Kieler Tatort: Der alte Kommissar ist tot – es lebe die junge Kommissarin?

Koks, korrupte Polizisten und die Mafia: Der Kieler „Tatort“ will nach Borowski mit einem Zweiteiler durchstarten. Der Zuschauer bekommt absurde Ermittlungen und eine Kommissarin auf privatem Rachefeldzug geboten. Man fragt sich, ob diese doch reichlich dünne Geschichte nicht auch in eine Folge gepasst hätte.

Screenprint: ARD / Tatort

Ingo Scheel vergibt bei n-tv volle Punktzahl: „… die Zeiten stiller Gäste, phlegmatischer Gesprächsführung und Altherren-Gedecke, … von Rotkohl mit Gulasch, Klößen und einem guten Glas Rotwein … seien nun endgültig vorbei …“

Dieser Erwartung, dass der Kieler Sonntagskrimi nun per Doppelwumms in neue Sphären der Unterhaltung katapultiert wird, muss man sich nicht anschließen.

Sie war jung und brauchte kein Team

Vielleicht liegt es daran, dass Hauptkommissarin Mila Şahin (Almila Bagriacik) erkennbar nicht mit der Last ihrer neuen Verantwortung zurechtkommt … diese wackeligen und morschen Strukturen der Kieler Polizei können ihr jedenfalls keinen Halt bieten. Wo Axel Milberg (als Kommissar Klaus Borowski) noch schrullig die Aura schlafwandlerischer Sicherheit verbreitete, kann das neu erfundene Kieler Team Sahin-Krieger (Karoline Schuch als Polizeipsychologin) nur hilflos mit den Fäusten rudern.

Es werden nach Herzenslust Regeln einfachster Polizeiarbeit gebrochen und eine charakterliche Baracke gesellt sich zur nächsten (selbst 10von10 Punkten-Ingo Scheel muss da die Frage stellen: „Wie kommen labile Zeitgenossen und Zeitgenossinnen vom Schlage Kuper, Iwersen und Nowak wohl durch die nötigen Eignungstests?“).

„In Kiel hat fast jeder Dreck am Stecken, eine vielversprechende Standortbestimmung“ (Scheel)

Der frischgebackene Kripochef Iversen (Yorck Dippe) wird von seinem fiesen Ex-Untergebenen Kuper mit Drohungen gegen Familie und Hund dazu gebracht, die Ermittlungen abzuwürgen. Iversen ist erkennbar Anhänger der Theorie, dass Mitarbeiter am besten durch Wutanfälle und Herumbrüllen motiviert werden, die widerborstige Sahin wünscht er gar zum Teufel.

Foltern von Verdächtigen und Zeugenvernehmung im Kleinwagen?

Der ebenfalls korrupte Ex-Kollege von Kuper (Kurt Fauser, gespielt von Michael Ihnow), mit dem sich Sahin in einer Hamburger Spelunke trifft, gibt ihr Tipps, wie sie seinen früheren Partner foltern könnte, und berichtet davon, dass „in Hamburg so viel Kokain ankäme, da musst du bekloppt sein, wenn du als Drogenfahnder nicht mal ’n Auge zudrückst“. Sahin nimmt sich die empfohlenen Schläge ins Gesicht und das Entfernen des Schneidezahns zu Herzen und besorgt sich die nötigen Utensilien (Kabelbinder und Zangen).

Die Polizistin, deren Verhältnis zu Kollegin Nowak so eng gewesen (Zwinkern des Drehbuchs) zu sein scheint, dass sie ob des Verlustes Verstand und Urteilsvermögen verlassen, sagt sich von der offiziellen Ermittlungsarbeit mit den Kollegen los (zu Iversen: „Wenn sie die Ermittlungen jetzt einstellen, sind sie entweder korrupt oder sie haben Angst“) und nimmt sich Urlaub, um auf eigene Faust weiter zu ermitteln.

„Macht eure Arbeit und macht keine Fehler“ (Sahin kurz angebunden zu den Kollegen von der Streifenpolizei, als die fragen, ob sie helfen können)

Den einzigen Zeugen von Kupers Mord an Nowak, den 5-jährigen Maik (ohne Nennung des Darstellers), packt die außer Rand und Band scheinende Kommissarin einfach zusammen mit Vater Leif Kruse (Alexander Merbeth) in ihren Renault Clio und hält die beiden mit dem Argument „ich ermittle in einem Mordfall und ihr Sohn ist ein Zeuge, ich kann sehr viel erwarten …“ bis spät in die Nacht dort fest. Als endlich Kuper auftaucht, rüttelt sie das eingeschlafene Kind rüde aus dem Schlaf „… wach auf, komm schon … komm schon …!“. Dass Maik meint, Kuper in dieser Situation zu erkennen, reicht ihr aus, um ihren privaten Rachefeldzug weiterzuführen.

„Ci vediamo pronto“ (Clanchef Pelosi droht Sicherheitschef Franco Steiner, gespielt von Sascha Geršak)

Da hat es schon fast etwas Anheimelndes, Vertrautes, mit welcher Selbstverständlichkeit die Sizilianische Mafia über die Autobahn anrauscht und in der Stadt Einzug hält, um die ihre durch die Ermittlungen bedrohten Finanzanteile an der Firma Prometheus abzuziehen. Luca Pelosi (Fabrizio Romagnoli) schwebt wie ein wohl gekleideter Römischer Rachegott in seiner nachtschwarzen Mercedes G-Klasse ein und lässt zuerst den aus dem Ruder gelaufenen Steiner und dann dessen Chefin Viola Berger (Sarah Hostettler) exekutieren. Ihren weinerlichen Mann Oskar Berger (Pascal Houdus) fährt er zur Bank, um sich seine 5 Millionen Euro aus dem Schließfach holen zu lassen.

Showdown beim „Schallplatten und CDs An- und Verkauf“

Sahin scheint dann doch etwas Bammel vor ihrer eigenen Courage zu bekommen, denn sie ruft sich die Psychologin Krieger zu Hilfe, um Kuper hops zu nehmen. Der steht grade schwer unter Koks und lässt die beiden Frauen großspurig in seine Wohnung. Während der Befragung tickt der Junkie aus und nimmt die beiden als Geisel, da kommen ihm die Fesseln, die Sahin eigentlich für ihn dabei hatte, ganz recht.

Ehrenrettung für die Kollegen und eine voll krass abgezockte Psychologin

Iversen taucht als Retter in der Not mit dem SEK auf, aber den finalen Rettungsschuss in den Kopf des Geiselnehmers löst Frau Krieger aus, die mit einem Trick erreicht, dass Kuper die entsicherte Waffe, mit der er sie im Fluchtfahrzeug in Schach hält, grade den Tick höher hält, so dass, als die Psychologin die Pistole durch eine schnelle Bewegung auslöst, er durch ihre eigene Schulter hindurch tödlich getroffen wird. Darauf muss man erst mal kommen! Den Arm in einer Schlinge erhält sie dann, zurück im Präsidium, auch ordentlich Applaus.

Die seit Ankunft der Mafiosi unnatürlich ums Leben Gekommenen sind den Kieler Behörden offenbar entgangen. Was hingegen Pate Pelosi und seine Truppe kahlschädeliger Gorillas nicht kommen sahen: Oscar Berger hat, während er unbewacht im Schließfachraum der Bank weilte (Jaaaaa, das Bankgeheimnis gilt hier noch etwas!), heimlich die zweite Schicht (Kiel ist eben bestens ausgerüstet) der SEK-Kavallerie herbei telefoniert, die nun alle fest nehmen.

Man fragt sich, ob diese doch reichlich dünne Geschichte nicht auch in eine Folge gepasst hätte.

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