Tatort-Doppelwhopper aus Kiel

Der Kieler „Tatort“ soll nach Borowski moderner, weiblicher und diverser werden. Heraus kommt ein Krimi, in dem alte weiße Männer, Polizeirassismus, toxische Männlichkeit und Korruption zuverlässig ihre Auftritte bekommen. Viel Haltung, wenig Überraschung.

© NDR/ARD/Thorsten Jander

Der Beweis, dass Kiel alles hat, was Berlin bieten kann? Graffitis, inklusive Pim…el-Tags. Friedliche Türkische Cafés. Genug Wasser, in dem auch mal Leichen schwimmen. Eine Pathologin, dargestellt von Thea Ehre. Familienclans, die ihre dunklen Machenschaften auf Vorzeigeunternehmen ausdehnen. „Es gibt 9000 Polizisten in Schleswig Holstein, bei vielen von denen stimmt was nicht – es gibt Spinner und Faschisten, gibt auch welche, die einfach etwas unterbelichtet sind, womöglich auch Korruption…“ (Kriminaldirektor Roland Schladitz, gespielt von Thomas Kügel, über seine Polizei). Ein weithin sichtbares Mahnmal in Laboe, wo sich korrupte Beamte zur Geldübergabe treffen.

Im ersten Teil des Sonntagskrimis des Norddeutschen Rundfunks haben sich gleich drei Autoren ausgetobt – Lars Kraume, (Buch und Regie) Katharina Adler und Rudi Gaul (Buch). Heraus kam der sehr durchschaubare Versuch, diesem Tatort ein neues, progressives Image einzuhauchen, was schon in der Beschreibung anklingt:
„…nun steht Mila Şahin also im Rampenlicht. Sie muss sich die Bühne nicht mehr mit Borowski teilen, mit dessen Alleingängen sie immer ein bisschen zu kämpfen hatte….den Führungsstil alter Schule will sie in den Ruhestand verabschieden. Als Frau mit Migrationshintergrund hat sie Frauen- und Fremdenfeindlichkeit schon viel zu oft erlebt, aber auch Korpsgeist und Korruption. Deshalb hat sie sich ein Wort auf die Fahne geschrieben: Vertrauen. Von der Polizei sollen alle sich wieder Hilfe und Schutz erwarten können…“ Der gute alte Klaus Borowski wird übrigens mit keinem Wort erwähnt (anders als bei den „Rosenheim-Cops“ z.B., wo es eine Korbinian Hofer-Ecke gab).

Toxische Männlichkeit und alte weisse Männer (Gähn)

Die Geschichte ist so platt und konstruiert wie gewohnt, hier jedenfalls ist kein Fortschritt erkennbar. Die mutige, idealistische Mitarbeiterin (Francesca Polidoro, gespielt von Julia Goldberg) einer grossen Firma („Prometheus…soll sogar bald mit der NASA zusammenarbeiten“) stiehlt Firmendaten, die deren Verwicklung in Mafia-Geldwäsche beweisen können und wird kurz darauf in der Förde treibend aufgefunden. Auftritt Sahin (Almila Bagriacik) – mit unbestechlichem Ernst und klarem Blick nimmt sie zusammen mit ihrer alten Freundin Anna Nowak (Lilith Stangenberg) und Pathologin Paula Rinck (nur im ersten Teil, Thea Ehre) die Leiche in Augenschein.

„Du musst dich entscheiden; Karriereleiter oder Gerechtigkeit…wer gegen Kollegen ermittelt, macht bestimmt keine Karriere bei der Polizei“ (Anna zu Mila)

Sahin darf ihre ganzen guten Eigenschaften ausspielen: Sie tritt selbstbewusst vor eine Auswahlkommission, die mit einer Übermacht alter weisser Männer besetzt ist (bewirbt sich um die Dienststellenleitung), setzt gegen den Widerstand ihres wankelmütigen Chefs Schladitz durch, dass sie beim Super-Unternehmen Prometheus ermitteln darf und kümmert sich rührend um ihre Drogensüchtige und ständig vom Absturz bedrohte Freundin Anna, die grade vor ihrem gewalttätigen Freund Till aus Berlin nach Kiel geflohen war. Nebenher finanziert sie den Türkischen Caféhausbesitzer Ilyas Güven (Ali Berber) mit Krediten, damit er seine von einem Erdbeben betroffenen Familie in der Türkei unterstützen kann.

Junger weisser gewalttätiger Verdächtiger

Anhand der Spuren ist erkennbar, dass Polidoro in ihrem eigenen Toilettenbecken zunächst gefoltert und dann ertränkt wurde. Zunächst gerät deren gewalttätiger, wegen gefährlicher Körperverletzung vorbestrafter Freund (Sanitäter Nicki Bender, gespielt von Johannes Hegemann) in Verdacht, was aber nach dessen unfreiwilligen Ableben ebenso schnell auch als Mord des bösen Firmenauftragskillers (Franco Steiner, gespielt von Sascha Geršak) unter Mithilfe eines korrupten Polizisten, (Jan Kuper gespielt von Sven Schelker) herausstellt.

Alter weisser Abteilungsleiter beim LKA mit „weichen Knien“ (Aus dem NDR-Interview mit Darsteller Yorck Dippe)

Den Schleswig-Holsteinischen LKA Finanz-Fahndern steht Robert Iwersen vor, ein „männerbündlerischer Mansplainer“ (Yorck über ihn beim NDR)…“das Tolle an den Figuren ist, dass sie alle nicht unbefleckt bleiben, da hat jeder irgendwie etwas auf dem Kerbholz. Diese omnipräsente Ambivalenz ist großartig.“ Sahin und Nowak bitten Iversen um Hilfe bei der Auswertung der Akten der Firma Prometheus und werden an den Kollegen Kuper verwiesen, bei dem sich die „Ambivalenz“ fortsetzt.

Junger weißer Polizist, natürlich mit ordentlich Dreck am Stecken

Kuper denkt gar nicht daran, hier mitzuspielen, weil er selbst schon bis zum Kragen im Korruptionssumpf steckt, sogar bei der Ermordung von Sanitäter Bender mitgemacht hat. Sahin merkt schnell, dass der Kollege zwar „Zeit fürn Kaffeekränzchen“ aber eben nicht für Akten hat. Interne Dokumente zeigen, dass er früher bei der Drogenfahndung war und und gegen ihn wegen des Verdachts, er habe beschlagnahmtes Kokain unterschlagen, ermittelt wurde.

„Recht und Gerechtigkeit ist nicht immer dasselbe… Gerechtigkeitssinn ist nicht das Wichtigste bei der Polizei“ (Nowak)

Sahin darüber, warum sie Chefin der Kieler Kripo werden will: „Misstrauen der Bevölkerung in die Polizei und zunehmende Angst vor Willkür…“, sie sei „… als Kind mit ihren Eltern im Auto oft von der Polizei angehalten worden, weil das Auto nicht ganz neu war und sie anders aussahen…ohne Angabe von Gründen hätten die Beamten alles auf den Kopf gestellt und durchsucht…sie sei mit dem Gefühl aufgewachsen, potentiell immer verdächtig zu sein“.

Warum Sahin den Posten der Kommissariatsleitung dann doch ablehnt

Ein paar Kokslinien und Tequilas später hat sich Anna Nowak an den korrupten Polizisten herangemacht, findet belastende Geldumschläge in seinem Schreibtisch. Kuper gesteht daraufhin ihr gegenüber, für die Firma Prometheus die Hand aufgehalten zu haben: „die schönen EU-Subventionen und dieser feine schöne Fortschrittsglaube High Tech Starup Megabullshit….niemand wollte wissen, wo die privaten Investitionen herkommen…Crowdfunding aus nicht-EU-Ländern in kleinen Summen… er habe alles ausermittelt und die Beweise zusammen gehabt, aber es habe niemand hören wollen, weshalb er sich hat bezahlen lassen…“

Anna berichtet Sahin brühwarm ihre Erkenntnisse mitten auf der Strasse und natürlich hört der Killer alles mit. Kurze Zeit später lockt Kuper Anna aufs Land in ein Haus am See und gibt ihr giftiges Kokain, das sie natürlich schnupft.

Sahin schreit angesichts der toten Kollegin laut auf und schwört, Annas Mörder zu finden, natürlich nicht im „höheren Dienst“ wo man laut den oben geäusserten Ansichten politische Rücksichten nehmen muss. Sie lehnt, obwohl sie den Zuschlag bekommen hätte, den Leiterinnen-Posten ab

Der zweite Teil der Doppelfolge wird am 18.10. ausgestrahlt.

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