Die Gasspeicher leeren sich: Uns trennt noch eine Kälteperiode von der Notstandssituation

Deutschlands Gasspeicher sind bei 29%. Unter 20% droht der Leistungs-Knick. Versorgung mit Pipelinegas ist unsicher. LNG braucht 18 Tage und die Exporte steigen. Die Bundesnetzagentur beruhigt – bis zur nächsten Frostwelle. Dann trifft es die Industrie.

screenshot/ www.drroyspencer.com

Der durchschnittliche Gasverbrauch im Winter beträgt in Deutschland 4 TWh Erdgas pro Tag, an kalten Tagen unter -5 °C ca. 5 TWh, an milderen Tagen sinkt er auf 3 TWh.

Der Verbrauch wird gedeckt durch

  1. Pipelinegas
  2. LNG-Gas
  3. Entnahme aus den im letzten Jahr gefüllten Gasspeichern

1. Die Pipeline-Importe belaufen sich zurzeit bei 2,7 TWh. 44% davon kommen aus Norwegen, 24% aus den Niederlanden und 21% aus Belgien/Frankreich. Die letzteren beiden Importe sind LNG-Gas, da sowohl die Niederlande, Belgien als auch Frankreich keine eigenen Erdgasquellen für den Export zur Verfügung haben. Das macht diese Quellen verletzlich, wenn in diesen Ländern eine eigene Knappheit vorliegt. Der Speicherstand in den Niederlanden (5.Februar) liegt bei 22,4%, in Frankreich bei 28,5%.

2. Die aktuellen LNG-Importe in Deutschland belaufen sich auf etwa 0,4- 0,6 TWh pro Tag über die Terminals in Wilhelmshaven, Brunsbüttel, Lubmin und Mukran. Sie können zwar auf bis zu 1 TWh hochgefahren werden. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass eine zusätzliche Menge an LNG-Gas in Deutschland mit erheblicher Verzögerung ankommt. Die Belade- und Transportzeit eines LNG-Tankers vom Golf von Amerika nach Brunsbüttel dauert 18 Tage.

3. Die Entnahme von Erdgas aus den deutschen Speichern betrug im Januar etwa 0,4 bis 1 TWh je nach Kältesituation. Diese Batterie für den Winter läuft langsam aber sicher leer. Der aktuelle Füllgrad der Speicher liegt bei 29%.
Diese Menge ist im Prinzip auch entnehmbar. Das entscheidende Problem ist aber, dass mit sinkendem Füllstandsgrad auch der Druck sinkt und somit die Entnahmeleistung des Speichers abnimmt, wie der sehr gute Übersichtsartikel zur Versorgungssicherheit von Markus Schall beschreibt.

Schon unterhalb eines Füllstandsgrades von 50% geht die Entnahmerate (Gas pro Stunde) auf Grund des geringeren Druckes zurück. Bei 35% Füllstandsgrad ist die Entnahmerate bereits um 22% gesunken. Darunter sinkt sie dann stärker als linear ab. Unterhalb von 20% ist die Entnahmerate so stark gesunken, dass die Speicher keine Nachfragespitzen mehr abdecken können, was zu einem Risiko von Versorgungsengpässen in einer Kaltwetterlage führen kann.

Die meteorologische Situation in den nächsten 14 Tagen wird zunächst von leicht ansteigenden Temperaturen bis zum 12.2. gekennzeichnet, um danach möglicherweise erneut in eine deutliche, bundesweite Frostperiode zurückzufallen. Kommt es zu dieser Entwicklung wird Ende Februar die 20% Marke des Füllstands deutscher Gasspeicher unterschritten.

Nach der Gasnotfallverordnung von Minister Habeck sind folgende Kriterien für die Beurteilung einer Gasnotfalllage heranzuziehen:
„- Als kritisch wird die Lage eingestuft, wenn die prognostizierte Durchschnittstemperatur der kommenden sieben Tage min. zwei Grad Celsius unter dem Durchschnitt der vorherigen vier Jahre liegt“
„- Als kritisch wird die Lage eingestuft, wenn der Füllstand unter den Speicherpfad fällt, der auf das 40%-Niveau am 01. Februar des jeweiligen Jahres führt.“

Beide Kriterien sind seit dem 1. Februar erfüllt.
Es ist schon erstaunlich, dass die Bundesnetzagentur bei einem Speicherstand von unterhalb 30% immer noch abwiegelt und erklärt : „Die Gasversorgung in Deutschland ist stabil. Die Versorgungssicherheit ist gewährleistet. Die Bundesnetzagentur schätzt die Gefahr einer angespannten Gasversorgung im Augenblick als gering ein.“

Aber man versucht sich durchzumogeln und hofft auf eine Erwärmung in den nächsten 4-6 Wochen. Und wieder einmal stehen Landtagswahlen in Baden-Württemberg vor der Tür.

Nach Ausrufung einer Notfallstufe muss die Bundesnetzagentur Maßnahmen ergreifen, um die Versorgung von Haushalten und öffentlichen Einrichtungen zu gewährleisten. Das kann dann nur noch durch Abschalten von Industrie-und Gewerbebetrieben erfolgen. Sollte es dazu kommen, wäre das ein Alptraum für die deutsche Energiepolitik: ein Resultat des Versagens. Der schon angeschlagene Investitionsstandort Deutschland würde nachhaltig beschädigt.

Warum sind wir in eine solche Situation geraten?

Zum einen haben Gaseinkäufer und die Politik wohl die vier letzten milden Winter in die Zukunft fortgeschrieben. In einer allgemeinen Wahrnehmung einer Klimakatastrophe kommen sehr kalte Winter offenbar nicht mehr vor.
Zusätzlich ist aber seit dem 1. 1. 25 die Versorgung Osteuropas mit russischem Erdgas reduziert worden, da die Ukraine den Transit des Gases zu diesem Datum gestoppt hat. Die Versorgung über die einzig noch verbliebene, über die Türkei verlaufende Turkstream-pipeline reicht aber nicht aus, so dass das deutsche Gasnetz auch die Nachbarn Österreich, Tschechien und indirekt die Slowakei versorgt. Über die Slowakei und Polen erhält die Ukraine Gas in Umkehrung der bisherigen Fliessrichtung (reverse Flow). Die gesamte Exportmenge ist mit 1TWh täglich erheblich und liegt in der Höhe der täglichen Entnahme aus den deutschen Gasspeichern. Die Grafik zeigt den Anstieg der Exporte aus Deutschland seit der Schliessung der Transgas-pipeline aus der Ukraine.

screenshot/ Bundesnetzagentur
screenshot/ Bundesnetzagentur

Wie immer sich die Erdgasversorgung in den nächsten 3 Wochen entwickelt, es gäbe einen guten Anlass, die politische Debatte über die eigene Erdgasversorgung durch Schiefergas aus der norddeutschen Tiefebene zu eröffnen. Dort lagert ausreichend preiswertes Erdgas für die nächsten 30 Jahre. Die Förderung von Erdgas aus 1000 m tiefen Gesteinsschichten ist seit 2017 durch Bundesgesetz verboten (Fracking-Verbot).

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Kommentare ( 14 )

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14 Comments
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Raul Gutmann
1 Stunde her

Analog zum Berliner Streusalzverbot: Wenn menschliche Institutionen sich erdreisten, den Winter für abgeschafft zu erklären, wird die Natur diese sich den der göttlichen Schöpfung spottenden Menschen „Mores lehren“.
Vielleicht nicht sofort, doch irgendwann… Und irgendwann scheint 2026.
»Man muß für all seine Taten in dieser Welt bezahlen. So oder so. Nichts ist umsonst. Außer Gottes Gnade.« – Vorspann von True Grit (USA 2010)

OJ
1 Stunde her

EINE! EINZIGE! KÄLTEPERIODE!

Das ist der lächerlich dünne Eisfilm, auf dem unsere ganze Zivilisation jetzt herumrutscht! Während diese hörigen Technokraten und Realitätsverweigerer im Ministerium noch PowerPoint-Folien zum „Duschen in Dreiergruppen“ basteln, zeigt die Gassäule den Finalen, unumkehrbaren Freien Fall!

Das ist die gnadenlose Quittung für Jahre des grünen Wunschdenkens, der heuchlerischen Abschaltorgien und des feigen Wegduckens! UNSERE Speicher sind nur noch gespenstische, hallende Kavernen, die uns aus der Tiefe auslachen❗
Machen sie das Kreuz an der richtigen Stelle, es gibt nur eine richtige Stelle.

Last edited 1 Stunde her by OJ
Zum alten Fritz
1 Stunde her

Übrigens reicht das Gas aus einem angelandeten LNG Tanker in Mukran oder Lubmin um Berlin für ca. 6 Stunden zu versorgen. Wobei die Tanker aus Litauen kommen, wo das Gas zwischengespeichert und umgeladen wird. Allein die Lieferkette verursacht CO2 und Methangas die dann als Zertifikate-Umlage auf die Gasverbraucher pro Haushalt mit 40€ bis demnächst 120€ im Jahr zukommen. Wobei das nichts an dem Umstand ändert das Methangas 28 mal mehr als CO2 schädlich für die Atmosphäre ist. Die deutsch-europäische Politik sorgt nicht nur dafür das Deutschland de-industrialisiert, sondern auch das dieses Land zum globalen Umweltschwein wird. Zum Gipfel wird es… Mehr

Michael Theren
1 Stunde her

Gehört das zum Liefervertrag für US-LNG, daß man jetzt „Golf von Amerika“ sagt ?
Deindustralisierung ist Klimaschutz – Klimaschutz ist Staatsziel Nr.1 und wird von den Gerichten durchgesetzt…egal was der Wähler will…als nächstes kommt dann der Ukraineschutz als Staatsziel Nr. 2…
(Was auch immer Klimaschutz und Ukraineschutz eigentlich ist)

Last edited 1 Stunde her by Michael Theren
twsan
1 Stunde her

Sind wir jetzt von allen guten Geistern verlassen – ist die Merz-Regierung entgültig verrückt geworden?

Die Ukraine sprengt Nordstream – oder macht wenigstens in irgend einer Form mit.
Die Ukraine dreht ganz Osteuropa den Gashahn zu.
Und die Ukraine erhält via reverse flow von Slowakei und Polen weiter Erdgas?

Und wir zahlen Milliarden Euros an die Ukraine – und liefern denen noch alle unsere Notstromaggregate????

Damit uns und unserer Industrie jetzt das Gas ausgeht und bei Antifa-Terrorismus keine Notstromaggregate zur Verfügung stehen?????

Und das alles, weil Selenski sich von Boris Johnson (in wessen Auftrag??) 2022 (Istanbul) den Frieden ausreden ließ?

Last edited 1 Stunde her by twsan
Michael Theren
1 Stunde her
Antworten an  twsan

nicht zu vergessen die Entschädigungszahlungen für entgangene Lizenzeinnahmen wg. Nordstream Gaslieferungen an die Ukraine, dazu dürfte auch an Gazprom weiter bezahlt werden, für Gas, was wir nicht abnehmen wollen – pacta sunt servanda – wobei ich in beiden Fällen hoffe mich zu irren….was Polen wohl bekommt, daß es gnadenhalber etwas kasachisches (?) Öl zur PCK-Raffinerie erlaubt (aber nur für 30% Auslastung, polnische Raffinerien wollen ja auch leben).

Jerry
2 Stunden her

Murmeltier Phil hat doch seinen Schatten gesehen und noch 6 Wochen Winter vorhergesagt. Ich drücke ihm die Daumen, dass er Recht behält!

Reinhold
2 Stunden her

Jedes Jahr um diese Zeit wird die gleiche Sau durchs Dorf getrieben. Die Gasspeicher sind fast leer. Warum diese Angstmache und warum beteiligt sich Tichy daran?
Versorgungssicherheit ist oberstes Gebot eines funktionierenden Staates. Das wissen selbst die verblödetsten Linken und Grünen. Bei Gasausfall wären sie weg vom Fenster und von ihrer luxuriösen Versorgung.

Bernd Simonis
1 Stunde her
Antworten an  Reinhold

Das bezweifle ich. Man wird „Schuldige“ suchen und finden. Die „verblödeten“ Wähler der Linken und Grünen werden diese auch in eiskalten Wahllokalen wählen. Je nach Wetterlage kann es passieren, das die Katastrophe Eintritt.

ceterum censeo
1 Stunde her
Antworten an  Reinhold

Versorgungssicherheit ist oberstes Gebot eines funktionierenden Staates. Das wissen selbst die verblödetsten Linken und Grünen.“ Äh, Sie wissen aber schon, daß insbesondere die Grünen Merkel vor sich hergetrieben haben, dadurch den Atomausstieg mit zu verantworten und Habeck und Konsorten die AKW-Abschaltung und das Sprengen von Kohlekraftwerken – allesamt grundlastfähige Energieerzeuger – gefeiert haben, als sei Weihnachten und Ostern auf einen Tag gefallen? Habecks vergeblicher Bückling in Katar führte zu exorbitanten Preisen (und entsprechender Umweltverschmutzung) durch LNG. Der Ars… des schönen Robert wurde nur durch einen recht milden Winter 22/23 gerettet, denn damals war schon die Gasreserve Spitz auf Knopf…

Logiker
1 Stunde her
Antworten an  Reinhold

Ich erinnere daran, dass das Ceaucescu-Regime in Rumänien Ende der 80er in den Medien falsche Wetterberichte verbreiten ließ, um den untauglichen Versuch der „gefühlten Kälte“ zuleibe zu rücken, zu unternehmen.

„Angeschossen ist die Wildsau am gefährlichsten“ (Jäger-Weisheit)

Ich traue unseren Demagogen alles zu.

Freidenker
1 Stunde her
Antworten an  Reinhold

Versorgungssicherheit ist oberstes Gebot eines funktionierenden Staates. Das wissen selbst die verblödetsten Linken und Grünen. Bei Gasausfall wären sie weg vom Fenster und von ihrer luxuriösen Versorgung.

Nein, dann könnten sie den Notstand ausrufen und das tun, was sie am liebsten tun: Grundrechte einschränken.

Musteridiot
2 Stunden her

Was mich sehr erstaunt : dieses Jahr wurde im Januar die Verstromung von Erdgas um 40 Prozent gegenüber dem Januar 2025 erhöht. Und das, obwohl Erdgas doch die teuerste Stromquelle ist. Anscheinend sind wir alternativlos zum Verstromen von Erdgas gezwungen.
Da braucht man sich nicht wundern, wenn die Gasspeicher leer und die Strompreise hoch sind.

Andreas F
2 Stunden her

Es liegt nicht nur Schiefergas unter der norddeutschen Tiefebene, es liegt meines Wissens auch eine funktionierende Röhre voll mit Erdgas auf dem Boden der Ostsee. Dessen Ende kommt zufälligerweise sogar in Deutschland an die Oberfläche.

Wäre dann natürlich eine doppelte Niederlage für Linksgrün, aber so ist die Realität nunmal