Auf einen Blackout ist Deutschland schlecht vorbereitet

In Deutschland mangelt es nach Einschätzung des Versicherungsverbands GDV an Vorsorge für längere Stromausfälle mit potenziell katastrophalen Folgen. Experten sind sich sicher: Die Deutschen sind auf die Auswirkungen eines Blackouts nicht vorbereitet.

IMAGO / Christian Ohde

Unter einer Brücke im Stadtteil Treptow-Köpenick durchbohrten Bauarbeiter 2019 zwei 110-Kilovolt-Leitungen. Daraufhin fiel in mehr als 30.000 Haushalten der Strom aus – mitten im Winter. Ampeln gingen aus, Straßenbahnen blieben stehen, kein Handyempfang mehr, kein Internet. Heizkraftwerke liefen nicht mehr, Aufzüge blieben stecken, in Pflegeheimen versagten Beatmungs- und Dialysegeräte. 30 Stunden später war der Ausnahmezustand vorbei – Berlin schlug sich gut. Und doch: Was in einem Stadtteil noch bewältigt werden konnte, kann in größeren Dimensionen schnell unkontrollierbar werden. 

Mit dieser Möglichkeit beschäftigt sich der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) auf seiner Website. In einem Beitrag wird das Szenario eines großflächigen Stromausfalls durchexerziert. „Schon die ersten 24 Stunden ohne Strom bringen das Leben, wie wir es kennen, zum Stillstand. Telefon und Internet fallen aus, U- und S-Bahnen bewegen sich nicht mehr, Flugzeuge bleiben am Boden. Verkehrschaos auf den Straßen, kein Bargeld mehr aus dem Automaten. In den Supermärkten laufen die Registrierkassen noch etwa 30 Minuten mit Notstrom, danach sagen sie keinen Piep mehr.“

Energiewende
Mit dem WDR entspannt in den Blackout
Bei einem landesweiten Blackout wäre der Kollaps der Gesellschaft kaum zu verhindern, heißt es. „Nach 24 Stunden beginnt der Zusammenbruch des öffentlichen Lebens, die Behörden lösen Katastrophenalarm aus. Radio- und Fernsehstationen bringen Sondersendungen – die allerdings kaum noch jemand empfangen kann. Der Sprit in den Notstromaggregaten ist aufgebraucht, die meisten Akkus sind leer. Der Wasserdruck ist so niedrig, dass es nur noch tröpfelt. Die Menschen beginnen zu realisieren, dass Nahrungsmittel knapp werden könnten – und machen alles nur noch schlimmer.“

Für solche Szenarien seien die Menschen gar nicht gewappnet „Die Mehrheit der Gesellschaft tut nichts“, sagt Wolfram Geier vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Andere Experten beklagen, Deutschland sei auf einen Blackout „überhaupt nicht vorbereitet“. „Man muss der Bevölkerung klarmachen, dass ein Blackout möglich ist, dem man sich nicht einfach entziehen kann, weil eine sehr große Fläche betroffen sein wird“.

Der GDV greift das Szenario freilich nicht aus der Luft. Experten sehen die Risiken für das Stromnetz wachsen: Albrecht Broemme, langjähriger Präsident des Technischen Hilfswerks, warnt vor Hackerangriffen auf die Energie-Infrastruktur des Landes. Auch Terror oder Extremwetter könnten die Netzstabilität nicht nur Deutschlands, sondern ganz Europas gefährden. Im eng miteinander verknüpften europäischen Stromnetz kann schon eine Störung reichen, um einen halben Kontinent weiter Schweres zu verursachen. „Ein Störfall in Kopenhagen kann dazu führen, dass in Barcelona das Licht ausgeht.“ Dies sei mehrmals bereits nur knapp verhindert worden.

TE-Interview
Blackout-Experte: „Risiko ist so hoch wie nie zuvor“
In dieser volatilen Situation erhöht die Energiewende noch die Risiken. Es mangele an „Stromautobahnen“ und Kapazitäten, um die Folgen von Extremsituationen ausgleichen zu können – wenn ein Offshore-Windpark dank starker Winde Höchstleistungen erzielt, droht eine Überversorgung mit Strom. Kommt es hingegen zu einer in der Energiebranche gefürchteten „dunklen Flaute“, sprich längeren Perioden ohne Sonne und Wind, ist das Gegenteil der Fall. Das Speichern von Strom steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen: Die aktuellen Kapazitäten reichen Experten zufolge nicht einmal für eine Nacht.

Und dank E-Mobilität, elektrischer Wärmepumpen und Wasserstoffproduktion dürfte der Energiehunger in den kommenden Jahren noch deutlich steigen. Gravierende Stromausfälle hat es in Deutschland bislang nicht gegeben, aber die Zahl der Eingriffe der Netzbetreiber zur Stabilisierung des Stromnetzes ist deutlich höher als vor Beginn der Energiewende. Die Warnungen sind eindeutig. Dass der Blackout kommt – für Albrecht Broemme ist das nur eine Frage der Zeit. Und dann komme er mit voller Wucht: Der Katastrophenschützer prognostiziert, „halb Europa“ werde dann „für vier bis sechs Wochen ohne Strom sein“. 


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Kommentare ( 56 )

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56 Comments
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Micci
5 Monate her

„Halb Europa werde dann für vier bis sechs Wochen ohne Strom sein.“   Der Satz, so isoliert betrachtet, klingt beinahe harmlos – so wie: wir werden 6 Wochen lang starken Schneefall haben. Tatsächlich kann sich kaum einer auch nur ansatzweise vorstellen, was dann hier los ist. Denn: das Szenario im Roman ‚Blackout‘ betrug nur 2 Wochen – und es sah danach aus wie nach einem verloren Krieg. Schon nach 1 Woche ziehen zahllose Gruppen, die sich nicht vorbereitet haben, durch die Straßen und haben Hunger. Keinen Hunger wie vor einem Restaurantbesuch – nein; Hunger der Art: wenn ich nicht bald… Mehr

Karl Schmidt
5 Monate her

Wie Himmlisch – senden können nur noch die Staatsfunker: Bleiben Sie ruhig und seien Sie bedingungslos solidarisch. Wir schaffen das. Berichte über Tote und Plünderungen sind nicht wahr und wenn, handelt es sich um Machenschaften von alten weißen Männern. Verlassen Sie nicht das Haus, sondern entspannen Sie mal: Die Politik tut mehr als Menschen möglich ist. Eilt von Erfolg zu Erfolg. Ungeimpfte Rechtsradikale haben den Blackout verursacht und verhindern die Wiederanschaltung. Ein Glück, dass wir keine Atomkraftwerke mehr haben, denn in den Nachbarländern bangt man um die Kühlung der Anlagen. Ihr Geld ist aber sicher; es wird nur vorübergehend nicht… Mehr

Maja Schneider
5 Monate her

Nach vier bis sechs Wochen Stromausfall gäbe es ganz Europa vermutlich kaum noch, jedenfalls wäre es nicht mehr zu erkennen, und die EU könnte dann ebenso der Vergangenheit angehören, denn sie hat diese ganze Entwicklung mit verursacht. Die Grünen in Deutschland, und zu allem Unglück an den Trögen der Macht, sehen entweder die ganze Problematik in ihrem Wolkenkuckucksheim gar nicht oder folgen völlig blind ihrer Ideologie und dem Gewinnstreben ihrer grünen Klientel, die in Wind – und Sonnenenergie und Elektromobilität investiert haben und Gewinne abschöpfen wollen, koste es, was es wolle. Kostproben dieses Denkens hat Herr Habeck uns schon genug… Mehr

Mausi
5 Monate her

Wie wäre es, mal den Platz zu berechnen, der pro Person nötig ist, um diese Vorräte einzulagern.

Und wie realistisch ist die Einschätzung, es könnten genug Vorräte eingelagert sein, um marodierende Horden zu verhindern?

Wie realistisch ist die Einschätzung, dass genügend Fachleute vorhanden sind, um das Stromnetz wieder hochzufahren? Ohne Kommunikationsmittel. Im Zweifel ohne Fortbewegungsmittel.

Oliver Koenig
5 Monate her

Ich habe mich so gut vorbereitet, wie ich konnte, um mich und meine Familie einen Blackout möglichst gut überstehen zu lassen
Mehr kann man im Moment nicht tun. Und ja, Verteidigungsmaßnahmen vorzubereiten, gehörte dazu.
Interessant ist, dass einige Bekannte und Nachbarn nach anfänglichem Gelächter jetzt nachdenklicher geworden sind und selbst ein wenig vorsorgen.

Hanno Spiegel
5 Monate her

Eigentlich wünscht man sich doch diesen Ausnahmezustand – so mal 4-6 Tage.
Jeder muss für die Umwelt doch Opfer bringen.
Lasst uns dieses Europa gemeinsam verenden.

Gjergj Kastrioti
5 Monate her

Halb Europa 4 bis 6 Wochen ohne Strom? Da bricht jede Ordnung völlig zusammen und es gibt mindestens 1 Million Tote, vor allem die Alten und Schwachen. Supermärkte werden von den Jungen und Starken ausgeplündert, und wenn da nichts mehr zu holen ist, wird der Mob in Wohnungen und Häuser eindringen. Wohl dem, der vorgesorgt hat und auch sein Eigentum zu verteidigen weiß!

ChrK
5 Monate her
Antworten an  Gjergj Kastrioti

Wohl dem, der vorgesorgt hat und auch sein Eigentum zu verteidigen weiß! Der Anteil in der Bevölkerung dürfte wohl kaum 1% erreichen, in den Städten bei den Deutschen wohl noch weniger. Ich versuche, mir das vorzustellen: der Sprit dürfte, auch weil zum Zeitpunkt des Stromausfalls ja nicht jeder mit vollem Tank rumfährt, binnen weniger Tage aufgebraucht sein. Dann bleiben Fahrrad oder Schusters Leisten zum Hamstern. Das könnte das Vagabundieren evtl. einschränken, aber wie schon andernorts ausgeführt, sind v. a. die Noch-Nicht-So-Lange-Hier-Lebenden aus einem anderen Holz geschnitzt als die Deutschen. Das dürfte vielerorts zu einem kurzen Prozess führen, sollte überhaupt Widerstand… Mehr

Willi Stock
5 Monate her

Wenn es zum Blackout kommt, sind die Schuldigen schon identifiziert: Die Netzbetreiber und Stromversorger. Abhilfe schafft dann nur die Verstaatlichung und der massive Ausbau Erneuerbarer Energie.
Die darauf folgende Mangelwirtschaft apokalyptischen Ausmaßes wird man solange auf die verfehlte Politik der vorigen Regierungen schieben, bis der Sozialismus obsiegt hat.

Wir sind verloren…

Ulrich
5 Monate her
Antworten an  Willi Stock

„Die Umweltverschmutzung in der DDR war Folge des Kapitalismus und der schweren Jahre der Nachkriegszeit.“ So stand es in der Urania, der Wissenschaftszeitschrift der DDR in den 80ern. Meine Mutter konnte als Kind aber noch in der Saale baden, für mich war das bei Gefahr für Leib und Leben im dreckigsten Fluß Europas nicht möglich. Die Rezepte der Regierenden sind immer die gleichen.

Thomas S62
5 Monate her
Antworten an  Willi Stock

Na die Schuldigen sind doch nicht die Netzbetreiber und Stromversorger.
Die wahren Schuldigen sind doch die Verschwörungstheoretiker, Coronaschwurbler, Aluhutträger, Rechtsradikale, Nazis und AfD-Wähler.
Achja, Antisemiten und Antiamerikaner hab ich noch vergessen.
Montagsspaziergänger…. fällt mir noch was ein???
Aaaahhh: Sozialschädlinge, und wie war das mit dem Blinddarm?
Armes Deutschland

santacroce
5 Monate her

Jetzt fällt als Energieträger auch noch die Holzheizung bzw. der Ofen aus. Gleichzeitig weg von Öl, Kohle, Gas und natürlich, bitte nicht vergessen, die bitterböse Atomkraft. Womit wird das ersetzt? Mit Strom. Strom der nicht da ist, zumindest nicht immer, nur wenn der Wind weht und die Sonne scheint, ist es möglich, den Bedarf aus eigenen Quellen einigermaßen sicher zu decken. Den Begriff Grundlast scheint man in Berlin nicht zu kennen, weil es keine Techniker und Ingenieure unter den Politikern mehr gibt. Ansonsten hoffen, wenn’s knapp wird, dass die Franzosen, Tschechen und Polen liefern. Deutschland, das Land mit der dümmsten… Mehr

Rivarol
5 Monate her
Antworten an  santacroce

Weil wir die dümmsten Politiker haben, man sehe sich nur die einschlägigen Biographien unserer Eliten an. Negativauslese pur !

Eberhard
5 Monate her

Wer so leichtsinnig mit macht, dass eines der sichersten elektrischen Energie-Versorgungssysteme der Welt und dazu aus rein ideologischen Gründen, zum unsinnigen Versuchsobjekt gemacht wird, dem ist auch nicht klar, welche Auswirkungen das hat. Die ersten Auswirkungen sind derzeit die Preissteigerungen. Und da ohne Energie auch nichts entstehen kann, setzen sie eine alles umfassende Teuerungswelle in Gange. Dazu kommt ein völlig aus dem Gleise laufender Schnellumbau unserer Energieerzeugung und deren Bereitstellungs- und Verteilungsstruktur. Und wie das mit Wellen so ist, schaukeln sie sich gegenseitig zu immer höheren Folgen auf. Da sollte der Realdenkende zumindest zur höchsten Vorsicht gemahnt werden. Leider nicht… Mehr