle. Das ist auch bis heute weiter der Fall … De facto ist das deutsche Asylrecht das zentrale Einfallstor für ungeregelte Masseneinwanderung geworden.“

Folge ist laut Sarrazin: „Bereits 2016 war der Anteil der Fluchtmigranten an der Gewaltkriminalität in Deutschland dreimal so hoch wie ihr altersbereinigter Anteil an der männlichen Bevölkerung.“ Folge ist außerdem, dass der größte Teil der „Schutzsuchenden“ mangels Qualifikation frühestens nach drei bis fünf Jahren in die Arbeitswelt integrierbar ist, weil 76 Prozent keine Ausbildung mitbringen. Und: Es blüht eine „Flüchtlings-Industrie“, die Verwaltungsgerichte sind weitgehend lahmgelegt.

„Verschweigen, wegducken, aussitzen“
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Laut Sarrazin arbeitet mittlerweile gut die Hälfte der rund 2000 Verwaltungsrichter in Deutschland nur noch für Asylverfahren. Das ist umso schwieriger, als bereits im Jahr 2016 71,6 Prozent der Asylbewerber keine Ausweispapiere vorlegen konnten (oder: wollten?). Folge ist ferner – so der britische Entwicklungsökonom Paul Collier: „Für jeden Flüchtling in Europa zahlen wir 135-mal mehr als für einen Flüchtling in der Nähe seiner Heimat.“ In der Summe schlägt das pro Jahr innerhalb Deutschlands mit rund 25 Milliarden zu Buche. Was man damit vor Ort in Afrika oder im Nahen Osten Gutes tun könnte, anstatt den Herkunftsländern der „Schutzsuchenden“ die Zahlungskräftigsten und Vitalsten zu entziehen!

All dies und noch viel, viel mehr stellt Sarrazin auf 480 Seiten dar – unterfüttert mit 671 Belegen. Selbst historisch Interessierte und Versierte kommen mit Sarrazins Werk mit dem Untertitel „Über Wirkung von Einwanderung in Geschichte und Gegenwart“ auf ihre Kosten. Denn das erste Drittel dieses Buches gilt der Weltgeschichte der  Migration. Auch hier hat sich der Autor mächtig ins Zeug gelegt. Zehntausende von Jahren weltweiten Migrationsgeschehens auf 170 Seiten zu komprimieren, das gelingt kaum den besten Historikern. Der Ex-Finanzsenator und Ex-Bundesbanker Sarrazin kriegt das hin.

Alles in allem: Die Lektüre jeder der 480 Seiten von „Der Staat an seine Grenzen“ lohnt. Das Buch ist ein Feuerwerk an Fakten, Quellen, Tabellen, Argumenten, die jeder braucht, der sich um dieses, das Land spaltende Thema kümmert oder der hier zumindest sachgerecht mitdiskutieren will. Das gilt eigentlich auch für so manche Spitzenpolitiker, für so manche Kirchenfürsten, für so manche Journalisten, für so manche, auch „christliche‘“ Seenotretter und Schleuserkollaborateure. In grenzenlos pädagogischem Optimismus geben wir die Hoffnung nicht auf, dass das Sarrazins Buch doch noch als „hilfreich“ angesehen wird.

Thilo Sarrazin, Der Staat an seinen Grenzen. Über Wirkung von Einwanderung in Geschichte und Gegenwart. LMV, Hardcover mit Überzug, 480 Seiten, 26,00 €.


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Kommentare ( 58 )

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RA.Dobke
3 Monate her

Tja und wir murren alle nur. Das wird nur gern und allzu leicht überhört! Wir müssen wohl auf die Straße gehen und uns an die Zeiten von APO erinnern. Es wurde etwas bewirkt, erinnert Euch oder befasst Euch, die ihr nicht dabei gewesen seid, mit der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik, immerhin gute 70 Jahre! Nicht allein das sog. Dritte Reich hat Bedeutung für unsere Gesellschaft.

P. Wegner
3 Monate her

Sarrazin ist ein weitsichtiger Mann. Merkels damaliges Geblabber: „nicht hilfreich“, war nur bedeutungslose Makulatur. Die ehemalige Bundeskanzlerin sollte endlich vor ein Tribunal gestellt werden!  Das abschließende Urteil kann nur  –schuldig- sein. Wie sie das Land und die deutsche Demokratie in ihrer 16 Jahren währenden absolutistischen Alleinherrschaft beschädigt hat, hätte es kein äußerer Feint tun können. Es verstrichen 16 Jahre der regierungsmäßigen Unfähigkeit und des daraus folgenden Unrechts. Eine andere Frage stellt sich. Wie viele dumme Wähler waren in den Jahren immer wieder nötig, das 16 Jahre währende Grauen zu ermöglichen? Sie kamen schon zahlenmäßig nicht aus den sog. -neuen Bundesländern-.… Mehr

Sani58
3 Monate her

Das Buch ist sicher gut. An sich aber reicht gesunder Menschenverstand um zu wissen wie es ausgeht. Schon seit 15 Jahren.
Allerdings sieht man auch seit 15 Jahren wie es hierzulande an diesem Volksverstand mangelt, so dass dieses Buch nötig ist, welches die Masse der „Unbedarften“, „Guten“ und Staatsgläubigen wohl eh nicht zur Kenntnis nehmen.

Old-Man
3 Monate her

Wir kennen doch alle das Sprichwort : Der Prophet gilt nichts im eigenen Land. Das der Herr Sarrazin von Anfang an Recht hatte bleibt wohl unbestritten. Das die SPD kluge Köpfe in ihren Reihen nicht mag, auch das ist eine Tatsache!. Ja, man hat Herr Sarrazin mit vielen Mühen aus der Partei gejagt, aber versucht man das nicht auch mit Schröder?. Ich bin und werde niemals SPD Wähler, aber beide Männer haben meinen Respekt, wobei Ich Herr Sarrazin sehr mag, denn er plappert nicht irgend etwas so daher, nein, alles was er sagt hat Hand und Fuss, die Fakten die… Mehr

Sterling Heights
3 Monate her

Früher: Der Islam gehört zu Deutschland (Wulff und Co.) und heute: Dem Islam gehört Deutschland!

RA.Dobke
3 Monate her
Antworten an  Sterling Heights

Bravo, zumindest ist diese tendenzielle Entwicklung wahrnehmbar! So erschreckend das auch ist! Da das Vermehrungsverhalten dieser sich ausgrenzenden „Community“ anders als bei der seit Generationen ansässigen Gesellschaft anders und erheblich höher ist, ist „gutes Rad“ teuer :o)

Last edited 3 Monate her by RA.Dobke
Hummi
3 Monate her

Das ist typisch Deutsch , nie etwas glauben wollen , der Regierung hörig sein und durch betreutes Denken jeden Mist bejubeln , mitmachen und alle Kritiker diffamieren ! Wenn dann später die Realität einen eingeholt hat. will es immer keiner gewesen sein der das alles mitmachte und plötzlich gehörte jeder immer schon zu den Kritiker! Deutschland ist ein großes Irrenhaus

Gerro Medicus
3 Monate her

Zitat: „Merkels dünne Begründung für die sperrangelweit geöffneten deutschen Grenzen, so in einem Interview vom 7. Oktober 2015, lautete: 3.000 Kilometer deutscher Grenzen könne man nicht schützen.“
Eine Lüge, die anlässlich des G7-Gipfels auf Schloss Elmau und des G8-Gipfels in Heiligendamm trefflich widerlegt wurde. Da konnte man plötzlich die Grenzen schließen und illegale Grenzübertritte verhindern! Aber da wären sonst ja auch die Ä***** der Mächtigen in Gefahr gewesen!

Manfred_Hbg
3 Monate her

Zitat: “ In der Summe schlägt das pro Jahr innerhalb Deutschlands mit rund 25 Milliarden zu Buche“ > Na, wenn diie hier genannte Summe von 25 Mrd. Euro man so stimmt und nicht höher ist.🤔 Denn zum Beispiel alleine schon nur Hamburg verpraßt(e) für die „Bereicherer“ laut den rotgrünen Senat je Jahr 1 Mrd Euro. 👉 Flüchtlinge kosten Hamburg 5,3 Mrd. Euro „Hamburg – Große Anfrage zum Thema Flüchtlinge der AfD-Rathausfraktion. Sperriger Titel: „Die fiskalischen Lasten der Zuwanderung“. Aus der 69-seitigen Antwort geht hervor: Die Unterbringung, Versorgung und Integration von Flüchtlingen kostete Hamburg von 2015 bis 2019 rund 5,3 Milliarden… Mehr

bkkopp
3 Monate her

Die “ naiv-humanitaristische Ideologie “ gilt eben nicht nur für Frau Dr. Angela Merkel. Sie ist für einen sehr großen Anteil der Bildungsbürger, nicht nur aber betont in den kirchennahen, staatsnahen und medialen Bereichen, die alles überlagernde Haltung. Sie hat immer noch hohe Meinungsmacht. Schopenhauer gilt unverändert : “ Was dem Herzen widerstrebt, das läßt der Kopf nicht ein „.

Neue Heimat
3 Monate her

Frau Merkel aus der Uckermark hat ihren zersetzenden,
konspirativen Kampfauftrag gegen den Klassenfeind
mehr als erfolgreich abgeschlossen. Mission accomplished!

Last edited 3 Monate her by Neue Heimat
LadyGrilka55
3 Monate her
Antworten an  Neue Heimat

So sieht es wohl in der Tat aus.

Ausgerechnet der Linke Oskar Lafontaine hatte bei Anne Will am 1. Juni 2008 ja mehr als deutlich gewarnt, was die für eine ist (im Gespräch mit Günther Beckstein, CSU):
„Sie haben eine Jungkommunistin, eine überzeugte Jungkommunistin zur Kanzlerin gewählt. Ist Ihnen das überhaupt klar? Denn Frau Merkel war FDJ-Funktionärin für Propaganda und Agitation, das konnte nur eine überzeugte Jungkommunistin. Und sie durfte in Moskau studieren. Das waren nur Linientreue!“

Kann also keiner jetzt kommen und behaupten, das habe man doch nicht ahnen können.

Last edited 3 Monate her by LadyGrilka55