Mit seinem neuen Buch „Klarer Geist in wirren Zeiten“ bietet Alexander Wendt seinen Lesern einen geistigen Notvorrat in der Ära zeitgeistiger Dürre, schreibt Michael Klonovsky.
Dem Aphorismus sagt man vielerlei nach, dass er einseitig sei, apodiktisch, unterkomplex, halbwahr, rechthaberisch, erhellend oder verdichtend. Er sei sogar reaktionär, las ich irgendwo im Netz, und sein linkes Gegenstück sei die Parole. Das mag, was die Linke betrifft, übertrieben sein; links ist eher das Pamphlet, das Manifest, das Programm, der Essay, jedenfalls die Theorie.
Der Linke beruft sich auf Diskurse, der Rechte auf Phänomene. Die Konstanz der Phänomene – von der Goethe meinte, sie allein sei bedeutend (und was wir darüber dächten ganz einerlei) – ist der eigentliche Gegenstand der Aphoristik spätestens seit den Tagen der französischen Moralisten. Insofern kann man durchaus sagen, der Aphorismus sei ein eher „rechtes“ Ausdrucksmittel.
In der Zeit bescheinigte vor Jahren einmal der Rezensent eines zeitgenössischen Aphorismenbandes dem Genre eine „eigentümlich konservative literarische Form“. Die kurzen Sentenzen eigneten sich zur Überlieferung griffiger Einsichten, die einen direkten Zugang zum „gesunden Menschenverstand“ offerierten. Ein Aphorismus, der die Epoche seiner Entstehung überdauert, transportiert eine überzeitliche Erkenntnis in der denkbar komprimiertesten Form.
Die Autoren, die er aufbietet, überspannen zweieinhalb Jahrtausende westlichen Denkens, von Diogenes bis Peter Sloterdijk, von Euripides bis Konstantin Kisin, von Chamfort bis Thomes Sowell, von Augustinus bis zum ob seiner Berücksichtigung geschmeichelten Unterfertiger dieser Zeilen.
„Vieles, womit wir uns heute herumschlagen – Irrationalität in wissenschaftsähnlicher Verpackung, obrigkeitsstaatliche Anmaßung, Misstrauen gegen die freie Rede und allzu selbstständige Bürger, Moralisierung als Ersatz für Argumente –, behandelten Denker in ganz unterschiedlichen Winkeln der Welt schon vor 2000 oder 50 Jahren, und das in einer Weise, die sich kaum übertreffen lässt“, notiert Wendt.
Ein vortreffliches Beispiel dafür ist die Prognose von Gilbert Keith Chesterton, der vor 120 Jahren prognostizierte: „Wir werden uns bald in einer Welt befinden, in der ein Mann dafür niedergeschrien wird, dass er behauptet, zwei und zwei ergebe vier, in der sich wütende Parteirufe gegen jeden erheben, der sagt, dass Kühe Hörner haben, in der Menschen wegen Häresie angeklagt werden, weil sie ein Dreieck eine Figur mit drei Seiten nennen, und in der jemand aufgehängt wird, weil er den Mob mit der Nachricht zum Wahnsinn treibt, dass das Gras grün ist.“
Ein Beispiel. Nach der Feststellung, dass „Freiheit“ zu den „quecksilbrigen Worten“ gehöre, dass es in beiden deutschen Diktaturen jeweils eine Zeitung namens Freiheitsruf sowie Freiheit gab und jede Miliz, die irgendwo in der Welt ihre Blutbäder veranstalte, sich mit ziemlicher Sicherheit den Titel „Befreiungsarmee“ gebe, fährt Wendt fort: „Eine Variante dieser wahren, also den Illiberalen genehmen Freiheit, besteht darin, besorgt auf die Möglichkeit des Freiheitsmissbrauchs hinzuweisen, woraus die paradoxe Idee der lizenzierten, also probeweise gewährten und jederzeit widerrufbaren Grundrechte entspringt.
Neuerdings nennen einige Propagandisten Freiheit auch gern vulgär, wenn sie sich auf Meinungen und Lebensstile bezieht, die ihnen missfallen. Bei Friedrich August Hayek lässt sich nachschlagen, dass der natürlich immer mögliche Missbrauch der Freiheit – aber was auf der Welt ließe sich nicht missbrauchen? – niemals gegen die Freiheit spricht, sondern nur gegen den Missbrauch. Eine Neigung zur Vulgarität wohnt der Freiheit tatsächlich inne, nämlich insofern, als sie im Alltag gilt – auch bei der Fortbewegung, der Art zu heizen und der Auswahl von Lebensmitteln –, wenn sie wirklich gelten soll.“
Zweites Beispiel, und zwar aus dem Kapitel über Unternehmergeist und Genuss (und damit soll es dann sein Bewenden haben): „Die Verwechslung des Einfachen mit dem Grobschlächtigen gehört zu den Wesenszügen, die sich in Deutschland sowohl im linken als auch im rechten Milieu finden, da vielleicht mehr als dort – aber im Wesentlichen ist man sich einig. Öffentliche Güter und Ausstattungen dürfen etwas kosten – oft auch erstaunlich viel –, aber auf keinen Fall nach etwas aussehen. Das Zauberwort der Politiker, die sich danach richten, und der Journalisten, die dieses Prinzip bewachen wie der Schäferhund die Herde, lautet: bodenständig. Nur wenige Begriffe bringen es zu diesem Grad an Verlogenheit.“
Thomas Jeffersons Bemerkung „Geschichte informiert uns im Allgemeinen darüber, was schlechtes Regieren ist“ könnte als basaler Glaubenssatz der Wokeness durchgehen, deren Laienbrüdern und -schwestern bekanntlich die gesamte bisherige Geschichte als verfehlt gilt, doch desselben US-Präsidenten Bemerkung „Meine Studien in Geschichte belehren mich, dass schlechtes Regieren meist daher rührt, zu viel regieren zu wollen“ rückt alles wieder ins rechte Lot.
Für die nächste Talkshow empfiehlt sich Euklids Statement: „Was ohne Beweis behauptet wurde, kann auch ohne Beweis abgelehnt werden.“
Oder: „Eine Gesellschaft von Schafen muss mit der Zeit eine Regierung von Wölfen hervorbringen.“ Das stammt von Juvenal (notfalls importiert man die Wölfe eben).
Oder aber, ebenfalls hochaktuell: „Der Idealismus wächst mit der Entfernung von dem Problem“ (John Galsworthy). „Unter allen Ständen finden wir Menschen von intellektueller Überlegenheit, und oft ohne alle Gelehrsamkeit. Denn natürlicher Verstand kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand“ (Arthur Schopenhauer). „Risikolos gewinnen heißt ruhmlos siegen“ (Pierre Corneille) – Friedrich der Große dürfte diesen Ausspruch gekannt haben.
Dem Rezensenten behagte ganz besonders die Sentenz des ihm ebenfalls unbekannten New Yorker Kunstkritikers Robert Hughes (1938 – 2012): „Perfektes Selbstvertrauen ist der Trostpreis für die weniger Talentierten.“ Wendt hat seinem Kompendium auf mehr als fünfzig Seiten Kurzporträts der von ihm ausgewählten Autoren angefügt, das heißt, der Leser bekommt zu den Aphorismen obendrein noch eine Art Kürschnerschen Literaturkalender ihrer Verfasser.
Beschlossen sei die Zitatenlese mit Sidonie-Gabrielle Colettes Worten: „Was für ein herrliches Leben hatte ich! Ich wünschte nur, ich hätte es früher bemerkt.“
Wendts Sammlung ist ein Kompendium der Weltklugheit und, nebenbei – ein perfektes Weihnachtsgeschenk.
Alexander Wendt. Klarer Geist in wirren Zeiten. Einladungen zum schärferen Denken. OLZOG Edition, Hardcover, 204 Seiten, 20,00 €.





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