Hexensabbat, stabiler FED-Kurs und Betrugsgerüchte

Die wichtigsten Eckpunkte der jüngsten Sitzung der US-Notenbank wurden genauso erwartet: Die Fed lässt den Leitzins knapp über null.

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Präsident Jerome Powell ließ anklingen, dass das zentrale geldpolitische Steuerungsinstrument noch bis 2023 dort bleiben könnte. Auch die neue Leitlinie, dass die US-Inflationsrate die Zwei-Prozent-Marke kurzzeitig überschreiten darf, ohne dass die Leitzinsen steigen, kam nicht überraschend. Zudem haben sich die Projektionen der Fed für die US-Konjunktur seit Ende Juni aufgehellt: Die US-Wirtschaftsleistung im vierten Quartal soll demnach bloß um 3,7 statt um 6,5 Prozent zum Vorjahresquartal sinken, die Arbeitslosenquote dann im Schnitt statt bei den befürchteten 9,3 bei 7,6 Prozent liegen. Das Schlussstatement enthielt dennoch eine Warnung: Die US-Wirtschaft befinde sich in einem wesentlich schlechteren Zustand als zu Jahresbeginn, betonte die Fed. Das klingt wegen der Pandemie selbstverständlich. Der defensive Tenor weist jedoch darauf hin, dass die Fed eine weitere Erholung der US-Wirtschaft wohl für schwerer erachtet und das Risiko eines erneuten Absturzes als nicht unerheblich. Die Wall Street jedenfalls schaltete in den Rückwärtsgang, Anleger nahmen Gewinne mit.

Viele Anleger weltweit sind trotz oder gerade wegen der Börsenentwicklung in diesem Jahr extrem optimistisch und erwarten in den nächsten fünf Jahren Gesamtrenditen von durchschnittlich 10,9 Prozent pro Jahr. Das ist ein Ergebnis der Schroders Global Investor Study 2020, für die der britische Assetmanager 23.000 Personen aus 32 verschiedenen Ländern befragt hat. Verglichen mit 2019 hat sich die globale Renditeerwartung damit sogar leicht erhöht. Etwas bescheidener geben sich die Deutschen. Hierzulande beträgt die durchschnittliche Renditeerwartung über die kommenden fünf Jahre 8,4 Prozent. Dennoch sind auch diese Prognosen ambitioniert vor dem Hintergrund der aktuellen wirtschaftlichen Gefahren. Für Deutschland ermittelte die Schroders Global Investor Study zudem, für welche Anlageklassen Investoren nach dem Markteinbruch infolge der Corona-Krise die besten Chance-Rendite-Verhältnisse erwarten. Über die kommenden zwölf bis 18 Monate sehen Anleger hierbei globale Aktien an erster Stelle, gefolgt von europäischen Werten und Titeln aus Schwellenländern, so Schroders.

Ein Unternehmen, das die Zukunftsfähigkeit seiner aktuellen Geschäftsgrundlage in düsteren Farben malt, ist eine Seltenheit. Doch der britische Ölkonzern BP geht notgedrungen diesen Weg und bezeichnet das Zeitalter des immer weiter steigenden Ölbedarfs für beendet. Der Konsum werde vielleicht nie wieder auf das Niveau zurückkehren, das er vor dem Ausbruch der Corona-Krise erreicht hatte, hieß es im „Energie Ausblick 2020“ des Unternehmens vergangene Woche. Mit dieser These steht der Konzern aber im Ölsektor noch weitgehend isoliert da. Aber selbst die optimistischste Schätzung für die nächsten zwei Jahrzehnte sieht die Nachfrageentwicklung laut BP „weitgehend stagnierend“, da sich im Zuge der Energiewende immer mehr Konsumenten global von fossilen Brennstoffen verabschieden. „Ab 2040 werden alternative Energien die stärkste Kraft im globalen Energiesystem“, so BP-Chefökonom Spencer Dale bei der Vorstellung der Studie. BP-Vorstandschef Bernard Looney hatte bereits angekündigt, fünf Milliarden US-Dollar jährlich in den Aufbau des Geschäfts mit erneuerbaren Energien zu investieren und zudem die Öl- und Gasproduktion in der nächsten Dekade um 40 Prozent zu senken.

Das Elektro-Lkw-Start-up Nikola aus den USA bleibt in den Schlagzeilen. Positive Headlines gab es vor zwei Wochen, als der US-Autogigant GM beim Wasserstoffkonzern einstieg und die Aktie daraufhin in die Höhe schoss. Nun folgte der Absturz, nachdem der Shortseller Hindenburg Research unter anderem Details zu irreführenden Werbevideos publik gemacht hatte. Der Nikola-Aktienkurs sackte danach um über 20 Prozent ab. Nun geht das Start-up in die Offensive und droht Hindenburg mit rechtlichen Schritten wegen des Verdachts der Kursmanipulation. Die Turbulenzen könnte Daimler nutzen. Die Stuttgarter kündigten vergangene Woche an, bis 2025 Wasserstoff-Schwerlaster in Serie zu bauen, für den urbanen Raum sollen Batterie-Trucks ab 2021 erhältlich sein.

Der sogenannte „Hexensabbat“ ging an den deutschen Aktienmärkten am Freitag nahezu spurlos vorüber, und so schloss der DAX mit 0,7 Prozent Minus bei 13.116 Punkten nur minimal schwächer. Beim großen Verfall an den Derivatebörsen laufen einmal im Quartal Terminkontrakte und Optionen auf Aktienindizes und Einzelwerte aus. Investoren versuchen dann, die Kurse in die für sie vorteilhafte Richtung zu bewegen. Das führt häufig zu Kursausschlägen, die fundamental nicht zu begründen sind.

Die geringere Risikofreude der Anleger kam dem in Krisenzeiten begehrten Gold zugute. Eine Feinunze des Edelmetalls verteuerte sich leicht, Silber kostete hingegen etwas weniger. Die Experten der LBBW verwiesen auf die rückläufige Nachfrage von Industrie und Schmuckbranche, die zusammen für etwa 70 Prozent der Gesamtnachfrage stünden.

Im MDax blieb es bei Grenke Leasing spannend. Am Dienstag und Mittwoch war der Kurs nach einer sogenannten Short-Attacke eines spekulativen Investors um mehr als 50 Prozent eingebrochen. Nach anfänglichen Kursgewinnen drehten die Aktien des Leasing-Anbieters am Freitag wieder ins Minus. Der britische Investor hatte dem Unternehmen unter anderem Bilanzfälschung vorgeworfen. Die Leasingfirma setzt sich gegen die Vorwürfe zur Wehr und will ein Sondergutachten anfertigen lassen.

Im DAX stand zum Handelsschluss Covestro an der Spitze. Grund für den Aufwind waren Übernahme-Spekulationen. Der Finanzinvestor Apollo sei in den vergangenen Wochen an das Unternehmen herangetreten, berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg. Der Kurs der Covestro-Aktie legte daraufhin deutlich zu. Covestro teilte hingegen mit, man befinde sich gegenwärtig nicht in Gesprächen mit Apollo. Gefolgt wurde Covestro von Merck und Bayer. Als DAX-Schlusslicht ging Volkswagen ins Wochenende.

Verluste musste zum Wochenschluss auch die Wall Street hinnehmen. Die Hängepartie im Streit um das Corona-Konjunkturpaket verunsicherte die Anleger. Börsianer nannten als weitere Belastung die wieder aufgeflammten Sorgen vor einer weiteren Verschlechterung der Beziehungen zwischen den USA und China. Die wichtigsten Indizes gingen damit jeweils rund ein Prozent tiefer aus den Handel.
Der Dow Jones Industrial gab um 0,9 Prozent auf 27.657 Punkte nach. Auf Wochensicht ergibt sich damit ein anämisches Minus von 0,03 Prozent. Am Montag hatten zunächst Fusionen und Übernahmen die Stimmung aufgeheizt, an den darauf folgenden Handelstagen hatte sich das Kursgeschehen zwischenzeitlich beruhigt, bevor dann am Freitag die Anleger wieder deutlich nervöser agierten.
Der marktbreite S&P 500 verlor 1,1 Prozent auf 3.319 Punkte. Für den technologielastigen NASDAQ 100 ging es um 1,3 Prozent auf 10.937 Punkte nach unten.

Unternehmensnachrichten kamen aus der Technologiebranche. Die Aktien von Oracle verloren knapp ein Prozent, nachdem die Regierung von US-Präsident Donald Trump im Ringen um die Zukunft der populären Video-App Tiktok den Druck erhöht hatte. Der Softwarekonzern war zuletzt als Technologie-Partner für Tiktok im Gespräch.

Ab Sonntag soll es in den USA nicht mehr möglich sein, Tiktok und den Chat-Dienst WeChat herunterzuladen. Tiktok soll zudem ab Mitte November für Nutzer in den USA nicht mehr funktionieren, während dies im Fall von WeChat ab Sonntag der Fall sein soll. Trump habe jedoch eine Frist bis zum 12. November gesetzt, innerhalb der die Bedenken hinsichtlich der nationalen Sicherheit noch ausgeräumt werden können, erklärte Handelsminister Wilbur Ross.


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