Grüne denunzieren Bayer-Konzern mit einer fragwürdigen Steuer-Studie

Der Grünenpolitiker Sven Giegold gab eine Studie in Auftrag, um Bayer Manipulation der Besteuerung nachzuweisen. Als der Bayer-Finanzchef den Autor öffentlich mit den Fakten konfrontiert, rudert der zurück.

IMAGO / Rüdiger Wölk
Sven Giegold

Der Titel der Studie klang heftig: »Wie Bayer die europäische Unternehmensbesteuerung manipuliert«. Die Ziele tönten edel und hehr: Um mehr Steuergerechtigkeit solle es bei der jüngsten Aktion des grünen Europa-Abgeordneten Sven Giegold gehen. Der ist Sprecher seiner Fraktion im Europaparlament und beauftragte in ihrem Namen zwei Autoren mit einer Studie, wie sich der deutsche Konzern Bayer in Steuerschlupflöchern zu verstecken versucht. Herauskommen sollte, wie das Unternehmen Gewinne zwischen Staaten verschiebe, um seine Steuerbelastung zu senken.

Ein schöner Propagandacoup, um den deutschen Chemieriesen an der Nase herumzuführen. Der ist sowieso bereits angeschlagen, weil Giegold und seine Grünen einen heftigen Feldzug gegen Glyphosat führen. Dieses Unkrautvernichtungsmittel aus dem Hause Bayer/Monsanto ist das einzige effektive Produkt für Landwirte in aller Welt, die das für ihre Arbeit auf den Äckern dringend benötigen. So gut wie Glyphosat wurde in den vergangenen 40 Jahren kaum eine andere Substanz untersucht, dennoch gelang es NGOs, die von amerikanischen Bioketten bezahlt wurden, dass Mittel in Verruf zu bringen.

Giegold, der sich einst über den Glyphosat-Gehalt in seinem Urin von 1,9µg/ Liter beklagte (»Ich schwöre, am Bier liegt es nicht!«) versprach sich von der Steuervermeidungs-Fallstudie gute Argumente für seinen heroischen Kampf gegen internationale Industriegiganten.

Amerikanische Konzerne wie Amazon und Facebook sollen es bekanntlich mit der Steuerehrlichkeit in Europa nicht so sehr haben und vor allem in Ländern wie Deutschland kaum Steuern bezahlen. Da lässt sich Bayer bestimmt auch etwas anhängen; dazu lässt Giegold die Studie schon einmal befreundeten Redaktionen wie dem ZDF heute Journal und der Süddeutschen Zeitung vorab zuschicken. Die wiederum fragten am Mittwoch bei dem Chemiekonzern an, wie man denn dort die Studie kommentieren wolle. Ein ZDF-Kamerateam soll am Donnerstag sogar auf der Suche nach verräterischen TV-Bildern vor den Werkstoren in Monheim angerückt sein.

»Eine wachsende Zahl von Fallstudien, Gerichtsverfahren sowie die aufkommende Analyse von Länderberichten zeigen«, so steht es immerhin in der Studie, »multinationale Konzerne quer durch viele Branchen und Länder nutzen Buchhaltungstricks, um ihre Gewinne in Unternehmenssteueroasen zu verschieben. Dadurch verschaffen sie sich einen unfairen Wettbewerbsvorteil gegenüber den lokalen Unternehmen und entziehen den Ländern, in denen sie tätig sind, wichtige Ressourcen zur Aufrechterhaltung ihrer Gesundheitssysteme und zur Bekämpfung des Klimawandels.«

Hauptvorwurf in der Studie gegenüber dem Leverkusener Konzern: »Die Bayer AG ist da keine Ausnahme. Wie viele andere große multinationale Konzerne hat Bayer Niederlassungen in mehreren Steuerparadiesen – darunter 27 in den Niederlanden sowie 15 in den innerdeutschen Steuerparadiesen Monheim und Schönefeld.« Der Begriff vom Steuerparadies Monheim überrascht denn doch ein wenig. Mit Liechtenstein und Monaco haben sich die Monheimer bisher eigentlich nicht so richtig verglichen.

Bayer lud im Gegenzug am Freitagvormittag die beiden Autoren und den Europa-Abgeordneten Giegold mit Medienvertretern zu einer Diskussion auf die Social Media Plattform Clubhouse. Einer der beiden Autoren der Studie, Christoph Trautvetter, war akustisch zugegen, sowohl sein Schreibkollege als auch der Europa-Abgeordnete kniffen.

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Trautvetter, sonst bei einem »Netzwerk Steuergerechtigkeit« und der Linke-nahen Rosa-Luxemburg-Stiftung aktiv, verwies in der Diskussion darauf, dass der Chemiekonzern Bayer vergleichbar mit anderen DAX-Unternehmen sei und sogar eine Dependance unter anderem im amerikanischen Delaware habe. Das sei, so Trautvetter, ein Steuerparadies.

Bernd-Peter Bier, Chef der Bayer-Finanzabteilung, platzte hörbar der Kragen. In der Studie heiße es, Bayer habe seinen durchschnittlichen globalen effektiven Steuersatz durch Gewinnverlagerungen systematisch verringert. Doch nach eigener Aussage der Autoren lag der effektive Steuersatz von Bayer im Mittel der vergangenen zehn Jahre bei 23,8 Prozent. Bier frappiert: »Das ist über dem Durchschnittssteuersatz in der EU! Worin soll also hier der konkrete Vorwurf bestehen?«

Drei Milliarden Euro Steuern soll Bayer durch Gewinnverlagerungen gespart haben, so der Vorwurf des von Giegold beauftragten Trautvetter. Diese Milchmädchenrechnung hieße Äpfel mit Birnen vergleichen, warf ihm Bier vor. Die lasse die tatsächliche lokale Wertschöpfung außer acht sowie die Kosten, die auf Basis der lokalen Steuergesetze zum steuerpflichtigen Ergebnis führten.

Immer wieder höre er von den gleichen angeblichen Steuerparadiesen, den Niederlanden und dem US-Bundesstaat Delaware. In Delaware würden die Bundessteuern mit 21 Prozent für Unternehmen ohne lokale Steuern auf einem Niveau liegen, das dem Durchschnitt der Besteuerung in Europa entspricht. In den Niederlanden sei Bayer mit seinem wichtigen Bereich des Gemüsesaatgutes deshalb vertreten, weil dort die wichtige Kundschaft sitze, eben die Gemüsebetriebe.

Bier: »Bei dem Papier der Grünen handelt es sich um einen reinen PR-Stunt – mit dem einzigen Zweck, ihren steuerpolitischen Forderungen mehr Aufmerksamkeit zu verleihen. Freilich ist nichts dagegen einzuwenden, dass sich eine Partei zur Steuerpolitik äußert. Aber es ist bedauerlich, dass dies auf Kosten von Unternehmen geschieht, die maßgeblich zu Wachstum und Wohlstand beitragen.« Bayer erziele in Deutschland nur noch sechs Prozent des Konzernumsatzes, beschäftige jedoch ein Viertel aller Mitarbeiter und entrichte 50 Prozent der globalen Unternehmenssteuern in der Bundesrepublik.

Der verdutzte Trautvetter verwies lediglich auf den »Entwurfscharakter« der Studie. Sie sei ja noch nicht »freigegeben«, meinte er verlegen. Allerdings: Die Studie lag den Redaktionen bereits seit Anfang der Woche zur Vermarktung vor. Am Donnerstag meinte Trautvetter hingegen, es sei doch nur ein Entwurf.

Was bleibt? Das alte Muster der Denunziation: Mit einer zweifelhaften Studie wurde etwas in die Welt gesetzt, gleichgültig, ob wahr oder nicht, und dies sollte einfach so lange wiederholt werden, bis es alle glauben. Nach diesem Muster bekämpfen Giegold und grüne NGOs unter anderem auch Glyphosat.

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Kommentare ( 38 )

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Schwabenwilli
1 Monat her

Der Werdegang des Herrn Giegold erklärt eindeutig warum man von dieser Person nichts aber auch absolut nichts erwarten kann.

Wittgenstein
1 Monat her

Lieber Herr Douglas,

Transfer Pricing ist schon ein Thema und das seit Jahrzehnten!

Aber, das Unternehmen versuchen, die Steuerlast möglichst gering zu halten, ist so natürlich, wie der der deutsche Staat versucht, seine Bürger wegelagerisch, meint „räuberisch auszuplündern“.

Und das nicht zuletzt, damit diese links*grünen, unproduktiven, schwachsinnig ideolgischen , wahrscheinlich zutiefst korruppten Pappnasen, das von den Bürgern erwirtschaftete BIP in die eigene Tasche scheffeln können.

Was hat dieses Svenchen jemals für uns Bürger geleistet? Nada!

Lizzard04
1 Monat her

Das kommt davon, Dilletanten, die sich aufgrund eines Parteienlistenplatzes plötzlich auf höchstdotierten „Beamtenposten“ in Brüssel oder Berlin wiederfinden, halten sich glatt für fachliche Genies und glauben, alle mit ihren Weltverbesserungsphantstereien beglücken zu können oder gar müssen. Dabei sind und bleiben sie immer noch die armseligen Wichte, die sie auch vorher waren!

Markus Gerle
1 Monat her

Es ist einfach nur noch widerlich, was die Grünen und vor allem der bigotte Giegold betreiben. Den Standort Monheim der BCS hatte Bayer schon, bevor der clevere Bürgermeister dort die Gewerbesteuern senkte. Welche Wertschöpfung Bayer in NL betreibt, begreift ein Grüner sowieso nicht. Auffällig ist jedoch, dass man die Standorte gleich nebenan in BE (Zwijndrecht), wo die Steuern besonders hoch sind, unter den Tisch fallen lässt. Dass die Bayer Corp. ihren Hauptsitz in Pittsburgh hat und in den USA extrem breit verstreut ist (selbst in dem netten Städtchen Terrytown, NY gibt es etwas und natürlich in Baytown, TX), erwähnt man… Mehr

Aljoschu
1 Monat her

Wieso kann eine politische Plattform wie Tichys wegen zwielichtige Anschuldigungen verklagt werden und diese Polit-Hampelmänner können sich alles erlauben? BAYER sollte den Giegold und die Grünen auf Schadensersatz wegen verleumderische Beschuldigung verklagen!

Rob Roy
1 Monat her

Keine Lüge ist den Linken (und die Grünen sind eindeutig links) dreist genug, um sie nicht zu probieren. Das Feindbild der bösen kapitalistischen Konzerne muss ja aufrechterhalten werden.
Dabei könnten unsere Parteien auch mit kleinen Dingen Unternehmen mal deren Grenzen aufzeigen. Z.B. indem sie die Preise für Internet und Mobilfunk regulieren und all die 24-Monats-Verträge mit automatischer Verlängerung verbieten. Oder diese intransparenten Preismodelle (3 Monate 0,- Euro, 9 Monate 9,99, 12 Monate 19,99, danach 49,99, wenn man nicht rechtzeitig kündigt). Das würde auch dem Bürger zugute kommen.

Kaltverformer
1 Monat her

Dieser Sven Giegold treibt sich seit mindestens 25 Jahren, auf unsere Kosten, in der EU herum.
Damals habe ich sein perfides Spiel noch nicht durchschaut, aber schon bald war klar, dass er einer der Vorreiter war, die im Hintergrund, für die Deindustrialisierung und Destabilisierung der europäischen Gesellschaften und gegen die EU-Bürger gearbeitet hat.

Hoffnungslos
1 Monat her

Schon lange wundere ich mich, warum große Konzerne, die in Deutschland ihren Sitz haben, wie z.B. in der Automobilbranche, sich von Merkwürdigkeiten wie der „Deutschen Umwelthilfe“ vorführen lassen. Sind die Juristen dort so schläfrig? Hat die Konzernspitze keine eigenen Ideen/ Perspektiven mehr? Oder muss Frau Merkel in Berlin erst gefragt werden, oder unsere Fachfrau für alles und nichts Frau v.d.Leyen? Auch ich bin für Umweltschutz, aber viele dieser globalen NGOs stehen für mich in keiner Weise für Umweltschutz, sondern für Eigennutz. Meinungsmache, bis hin zur Denunziation als lukratives Geschäftsmodell.

Rob Roy
1 Monat her
Antworten an  Hoffnungslos

Audi hat gerade verpflichtend die Gendersprache für seine „Mitarbeiter_innen“ eingeführt. Vorauseilender Gehorsam deutscher Unternehmen, die Angst haben, sie könnten politisch nicht korrekt genug sein.

Hoffnungslos
1 Monat her
Antworten an  Rob Roy

Wie wollen Menschen mit dieser Ängstlichkeit auf dem Weltmarkt bestehen? Brauchen deutsche Unternehmer eine Schutzzone?

Hosenmatz
1 Monat her

Und ist die Weste noch so weiß, wenn man mit Schmutz beworfen wird, bleibt immer etwas hängen.

Da kann sich Bayer drehen und wenden, die Sau ist durchs Dorf und wird so schnell nicht wieder eingefangen.

Hoffnungslos
1 Monat her

Die politische Naivität und geistige Trägheit vieler Landsleute ist leider groß. Auch viele Frauen, ob jung oder alt, meinen es gut, aber blicken leider nicht durch. Sie wollen glauben, anstatt endlich selber zu denken und kritisch zu hinterfragen. Da hat unsere Demokratie ein ernsthaftes, nachwachsendes Problem. Es ist absolut richtig und wichtig, teilzunehmen an der öffentlichen Diskussion. Aber bitte informieren Sie sich vorher über das Thema. Die Zeiten des Glaubens sind vorbei. Informieren Sie sich und warten Sie nicht darauf, dass Ihnen jemand sagt, wo es lang geht. Laufen Sie nicht jedem Rattenfänger hinterher. Freiheitliche Demokratie lebt nur da, wo… Mehr