Fotojournalismus: Zwischen Fakten und Empörung

Thessaloniki, im Juli 2015: Ein älterer Mann sitzt auf dem Boden, an ein Schaufenster gelehnt; dem verzweifelt weinend Zusammengebrochenen kommt ein Polizist zu Hilfe. Giorgos Chatzifotiadis versuchte tagelang vergeblich, bei verschiedenen Banken wenigstens einen Teil der Rente seiner Frau abzuheben.

Tausendfach im Sozialen Netz verbreitet, wird dieses eine Bild zum Symbol der Griechenland-Krise, löst Mitleid aus, erschüttert weltweit die Menschen und wirkt politisch; vielleicht stärker als nüchterne Zahlen, die das Gegenteil behaupten mögen. Und wird ebenso kontrovers diskutiert wie andere Bilder zuvor, die eine wesentliche Gemeinsamkeit haben – ihre emotionale Stärke. Sie schockieren, lösen tiefe Gefühle, Abscheu und Vorwürfe bei ihren Betrachter aus, berühren mitunter zu Tränen. Und erzählen in stark verkürzter Form eine fesselnde Geschichte über einen Augenblick des Lebens, einen kleinen Ausschnitt aus einer Zeitspanne.

Es ist ein Ausschnitt der Realität, nicht die Realität. Aber sie werden zum wirkmächtigen Symbol. So wie das Bild von Peter Turnley, entstanden 1999 im Kosovo. Es zeigt einen weinenden Flüchtling, der die Bilder seiner Söhne in die Kamera hält. Sie sind vermutlich tot, im Gesicht des Mannes spiegelt sich sein ganzer Schmerz, er ist stellvertretend für Tausende das Sinnbild eines Krieges mitten in Europa. Ein Land, das jahrelang von blutigen Auseinandersetzungen und millionenfachem Mord gebeutelt wird, in Srebrenica, im Kosovo und zahllosen anderen Orten. Zwischen Scharfschützen und Massengräbern, ausgemergelten Menschen hinter Stacheldraht und dem Cellisten in den schneebedeckten Ruinen von Sarajevo sind es die stillen Bilder, die im Gedächtnis haften geblieben sind und bis heute an den Krieg im ehemaligen Jugoslawien erinnern.

Ein weiteres Foto aus dem ersten Golfkrieg, der bekannt wurde als »Video War« – weitgehend ohne Abbildungen von Militäreinsätzen und Opfern: Die Bilder brennender Ölquellen des Nachbarlandes Kuwait gingen seinerzeit um die Welt. Fotos von Menschen auf der Flucht, bei Basra und anderswo. Und vor allem Aufnahmen aus den Nachtsichtgeräten der US-Truppen. Keine Bilder von gefallenen US-Soldaten, sie wurden überwiegend zensiert von der US-Armee – bis auf dieses eine: Im Helikopter sitzt US Sergeant Ken Kozakiewicz und weint, ihm zu Füßen im »Body Bag«, dem Leichensack der US-Armee, liegt sein bester Freund. Andy Alaniz ist gestorben im »friendly fire« der eigenen Truppen. Eigentlich hätte dieses Bild nicht existieren dürfen, nicht veröffentlicht werden sollen. David Turnley, für die Detroit Press als embedded photographer im Irak, wurde 1991 bei einem der wichtigsten journalistischen Wettbewerbe ausgezeichnet; sein Bild des weinenden Soldaten wurde World Press Photo of The Year.

Auch die Boris-Becker-Hechtrolle ist zur Ikone geworden – als Bild einer sportlichen Höchstleistung. Ein leidenschaftlicher junger Sportler gibt alles, damals in Wimbledon, vor genau 30 Jahren. Mit dem Sieg beim Tennisturnier und seinem vollen Körpereinsatz wird Boris Becker zum Superstar. Rüdiger Schrader, damals als Fotograf für dpa im Einsatz, wurde berühmt mit diesem Bild: Noch heute fällt vielen Tennisfans zum Namen Boris Becker als erstes dessen Hechtrolle auf dem Tennisplatz von Wimbledon ein.

Der Einsturz einer Textilfabrik in Dhaka/Bangladesh berührte die Menschen. Vor allem Taslima Akhters Foto eines Paares, das von den Trümmern des Gebäudes erschlagen wurde und sich im Tod umarmt, löst weltweit Entsetzen und Fassungslosigkeit aus. Die Jagd nach den preisgünstigen, hippen Kleidungsstücken hat einen hohen Preis – den Tod. Fotojournalismus ist viel eindrücklicher als Text.

Das Bild selbst wurde nach seiner Veröffentlichung zum Beschwerdefall beim Deutschen Presserat, kritisiert als voyeuristische Instrumentalisierung von Leid und Tod zur Sensationsberichterstattung und Motor für Auflage und Klickzahlen. Der Presserat ist anderer Meinung und weist die Beschwerde zurück: In dieser stillen Aufnahme der Fotografin Taslima Akhter konzentriert sich für das Gremium die notwendige Kritik an den oft tödlichen Arbeitsbedingungen der Billigfabriken in Bangladesh und anderswo. Kurze Zeit später wurde auch dieses Bild mit einem World Press Award ausgezeichnet. Taslima Akther hat sich bis heute vergeblich darum bemüht, die Angehörigen des Paares ausfindig zu machen, um sie mit einem Teil der Einnahmen aus den Veröffentlichungen des Bildes zu unterstützen. Bildblog_G7

Ellmau, am Rande: Der dpa-Fotograf Michael Kappeler hat unfassbares Glück. Abseits des »Pools«, in dem Fotografen bei solchen Veranstaltungen stark eingeschränkte Arbeitsmöglichkeiten haben, gelingt ihm ein Schnappschuss von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Gespräch mit Barack Obama. Jenseits der inszenierten Bilder scheinen zwei Politiker entspannt miteinander zu plaudern, fotogen ausgebreitete Arme inbegriffen. Ein Foto, das bei seinen Betrachtern (ob Journalisten oder Leser) enorme Resonanz auslöste, gerade weil es den Eindruck vermittelt, weder gestellt noch »offiziell« zu sein.

Was im Agentur-Jargon als »Durchläufer« bezeichnet wird und selbst exzellenten Fotografen eher selten gelingt, findet weltweit den Weg auf zahllose Titelseiten von Tageszeitungen und Newsportalen. Prompt taucht der Vorwurf der gleichgeschalteten Presse, der »Lügenpresse« auf. Doch: Versehen mit ironischen Kommentaren, wurde dieses Bild zeitgleich in den Kanälen des Sozialen Netzes von Twitter bis Facebook zum »Meme«. Das ist ebenso ein überzeugendes Argument gegen die vermutete Gleichschaltung wie auch ein Beleg der emotionalen Kraft dieses einen Fotos.

Als voyeuristisch, ehrverletzend und sensationsheischend empfunden von den einen, als zeitgeschichtliches Dokument und Sinnbild des griechischen Schuldendramas weltweit veröffentlicht, ist auch das kürzlich in Thessaloniki entstandene Foto des AFP-Bildjournalisten Sakis Mitrolidis eins jener berührenden Bilder. Es erzählt eine leise, bedrückend persönliche Geschichte über den Alltag der Bevölkerung in Griechenland. Solche stillen Fotos sind oft gerade durch ihre verdichtenden, konzentrierte Betrachtung für uns als Leser eine Übersetzungshilfe komplexer Zusammenhänge.

Was sich unserem Verständnis durch unfassbare Dimensionen von Leid und Tod, durch Zahlenwerke, Abstraktion und Politikergetöse entzieht, wird oft genug erst durch solche Bilder in seiner Tragweite und gesellschaftlichen Bedeutung verständlich. Konzentriert auf einzelne Menschen, auf ihre Emotionen, auf Körpersprache und vor allem Gesichter, zeigen die bisweilen umstrittenen, immer aber intensiven Fotos Menschen in Lebenssituationen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Dennoch sind sie für uns als Betrachter jederzeit lesbar und verständlich.

Ob Politiker, die sich für einen Moment unbeobachtet wähnen, die Hechtrolle eines leidenschaftlichen Sportlers, Flüchtlingselend, der Schmerz eines Soldaten über einen gefallenen Freund und Kollegen, die stille Würde des toten Paares von Dhaka oder der weinend zusammengebrochene Rentners in Griechenland: All diese Bilder sprechen zu unseren eigenen Gefühlen, berühren Tabus, überschreiten Grenzen des Entsetzens und der Trauer. Das macht ihre Wucht aus, die eigentlich keiner Übersetzung bedarf, weil sie über Sprachgrenzen hinaus verstanden werden. Ebenso aber führen diese intensiven Fotos zu hochemotionalen Debatten über Sensationslust, Voyeurismus und notwendiger Berichterstattung. Und deswegen ist es immer wieder wichtig, auch die »Geschichte hinter den Bildern« zu erzählen: Es sind die Geschichten der Fotografen, die für Medien- und Nachrichtenfotos stehen und mit ihrer persönlichen Sichtweise auf das Weltgeschehen dafür sorgen, dass wir als Leser und Betrachter uns buchstäblich ein Bild machen können.

Zu den Fotos im Uhrzeigersinn (Beginn links oben):

Peter Turnley, Kosovo 1999 http://blog.leica-camera.com/photography/m-system/peter-turnley-moments-of-the-human-condition-part-one/ David Turnley, Golfkrieg I – World Press Photo of the Year 1991 http://www.worldpressphoto.org/collection/photo/1992/world-press-photo-year/david-turnley http://news.bbc.co.uk/2/hi/4290906.stm – die Geschichte des Bildes. Rüdiger Schrader und die »Boris-Hechtrolle« http://www.deutschlandradiokultur.de/tennislegende-bum-bum-boris-und-der-fluch-des-wimbledon.966.de.html Das Foto des weinenden griechischen Rentners: http://visualcultureblog.com/2015/07/the-end-of-the-line/ und die Geschichte zum Bild, das eigentlich aus einer Serie stammt, erzählt von Sakis Mitrolidis: http://blogs.afp.com/correspondent/?post%2Fgreece-eu-debt-viral-thessaloniki-bank-photo-crying-man Die Geschichte hinter dem Obama-Merkel-Foto des G7-Gipfels in Elmau: http://www.mittelbayerische.de/politik-nachrichten/wie-das-merkel-obama-bild-entstand-21771-art1243914.html Und der Titelseitenvergleich: http://www.bildblog.de/65528/sehen-alle-gleich-aus-diesmal-sogar-wirklich/ und http://www.mindenertageblatt.de/blog_mt_intern/?p=12238 Taslima Akter und das tote Paar in der eingestürzten Textilfabrik: http://www.spiegel.de/panorama/gebaeudeeinsturz-in-bangladesch-ein-bild-geht-um-die-welt-a-900487.html http://www.worldpressphoto.org/people/taslima-akhter ©HeikeRost.com 13.7.2015 – Alle Rechte vorbehalten. MT_Intern

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