Bei Lanz: Stirbt im Osten die Demokratie?

Wegen der hohen Zustimmung zur AfD sieht Zeit-Journalistin Jana Hensel Ostdeutschland in den Totalitarismus abgleiten. CDU-Politiker Sepp Müller beklagt die politische Bedeutungslosigkeit des Ostens. Die Sendung gibt einem negativen Bild von Ostdeutschland viel Platz – ohne Bürger von dort zu Wort kommen zu lassen. Von Fabian Kramer

Screenprint: ZDF / Markus Lanz

In diesem Jahr finden wichtige Landtagswahlen statt. Gerade mit Blick auf die östlichen Länder wird mit großer Spannung erwartet, wie die Bürger dort wählen werden. In den Umfragen führt die AfD haushoch. Noch ist es aber zu früh zu sagen, wie die Wahlen ausgehen. Trotzdem ist für viele Mainstream-Journalisten klar, dass der Osten sich von „unserer Demokratie“ verabschiedet. Die hohe Zustimmung der ostdeutschen Bevölkerung zur im linksliberalen Lager verachteten AfD führt bei manchen zu Hysterie und Panik. Es wird ein Zerrbild eines Dunkel-Deutschlands gezeichnet, welches sich von Demokratie und Rechtsstaat abwendet.

Die Intensität, mit der Ostdeutsche von linksliberalen Journalisten wegen ihrer freien und demokratischen Entscheidung als Schmuddelkinder in die antidemokratische Ecke gestellt werden, hat wegen der zu erwartenden AfD-Siege nochmal zugenommen. Wählen die Ossis nicht wie gewünscht, dann ist gleich die Demokratie in Gefahr. Am späten Donnerstagabend spricht Talkshow-Gastgeber Markus Lanz mit seinen Gästen über die Lage in Ostdeutschland. In der Sendung prallen Welten aufeinander. Auf der einen Seite sitzt mit Zeit-Journalistin Jana Hensel jemand in der Sendung, die Ostdeutschen unterstellt, es würde mehrheitlich ein antidemokratischer Umsturz befürwortet.

Auf der anderen Seite sitzt mit CDU-Mann Sepp Müller ein ostdeutscher Politiker in der Runde, der mehr Politisierung wahrnimmt, aber auch Unmut über politische Ignoranz. Hinzu kommen westdeutsche Diskutanten, die eher nicht in das Konzept der Sendung passen, weil ihnen die Ost-Biographie fehlt. Der Talk wird sehr emotional geführt und es geht mitunter hochher. Spannend wäre es gewesen, wenn Lanz auch Stimmen aus der ostdeutschen Zivilgesellschaft geladen hätte. Denn am Ende spricht man wie so oft pauschal über die Ostdeutschen, anstatt mit ihnen zu sprechen.

Neigt sich die Demokratie im Osten dem Ende entgegen?

Die Zeit-Journalistin Jana Hensel hat ein Buch über den Osten geschrieben. So wie sie sich in der Sendung äußert, muss es sich um einen Abgesang auf den Osten handeln. „Hier geht etwas zu Ende“, wehklagt Hensel mit traurigem Blick. Ihre Aussage bezieht sich auf eine Karte zur Bundestagswahl, welche die stimmenstärkste Partei in den Wahlkreisen bei den Zweitstimmen zeigt. Die AfD, so ist auf der Karte zu erkennen, hat im Osten kräftig abgeräumt. Für Hensel bricht deshalb eine Welt zusammen. Sie sieht den Osten auf dem Weg in den Totalitarismus. „Für viele Menschen ist es mit der Demokratie vorbei“, beklagt die Autorin. Hensel fragt sich: „Nutzen die Menschen die AfD für einen Umsturz?“ Harter Tobak, den die ostdeutsche Journalistin den Menschen ihrer Region unterstellt.

Hensels Thesen sind anmaßend und müssen für die Menschen vor Ort wie ein Affront wirken. Denn die Bürger im Osten der Bundesrepublik sind politisch so engagiert wie seit der Wendezeit nicht mehr. Die Wahlbeteiligung in den östlichen Bundesländern ist in den letzten Jahren regelrecht explodiert. Es treten auch wieder mehr Bürger in Parteien ein und es stellen sich wieder mehr Kandidaten für politische Ämter zur Wahl. Allerdings passt das gestiegene demokratische Engagement der ostdeutschen Bevölkerung vielen nicht. Da die Schwefel-Partei AfD die Hauptursache für die gestiegene Politisierung ist.

Als sich die ostdeutschen Bürger nicht für Politik interessierten, war die Welt für viele eine bessere. Doch die Menschen sehnen sich nach Wandel. Für viele Ostdeutsche gibt es durch die AfD eine Chance auf politische Teilhabe. „Viele Menschen wünschen sich Veränderung“, stellt auch Hensel fest. Aus ihrer Sicht ist das Verlangen nach einem politischen Wandel eine gefährliche Entwicklung, vor der sie warnt. Aber, so Hensel: „Man erreicht die Menschen nicht mehr.“ Die AfD allerdings erreicht im Gegensatz zu Hensel mehr Menschen als je zuvor.

Ostdeutsche Interessen werden von der Politik übergangen

Schon seit der Wende haben viele Bürger in den östlichen Bundesländern das Gefühl, dass sie von der Bundespolitik übergangen werden. CDU-Mann Sepp Müller aus Sachsen-Anhalt kennt dieses Gefühl nur zu gut. Er kritisiert politische Entscheidungen, die beispielhaft für die Benachteiligung ostdeutscher Interessen stehen. „Die Menschen in Schwedt haben die Schnauze voll“, berichtet Müller. Grund für den dortigen Unmut ist die Sanktionspolitik der Bundesregierung gegenüber Russland. Müller meint wütend: „Das nationale Öl-Embargo gegenüber Russland betrifft nur Schwedt.“ Er vermutet: „Wir würden es mit einer westdeutschen Raffinerie nicht so machen.“

Wahrscheinlich liegt er damit richtig. Ostdeutsche Wirtschaftsinteressen sind nicht primär ein größeres Anliegen der bundesdeutschen Politik. Im Osten gibt es keinen einzigen Dax-Konzern. Es fehlt in vielen Landstrichen auch ein starker Mittelstand. Da verlieren die Politiker die Sorgen und Nöte des Ostens leicht aus den Augen. Für die Autorin Jana Hensel ist klar: „Wir können nicht sagen, dass die Wiedervereinigung eine Erfolgsgeschichte ist.“ Die Bevölkerung in weiten Teilen des Ostens sei finanziell abgehängt, meint Hensel. Auch im Wahlverhalten würde man den gesellschaftlichen Niedergang des strukturschwachen Ostens erkennen, so die Journalistin.

Gerade in der Provinz punktet die AfD, was Hensel missfällt. „Die Gesellschaft ist in den ländlichen Regionen stark dezimiert, überaltert und männlich“, beklagt sie. Die Ökonomin Nicola Fuchs-Schülden sieht darin kein ostdeutsches Spezifikum. „Wir haben gesamtdeutsche Probleme“, stellt sie klar. Damit liegt sie richtig, da auch in vielen westdeutschen Regionen die strukturellen Herausforderungen groß sind. Aus Sicht der Ökonomin malt Hensel die Situation zu schwarz. „Man sieht bei der Arbeitslosenquote keine Ost-West-Grenze mehr“, berichtet sie.

Alles in allem räumt die Sendung einem negativen Ostdeutschland-Bild zu viel Platz ein. Es wird von Seiten des Moderators viel zu wenig widersprochen, wenn einfach so behauptet wird, dass die Demokratie im Osten im Niedergang sei. Es fehlen Stimmen normaler Bürger aus der ostdeutschen Gesellschaft. Denn am Ende bleiben steile Thesen im Raum stehen, die mit der Realität wenig zu tun haben.

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Kommentare ( 28 )

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Herr Rossi
2 Stunden her

Die Eliten sind nicht das Problem….Die Bevölkerungen sind das Problem! Joachim Gauck! https://www.youtube.com/watch?v=-vLJ_1maoyg

Thomas S62
2 Stunden her

Solche Sendungen, die ich nicht schaue, sondern mir nur die Zusammenfassungen, wie hier, nachlese, sind doch gar nicht schlecht.
Jeder „Ossi“, wobei das ja keine „Ossis“ sind, sondern „Missis“, denn Ostdeutschland liegt woanders, sollten diese Sendungen anschauen.
Denn dadurch würden die Zahlen bei der AfD massiv ansteigen.

Last edited 2 Stunden her by Thomas S62
A.G.
2 Stunden her

https://afd-bjoern-hoecke.de/2026/02/11/nur-mut/ In unserem Land ist einiges aus den Fugen geraten. Ein Kartell aus Parteien, Medien, NGOs, staatsabhängigen Beschäftigten und Prominenten haben sich in einer Wagenburg gegen die eigenen Bürger verschanzt. Alle Hemmungen sind gefallen, inzwischen versuchen sie schon gar nicht mehr, es demokratisch aussehen zu lassen. Das muß einem Angst machen — und genau das soll es auch. Es geht um Einschüchterung. Aber: Wir sind nicht allein. Und ein Blick auf das Tagesgeschehen mit einem historischen Bewußtsein macht Mut. Es sind die Symptome eines kollabierenden Regimes. »Ein politisches System, das dem Untergang geweiht ist, tut instinktiv vieles, was diesen Untergang… Mehr

Steuernzahlende Kartoffel
2 Stunden her

Es fehlten nicht nur (kompetente, unabhängige) Stimmen aus den Neuen Ländern, es fehlte auch eine alternative (kompetente, unabhängige) Betrachtung aus dem Westen. Was von dort (wie auch Brüssel-EU) an überbordenden die Erkenntnisse unabhängiger Experten ignorierender Vorschriften Verbote Zensur etc. kommt, würgt seinerseits nicht nur (zukünftig) die Demokratie ab sondern hat sie bereits aktuell in eine rechtsstaatsfeindliche „klima“-gläubige sozialmigrantengeile Gesinnungsdiktatur verwandelt!

Juergen P. Schneider
2 Stunden her

Die vereinigten Antidemokraten aus dem links-grünen Altparteienkartell haben Angst vor Veränderung. Wären sie Demokraten, dann wüssten sie, dass freiheitlich-demokratische Gesellschaften von solchen Veränderungen leben. Wer eine andere Partei pauschal als antidemokratisch bezeichnet, nur weil sie andere politische Auffassungen vertritt, ist ein Feind der Demokratie und ein Feind der Freiheit. Das rot-grüne Schneeflöckchen von der „Zeit“ hat offenkundig vollkommen den Bezug zur Realität verloren. Wer nicht so denkt wie die links-grünen Wahrheitsbesitzer und Welterlöser, dar kann ja nur ein Faschist sein. Die Verblödung in der linken deutschen Journalistenblase nimmt immer schlimmere Ausmaße an.

littlepaullittle
2 Stunden her

„Er kritisiert politische Entscheidungen, die beispielhaft für die Benachteiligung ostdeutscher Interessen stehen.“
 Wenn er es auf Bundesebene geschafft hätte, könnte es heissen:
Er kritisiert politische Entscheidungen, die beispielhaft für die Benachteiligung ostdeutscher Interessen stehen. 
Davon gibt es wohl noch zu wenig, als dass die Wähler es goutieren.

Nibelung
2 Stunden her

Der Osten wählt nicht die AFD aus lauter Liebe zum Detail, sondern will nicht dahin zurück wo sie hergekommen sind, denn sie kennen mit Merkel und den Linken ihre Papenheimer und ihr Verstand hat sie noch nicht verlassen, was im Westen doch sehr fraglich ist und sie die Problematik auch nicht kennen, die sie im Osten jahrzehntelang gequält hat und so langsam über ganz Europa kommt und das ausgerechnet initiiert über die Schwarzen, wo man sich fragen muß, ob sie nicht schon längst ihren Verstand an der Garderobe abgegeben haben.

eisenherz
2 Stunden her

Da schreibt die Medienzunft seit mehreren Tagen über die Selbstverteidigung der AfD gegen eingeschleuste V-Männer in die Partei. Weil sie darum Verwandte als Mitarbeiter bevorzugen.
Und dann sitzt da so ein Prachtexemplar wie der Versager Kevin Kühnert, Ex-SPD-Generalsekretär in der Runde, seit Dezember Lobbyist für alternative Finanzpolitik.
Andere Gestalten wie Frau Spiegel mit ihrer Flutkatastrophe, Dobrindt mit seinem Milliardenschaden mit seiner Mautgesetzgebung und viele andere Versager aus den Kartellparteien.
Die wie die arabischen Clans sich alle gut bezahlten Posten untereinander zuschieben. Ausgerechnet Kevin Kühnert bei Lanz zum Versagen der Parteien-Demokratie im Osten, das ist schon abenteuerlich.

flo
2 Stunden her

Jana Hensel (lebt in Berlin) hat offenbar ihre neue Lebensaufgabe darin gefunden, den Osten als rechts und verloren zu kennzeichnen. „Für viele Menschen ist es mit der Demokratie vorbei.“ Klingt schon etwas hysterisch. Hensel ist 1976 in der Region Leipzig geboren, hat die DDR also nur als Kind erlebt. Ihr 2009er Buch „Achtung Zone: Warum wir Ostdeutschen anders bleiben sollten“ hat sie evtl. selber nicht gelesen oder komplett vergessen. Amazon-Text: „‘Zonenkinder‘ haben Jana Hensel als eine Beobachterin gezeigt, die genauer hinsieht als andere – und dies mit ‚sprachlicher Lakonie, Leichtigkeit und einer Transparenz, die leuchtet‘ (Der Spiegel). Hier zeigt sie,… Mehr

Eddy08
2 Stunden her

So so der gesellschaftliche Niedergang zeigt sich am Wahlverhalten, ist ländlich, Kartoffeldeutsch, alt und männlich. Ich hau mich weg, zu beobachten ist, das der gesellschaftliche Zusammenhalt genau im ländlichen Raum noch intakt ist, sofern er nicht mit woken Gutmenschen der Städte unterwandert wird. Freiwillige Feuerwehr, Dorfklub, Schützenverein, LPG und allgemeines Dorfleben sind der Garant für gesellschaftliches Leben Viele Städter haben für sich gefunden das sie ach so Tolerant sind, aber nur der eigenen Meinung gegenüber. Andere Meinungen neben dem woken transgender Klimawahn sind nicht erwünscht, werden verunglimpft und bekämpft. Und von welchen Ostdeutschen reden diese Experten eigentlich? Der Osten ist… Mehr