Dax-Rekord / Bären- und Bullen-Argumente / Non-Event „Trumps Klimaabkommen-Ausstieg“

Die Schwarmintelligenz der Märkte findet Trumps Ausstieg aus dem Pariser Abkommen nicht annähernd so beunruhigend wie Medien und Politikbetrieb in Europa. Sie schauen auf Fed und EZB, China und Indien sowie die Wahlen in Britannien und Italien.

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Der Sommer kommt. Typisch dafür ist der träge Handel an den Börsen wie Anfang der vergangenen Woche. Gleichwohl ließ der deutsche Leitindex am Freitag mit einem Anstieg bis auf gut 12.878 Punkte seine bisherige, erst zweieinhalb Wochen alte Bestmarke knapp 40 Punkte hinter sich. Am Nachmittag sorgte allerdings ein enttäuschender Arbeitsmarktbericht aus den Vereinigten Staaten für einen kleinen Dämpfer. Zum Börsenschluss behauptete der Dax aber immer noch einen Kursgewinn von 1,25 Prozent auf 12.822,94 Punkte. Damit schaffte er den Ausbruch aus der engen Handelsspanne von rund 200 Punkten, in der er nach dem Mai-Hoch und dem anschließenden Kursrückschlag gefangen gewesen war. Auf Wochensicht verbuchte er ein Plus von 1,75 Prozent.

Hoffnungen auf gemäßigtere als bisher erwartete Zinsschritte in den Vereinigten Staaten haben am Freitag auch für einen Rekordlauf an der Wall Street und der Technologiebörse Nasdaq gesorgt. Die in der politischen Diskussion vielbeklagte Ankündigung von US-Präsident Trump, aus dem Pariser Klimaschutz-Abkommen auszusteigen, beunruhigte die Börsianer dagegen nicht. Die Schwarmintelligenz der Märkte scheint das nicht so beunruhigend zu finden wie Medien und Politikbetrieb in Europa. Der Dow Jones Industrial (Dow Jones 30 Industrial) jedenfalls erreichte erstmals wieder seit Anfang März eine Bestmarke und kletterte bis auf 21.225 Punkte. Mit einem Plus von 0,29 Prozent auf 21.206,29 Zähler verabschiedete sich der US-Leitindex schließlich ins Wochenende. In den vergangenen fünf Handelstagen gewann er 0,6 Prozent.

Nach den starken Daten aus der Privatwirtschaft am Vortag überraschte der Bericht der Regierung über den Arbeitsmarkt im Mai eher negativ. BayernLB-Analystin Christiane von Berg sprach von einem schwachen Arbeitsmarktbericht mit einem „äußerst verhaltenen Stellenaufbau“. Außerhalb der Landwirtschaft waren in den USA im Mai 138.000 neue Stellen hinzugekommen, während Volkswirte im Schnitt mit einem Plus von 182.000 Jobs gerechnet hatten. Zudem wurde der Stellenzuwachs im März und April deutlich nach unten korrigiert. Laut von Berg dürfte sich nun die Unsicherheit erhöhen, ob die US-Notenbank (Fed) in rund zwei Wochen tatsächlich den nächsten Zinsschritt ankündigt. „Am Ende sollte aber die Entscheidung knapp für einen Zinsschritt ausfallen“, erwartet sie. Solcherlei Überlegungen bieten neuen Treibstoff für die Aktienmärkte. Sie blieben dann attraktiver als etwa Investitionen in zinsabhängige Anleihen.

Im Blick an diesem Tag stand zudem die Handelsbilanz der weltgrößten Volkswirtschaft im April. Der Fehlbetrag war auf 47,6 Milliarden Dollar gestiegen und damit deutlicher als erwartet. Erst vor wenigen Tagen hatte sich US-Präsident Donald Trump deutlich zum Thema Handelsbilanz-Defizit geäußert und die hohen Einfuhrüberschüsse negativ gewertet, weil sie aus seiner Sicht Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten gefährden.

Aus Unternehmenssicht standen Aktien von US-Ölgesellschaften im Blick, nachdem der WTI-Ölpreis wieder spürbar unter 50 US-Dollar je Barrel (159 Liter) gesackt war. Am Markt wurde auf den angekündigten Rückzug der USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen verwiesen. Es werde nun erwartet, dass die US-Ölproduktion noch stärker steige, sagte etwa der Rohstoffexperte der Commerzbank, Eugen Weinberg. Im Dow büßten die Aktien von Chevron 1,11 Prozent ein und die von ExxonMobil 1,49 Prozent. Damit waren die beiden die Schlusslichter im US-Börsenbarometer.

An der Nasdaq gelang den Aktien von Amazon (Amazoncom) erneut der Sprung über die 1.000-Dollar-Marke und mit plus 1,08 Prozent auf 1.006,73 Dollar ein Rekordschlussstand. Die A-Aktien der Google (Alphabet C (ex Google))-Mutter Alphabet (Alphabet C (ex Google)) hingegen konnten die 1.000er-Hürde weiterhin nicht nehmen. Die Papiere von Broadcom als Spitzenwert im Nasdaq-Auswahlindex legten um 8,50 Prozent zu und erreichten zudem bei 255,82 Dollar einen Rekordstand. Der Chiphersteller, der auch Apple und Samsung beliefert, hatte einen optimistischen Ausblick für sein bis Ende Juli laufendes Geschäftsquartal gegeben. Der Eurokurs stieg mit 1,1285 US-Dollar im späten US-Handel auf den höchsten Stand seit November 2016.

Für die Bären gibt es trotzdem reichlich Futter: die Unsicherheiten vor der Wahl in Großbritannien und der anstehende Brexit. Die sich anbahnenden Parlamentswahlen mit ungewissem Ausgang in Italien. Die Wirren und Schrecken, die Donald Trump weltweit bei Handelspartnern verbreitet, insbesondere bei den am Export so gut verdienenden Deutschen. Neuerdings schlagen manchem Börsianer auch schwache Daten von der Konjunkturlokomotive China auf den Magen.

Neben einer guten Konjunktur und wachsenden Konzerngewinnen ist die expansive Geldpolitik der dritte Treiber für die steigenden Aktiennotierungen. Die Chancen stehen gut, dass der Rückenwind für die Börsen nach den Sitzungen der EZB und der Fed am 8. und 14. Juni nicht nachlässt. Denn in Europa dürfte eine erste Erhöhung des Leitzinses weiter auf sich warten lassen, auch wenn wohl ein Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik verkündet wird. Ein Argument für die Zurückhaltung: Die Inflationsrate im Euroraum hat sich zuletzt mit 1,4 Prozent weiter von der EZB-Zielmarke von zwei Prozent entfernt. Und der Zinserhöhungszyklus in den USA könnte aufgrund der schwächelnden Konsumneigung der US-Bürger auch schon wieder enden. „Ich erwarte, dass die Fed im Juni die Zinsen zum letzten Mal in diesem Jahr anheben wird“, meint Anna Stupnytska, Volkswirtin bei Fidelity.

Vergangene Woche machten hintereinander die Premierminister von Indien und China in Berlin bei der Kanzlerin ihre Aufwartung. In wirtschaftlicher Hinsicht hat China in den vergangenen Jahrzehnten den asiatischen Konkurrenten klar abgehängt. Doch derzeit hat Indien mit rund sieben Prozent Wachstum die Nase vorn. Auch in Sachen Verschuldung steht China schlechter da. So sind die chinesischen Konsumenten im Verhältnis zum BIP dreimal so hoch pro Kopf verschuldet wie indische Verbraucher. Beim Thema Wachstum der Mittelschicht kann Indien ebenfalls punkten. So wird erwartet, dass die Anzahl der Beschäftigten bis 2050 um 300 Millionen auf 950 Millionen steigen wird, während diese Schicht in China abnimmt. Und während Peking ausländische Investorenimmer stärker drangsaliert, treibt die Regierung Modi eine Reihe von Liberalisierungsprojekten voran. Projekte etwa in der Baubranche und in der Landwirtschaft können — anders als in China — nun zu 100 Prozent durch ausländische Direktinvestitionen finanziert werden. Für Anleger hat sich Indiens Aktienmarkt ohnehin als größerer Renditetreiber entpuppt. Nicht nur dieses Jahr gab es ein Plus von knapp 20 Prozent. Seit dem Jahr 2000 warfen indische Aktien auf Eurobasis durchschnittlich zehn Prozent Gewinn ab. Bei chinesischen Aktien war es im gleichen Zeitraum gerade einmal die Hälfte.

Seit Langem wird der politische Stillstand in Italien an den Märkten kritisiert. Bewegt sich dann aber doch mal was in Rom, sind auch nicht alle zufrieden. Das zeigte sich vergangene Woche, als bekannt wurde, dass die Parlamentswahlen von 2018 auf September 2017 vorgezogen werden sollen. Grund: Die italienischen Parteien konnten sich auf die Einführung eines Verhältniswahlrechts nach deutschem Vorbild einigen, das mehr Klarheit bei den politischen Machtverhältnissen in Italien schaffen soll. Befürchtet wird aber, dass im September die EU-kritische 5-Sterne-Bewegung des Komikers Beppo Grillo bei der Wahl eine starke Position erhalten könnte. Dementsprechend zählten an der Börse Italien vor allem italienische Staatsanleihen sowie Finanzwerte zu den großen Verlierern, die auf einem Haufen fauler Kredite sitzen. ​

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