Große Hoffnungen, vollmundige Versprechen, rasante Wahlerfolge – und schließlich Ernüchterung, interne Zerwürfnisse und enttäuschte Erwartungen. Friedrich Pürner hat daraus ein ausgesprochen kurzweiliges Buch gemacht, schreibt Daniela Seidel.
Die so junge wie turbulente Geschichte des Bündnisses Sahra Wagenknecht (aktuell unter dem vielsagenden Namen „Bündnis Soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftliche Vernunft“ firmierend) bietet reichlich Stoff für ein politisches Lehrstück.
Pürner nimmt seine Leser mit auf eine Reise durch die Gründungsphase einer Partei, die innerhalb kürzester Zeit bemerkenswerte Erfolge, aber auch erhebliche interne Konflikte und dramatische Stimmenverluste zu verzeichnen hatte. Dabei gewährt er Einblicke in das politische Alltagsgeschäft, in organisatorische Abläufe, persönliche Rivalitäten, verkrustete Strukturen und Verfahren, Selbstdarstellungen, Kontrollmechanismen, Kompetenzgerangel und Machtkämpfe, die dem Wähler weitgehend verborgen bleiben.
Ob es bei anderen Parteigründungen wesentlich anders zugeht, wage ich allerdings zu bezweifeln. Postengeschacher, ehrgeizige Egos, verletzte Eitelkeiten und die berühmte Vereinsmeierei dürften kaum ein Alleinstellungsmerkmal des BSW sein. Gerade deshalb jedoch ist das Buch über den konkreten Fall hinaus überaus spannend.
Besonders aufschlussreich ist die Diskrepanz zwischen den politischen Idealen, mit denen Menschen sich einer Partei anschließen (oder ihnen immerhin künftig ihr Kreuzchen zuteilwerden zu lassen gedenken) und den Mechanismen, die schließlich das tatsächliche Handeln bestimmen.
Auch zahlreiche Wähler, Wegbegleiter, Unterstützer und politische Mitstreiter hatten große Hoffnungen auf eine neue politische Kraft gesetzt, die sich von den etablierten Parteien doch unbedingt unterscheiden wollte und sich positiv abzuheben auf das frische Fähnchen schrieb. Nicht eingelöste Erwartungen, programmatische Widersprüche und eine mitunter schwer nachvollziehbare politische Praxis dürften dazu beigetragen haben, dass sich etliche inzwischen wieder abgewandt haben.
Pürners Erfahrungen lassen sich vor diesem Hintergrund auch als exemplarisch für eine breitere politische Desillusionierung fassen. Wer sein Buch lediglich als nachträgliche Abrechnung eines gekränkten ehemaligen Parteifreundes abtut, macht es sich hier entschieden zu einfach.
Auch die Hintergründe und insbesondere der Zeitpunkt seines seinerzeit höchst kontrovers diskutierten Parteiaustritts werden auf interessante und durchaus nachvollziehbare Weise erläutert. Mehr möchte ich an dieser Stelle gar nicht verraten, denn gerade die zahlreichen Einblicke hinter die Kulissen machen einen wesentlichen Reiz der Lektüre aus.
Dem Lesevergnügen tut das jedoch nur sehr begrenzt Abbruch. Pürner schreibt in einem angenehm lockeren, temporeichen, bisweilen amüsanten Plauderton, der auch den weniger erfreulichen Ereignissen eine gewisse Leichtigkeit zu verleihen vermag. Das Buch liest sich flüssig und bietet reichlich Stoff zum Nachdenken.
Besonders gelungen finde ich den Schluss. Statt seine Erfahrungen in einer verbitterten Generalabrechnung münden zu lassen, wagt Pürner einen konstruktiven Ausblick und stellt Überlegungen dazu an, wie politische Repräsentation künftig anders gestaltet werden könnte.
Mein Fazit: Ein lesenswertes, unterhaltsames und aufschlussreiches Buch, das nicht nur für politisch Interessierte, sondern insbesondere auch für diejenigen empfehlenswert ist, die sich selbst im politischen Betrieb engagieren. Die mitunter erkennbare Neigung, Ursachen für Misserfolge vornehmlich im Verhalten anderer zu suchen, mag das eigene Selbstbild schonen, steht einer konstruktiven Fehleranalyse jedoch im Wege. Wer sich dauerhaft in der Opferrolle einrichtet, läuft Gefahr, dieselben Fehler immer wieder zu begehen.
Ganz besonders ans Herz legen würde ich die Lektüre daher Sahra Wagenknecht und den übrigen Verantwortlichen des BSW. Nicht, weil sie Friedrich Pürner in allem recht geben müssten, sondern weil sich aus seinen Erfahrungen möglicherweise einiges lernen ließe. Vorausgesetzt natürlich, man ist bereit, Kritik nicht ausschließlich als persönlichen Affront, sondern auch als Gelegenheit zur Selbstreflexion und die Mühe kritischer Auseinandersetzung womöglich sogar als Wertschätzung zu begreifen.
Daniela Seidel studierte Psychologie und ist als Unternehmerin tätig. Sie beschäftigt sich seit 2015 intensiv mit der gescheiterten Migrations-politik, seit der Corona-Krise ist sie in verschiedenen Medien publizistisch mit einem grundsätzlich kritischen Ansatz aktiv.
Friedrich Pürner. Das System Wagenknecht. Aufstieg und Fall – Inside BSW. LMV, Paperback, 216 Seiten, 24,00 €




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